Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Denkmalschutz

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 26.9.2022

Eine kleine Auswahl:

25 Jahre Leerstand. Das Wohnhaus Gümbelstraße 2 mit 14 Wohnungen liegt zwischen Nymphenburger Straße und Blutenburgstraße. Es ist ein Jugendstilhaus, hat viele entsprechende Fassadenornamente und steht unter strengem Denkmalschutz. Das hat ihm nichts genutzt: 1966 kaufte der Patentanwalt N. das Haus, 1969 begann er mit der Entmietung, seit 1971 steht es leer. Die Stadt versuchte vergeblich alle möglichen juristischen Wege. 1987 sollte ein „Instandsetzungsgebot“ helfen: Gegen dieses klagte N. und verbot den Vertretern der Stadt das Betreten des Anwesens, in dem mittlerweile das Dach marode geworden war. [1]
Nachtrag November 1995: Laut Stadtrat Siegfried Benker (Grüne) spielt der Eigentümer sowohl die Regierung von 0berbayern als auch das Planungsreferat geschickt gegeneinander aus. Benker forderte die Regierung von Oberbayern und die LH München auf, ihre Aktionen zu koordinieren. [2]

November 1998: Entmietungen im Lehel. In der Kanalstraße 14 wird das Erdgeschoss entkernt und damit die Sicherheit des Hauses bedroht. Seit 1996 fand ein dreimaliger Eigentümerwechsel statt. In dem denkmalgeschützten Haus wohnen viele Mieter seit der Nachkriegszeit. Mietern, die wegen der kaputten Fenster ihre Miete reduzierten, wurde mit Klage gedroht. Von 14 Wohnungen wurde gerade die zweite frei, renoviert und statt für 800 für 2400 DM neu vermietet. In der Liebherrstraße 8 wurden die Mieter mit einer „kalten Entmietung“ bedroht. Mitte 1998 begannen unangemeldete Sanierungsarbeiten mit Verstößen gegen die Sicherheit der Mieter, gegen Denkmalschutz, gegen Umweltschutz. Die LBK hat bereits zweimal eingegriffen, um Mängel abzustellen. Die Mieter erlitten persönliche Angriffe durch die Eigentümer, bis sie schließlich auszogen. Von 17 Wohnungen sind noch 13 bewohnt. Die Eigentümer haben bereits Abgeschlossenheitsnachweise für die Wohnungen beantragt, die verkauft werden sollen. Wolfgang Püschel, der SPD-Fraktionssprecher im BA Altstadt – Lehel, berichtete von ähnlichen Vorgängen in anderen Häusern der Kanalstraße, der Triftstraße und der Mannhardstraße: Hier wurde gegen den Eigentümer ein Bußgeld verhängt. Püschel sieht die Struktur im Lehel in Gefahr, weil es viele Leute in München gibt, die höhere Mieten zahlen. [3]

Februar 2006: München als „Hauptstadt der Entmietung“. In der Maxvorstadt haben Bauträger ein denkmalgeschütztes Haus gekauft. 150.000 Euro waren für die Entmietung der etwa 20 Parteien vorgesehen. Aber viele Mieter wollten sich auf keine Abfindung einlassen: Trotzdem wohnen dort heute nur noch ganz wenige Mieter. In zwei Strafprozessen wurde die Vorgehensweise nachvollzogen. Zum einen ging den Bauträgern das Geld aus, da das Haus in einem schlechteren Zustand war, als ursprünglich gedacht. Das Geld wurde knapp, die Bank sperrte die Konten. Die Mieter mussten raus. Es gab jede Menge „Baupannen“: Wasser floss in Wohnungen, das Treppenhaus wurde vermüllt, eine Wand wurde herausgerissen. Über längere Zeiträume gab es keinen Strom, kein Wasser, kein Telefon. Die Bauträger hatten einen willigen Gehilfen im Bauleiter. Auch drohte ein Anwalt den Mietern mit dem Verlust der vom Bauträger bezahlten Ersatzwohnung, falls kein Auszug erfolgt. Auch ein Makler und ein Notar beteiligten sich: Die Bauträger verkauften Wohnungen offiziell ohne Mieter – und knöpften dem Käufer noch 10.000 Euro für Mieter ab, die diese nie bekamen. Beide geständige Bauträger bekamen 18 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung, der Bauleiter erhielt zehn Monate auf Bewährung. [4]

