Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Hochhäuser ­München

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert am 25.10.2022

Siehe auch: Hochhaus-Entscheid, HochhausSTOP, Hochhausstudien, Paketposthalle

Paul Virilio schrieb in Panische Stadt über die Hochhäuser in Shanghai: „Dort erheben sich die Türme auf Podien in beträchtlicher Höhe über dem ‚natürlichen Boden‘ und beherbergen die ganze Welt der Geschäfte, der Dienstleistungen und Freizeitvergnügen – vollkommen abgedichtet von der Nullebene der Stadt.“
Virilio schreibt an zwei Stellen von „Hochhäusern als Sackgasse“: Diese Sackgassen sind nicht horizontal, sondern vertikal.

Hochhäuser nur am Mittleren Ring. Das 1964 erbaute, etwa 50 Meter hohe „Hertie-Hochhaus“, wurde 1992 um einige Stockwerke eingekürzt und zur Karstadt-Filiale. In der Hochhausstudie von 1977 wurde der Innenstadtbereich weitgehend zur Sperrzone für Hochhäuser deklariert. Die beiden höchsten Gebäude waren bis dato das 114 Meter hohe Verwaltungsgebäude der Hypo-Bank am Arabellapark und der 99 Meter hohe BMW-Turm. Ein neues 30-geschossiges Büroprojekt soll am Holzkirchner Bahnhof entstehen (Architektin Maya Reiner, Architekt Jörg Weber). Reiner plädierte für eine „Perlenkette von Hochhäusern“ auf frei werdenden Bahnflächen zwischen Pasing und Hauptbahnhof.
Auf der Nordseite der Bahngleise wurde später eine unsäglich simple „Kuben-Architektur“ hingestellt.
Der frühere SPD-OB Georg Kronawitter (1972 – 1978, 1984 – 1993) hielt sowohl das Projekt am Hauptbahnhof als auch die „Perlenkette“ für „unmöglich“. Stadtbaurat Uli Zech (SPD) äußerte: „Wir werden denn Teufel tun und den Frankfurtern nacheifern.“ Baureferent Horst Haffner (FDP) hielt wegen der drastischen Verknappung freier Flächen eine generelle Ablehnung von Hochhäusern für falsch. CSU-Fraktionsvorsitzender Walter Zöller will die Hochhäuser in den äußeren Stadtbezirken sehen: „Am Mittleren Ring oder in total verwahrlosten Gebieten, wie etwa am Frankfurter Ring, könnten solche Bauwerke zu einer wesentlichen Verbesserung der Stadtgestalt beitragen.“ Stadtrat Joachim Lorenz (Grüne), der spätere Umweltreferent (1993- 2015), wollte auch keine Hochhäuser im Außenbereich; für ihn waren acht bis zehn Stockwerke das Limit. Das Planungsreferat erhielt zunehmend Nachfragen nach neuen Büro-Hochhäusern und bereitete auf Antrag der Grünen eine Hochhausuntersuchung vor. [1]

Kronawitter und die Hochhäuser. OB Georg Kronawitter (der 2004 den Münchner Hochhaus-Entscheid mit einer maximalen Höhe von 100 Metern initiieren wird), nahm 1992 an einer Dreitages-Tour von Stadträten, Architekten, Verwaltung und Journalisten nach Paris, Hamburg, Köln und Frankfurt teil. Er sah für Hochhäuser auch in München eine Zukunft: Sie sollten aber nicht wie „Eckzähne“ im Stadtbild sein sondern eine moderne Skyline bilden. Infrage kämen für Kronawitter Neu-Riem, das Gaswerk-Gelände am Georg-Brauchle-Ring und Bereiche an den Bahngleisen zwischen Hauptbahnhof und Pasing. [2]

März 2002: SZ-Hochhaus hat – zunächst – 151 Meter. In der Nähe der SZ-Druckerei in Steinhausen soll das Verwaltungshochhaus der SZ mit 151 Metern Höhe und etwa 60.000 qm Geschossfläche für rund 2000 Arbeitsplätze entstehen. Der Entwurf stammt von Achammer-Tritthart & Partner (ATP), die Stadtbaurätin Christiane Thalgott lobte den Entwurf des Wettbewerbs-Siegers. Dazu parallel lief in München die Hochhaus-Debatte. [3]

Hochhaus-Entscheid. Am 21.11.2004 fand dann der Hochhaus-Entscheid statt. Bei 21,9 Prozent Wahlbeteiligung waren 50,8 Prozent (101.780) für die Begrenzung, 49,2 Prozent (98.725) dagegen.

