Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Olympische Spiele München 1972

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 17.9.2022

Die Spiele haben, so die offizielle Lesart, die Stadt immens vorangebracht. Dabei war die U-Bahn längst vorher geplant. Viele Orte der Spiele 1972 ähneln heute Ruinen. Die Bauwelle für das Jahr 1972 hat im Vorfeld für eine schlechte Bauqualität bei vielen öffentlichen Gebäuden gesorgt (siehe u. a. das Justizzentrum an der Nymphenburger Straße).

Erinnerungen. Vom 26.8. bis 11.9.1972 fanden in München die Olympischen Sommerspiele statt. Im Vorfeld wurden die olympischen Sportstätten (Architekt Gunther Behnisch) und der Olympiapark (Landschaftsarchitekt Günther Grzimek) auf dem ehemaligen Oberwiesenfeld gebaut, dazu das Olympische Dorf mit 7800 Wohnungen. Die Spiele waren als Gegenmodell zu Berlin 1936 gedacht. Dabei hatten Willi Daume (in Berlin 1936 als Basketballer dabei, ab 1937 Mitglied der NSDAP) und seine rechte Hand, Guido von Mengden (Mitglied der NSDAP ab 1.5.1933, fanatischer Nationalsozialist) eine enge Beziehung zu 1936 und zum Nationalsozialismus.
Am 5.9.1972 fand das entsetzliche Attentat auf die israelischen Sportler mit Geiselnahme statt. Ein dilettantischer Befreiungsversuch deutscher Sicherheitsbeamter scheiterte: Elf israelische Teilnehmer der Spieler starben, dazu ein deutscher Polizist und fünf von acht palästinensischen Terroristen. Kommentar vom damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage: „The games must go on.“

Olympisches Dorf unter Denkmalschutz. Das Olympische Dorf, in dem heute um die 8000 Menschen wohnen, sowie die nahen Sportstätten stehen seit 1998 unter Denkmalschutz. [1]

50 Jahre 1972. Die LH München will vom 1. bis 9. Juli 2022 den 50. Jahrestag der Spiele 1972 feiern. Gewürdigt werden sollen die Investitionen in den ÖPNV (U-Bahnen), der Bau des Olympischen Dorfs und andere kulturelle und sportliche Ereignisse. Auch soll das Attentat der palästinensischen Terroristen auf die jüdischen Athleten am 5.9.1972 mit der Ermordung von elf Israeli und eines deutschen Polizisten thematisiert werden: Deutsche Neonazis unterstützten im Vorfeld das Attentat. [2]
Vgl.: www.nolympia.de
Fachliteratur: http://www.nolympia.de/kritisches-olympisches-lexikon/ausgewahlte-fachliteratur/

150 Veranstaltungen zum Fünfzigsten. Das Programm heißt: „München auf dem Weg in die Zukunft 1972 – 2022 – 2072“. Die Stadt organisiert 150 Veranstaltungen mit 60 Projektpartnern und einem Budget von 2,9 Millionen Euro. Der Beginn liegt am 14.1.2022 mit der Ausstellung „50 Jahre Olympiapark – Impulse für Münchens Zukunft“ in der Rathausgalerie. Im Olympiapark wird zwischen 1. und 9.7.2022 ein „Festival des Spiels, des Sports und der Kunst“ stattfinden (siehe oben). Zum Programm gehört auch die „European Championship Munich 2022“ vom 11. bis 21.8.2022. Am 5.9.2022, dem 50. Jahrestag des Attentats auf die israelischen Sportler, finden offizielle Gedenkveranstaltungen statt. [3]

Die Folgelasten. 1972 wurde das berühmte Plexiglas-Zeltdach eingeweiht. Mitte der Neunziger Jahre stand die erste Sanierung (60 Millionen Euro) an. 2014 war klar, dass eine umfassende zweite Sanierung kommen muss. Sie kostet insgesamt um die 130 Millionen Euro und umfasst u. a. die Sanierung der Betriebstechnik, Sanitäranlagen, Brandschutz – und das 78.000 qm große Zeltdach, das wiederum rund 85 Millionen Euro kosten wird. Die vier geplanten Bauphasen beinhalten die Bauteile für die Standfestigkeit, Seile und Knoten, Voll- und Halbmasten der Flutlichtanlage Ost, Fundamente und die Installation der Plexiglasplatten. Die Arbeiten beginnen 2022 und sollen im günstigsten Fall bis 2027 abgeschlossen sein. [4]

Olympischer Straßenbau. 1972 gab es in München 345.000 Pkw. (Ende 2021 gab es in München 736.000 Pkw, das ist eine Zunahme von 113 Prozent). Am 2.8.1972, pünktlich zu den Olympischen Sommerspielen, wurden fünf Schnellstraßen eröffnet: B 12, B 13, McGraw-Graben, die Donnersbergerbrücke mit zehn Fahrspuren und die Ortsumgehung Dachau. Die Länge betrug 50 Kilometer, die Kosten lagen bei 456 Millionen DM. Umgehend wurden die negativen Folgen klar. Die neue B 12 ist heute die Einmündung der Lindauer Autobahn (B 96) und brachte Kleinhadern und dem Seniorenheim Augustinum Lärm und Abgase – und forderte den halben Lochhamer Wald. Die neue B 13 führte zum McGraw-Graben und stieß dann auf den damals schon überlasteten Mittleren Ring. Hinzu kamen die Belastungen an der Landshuter Allee – bis heute. [5]

München inzwischen zu klein. Kai Schiller hat mit Christopher Young das Standardwerk zu München 1972 verfasst: The 1972 Munich Olympics and the making of modern Germany.[6] Schiller sagte im SZ-Interview, München scheine ihm „heute auch einfach eine Nummer zu klein zu sein für olympische Spiele“. Auf die  Frage ob er nachvollziehen könne, dass sich Bürgerinnen und Bürger gegen eine Bewerbung um Olympische Winterspiele 2022 entschieden haben, antwertete Schiller: „Natürlich.“ Bei den Problemen mit Olympischen Spielen und dem IOC kann man keine Zustimmung der Bevölkerung erwarten. Er erwähnte auch die Dopingproblematik und insbesondere das russische Staatsdoping. IOC (wie Fifa) streichen die Gewinne ein, die Steuerzahler des Gastgebers bezahle die Rechnung. [7]

Olympische Spiele Bewerbung 2018
Vgl.: http://www.nolympia.de/grunde-gegen-olympia-2018/

Olympische Spiele Bewerbung 2022
Vgl. http://www.nolympia.de/kritisches-olympisches-lexikon/muenchen-2022/

Fußnoten und Quellen

  1. Das Dorf in der Stadt, in SZ 29.7.2017
  2. Kel, Ekaterina, Im Zeichen der Ringe, in SZ 30.10.2020
  3. Kramer, Lea, Spagat zwischen Feiern und Gedenken, in SZ 14.1.2022
  4. Effern, Heiner, Millionen für das weltberühmte Meisterstück, in SZ 16.3.2022
  5. Neff, Berthold, Schneisen für die Blechlawine, in SZ 2.8.2022
  6. Berkeley, Los Angeles, London 2010; München 1972 – Olympische Spiele im Zeichen d es modernen Deutschlands, Göttingen 2012
  7. Deininger, Roman, Ritzer, Uwe, „Eine Nummer zu klein für Olympia“ in SZ 12.9.2022
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