Ausgeraubter Denkmalschutz. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege konnte 1990 noch über umgerechnet 22 Millionen Euro Fördergelder verfügen. 2006 war diese Summe unter zwei Millionen gesunken, verbunden mit einem drastischen Stellenabbau. [5]

Der neue „Alte Hof“. Der Architekt Heiner Förderreuther schrieb zum Um- und Neubau des Alten Hofs, hier Pfisterstock, in München durch die Architektengemeinschaft Auer und Weber: „Die ‚reine Form‘, ein Ideal der modernen Architektur, reduziert alle Einzelformen zugunsten einer glatten, schattenlosen, letztlich toten Oberfläche. Alles, was die vorindustrielle Architektur in den Details funktionstüchtig ausgeformt hat, wie Dach, Dachzier, Kamin, Dachgauben, Dachgesims, Rinne, Fensterbänke, Fenster- und Türgewände, Lisenen, Erker, Sockel usw. wurde eliminiert. Die Reduktion wurde erkauft mit unsichtbaren, aber komplizierten Details, wie z. B. der in den ‚reinen Kubus‘ integrierten Dachrinne. Die Folgen sind bekannt: Der Bauunterhalt wird immer schwieriger.“ [6]

Gentrifizierung in der Maxvorstadt. Die Bewohner der von Luxussanierung bzw. Abriss bedrohten Wohnhäuser Türkenstraße 52 und 54, unter anderem der Kinderbuchautor Ali Mitgutsch (* 1935; † 2022) und der Kunsthistoriker Norbert Ott, hatten ab 8.7.2013 in der U-Bahn-Galerie im Bahnhof Universität eine kleine Ausstellung mit fünf Tafeln gezeigt mit dem Titel: „Maxvorstadt – Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum“. Dort fanden sich die Spekulationsobjekte in der Schellingstraße, Adalbertstraße, Luisenstraße, Amalienstraße und Türkenstraße. Zur Türkenstraße 52 und 54 stand dort neben Zeitungsartikeln in Handschrift: „Wir bleiben hier“; „Investoren schütteln den Denkmalschutz ab“; Rendite gegen Menschlichkeit“. Die Münchner Investoren hatten es nämlich geschafft, den Denkmalschutz aufheben zu lassen. Deren Geschäftsführer Joseph B. schrieb daraufhin einen Brief an Norbert Ott, den Sprecher der Mietergemeinschaft, und forderte ihn auf, Fotos und die Namen der Eigentümer-Firma bis zum Folgetag zu entfernen. Außerdem wurde Ott, der seit 40 Jahren in dem Haus in der Türkenstraße wohnt, mit Kündigung bedroht. Der BA 3 Maxvorstadt hatte die Vitrinen zur Verfügung gestellt und schrieb auf seiner Internetseite: „Es gilt aufzupassen, liebe Maxvorstädter! Die Entmietung zum Zweck der Luxussanierung schreitet in der Innenstadt Münchens unaufhörlich voran. Wann trifft es Sie? … DIE MAXVORSTADT GEHÖRT UNS, NICHT DEN SPEKULANTEN.“ [7]

