Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Gentrifizierung

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aus Wikipedia: „Als Gentrifizierung (von englisch gentry ‚niederer Adel‘), auch Gentrifikation, im Jargon auch die Yuppisierung, bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter als vorher und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen. (…) Erste Gentrifizierungsanzeichen finden sich immer schon vor den preislichen Änderungen im Wohnungsmarkt. (…) Gentrifizierungsprozesse laufen nach typischen Mustern ab: Wegen niedriger Mietpreise sowie zunehmend attraktiver Lage werden einzelne Stadtteile für ‚Pioniere‘ (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Diese werten die Stadtteile durch kulturelle Aktivitäten auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Künstler und Gastronomen etablieren sich und bringen weitere Interessenten in die Stadtteile. Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen mehr Geld als zuvor und gründen Familien, womit ihr Wohnflächenbedarf steigt; damit hängt die Gentrifizierung also nicht immer vom Zuzug neuer Bewohner ab. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung, Häuser und Wohnungen werden aufgekauft und restauriert, Szene-Clubs und Lokale entstehen. Die Mieten steigen, und finanziell Schwache wandern ab. Die Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich. Die Gentrifizierung geht einher mit einem allgemeinen Segregationsprozess. (Aus Wikipedia; gentry bezeichnet auch Oberschicht)
In München lief die Gentrifizierung oder Gentrifikation seit den Achtziger-Jahren zunächst vor allem in Schwabing, Haidhausen, dem Lehel und dem Gärtnerplatzviertel ab. Inzwischen sind viele weitere Viertel betroffen: eigentlich die gesamte Innenstadt, dazu Neuhausen, die Maxvorstadt etc.
Interessant ist dann die weitere Entwicklung: Wenn die reichen Käufer sündteurer Wohnungen in Szenevierteln sich dann vom Lärm lauter Gaststätten und Bars und ihrer Gäste gestört fühlen.

Gentrifizierung im Glockenbachviertel. Die Architektin Claudia Pöppel berichtete 2005 über den Glockenbachspielplatz, der extra als Familientreffpunkt umgebaut wurde. Inzwischen werden die Familien aber verdrängt durch die reichen Käufer von teuren Eigentumswohnungen. Gerade das Glockenbachviertel ist stark betroffen: Hier gab es alte Fabriken, deren Beschäftigte in der Umgebung wohnten. Das Gebäude der Maschinenfabrik Hurth in der Westermühlstraße wurde durch einen Neubau ersetzt. Mitte der achtziger Jahre wurden die Gebäude der Hans-Sachs-Straße saniert, danach kamen die der Ickstatt- und Jahnstraße dran. Und mit den Renovierungen kamen die Investoren, kauften ganze Häuser und entmieteten die Bewohner mehr oder minder sozial.
Die alten, denkmalgeschützten Gebäude der Firma Zettler in der Holzstraße 28 und 30 wurden 1998 von einer Grundstücksverwaltung gekauft, die das Gelände „revitalisieren“ möchte: Unter anderem war die Hauptverwaltung von Yahoo Deutschland eingezogen, dazu Verlage und Werbeagenturen. Nach der Renovierung soll das „Glockenbach-Medienhaus“ dort aufgebaut werden mit einer Musikagentur, einem Printverlag und weiteren Vertretern des kreativen Milieus. [1][2][3]