„Sackgassen nach oben“. So bezeichnete der französische Urbanist Paul Virilio 2004 in seinem Buch Panische Stadt Hochhäuser: auch als Nachklang nach dem Attentat auf die Twin Towers in New York am 11.9.2001. [4]

Münchner Streitfall Hochhäuser. Das 1929 errichtete „Technische Rathaus“ an der Blumenstraße war mit seinen 45 Metern ein Kritikfall. Das 1981 errichtete „Hypohochhaus“ (114 Meter) an der Richard-Strauß-Straße wurde als „Blechkiste“ verunglimpft, die Fassade des Arabellahauses (75 Meter) wurde als „Haremsgitter“ bezeichnet. Der von Georg Kronawitter als „Vierkantbolzen“ geschmähte „Uptown-Tower“ (146 Meter, 2004) war der Auslöser für den Münchner Hochhaus-Entscheid. [5]

Ein Pyrrhus-Sieg von Kronawitter? Gottfried Knapp äußerte in der SZ, Kronawitter habe mit seinem Münchner Hochhaus-Entscheid vom 21.11.2004 das Entstehen hässlicher Hochhäuser nicht verhindert, sondern befördert. Er nennt als Beispiele u. a. den „Highlight Tower“ am Beginn der A 9, den „Munich City Tower“ und das Mercedes-Haus beidseits der Donnersberger Brücke. Die Maßeinheit „Kronawitter“ mit 99 Meter vertreibe Bauherrn, die Höheres planen, aus der Stadt – und die Höhe von 99 Meter mache Qualität und Eleganz unwahrscheinlich. [6]

Neue Hochhaus-Debatte. Für OB Dieter Reiter ist Neuperlach Vorbild als Trabantenstadt für eine „schnelle Art und Weise, Wohnraum zu schaffen“. Für den neuerlichen Bau von Hochhäusern wünschte sich Reiter eine politische Initiative, auch um den Hochhaus-Entscheid von 2004 zu kippen. CSU-Fraktionschef Walter Zöller findet es ebenfalls ärgerlich, dass ein 13 Jahre alter Bürgerentscheid immer noch als bindend gilt, obwohl er dies nur für ein Jahr war. Allerdings hat der Hochhausbau durchaus seine (im wahrsten Sinn des Wortes Schattenseiten: je höher, umso teurer, damit schnell unwirtschaftlich. Dazu gelten strengere Vorschriften beim Brandschutz, die Statik ist schwieriger. Und mit zunehmender Höhe wird der benötigte Platz für Aufzüge und Notfall-Treppenhäuser sowie die Versorgungs-Infrastruktur immer größer. [7]

Nicht über 100 Meter. Seit dem Hochhaus-Entscheid von 2004 besteht in München die magische Grenze von 100 Meter für Hochhäuser. Opes Immobilien wollte auch an der Moosacher Straße 80 um die 115 oder 130 Meter hoch bauen, beließ es dann aber doch bei 98 Metern. Laut Geschäftsführer Jürgen Büllesbach (vorher Bayerische Hausbau) wird das Hochhaus 2025 fertig: Dann werden wohl auch höhere Bauten genehmigt. [8]

Zu kleines Land? Vier Baufelder am S-Bahn-Halt Freiham sollen das Zentrum werden: mit Geschäften, Gastronomie, einem Hotel, Büros und Wohnungen. (Störmer Murphy and Partners GbR, Hamburg mit WES LandschaftsArchitektur, Hamburg). Die vier Felder hat im Sommer 2018 die Rosa-Alscher-Gruppe gekauft (siehe oben, 18.7.2018); 90.000 Quadratmeter Geschossfläche sollen insgesamt für fast eine halbe Milliarde Euro errichtet werden. Architekt Alexander Rosa-Alscher trat für den Bau von „richtigen Hochhäusern“ ein: „Wir können auch nicht weiter immer nur in die Fläche bauen, dafür ist unser Land zu klein.“ [9]
Die Aussage hat dann anscheinend dann die Büschl Unternehmensgruppe wörtlich genommen: mit dem Plan von zwei 155 Meter hohen Hochhäusern von Herzog & de Meuron an der Paketposthalle/Friedenheimer Brücke – und mit einer unerreichten Ausnutzung des Areals.