Tag des unbequemen Denkmals. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat für 2013 das Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmäler“ gewählt. Der ehemalige BA-Vorsitzende der Maxvorstadt, Klaus Bäumler, nahm das zum Anlass, am 8.9.2013 „Unbequeme Denkmale in der Maxvorstadt“ zu besuchen. Der Obelisk am Karolinenplatz ist so ein unbequemes nationales Denkmal. Die Paul-Heyse-Unterführung kennen viele, ohne den Namensgeber, einen Nobelpreisträger für Literatur (1910), zu kennen. Die Paul-Heyse-Villa an der Luisenstraße 22 steht einer massiven Bebauung im Weg: Der Eigentümer plant ein fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus. Die Sockel der zwei Ehrentempel am Königsplatz zeugen vom Untergang des Nationalsozialismus. [8]

Ismaninger Straße 126. Schon am 24.11.2013 hatte die CSU-Stadtratsfraktion die LH München gebeten, den verwahrlosten Zustand des 1901 gebauten Gebäudes zu untersuchen, das noch 1973 einen Preis für seine Fassade bekommen hat. Ein neuer Eigentümer verzögerte Sanierungsarbeiten, Mieter wurden mit Abfindungen herausgekauft. Im Juni 2013 stellte der Investor den Antrag auf ein Negativ-Attest: Das wäre ein Beleg, dass die Bausubstanz nicht mehr sanierungsfähig und ein Abriss möglich sei. Am 17.12.2013 bescheinigte die Stadt dann dem Rückgebäude „gravierende Mängel“. Am 19.5.2014 fand eine Begehung mit Polizei, dem Referat für Gesundheit und Umwelt und Mietern statt und bestätigte die Befürchtungen des BA 13. So stand seit sieben Monaten in der Erdgeschoss-Wohnung im Rückgebäude das Wasser bis zu 40 Zentimeter hoch. MdL Robert Brannekämper (CSU) vermutete, dass der Vermieter durch herbeigeführte Überflutung die Bausubstanz verschlechtern wolle – und durch ebenfalls mutwillig herbeigeführte Verschlechterung der Bausubstanz auch das unter Denkmalschutz stehende Vorderhaus abreißen lassen will. Im Juli 2014 wohnten nur noch drei Mieter im denkmalgeschützten Vorderhaus und im Rückgebäude. [9] 

November 2019: Villa in Milbertshofen demoliert. Die bis 2017 prächtige Villa in der Griegstraße 24 stand nicht unter Denkmalschutz weil in den Siebziger Jahren Umbauten stattgefunden hatten. Trotzdem wurde sie kurz vor einer neuerlichen Besichtigung des Denkmalschutzes vor dessen Eintreffen vom Käufer 3Bau entsprechend verstümmelt: Die im Putz angebrachte Jahreszahl 1925 verschwand wie das geschmiedete Balkongitter; das Ziegeldach hatte plötzlich Löcher, Fenster und Balkontüren wurden herausgebrochen. Anwohner informierten das Landesamt für Denkmalpflege. Der BA forderte 2018 die komplette Wiederherstellung des originalen Zustands und eine Prüfung durch das BLfD. Pläne für Abriss und Neubau sind bereits eingereicht. [10]
Die Villa ist noch in Google Streetview zu besichtigen: Google-Streetview: Villa in der Griegstraße 24
Aus der Ankündigung von 3Bau: „Griegstraße 22–24, München-Schwabing-Nord: In zentraler und dennoch ruhiger Lage realisieren wir ein Mehrfamilienhaus mit 31 Wohnungen in anspruchsvoller Architektur.“ Die Preise reichen von 398.000 € (1 Zimmer mit 31,58 qm) bis 912.000 € (3 Zimmer, 65,10 qm). [11]