Bürgerinitiativen wehren sich. Immer mehr Wohnraum wird in München vernichtet, entmietet, luxussaniert: gentrifiziert. Dagegen bilden sich Bürgerinitiativen wie Rettet die Münchner Freiheit, eine Reaktion u. a. auf den Abriss der Schwabinger 7 im Sommer 2011 für Luxus-Wohnungen an der Feilitzschstraße 7 – 9 im Millionenbereich unter dem Slogan „MONA|CO – Die neue Münchner Freiheit“ (Vermarkter: von Poll Frankfurt; https://www.neubaukompass.de/neubau/monaco-die-neue-muenchner-freiheit-muenchen/)
Die Münchner Stadtpolitik war merkwürdig gespalten. CSU-MdL Robert Brannekämper, Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) und die grünen Stadträtinnen Sabine Nallinger und Jutta Koller unterstützten die BI. Die SPD-Stadträtin und Vorsitzende des Mietervereins, Beatrix Zurek war für den Abriss und Neubau, weil durch die teuren Wohnungen woanders billigere frei werden würden.
Max Heisler von der Aktionsgruppe Untergiesing zählte in dem Bereich 33 Architekturbüros, die z. T. in ehemaligen Läden unterkamen. Die Grünwalder Investmentfirma Rock Capital übernahm das Hans-Mielich-Carree, sanierte etwas und erhöhte die Mieten um 20 Prozent. In der Birkenau 10 und 12 werden zwei alte, ehemals denkmalgeschützte Kutscherhäuschen abgerissen und durch einen vierstöckigen Wohnblock mit Eigentumswohnungen ersetzt. (Vgl. September 2010 und Birkenau) Die Initiative Dreimühlenviertel hat 1380 Unterschriften gegen die Bebauung des ehemaligen Rodenstockgeländes gesammelt: Die Baywobau will siebenstöckige Gebäude mit Eigentumswohnungen zum Quadratmeterpreis von bis zu 10.000 Euro bauen. [4]

Gentrifizierung in der Maxvorstadt. Die Bewohner der von Luxussanierung bzw. Abriss bedrohten Wohnhäuser Türkenstraße 52 und 54, unter anderem der Kinderbuchautor Ali Mitgutsch (* 1935; † 2022) und der Kunsthistoriker Norbert Ott, hatten ab 8.7.2013 in der U-Bahn-Galerie im Bahnhof Universität eine kleine Ausstellung mit fünf Tafeln gezeigt mit dem Titel: „Maxvorstadt – Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum“. Dort fanden sich die Spekulationsobjekte in der Schellingstraße, Adalbertstraße, Luisenstraße, Amalienstraße und Türkenstraße. Zur Türkenstraße 52 und 54 stand dort neben Zeitungsartikeln in Handschrift: „Wir bleiben hier“; „Investoren schütteln den Denkmalschutz ab“; Rendite gegen Menschlichkeit“. Die Münchner Investoren hatten es nämlich geschafft, den Denkmalschutz aufheben zu lassen. Deren Geschäftsführer Joseph B. schrieb daraufhin einen Brief an Norbert Ott, den Sprecher der Mietergemeinschaft, und forderte ihn auf, Fotos und die Namen der Eigentümer-Firma bis zum Folgetag zu entfernen. Außerdem wurde Ott, der seit 40 Jahren in dem Haus in der Türkenstraße wohnt, mit Kündigung bedroht. Der BA 3 Maxvorstadt hatte die Vitrinen zur Verfügung gestellt und schrieb auf seiner Internetseite: „Es gilt aufzupassen, liebe Maxvorstädter! Die Entmietung zum Zweck der Luxussanierung schreitet in der Innenstadt Münchens unaufhörlich voran. Wann trifft es Sie? … DIE MAXVORSTADT GEHÖRT UNS, NICHT DEN SPEKULANTEN.“ [5]

Fußnoten und Quellen

  1. Kastner, Bernd, „Hoffentlich wird hier nicht alles saniert“, in SZ 24.10.2005
  2. Ebitsch, Sabrina, Fabrikhof mit Aschenputtel-Atmosphäre, in SZ 30.12.2005
  3. Ebitsch, Sabrina, „Alles, was historisch ist, bleibt“, in SZ 13.4.2007
  4. Kotteder, Franz, Wenn der Trend ins Viertel drängt, in SZ 27.5.2011
  5. Kastner, Bernd, Heuschrecke zeigt Zähne, in SZ 12.8.2013
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