Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Türkenstraße 50, 52, 54

T
Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 28.8.2022

Kleiner Exkurs: In den sechziger und siebziger Jahren gab es die Flipper- und Absturzkneipe Kleiner Bungalow in der Türkenstraße, ziemlich genau da, wo nun der Durchgang zur Amalienpassage ist. Da standen Mitglieder der Roten Zelle Jura und Anarchisten wie Fritz Teufel neben Münchner Filmern und der „Gräfin“ (aus Russland, munkelte man) und flipperten. Kurz vor 1 Uhr hat der Wirt Manfred dann mit dröhnender Bassstimme in die zigarettengeschwängerten Räume gerufen: „Habt’s es koa Bett dahoam?“ Tempi passati.

Oktober 2009: Abrisskandidat Türkenstraße. In der Maxvorstadt sind die Wohngebäude Türkenstraße 52 und 54 vom Abriss bedroht. Eine Türkenstraße 52/54 GmbH & Co. KG hat einen Antrag auf Abriss und Neubau gestellt. Haus Nr. 52 war auf der Denkmalliste des Landesamts für Denkmalpflege: Es ist inzwischen daraus gestrichen worden. Der BA Maxvorstadt wollte im Herbst 2009 am Tag des offenen Denkmals (Sonntag, 13.9.2009) eine Führung durch das Haus anbieten. Am 10.9.2009 verboten die Investoren das Begehen des Innenhofs und der offenen Flächen. BA-Mitglieder stellten sich dann neben die von den Investoren engagierten Sicherheitsleute. Die Besucher wurden „privat“ in die Wohnungen eingeladen. 180 Besucher unterschrieben eine Petition, dass das Haus Türkenstraße 52 wieder unter Denkmalschutz gestellt werden soll.
Beim Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags lagen 400 Unterschriften vor. Ein Mietersprecher der Türkenstraßen-Häuser äußerte, das Engagement sei so hoch, weil das Viertel als soziale Einheit erhalten werden soll. Der Kinderbuchautor Ali Mitgutsch (*1935; †2021) lebte seit 1964 in der Türkenstraße 54 und äußerte: „Wohlhabenden Leute, die sich ja nur zeitweise in den teuren sanierten Appartements in München aufhalten, stellen nicht die Wohnstruktur dar. Sie sind eher ein Krebsgeschwür.“ Mitgutsch stellte eine Tendenz der systematischen Entmietung fest: Seit 2007 würden die Wohnhäuser Türkenstraße 52 und 54 „systematisch vernachlässigt und entmietet“. Eine „neue Welle von Luxusspekulanten“ schwappe über die Maxvorstadt. Der Sprecher der Investoren, Hannes Ritter, kündigte an, mit dem BA, der LBK und dem Landesamt für Denkmalpflege kooperieren zu wollen und das Vordergebäude Türkenstraße 52 in wesentlichen Grundzügen zu erhalten. [1]

Entmietung in der Maxvorstadt. Die Bewohner der von Luxussanierung bzw. Abriss bedrohten Wohnhäuser Türkenstraße 52 und 54 hatten ab 8.7.2013 in der U-Bahn-Galerie im Bahnhof Universität eine kleine Ausstellung mit fünf Tafeln gezeigt mit dem Titel: „Maxvorstadt – Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum“. Dort fanden sich die Spekulationsobjekte in der Schellingstraße, Adalbertstraße, Luisenstraße, Amalienstraße und Türkenstraße. Zur Türkenstraße 52 und 54 stand dort neben Zeitungsartikeln in Handschrift: „Wir bleiben hier“; „Investoren schütteln den Denkmalschutz ab“, Rendite gegen Menschlichkeit“. Die Münchner Investoren hatten es nämlich geschafft, den Denkmalschutz aufheben zu lassen. Deren Geschäftsführer Joseph B. schrieb daraufhin einen Brief an Norbert Ott, den Sprecher der Mietergemeinschaft und forderte ihn auf, Fotos und die Namen der Eigentümer-Firma bis zum Folgetag zu entfernen. Außerdem wurde Ott mit Kündigung bedroht, der seit 40 Jahren in dem Haus in der Türkenstraße wohnt. Der BA 3 Maxvorstadt hatte die Vitrinen zur Verfügung gestellt und schrieb auf seiner Internetseite: „Es gilt aufzupassen, liebe Maxvorstädter! Die Entmietung zum Zweck der Luxussanierung schreitet in der Innenstadt Münchens unaufhörlich voran. Wann trifft es Sie? … DIE MAXVORSTADT GEHÖRT UNS, NICHT DEN SPEKULANTEN.“ [2]