März 2021: Flügel-Bahnhof. Der denkmalgeschützte Isartal-Bahnhof in Thalkirchen mit einem Grundstück von 13.668 Quadratmetern wurde von der Bahn-Tochter Vivico an Binnberg Architekturentwicklung verkauft. (Vgl. zu Binnberg Architekturentwicklung auch: Birkenau) Der neue Eigentümer will nun zwei Bürogebäude im Süden und Norden bauen. Der BA 19 und viele Bürger sehen dies vor allem beim südlichen Bau mit drei Vollgeschossen und einer Tiefgarage sehr kritisch, da Bäume gefällt werden müssten und der Wasserhaushalt gefährdet sei. Der Nordbau wird als „völlig überdimensioniert“ deklariert. Durch eine Störung der Einzeldenkmäler lehnte der BA das Vorhaben strikt ab. Außerdem hatte Vivico, die Grundstücksverwertungsgesellschaft der Bahn, mit der Stadt eine Vereinbarung getroffen, um die Baudenkmäler und die Grünanlage am Isarwinkel 4 zu schützen: Die Käufer als Rechtsnachfolger hätten sich an diese Vereinbarung zu halten. [12]
Nachtrag Juni 2021: Denkmal Thalkirchner Bahnhof ungeschützt. Auch die LBK war der Ansicht, die DB-Grundstücksverwertungsgesellschaft Vivico, sei Vereinbarungen eingegangen, um Baudenkmäler und Grünflächen zu erhalten: Dies müsse auch für den aktuellen Eigentümer gelten. Der Argumentation der LBK hatte das Verwaltungsgericht widersprochen. Nun hat auch der zweite Senat des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes (VGH) den Antrag der Stadt München auf Zulassung der Berufung gegen das Urteil der ersten Instanz und die Verweigerung eines Vorbescheids abgelehnt. Die Ausweisung als Kerngebiet für den Isarwinkel in Thalkirchen sei unwirksam, das kleine Gebiet hätte keinen solchen Charakter. Der Bebauungsplan könne unwirksam sein und bestätigte das Urteil des Erstgerichts, dass das Bauprojekt zulässig sei. [13]
Nachtrag Juli 2022: Der BA 19 hat erneut die Pläne für den Umbau des Bahnhofs Thalkirchen einstimmig abgelehnt. Von den vier Varianten sei „eine poblematischer als die andere“, so Alexander Aichwalder (Grüne). Der private Investor verursache gravierende Folgen für die Natur am Fluss und die Denkmalwirkung. Wertvoller Baumbestand würde gefällt. Der BA erinnerte an die „unmittelbare Nachbarschaft“ eines europäischen FFH-Gebietes. Dazu sei der Wasserhaushalt des Maria-Einsiedel-Baches gefährdet. Falls die Variante des Bürohaus-Projekts mit 225 qm verwirklicht würde, müsse weiterer Boden versiegelt werden. [14]

August 2021: „Leb wohl, Türkenstraße.“ Unter diesem Titel protestierten Mitglieder des Münchner Forums und hängten dort Plakate der Deutschen Immobilien Partei (DIP) auf. Da standen Slogans wie „Wir entmieten für Sie“, „Wertsteigerung geht am besten ohne Menschen“ und „Wir entsorgen Denkmalschutz für einen entspannten Abriss“ (in Anspielung auf den Abriss der Jugendstil-Treppe Ecke Schelling-/Türkenstraße). Die Ausstellung wurde vom Jungen Forum und dem Arbeitskreis „Wer beherrscht die Stadt?“ organisiert. [15]

Denkmalschutz nicht erwähnt. Für zwei historische Häuser in der Ledererstraße 11 und 13 liegt bei der LBK ein Vorbescheid für den Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses vor. Der Abbruch ist impliziert. Das Gebäude Ledererstraße 11 ist als Einzeldenkmal in der Denkmalliste eingetragen: „D-1-62-000-8162 Ledererstraße 11. Ehem. Bürgerhaus, Vordergebäude dreigeschossig, im Kern mindestens 2. Hälfte 16. Jh., im 19. und frühen 20. Jh. umgebaut; Rückgebäude, dreigeschossiger Satteldachbau, 1837.“ Für die Lederstraße 13 (Hotel mit Bar) gilt der Ensembleschutz. Der Antragsteller auf Abriss und Neubau hat die Denkmaleigenschaften nicht erwähnt. Der Bezirksausschuss Altstadt-Lehel will die Entwicklung genau beobachten. [16]

