Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Isar Valley

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 25.12.2022

IT-Unternehmen. Allzu euphemistisch empfingen die Münchner Stadtregenten die Welle an Instituten, High-Tech- und IT-Unternehmen, Forschungsinstitutionen, Start-ups, die in den letzten Jahrzehnten und Jahren in die Stadt kamen und oft rasch expandierten. Immer schon da waren die fünf Hochschulen und die neun Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer Gesellschaft, Max-Planck-Institute, Helmholtz Zentrum etc. Dazu kommen Konzerne wie Siemens, BMW, MAN, Airbus, Linde, MTU, Rohde und Schwarz, Infineon Technologies AG etc. Länger schon da sind High Tech-Unternehmen wie Apple, IBM Watson, Google, Amazon, Microsoft, Intel, SAP und andere. Dazu kommen drei Gründerzentren und knapp 20 Start-ups.

Angelockt. Viele der IT-Unternehmen sind hier, weil sie von München umworben wurden. Die Stadt verwies oft genug auf ihr Kulturangebot, auf Alpen und Seen. Nicht zuletzt sind die hohen Münchner Mieten im internationalen Vergleich für IT-Manager leicht zu stemmen, auch wenn sie für die ortsansässige Bevölkerung inzwischen unerschwinglich sind. [1]

Niedere Aufgaben für Münchner. Der Münchner Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) war in Googles Kauf des Postpalastes involviert, redete mit Apple-Chef Tom Cook über dessen Pläne in München und spricht üblicherweise voller Begeisterung über die Ansiedlung von IT-Konzernen. In einem Porträt in der SZ äußerte Baumgärtner: „Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir die Münchner in der Stadt behalten, die für einen Google- oder einen Apple-Manager das Haus bauen oder in der Kantine das Obst schneiden.“ [2]
Das hat was von Lohn-Sklaven.

Zuwanderung durch IT. Oliver Falck vom ifo-Institut prognostiziert durch die vielen IT-Ansiedlungen einen „neuen Schub an Zuwanderung“. Die BN-Kreisgruppe München sieht in den vielen Bautätigkeiten in München „eine Gefahr für die letzten Grünflächen und Frischluftschneisen“. Kreisvorsitzender Christian Hierneis äußerte: „Ohne einen wirklich langfristigen und vor allem nachhaltigen Entwicklungsplan für die Stadt können wir nicht einfach so weitermachen.“ [3]

IT-Standort München. Die Stadt und ihr Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) holen wie verrückt neue Großkonzerne und IT-Unternehmen nach München: u. a. Amazon, Apple, Google, IBM, Microsoft. Zu Apple äußerte Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner: „Der Ausbau von Apple ist Teil einer Strategie. Mit IBM-Watson, Google, Microdsoft und Amazon Web Services haben wir alle fünf großen Player in der Stadt.“ [4] Hinzu kommen noch Celonis und Personio.

Alle nach München. „Isar Valley“ ist der offizielle Name der 6. Etage im Münchner Google-Entwicklungszentrum. Die tz listete auf: Apple erhöht von 350 auf 1500 IT-Mitarbeiter. Google ist seit 2006 in München, startete mit 15 Mitarbeitern und wird bald 1500 haben. IBM hat in den Highlight-Towers einige tausend Mitarbeiter. Huawei ist seit 2009 hier und hat aktuell 600 Spezialisten. Amazon kam um 2000 nach München und hat nun 2500 Mitarbeiter. Microsoft kam 2016 in die Parkstadt Schwabing mit nunmehr 1800 Mitarbeitern. Fujitsu hat hier aktuell 1300 Mitarbeiter. SAP hat in München 1000 Mitarbeiter – plus demnächst 600 in Garching. Konkurrent Salesforce ist seit 2018 in München. Die Zahl der Mitarbeiter von Intel ist unbekannt, eine Großinvestition steht bevor. BMW-Großaktionärin Susanne Klatten hat 2002 ihr Start-up UnternehmerTUM in der Nähe der TUM-Institute in Garching gegründet. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will 3,5 Milliarden Euro im Technologiebereich für 1000 neue Professuren, 13.000 neue Studienplätze und mehr als 20 Spitzenforschungszentren investieren. Im Münchner Rathaus ist eine Spezialeinheit von 50 Mitarbeitern mit der Anwerbung neuer Firmen unter Führung des Wirtschaftsreferenten Clemens Baumgärtner (CSU) beschäftigt.
Neben den Universitäten und Fachhochschulen zählen für die Konzerne der hohe „Freizeitwert mit Bergen und Seen. [5][6]
Die Bevölkerung im Voralpenland hat entsprechend von der massenhaften Invasion der Alt- und Neu-Münchner die Nase voll.

Kleiner Ausflug nach San Francisco. In einem Bericht über eine Ausstellung zur aktuellen Situation der Obdachlosen („Who’s Next?“) schrieb Axel Rühle in der SZ, dass ein Software-Ingenieur in der Tech-Industrie ein Einstiegsgehalt von durchschnittlich 140.000 Dollar hat, ein Lehrer von 40.000 Dollar. [7]