Abriss von Nr. 52. Der Investor Real-Treuhand Immobilien war Eigetümer der  Türkenstraße 52 und hat im Dezember 2017 auch das Nachbarhaus Nr. 54 gekauft. Der Abriss von Nr. 52, das von 1882 bis 1883 erbaut wurde und bis 2008 unter Denkmalschutz stand, begann im Februar 2019 und sollte im Mai beendet sein. Die Fertigstellung des Neubaus (Hilmer Sattler Architekten Ahlers Albrecht) war laut Investor bis Ende 2021 geplant. Das Planungsreferat beurteilte dies als rechtskonform. Das Vordergebäude Nr. 54 steht unter Denkmalschutz und soll erhalten bleiben. [3]
Aus der Webseite von realtreuhand.at: München: Türkenstraße 52-54, Stadtteil: Max-Vorstadt/Universitätsviertel, Bauträgerprojekt/Wohnbau: Neubau: 64 Eigentumswohnungen und TG-Stellplätze, Bestand: 10 Wohneinheiten, 2 Gewerbeeinheiten, Baubeginn 2019 [4]

März 2020: Die Türkenstraße 52 ist samt Hinterhaus abgerissen, das Vorderhaus Türkenstraße 54 steht (noch), das Rückgebäude wurde ebenfalls abgerissen. Kaum wurde die Baugenehmigung erteilt, ist laut Information eines ehemaligen Bewohners das Objekt erneut für eine angeblich hohe zweistellige Millionensumme weiterverkauft worden. [5]
Brigitte Wolf, Stadträtin Die Linke, warf die Frage bei einer Sitzung des Planungsausschusses auf: „Horten Investoren Baurecht, um das Grundstück später teuer weiter zu verkaufen?“ [6] Der Leiter der LBK, Cornelius Mager, bestätigte, dass es Bauherren gibt, die Baugenehmigungen erhalten und dann alles aus Spekulationsgründen liegen lassen. Ende 2019 gab es Baugenehmigungen für 15.000 Wohneinheiten – ohne Baubeginn. Mager nannte das Beispiel Türkenstraße 52: „Da gab es Baugenehmigungen im Jahr 2007, in Jahr 2012 und 2016. Aber es will einfach nicht gebaut werden.“ [6]
Vom ersten Verkauf der Türkenstraße 52/54 im Jahr 2007 bis zum Baubeginn 2020, also in 13 Jahren, soll die Bodenwertsteigerung 370 Prozent betragen haben. Das Bewertungsamt geht von 1470 Euro/qm Geschossfläche im Jahr 2007 und 6930 Euro/qm im Jahr 2020 aus. Abgeräumt wurden Nr. 52 mit Rückgebäude und das Rückgebäude von Nr. 54: Beim Vordergebäude besteht (noch) Denkmalschutz, es ist aber augenscheinlich bereits zu weiten Teilen leer. Die leer stehenden Wohnungen sollen wegen der Belastung durch die Neubauten leer stehen bleiben. [7] Seit Sommer 2020 wird nun abgerissen und gebaut.

Türkenstraße 50. Der auf Luxuswohnungen spezialisierter Investor Legat Living hat nun die Nr. 50 gekauft. Die Leerstände mehren sich. Ein Mieter aus dem Rückgebäude schreibt einen regelmäßigen Newsletter an die anderen verbliebenen Mieter. Vom Investor kommen regelmäßig Emails, in denen der Abriss für März 2021 angekündigt wird. Einen Bauantrag gibt es noch nicht, aber eine Voranfrage vom Juli 2019. Im August 2019 wurde die Maxhöfe Verwaltungs-GmbH gegründet (heute: Maxhöfe T50 GmbH & Co. KG, Unterföhring). Der Geschäftsführer von Maxhöfe T50 GmbH Unterföhrung ist Stefan Walter Legat, der Geschäftsführer von Legat Living. Prokura hat Johannes Thoma, der Prokurist von Legat Living. [8][9]
Viele Wohnungen in der Türkenstraße 50 stehen seit Längerem leer; das Vorderhaus soll saniert und das Rückgebäude abgerissen und neu gebaut werden. Den Leerstand kommentiert die Stadt nonchalant: „Ein gerechtfertigter Leerstand liegt vor, wenn Wohnraum renoviert, umgebaut oder verkauft werden soll und deshalb vorübergehend leer steht.“ [10]