Letztes Bauernhäusl in Schwabing wird abgerissen. In der Siegesstraße 17 stand der „Trummerbauernhof“ aus dem Jahr 1840. Der Eigentümer hatte im Sommer 2021 den Abriss beantragt: Das Vorderhaus stand seit zwei Jahren leer, das Rückgebäude mit einer Werkstatt und Wohnungen wurde seit Längerem nur noch mit Mietverträgen auf Zeit vergeben. Das Landesamt für Denkmalpflege erkannte keine Denkmalwürdigkeit. Die Bürgerinitiative Pro Schwabing kämpfte für den Erhalt des historischen Gebäudes: Es sollte zusammen mit den Wohngebäuden Siegesstraße 19 und 21 unter Ensembleschutz gestellt werden. Der BA Schwabing – Freimann hatte noch am 28.11.2021 einen Eilantrag an die Stadtbaurätin und das Landesamt übermittelt. Am 26.11.2021 begann der Abriss. [17]

Ruin eines Baudenkmals. Das Haus Schubertstraße 8 wurde 1895 vom Münchner Architekten Wilhelm Spannagl gebaut und steht unter Denkmalschutz. 2009 wurde das Gebäude verkauft, die Mieter hinausgesetzt. Sechs Wohnungen und ein Penthouse waren geplant. Dann wurde die Schubertstraße 8 einige Male weiterverkauft. 2015 begannen einige Bauarbeiten. Anwohner beschwerten sich bei der LBK über den Verfall des Denkmals. 2017 wurde ein Baustopp mit Zwangsgeld verhängt. 2019 wurde eine neue Baugenehmigung erteilt. Das Dach ist inzwischen ungedeckt; Plastikplanen wurden weggeweht. Die Untere Denkmalschutzbehörde hat inzwischen ein Verfahren eingeleitet. Das Sozialreferat beanstandete den Leerstand. Jetziger Eigentümer ist laut Grundbuch der Ungar Roland Pecsenye bzw. seine Firma RPM Consulting. Er teilte im Sommer 2020 dem BA Ludwigstadt – Isarvorstadt mit, ein Partner sei eingestiegen für die weitere Sanierung. Ein neuer Umbauantrag wurde von der Stadt abgelehnt, da keine Stellplatzablöse bezahlt worden war. 2020 wurde die Schubert Live GmbH zur Verwaltung der Immobilie gegründet. Inzwischen wird die Immobilie Schubertstraße 8 nach der Sanierung für über 50 Millionen Euro inseriert. [18]
Nachtrag Mai 2022: Kurz vor einem Ortstermin mit der Stadtverwaltung und dem BA wurde ein Gerüst am Haus aufgestellt und die Fenster abgedichtet. Es sind fünf Büroeinheiten im Untergeschoß und fünf Wohnungen mit etwa 200 qm geplant. Hinter dem Haus sollen zwölf Stellplätze entstehen, zum Teil mit Autolift. Der Bauleiter rechnet mit zwei Jahren Bauzeit, sofern die Finanzierung klappt und die Engpässe nicht noch ärger werden. [19]