Neue Hochhaus-Studie. Am 19.11.2019 wurde eine neue Hochhaus-Studie im Grundkonzept der Stadtgestaltungskommission präsentiert, die der Stadtrat im Frühjahr 2018 initiiert hat. Aktueller Anlass sind nicht zuletzt die von der Büschl Unternehmensgruppe geplanten zwei Hochhäuser mit 155 Meter an der Friedenheimer Brücke. [10] Das Gutachten des Münchner Büro 03 Architekten ist ein vorläufiger Entwurf und dringt auf Weiterentwicklung jenseits der 100 Meter-Grenze von 2004: „Hochhäuser, als urbane Gebäudetypologie und wichtiges städtebauliches Gestaltungsmittel, sind Teil dieser Weiterentwicklung. Ein ausschließlich konservierendes stadtplanerisches Handeln würde zu Stillstand führen, der eine langsame Verringerung der Standortattraktivität verursacht.“ [11]

Für und Wider. Investor Ralf Büschl von der Büschl Unternehmensgruppe hat die zwei geplanten Türme an der Paketposthalle mit 155 Meter Höhe von den Schweizer Promi-Architekten Herzog & de Meuron entwerfen lassen. Die Paketposthalle und Teile des Geländes sollen öffentlich und kulturell genutzt werden; gleichzeitig will Büschl ein opulentes Baurecht, das nach Berechnungen bis zu einer Geschossflächenzahl (GFZ) von 6 reicht.
Die grüne OB-Kandidatin Katrin Habenschaden begrüßte die Hochhaus-Pläne an der Paketposthalle, möchte aber vorher noch die Bürger befragen lassen. Stadträtin Brigitte Wolf (Die Linke) hielt Büschls Pläne für „menschenfeindlich“ und war für einen Bürgerentscheid, da diese Hochhauspläne von Politik und Investoren stammten. Stadträtin Heide Rieke (SPD) hielt eine öffentliche Diskussion für wichtig, danach könne aber der Stadtrat entscheiden. Ähnlich argumentierte CSU-Fraktionssprecher Manuel Pretzl: Es sei Sache des Stadtrats, über Hochhäuser zu entscheiden. CSU-MdL Robert Brannekämper hat am 12.12.2019 eine Diskussion organisiert zum Thema: „Passen Hochhäuser in unser Stadtbild?“ [12]

Hochhäuser ohne Bürgervotum. Der Planungsausschuss des Stadtrats möchte, dass künftig der Stadtrat eigenmächtig über Hochhäuser jenseits der Grenze von 100 Meter entscheiden darf – ohne Bürgervotum. CSU, SPD, FDP und Bayernpartei votierten gegen einen Antrag von ÖDP und Die Linke, einen Ratsentscheid zur Hochhausfrage durchzuführen. Eine Hochhausstudie des Münchner Büro 03 Architekten erarbeitet derzeit Kriterien für den Hochhausbau bezüglich Qualitätskriterien, einem Zonenplan für Standorte und Höhenkategorien. Daraus soll ein verbindlicher Hochhausrahmenplan entstehen. „Diese nächsten Schritte werden von der Immobilienbranche und von der Münchner Wirtschaft sehnsüchtig erwartet. Denn das Wachstum Münchens verknappt nicht nur den Wohnraum, auch die Nachfrage nach Büroflächen übersteigt das Angebot bei Weitem.“ [13]

Neue Hochhausdebatte 2020. Die Büschl Unternehmensgruppe will mit dem Plan des renommierten Architekturbüros Herzog & de Meuron zwei Hochhäuser mit 155 Meter neben das von ihm gekaufte Paketpost-Areal bauen.
Dies würde gegen den Hochhaus-Bürgerentscheid von 2004 mit einer Begrenzung von 100 Meter verstoßen; jedoch sind Bürgerentscheide nur drei Jahre verbindlich. An der Moosacher Straße soll auf dem Knorrbremse-Areal von Opes Immobilien ein Bürohochhaus mit 99 Meter Höhe gebaut werden, daneben befindet sich an der Moosacherstraße 82 direkt an der U-Bahn-Station Oberwiesenfeld das Hotel MO82 mit 70 Metern.