BA Maxvorstadt unzufrieden über Stadtverwaltung. Der BA hat in einem Antrag die Verwaltung aufgefordert, den „Zweckentfremdungsmelder“ mit einer Rückmeldung zu verbessern, ob dieser nachgegangen wurde. Außerdem will der BA endlich Auskünfte von der Verwaltung bezüglich der Zweckentfremdungen in den Häusern Barerstraße 77, Schellingstraße 25 und 27, Steinheilstraße 1 und Türkenstraße 50 und 66. Im Fall Türkenstraße 66/Schellingstraße 25 und 27 hat zwischenzeitlich ein Spekulant das vermutlich für den Denkmalschutz wichtige Treppenhaus bzw. Geländer herausreißen lassen. [11]

Baulücke Türkenstraße 52/54. Nur das Vordergebäude Nr. 52 steht noch, da es denkmalgeschützt ist. Seit 2007 haben die Eigentümer der beiden Häuser gewechselt und jeweils neue Bauanträge eingereicht. Die Genehmigungen kamen im Juni 2012, im September 2017 und im Juli 2019. Das Planungsreferat kann den Eigentümer nicht zum Bau zwingen. Es gab 2020 bekannt, dass sich der Bodenwert Türkenstraße 52/54 in den 13 Jahren seit 2007 durch Spekulation und Weiterverkäufe um 370 Prozent erhöht hat; der Leerstand ist inzwischen sehr hoch. [12]

Haus Nr. 50 entmietet. Auch das Nachbarhaus Türkenstraße 50 wird abgerissen. Legat Living will hier 59 Luxuswohnungen bauen. Am 31.5.2021 ist der letzte Mieter Stefan Sasse nach 25 Jahren ausgezogen: er nannte das den „Krieg des Geldes gegen die Menschen“. Sasse hat notiert, wie viele Mietwohnungen zwischen der Türkenstraße 50 und 96 nicht mehr existieren bzw. in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden: Er kam auf umgerechnet 323 Mieter. [13][14]

Das Türkenstraße-Investoren-Monopoly.
Areal Türkenstraße 50: Ab 2018 nur noch befristete Mietverträge. Das Areal gehört der Maxhöfe T50 GmbH; diese hat den gleichen Geschäftsführer und Prokuristen wie der Unterföhringer Immobilieninvestor Legat Living. [15] Verkaufsstart ist Sommer 2021. [16]
Areal Türkenstraße 52: Erster Bauantrag für Abbruch und Neubau 2012, zweiter Bauantrag 2017, 2019 dritter Bauantrag mit neuem Eigentümer, Abriss 2019, Baugrube.
Areal Türkenstraße 54: Abriss 2019, Baugrube, denkmalgeschützter Vorderbau steht noch.
Bodenwert-Steigerung der Türkenstraße 52 und 54: Wie schon erwähnt lag 2007 der Bodenrichtwert bei 1470 Euro; 2020 waren es 6.930 Euro (plus 370 Prozent). [14]

Luxuswohnungen Türkenstraße 50, 52, 54 im Hotspot. In der Pandemie haben sich im Sommer 2021 in München – begünstigt durch die (a)sozialen Medien – diverse Freiluft-Treffen gebildet. Dazu gehörte auch der Bereich Türkenstraße, Georg-Elser-Platz, Blüten- und Schellingstraße. Bewohner berichteten von feierwütigen Horden von 500 bis 1000 Personen, von Müllbergen und Erbrochenem, von der Nutzung des Bereichs als öffentlicher Toilette, von Lärmteppichen bis spät in die Nacht und Lieferfahrzeugen für den Essen- und Alkoholnachschub. [17]

„Leb wohl, Türkenstraße.“ Unter diesem Titel protestierten Mitglieder des Münchner Forums und hängten dort Plakate der Deutschen Immobilien Partei (DIP) auf. Da standen Slogans wie „Wir entmieten für Sie“, „Wertsteigerung geht am besten ohne Menschen“ und „Wir entsorgen Denkmalschutz für einen entspannten Abriss“ (in Anspielung auf den Abriss der Jugendstil-Treppe Ecke Schelling-/Türkenstraße). Die Ausstellung wurde vom Jungen Forum und dem Arbeitskreis „Wer beherrscht die Stadt?“ organisiert. [18][19]

Türkenstraße 50, 52, 54. Das Areal Türkenstraße 52 und 54 wird von einer Tochterfirma der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich mit 64 neuen Eigentumswohnungen bebaut. [20]