Übersehenes Denkmal in Milbertshofen? Das Wohnhaus mit Laden an der Schleißheimer Straße 314 wurde 1913 erbaut. Nun soll es für einen Neubau abgerissen werden: Im Sommer 2021 kaufte eine Projektgesellschaft aus Oberhaching das Anwesen und stellte im Dezember 2021 einen Bauantrag für zwölf Wohneinheiten plus Tiefgarage. Obwohl es 109 Jahre alt ist, steht es bislang nicht unter Denkmalschutz. Das Haus liegt in einem Milieuschutzgebiet; die Stadt verzichtete im Sommer 2021 aufgrund von Stadtratsrichtlinien auf einen Ankauf, da das Wohnhaus weniger als vier Wohnungen und weniger Wohnbaurechtsreserve als 600 qm Geschossfläche hat. Da die Fassade noch weitgehend erhalten ist, will das BLdD die Denkmaleigenschaften überprüfen. [20]
Nachtrag März 2022: Denkmalschutz. Durch die Anfrage der Presse hat das BLfD das Haus 314 bemerkt und überprüft. Inzwischen hat die Stadt mitgeteilt, dass es unter Denkmalschutz gestellt wird: Damit braucht der Eigentümer für jede Veränderung am Gebäude eine Erlaubnis  der Denkmalschützer. Ein Abbruch erscheint nun unwahrscheinlich. [21]

BA Forstenried gegen Neubau. In der Herterichstraße 173 soll ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohneinheiten, einem Einfamilienhaus und eine Tiefgarage gebaut werden. Der Denkmalschutz hatte auf Änderung der Pläne gedrängt, da die Neubauten nicht zur denkmalgeschätzten Umgebung passten. Die erfolgten Planänderungen reichen dem BA 19 aber nicht: Die Bebauung stehe nicht im Einklang mit dem Gebietscharakter, und außerdem könne die massive Bebauung wiederum Präzedenzfälle für weitere Neubauten schaffen. [22]

Die nächste Abriss-Kandidatin? In der Wessobrunner Straße 5 in Sendling-Westpark steht eine Villa, die 1938 vom Architekt Ludwig Sattich geplant und von Simon Schmitt gebaut wurde. Ortshistoriker um den Architekten Klaus Huber haben dem BA Sendling empfohlen, die Villa unter Denkmalschutz stellen zu lassen. In der Gegend sind schon viele wertvolle Häuser dem Abriss anheimgefallen. [23]

Denkmalsturz statt Denkmalschutz. Wenn Nordrhein-Westfalen hier Vorreiter sein soll, dann sieht es für die deutschen Denkmäler denkbar schlecht aus. Die Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, Ina Scharrenbach (CDU), hat ein neues Denkmalschutzgesetz eingebracht, das mit einer Stimme Mehrheit im Düsseldorfer Landtag angenommen wurde und das am 1.6.2022 in Kraft treten soll. Dreizehn Initiativen in NRW haben sich zum Denkmalschutz-Bündnis NRW vereint und in der „Düsseldorfer Erklärung“ gegen die Abschaffung des geltenden Denkmalschutzgesetzes ausgesprochen, 24.000 Unterschriften wurden für eine Petition gesammelt: vergebens. Wobei der Schutz im neuen NRW-Denkmalschutzgesetz ein Hohn ist. Denn hinfort werden nicht mehr Fachleute über den Status eines Denkmals entscheiden – und darüber, ob es zu erhalten ist oder abgerissen werden darf. Entscheiden können hinfort Gemeinde-Angestellte. Und die unterliegen den lokalen monetären Interessen von Bürgermeistern und Ratsherren, den Baulöwen und den Investoren. Steffen Skudelny ist Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und konnte keine Notwendigkeit für die Änderung des 42 Jahre alten Gesetzes erkennen. Der Eigentümer eines Denkmals muss bei Sanierung, Umbau oder Abriss den Rat der Unteren Denkmalschutzbehörde einholen, die sich wiederum mit den beiden Landesdenkmalämtern berät. Nun sieht Skudelny die Gefahr, dass bei kleinen Gemeinden der Standesamt-Beauftragte den Denkmalschutz mit verantwortet. Milena Karabaic ist Kulturdezernentin des Landschaftsverbands Rheinland und sieht in der Schwächung der Experten den Schutz des Denkmals gefährdet, weil ein Bürgermeister entscheiden kann, ob das Denkmal eines Parteifreunds abgerissen werden darf. Die Außenwirkung dieses Denkmal“schutz“gesetzes im bevölkerungsreichsten Bundeslandes NRW ist verheerend, weil auch Abrissgelüste in anderen Bundesländern geweckt und Investoren aufmerksam werden. [24]