Kleiner Exkurs nach New York. Die ungarische Künstlerin Andi Schmied hat sich als Milliardärin und potentielle Interessentin getarnt und die Luxussuiten superreicher New Yorker in exklusiven Hochhäusern besucht und dort fotografiert. Z. B. in Apartments mit einer Monatsmiete von 60.000 Dollar. (Ihr Bildband „Private Views“ erschien im Januar 2021.) Ihre Eindrücke: „Alles muss immer neu sein, noch schicker, noch teurer. Eine wahnsinnige Verschwendung . .. Man hört ständig: ‚It’s modern but timeless.‘ Das heißt: Standard Marmor-Ausstattung in Küche und Bad, Eichenfußboden, Rundum-Aussicht. Es ist immer das Gleiche. Wirklich deprimierend gleich … Man ist da oben der Realität entrückt. In jedem Apartment ist die Badewanne direkt am Fenster: Da sitzt du dann drin in deinen intimsten Moment, nackt und guckst auf die Menschen runter, die da unten ihrer Arbeit nachgehen. Mir erscheint das symbolisch.“ Und auf die Frage, welches Hochhaus den schönsten Ausblick hat: „Um ehrlich zu sein, sind alle gleich. Und der Ausblick nutzt sich ab.“ [14][15]

Kleines Münchner Hochhaus-Ranking: Hochhaus Uptown am Georg-Brauchle-Ring (2004, 146 m Höhe; Uptown war der Grund für den Hochhaus-Entscheid 2004); Highlight Tower 1 am Ende der A9 (2004; 126 Meter); Hypo-Hochhaus (1981, 114 Meter); Highlight Tower 2 (2004, 113 Meter); BMW Vierzylinder (1972; 101 Meter), SZ-Hochhaus in Zamdorf (2008, 104 Meter); ADAC-Zentrale in Sendling (2011; 92 Meter); Olympia Tower im Olympischen Dorf (1972, 88 Meter); Seniorenwohnen Westpark (1972, 87 Meter); Münchner Tor in Schwabing/Freimann (2003, 85 Meter); Siemens Hochhaus in Obersendling (1963, 75 Meter); usw. (Wikipedia, 31.1.2021)

Zum Uptown München: Standort Moosach, Georg-Brauchle-Ring 50 – 66, Höhe 146 Meter (38 Stockwerke), 50.200 qm Fläche, vier siebengeschossige Nebengebäude mit je 8.525 Quadratmetern, Bauzeit 2001 bis 2004, Architekten Ingenhoven  Overdiek und Partner, Bauherr Hines, München. Spitzname (von Georg Kronawitter oft benutzt): Vierkantbolzen. Hauptnutzer war bis 2014 Telefónica Deutschland. Verkauf  des Hochhauses und einem Nebengebäude 2006 an Government of Singapure Investment Corporation (300 Mill. Euro); 2017 Weiterverkauf an Europa Capital und Bayern Projekt. (Aus Wikipedia; abgerufen 22.2.2021).