Freistaat vergibt an Apple (1). Das seit 2017 nicht genutzte staatliche Grundstück Seidlstraße 15 – 17 in der Maxvorstand gehört seit 1989 dem Freistaat Bayern und wird sehr wahrscheinlich an Apple verkauft oder in Erbpacht vergeben. Apple und Bayerns Immobilien-Gesellschaft IMBY verhandelten seit Mitte Februar 2022. Vorläufig schwieg sich Söders Staatskanzlei noch aus. Münchens Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) kann „nicht kommentieren“. Da Apple bereits den neuen Bürokomplex Karl mit 30.000 qm angemietet, dazu an der Denisstraße 3a im Komplex Lichthöfe 9000 qm hat (siehe oben). Insgesamt hätte Apple dann rund 60.000 qm: Bei 20 qm pro Arbeitsplatz (ungeachtet von Home Office) hätte Apple dann Büroraum für mindestens 3000 Arbeitsplätze. München soll Apples Europazentrum für Chipdesign werden. [8]
Sebastian Krass forderte in einem SZ-Kommentar, dass der Grundstücksdeal mit Apple öffentlich diskutiert wird. Interessant wäre für München auch, ob der Apple-Konzern, der für seine „Steuervermeidungsstrategien“ bekannt ist, überhaupt Gewerbesteuereinnahmen für die Stadt abfallen würde. Und ob der Freistaat ohne öffentliche Ausschreibung sein Areal an Apple vergibt. [9]

Freistaat vergibt an Apple (2). Es entsteht ein riesiger „Apple-Campus“ in der Maxvorstadt: Der Komplex „Karl“ mit 30.000 qm wird von Apple angemietet; in den „Lichthöfen“ an der Denisstraße hat Apple 5000 qm angemietet, und auf dem staatlichen Grundstück Seidlstraße 15 – 19 mit 7200 qm wird ein Bürokomplex mit rund 28.000 qm geplant. Das Bauministerium von Christian Bernreiter (CSU) verhandelt mit Apple über den Neubau. Dem BA Maxvorstadt liegt dieser Antrag („Neubau eines sechsgeschossigen Büro- und Laborgebäudes mit drei Untergeschossen“) vor. Der vom Architekturbüro Allmann Wappner geplante Gebäudekomplex hat eine erstaunlich hohe Geschossflächenzahl von 3,94. Interessant wird die Frage, ob der Freistaat das Areal an Apple verkauft oder in Erbpacht auf 60 bis 80 Jahre vergibt. [10]
Wie erzeugt man die Münchner Wohnungsnot? Indem Apple (derzeit 2000 Ingenieurinnen und Ingenieure in München) weitere tausende Arbeitsplätze schafft – ohne sich um Wohnmöglichkeiten der künftigen Mitarbeiter zu kümmern. Diese verdienen in der Regel sehr gut und werden die Preise auf dem angespannten Münchner Wohnungsmarkt weiter in die Höhe treiben: und die weniger Betuchten in die Außenbezirke vertreiben.

Kleiner Exkurs nach Silicon Valley, San Fransisco. Jürgen Schmieder beschrieb in der SZ den Abstieg der High-Tech-Schmiede San Francisco. Bereits im Juni 2022 hatte Nellie Bowles im Portal The Atlantic ihren Essay betitelt: „How San Francisco Became a Failed City„. Sie beschrieb darin den der Stadt versprochenen „Goldrush“ durch die High-Tech-Konzerne. Das Silicon Valley gehört zur San Francisco Bay Area: Dort gibt es 77 Milliardäre, dazu 600 Personen mit mehr als 100 Millionen und 275.000 „normale“ Millionäre. Schmieder: „Man muss inzwischen eigentlich Millionär sein, um sich diese Stadt noch leisten zu können.“ Aber der Reichen-Status wird immer mehr Beschäftigten der High-Tech-Konzerne verwehrt. Twitter entließ plus-minus die Hälfte seiner Mitarbeiter (so genau weiß man das beim launischen Elon Musk erst später). Amazon entließ bis zu 10.000, Meta (der Facebook-Konzern) 11.000 Mitarbeiter. Allein im November 2022 wurden 35.000 Beschäftigte der High-Tech ihren Job los. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) aktualisiert laufend eine Statistik über den Stundenlohn, den man zum Überleben in der jeweiligen Stadt benötigt. In San Francisco beläuft sich der Stundenlohn für kinderlose Singles auf 30,81 $. Wer jährlich 100.000 $ verdient, endet mit 2734 $ Verlust. Ein Einkommen unter 117.000 $ gilt als low income (Unterschichtsniveau). [11]
Auch der Weg vom Isar Valley?

Vgl.: Apple

Fußnoten und Quellen

  1. Hoffmann, Catherine, Erfolg nährt den Erfolg, in SZ 1.6.2021
  2. Krass, Sebastian, Niewel, Gianna, In bester Lage, in SZ 10.3.2020
  3. Bode, D., Effern, H., Hoben, A., Hoffmann, C., Apple hat noch mehr Lust auf München, SZ 11.3.2021
  4. Bode, D.,Effern, H., Hoben, A., Hoffmann, C., Apple hat noch mehr Lust auf München, SZ 11.3.2021
  5. Hölzle, Sebastian, Silicon Valley an der Isar, in tz.de 6.7.2021
  6. Welche Firmen jetzt investieren, in tz 6.7.2021
  7. Rühle, Alex, Draußen vor der Tür, in SZ 4.11.2021
  8. Krass, Sebastian, Apple plant riesiges Zentrum in München, in SZ 1.3.2022
  9. Krass, Sebastian, Macht die Debatte öffentlich!, in SZ 1.3.2022
  10. Krass, Sebastian, Apple plant Neubau auf Grundstück des Freistaats, in SZ 30.9.2022
  11. Schmieder, Jürgen, Aus allen Wolken gefallen, in SZ 24.12.2022
Synonym verwendet:
München Isar Valley
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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