Vergleiche u. a. auch: Aberlestraße 10, Agnesstraße 48, Alte Akademie, Bauerstraße 9, Birkenau, Brunnstraße 11, Das Hundertjährige Haus, Derzbachhof, Fraunhoferstraße 13, Gartenstadt, Glockengießerei Oberascher, Historikerzentrum, Kolbergerstraße 5, Kuvertfabrik Pasing, Laimer Schlössl, Loehleplatz, Paketposthalle, Palais an der Oper, Perlschneiderhof, Pfanzeltplatz, Pilotystraße 8, Schellingstraße 25 und 27, Schleißheimer Straße 92, Seidlvilla, Siemens-Hochhaus, Tiermedizin am Englischen Garten, Türkenstraße 50, 52, 54, Uhrmacherhäusl, Wilhelmstraße 27

Fußnoten und Quellen

  1. Münster, Thomas, 14 Wohnungen seit 25 Jahren ohne Mieter, in SZ 31.5.1994
  2. Grüne: Ude soll eingreifen, in SZ 6.11.1995
  3. Dötsch, Kerstin, Dem Trend zum Luxusviertel stehen die alten Bewohner im Weg, in SZ 27.11.1998
  4. Kastner, Bernd, Geplante Panne – Nirgends in Deutschland hat die Praxis der „Entmietung“ eine solche Tradition wie in München, in SZ 10.2.2006
  5. Förderreuther, Heiner, Denkmalpflege, Quo vadis? in ARX, Schriftenreihe 2, Das Kulturerbe, Bozen 2009, S. 45
  6. Förderreuther, Heiner, Denkmalpflege, Quo vadis? in ARX, Schriftenreihe 2, Das Kulturerbe, Bozen 2009, S. 46
  7. Kastner, Bernd, Heuschrecke zeigt Zähne, in SZ 12.8.2013
  8. Exkursion mit Klaus Bäumler: „Unbequeme Denkmale in der Maxvorstadt“, TUM, www.artum.de 29.7.2013; Regel, Nadine, Anlauf, Thomas, Nicht nur gut und schön, in SZ 5.9.2013
  9. Graner, Nicole, „Bodenlose Sauerei“, in SZ 15.7.2014
  10. Sobotta, Jerzy, Der Abriss ist absehbar, in SZ 30.11.2019
  11. https://www.3bau.de/portfolio/griegstrasse/
  12. Wolfram, Jürgen, Gereizte Stimmung, in SU 22.3.2021
  13. Wolfram, Jürgen, Verliererin im Rechtsstreit um den Isarbahnhof, in SZ 26.6.2021
  14. Wolfram, Jürgen, Problematische Neubauten, in SZ 14.7.2022
  15. https://deutsche-immobilien-partei.de/; Gerland, Katja, Unter dem Brennglas, in SZ 20.8.2021
  16. Abbruchpläne für historische Stadthäuser, in SZ 29.10.2021
  17. Siegert, Myriam, Ein Stück altes Schwabing verschwindet, in Abendzeitung 29.11.2021
  18. Kramer, Lea, Warum ein prachtvolles Mietshaus seit Jahren verfällt, in SZ 29.12.2021
  19. Raff, Julian, Weit entfernt von alter Pracht, in SZ 7.5.2022
  20. Kramer, Lea, Wäre doch schade um die Fassade, in SZ 19.3.2022
  21. Kramer, Lea, Ein Stück altes München, in SZ 28.3.2022
  22. Sorge um historischen Ortskern von Forstenried, in SZ 24.3.2022
  23. Denkmalschutz für alte Villa beantragt, in SZ 4.4.2022
  24. Weissmüller, Laura, Denkt mal, in SZ 19.4.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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