Plantreff zu Hochhäusern. Am 10.12. und 15.12.2020 sowie am 19.2.2021 organisiert das Referat für Stadtplanung und Bauordnung eine digitale Gesprächsreihe: Hoch hinaus – Wie macht ihr das? – Hoch hinaus – Wie findet ihr das? – Hoch hinaus – Was bringt es uns?
Die Veranstaltungsreihe wird doch nicht rein zufälligerweise mit den umstrittenen Hochhäusern der Büschl Unternehmensgruppe an der Paketposthalle zu tun haben? Jene Hochhäusr, die Prof. Mathias Pfeil, der Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege „Investoren-Architektur“ nannte.
Der Architekt und Stadtplaner Dierk Brandt zählte in einem Leserbrief in der SZ die diversen Nachteile von Hochhäusern auf und schrieb zu den „Hoch hinaus“-Veranstaltungen: „Die beiden bisherigen Veranstaltungen des Planungsreferats „Hoch hinaus“ zeigen einen gewissen „Werbecharakter“, getragen durch die Stadtbaurätin und die Vertreter der planenden Verwaltung; mein Eindruck ist, dass die neue Hochhausstudie als ‚Türöffner‘ dienen soll, um Hochhäuser in großer Zahl für München hoffähig zu machen.“ [16]

Das BR-Hochhaus. Der Bayerische Rundfunk hat vor einiger Zeit neue Gebäude an der Floriansmühlstraße in Freimann errichtet und zieht 2024 ganz nach Freimann. Der Stammsitz war jedoch sein Areal am Rundfunkplatz 1 mit dem 1976 gebauten Hochhaus mit 68 Meter Höhe und 19 Geschossen. Deswegen stellt sich die Frage nach der weitere Nutzung des im BR-Besitz bleibenden Geländes. Der Stadtrat will den Erhalt und die Sanierung des Hochhauses und hat das Planungsreferat eingeschaltet. Dieses will nun prüfen, ob Erhalt und Sanierung des Bestandes oder ein Neubau sinnvoller ist. Stadtbaurätin Elisabeth Merk schrieb zum Abriss und der weiteren Verwertung des wertvollen Areals, dass der Gewinn aus neuem Baurecht und Vermietung dem BR und damit „in vollem Umfang der Allgemeinheit zu Gute“ käme. Stadtrat Paul Bickelbacher (Grüne) zufolge käme an Stelle des alten ein neues Hochhaus: also warum sollte man nicht das alte sanieren. Heike Kainz (CSU) stimmte dem zu. Brigitte Wolf (Die Linke) erwähnte die graue Energie, die im alten Hochhaus vergegenständlicht ist. Jörg Hoffmann (FDP) verwies auf die gut sanierten Hochhaustürme der deutschen Bank in Frankfurt. [17]

Hochhäuser ersticken. Der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl hat Kopenhagen lebenswerter gemacht: „Heute wissen wir: Um das Leben in einer Stadt zu ersticken, gibt es keine effizienteren Mittel als Autos und Wolkenkratzer.“ [18]

„Mythos Hochhaus“. So nannte Claudia Bernhard von der Fraktion Die Linke in der Bremischen Bürgerschaft ihr Diskussionspapier und referierte die gängige Kritik: – Höhe bringt nicht mehr Dichte, sondern vier- bis sechsgeschossige Wohnhäuser. – Hochhäuser sind Platzverschwender: Sie müssen wegen des Schattenwurfs isoliert stehen. – Verkehrs- und Freiflächen um das Hochhaus brauchen Platz. Je höher gebaut wird, umso mehr Platz brauchen Baustatik, Aufzüge, Rettungswege, Brandschutz, Gebäudetechnik. – Hochhäuser sind ökologisch schlechter: Sie versiegeln zwar von ihrem Grundriss weniger Fläche, brauchen aber z. B. mehr Energie: für Beförderung, Klimatisierung, Beleuchtung, Wassertransport, Sicherheitstechnik etc. – Sie behindern den Luftaustausch, verschatten. – Hochhäuser sind im Bau und Unterhalt sehr teuer: Die Baukosten liegen bis zu 50 Prozent über normalen Gebäuden; die Betriebskosten liegen wegen Energieverbrauch und technischer Infrastruktur auch bis zu 50 Prozent höher. Beim Ausfall letzterer wird ein Hochhaus umgehend unbewohnbar. – Hochhäuser schaffen keinen bezahlbaren Wohnraum. Meist gibt es Luxuswohnungen (gerade im oberen Bereich) neben einigen wenigen Sozialwohnungen, meist mit separatem Eingang. – Hochhäuser sind unsozial. – Sie fördern die Isolierung und sind für Familien mit Kindern ungeeignet. – Sie benötigen höhere Sicherheit, Kontrolle und Überwachung. – Hochhäuser sind ein langfristiges Risiko für die Eigentümer, da sich z. B. die technischen Anforderungen oft rasch ändern. – Neue höhere Türme sind begehrter als ältere und niedrigere. – Hochhäuser beeinträchtigen die soziale Stadt und ihr Lebensgefühl. [19]