Türkenstraße 50: Neubaupläne. Die Maxhof T50 GmbH gehört zum Investor Legat Living aus Unterföhring, der sich nicht zu den Neubauplänen äußern und auch kein Interview führen will. Der Abriss begann im Frühsommer 2021. Der Bauantrag weist auf einer Fläche von 5618,46 qm 59 Wohnungen aus. Laut dem BA-Mitglied Georg Jakob (Grüne) entstünden dort „luxuriöse Wohneinheiten der luxuriösen Preisklasse“. Im BA wurde von unappetitlichen Entmietungen berichtet, die auf dem Areal der Türkenstraße 52 und 54 begonnen hätte und sich in der Nr. 50 fortgesetzt habe. BA-Chefin Svenja Jarchow-Pongratz (Grüne) nannte dies „zum Kotzen“. [13]

SPD besichtigt Türkenstraße 50. Nach mehreren Verkäufen baut der Luxusinvestor Legat Living das Projekt Max Höfe mit Wohnungen zwischen einer und acht Millionen Euro. Aus dem Verkaufstext bei www.immoscout24: Traumhafte Eigentumswohnungen in der Türkenstraße 50; Kaufpreis 955.000 € – 7.995.000 €; 59 Einheiten, Bezugstermin 2025.
MdL Florian von Brunn, SPD-Fraktionsführer im Landtag und OB Dieter Reiter (SPD) statteten der Türkenstraße 50 einen Besuch ab: Der letzte dort lebende Bewohner war Stefan Sasse und ebenfalls vor Ort und berichtete von der Geschichte des Hauses. Volker Rastätter vom Münchner Mieterverein stellte einen Mitgliederzuwachs fest; sein Verein suche gerade zwei weitere Rechtsberater. [21]

Fußnoten und Quellen

  1. Draxel, Ellen, Investoren schütteln den Denkmalschutz ab, in SZ 6.10.2009
  2. Kastner, Bernd, Heuschrecke zeigt Zähne, in SZ 12.8.2013
  3. Korsche, Johannes, Aus für die Türkenstraße 52, in SZ 1.3.2019
  4. https://www.realtreuhand.at/de/projekte/projekte-im-ausland.html; abgerufen am 27.9.2021
  5. Mühleisen, Stefan, Lückenhafter Mieterschutz, in SZ 25.3.20
  6. Krass, Sebastian, Gedrehte Grundstücke, in SZ 28.5.2020
  7. Kronewiter, Thomas, „Schonungslose Gentrifizierung“, in SZ 27.8.2020
  8. Korsche, Johannes, Mühleisen, Stefan, Die Mieter im hohlen Zahn, in SZ 14.11.2020
  9. https://www.northdata.de/Maxh%C3%B6fe+GmbH+%26+Co%2E+KG%2C+Unterf%C3%B6hring
  10. Mühleisen, Stefan, Die Rechtsgrundlage fehlt, in SZ 19.11.2020
  11. Mühleisen, Stefan, Nur schwammige Formulierungen gegen den Leerstand, in SZ 7.1.2021
  12. Mühleisen, Stefan, In den Fallstricken der Paragrafen, in SZ 12.2.2021
  13. Gerdom, Ilona, Geld gewinnt, in SZ 23.6.2021
  14. Stolz, Benjamin, Letzte Stunden im Geisterhaus, in SZ 29.5.2021
  15. https://www.northdata.de/Maxh%C3%B6fe+T50+GmbH,+Unterf%C3%B6hring/Amtsgericht+M%C3%BCnchen+HRB+250887
  16. https://www.legat-living.de/projekte.html
  17. Gerdom, Ilona, Tausend Partygäste vor der Tür, in SZ 17.6.2021
  18. https://deutsche-immobilien-partei.de/
  19. Gerland, Katja, Unter dem Brennglas, in SZ 20.8.2021
  20. Kramer, Lea, Und wieder packt einer Umzugskisten, in SZ 10.6.2021
  21. Hoben, Anna, Eine Wohnung für fast acht Millionen Euro, in SZ 23.8.2022
Objekt-Nr. 12400

Datenschutzhinweis: Um die Karte anzuzeigen, muss Ihre IP-Adresse dem Kartendienst mitgeteilt werden. Klicken Sie hier, wenn Sie damit einverstanden sind.

Moloch München Eine Stadt wird verkauft
Objekt-Nr. 12400

Datenschutzhinweis: Um die Karte anzuzeigen, muss Ihre IP-Adresse dem Kartendienst mitgeteilt werden. Klicken Sie hier, wenn Sie damit einverstanden sind.

Nicht angemeldet > Anmelden