Interview mit Prof. Lydia Haack. Frau Haack ist Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer und äußerte sich – am „Tag des Wolkenkratzers“ am 3.9.2021 im tz-Interview zu Hochhäusern. Sie verbinde nicht sehr viel mit Wolkenkratzern: „München ist ja nicht gerade bekannt für seine Wolkenkratzer.“ Die im Bürgerentscheid von 2004 festgesetzte Grenze von 100 Metern hielt Haack für überholt. Für München sei wichtig, welche Standorte infrage kommen könnten. Da könnten dann auch 100, 120 oder 150 Meter gebaut werden. Haack nannte die Standorte an den Gleisen zwischen Hauptbahnhof und Pasing, den DB-Nordring und das Gewerbegebiet im Osten. Zu beachten beim Hochhaus-Bau ist auch unbedingt die Qualität und nicht die maximale Quantität. „Daneben ist der Umgang mit dem Klimawandel heute das wichtigste beim Bauen.“ Haack nannte einen negativen CO2-Fußabdruck durch Nutzung natürlicher Materialien. Hohe Gebäude müssten durch Nutzung von Solar- und Windenergie energetisch autark werden. Bei der Standort-Frage ist auch wichtig: „Wem kommt das Hochhaus zugute, wer nutzt es und welches Milieu etabliert sich dadurch in dem Stadtteil?“ Als Vorteil von Hochhäusern nannte Haack „eine verhältnismäßig geringe Versiegelung von Grund und Boden“. Allerdings müsse der Bodenspekulation Einhalt geboten werden. „Hoch bauen ist ein Sonderrecht – was gibt es an Gegenleistungen?“ Das Erdgeschoss müsse für die Allgemeinheit zugänglich sein. An Nachteilen nannte Haack die „Verschattung der Nachbarschaft“ und die höheren Abstandsflächen im Verhältnis zur Höhe. Dazu ist die technische Ausstattung komplizierter; hinzu kommt das Problem des Brandschutzes. [20]

Münchner Forum aktiv. Das Münchner Forum zeigte seine Ausstellung Schöne Aussichten – wollen wir das? vom 24.1. bis 2.2.2022 im Bürgersaal Fürstenried, die verschiedene Hochhaus-Projekte im 19. Stadtbezirk thematisiert. Es ist die Fortsetzung der Ausstellungen Zukunft Neuhausen im Trafo in Neuhausen und Von oben herab im Schloss Nymphenburg. Dazu organisierte das Münchner Forum am 25.1.2022 eine Podiumsdiskussion „Hochhäuser verändern den Münchner Südwesten“ und am 1.2.2022 einen Vortrag vom Architekten und Stadtplaner André Perret: „Auswirkungen der Hochhausstudie auf den Münchner Süden“.

Pro und Kontra. Moderator Hilmar Sturm vom Münchner Forum ließ zwei Protagonisten diskutieren: Ludwig Weidinger (CSU), BA-Vorsitzender für die Kontra-Seite und Alexander Aichwalder (Grüne) für die Pro-Seite. Weidinger sprach sich gegen Gebäude über 60 Meter Höhe in seinem Stadtgebiet aus – und damit auch gegen die drei auf dem ehemaligen Katzenberger-Gelände geplanten. (Vgl.: Gewerbeband  Obersendling) Weidinger kritisierte auch die Stadtplanung, die hier eine übertriebene Verdichtung – bei gerade einmal 200 Wohnungen -, genehmigt hatte und die beim Campus Süd laufend das Baurecht erhöht hat. Aichinger hielt Hochhäuser für eine Art lebenswerte Urbanität. München müsse in die Höhe bauen, „weil sonst in der Breite verdichtet wird“. Beim Katzenberger-Areal lobte er die „hundertprozentige“ Aufwertung des Areals.
Das ist keine Kunst: Ein stillgelegtes Betonwerk wird abgerissen und neu bebaut: Das kann nur eine Aufwertung sein. Aber gegen die monströse Verdichtung mit den drei 80-Meter-Hochhäusern hat Aichwalder im Gegensatz zur Mehrheit im BA nichts einzuwenden.
Weidinger und Aichwalder kritisierten beide den Umgang mit dem Entwurf einer Hochhausstudie, der bereits Bauvorhaben beeinflusse. Dazu scheint die Einteilung des Münchner Stadtgebiets in Zonen nicht gerechtfertigt: Es solle jeweils eine Einzelprüfung erfolgen. Beide Diskutanten kritisierten am Planungsreferat fehlende Transparenz und Bürgerbeteiligung. Weidinger äußerte, er fühle sich oft „durch Investoren besser informiert als durch die Stadtverwaltung“.
Der ehemalige Stadtkämmerer Max von Heckel (SPD) konstatierte eine schon länger dauernde Höhenentwicklung Münchens, welche nur die Illusion erwecke, dass alle hier untergebracht werden könnten. Die neue Hochhaus-Politik heize die internationale Bodenspekulation erst richtig an und verhindere damit bezahlbaren Wohnraum. Die Münchner Stadtpolitik sei fixiert auf Investoren: „Nachdem die sich in Berlin, Paris und London ausgetobt haben, suchen sie sich bei uns ein neues Betätigungsfeld.“ [21]

Wie hoch sind sinnvolle Gebäude? Darum ging es in dem Gespräch mit dem Hochhaus-Spezialisten Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen an der TUM. Seine Thesen: Ein Hochhaus schneidet schlechter ab als eine Blockrandbebauung. Die Nachteile kommen vom Platzbedarf für Aufzüge, Fluchttreppen, Lüftung und weiterer Technik. „Wenn es in großen Hochhäusern von über 100 Metern Höhe eine Batterie mit acht Aufzügen und mehr im Inneren gibt, dann ist es erschreckend, wie wenig nutzbare Fläche um diesen Erschließungskern herum noch bleibt. Je höher man geht, desto ineffizienter wird die Geschossfläche.“ Es bleibt auch nicht unbedingt mehr Fläche am Boden frei, weil das gesamte Grundstück als mehrgeschossige Tiefgarage unterbaut werden muss. Dies kostet wiederum viel Beton und damit viel CO2. Vom Baurecht her gilt jeder Bau über sechs Geschosse als Hochhaus, weil die Feuerwehr nicht mehr über Leitern löschen kann. Ab 60 Meter gelten verschärfte Regeln für Brandschutz und Fluchtwege. „Was tragen Hochhäuser zur Nachhaltigkeit bei? Und da muss ich sagen: nichts.“ Für Auer sind drei Türme mit je 60 Meter Höhe besser als ein Turm mit 180 Meter. Hinzu kommen Probleme mit Fallwinden, Reflexionen der Glasfassaden. [22]
Auch das Problem der Verschattung existiert: siehe die Simulationen im Zusammenhang mit den Büschl-Hochhäusern an der Paketposthalle.

Ein Hochhaus kommt selten allein. Sebastian Krass hat in der neuen SZ-Serie „Wie die Stadt wächst“ einige Hochhausstandorte beschrieben. Das Areal an der Ecke Zamdorfer und Klausenburger Straße an der A 94 hatte das Immobilienunternehmen CV Real Estate AG 2017 für 50 Millionen Euro gekauft und danach auf seiner Homepage das Projekt One Hundred East vorgestellt: zwei Bürotürme mit etwa 85 Meter Höhe. Ende 2020 verkaufte CV Real Estate mit seinem Partner KanAm Grund das Areal für eine knappe dreistellige Millionensumme an den österreichischen Investor Imfarr. Die bislang nur als Entwurf vorliegende Hochhausstudie der Stadt verschaffte dem Areal ein „signifikant höheres Baurecht“, wie ein CV-Vorstand äußerte. Die neuen Eigentümer kauften noch ein Nachbargrundstock, sodass sie über ca. 8 Hektar Fläche verfügen. Imfarr plant bei seinem Projekt East ebenfalls Hochhäuser, allerdings vermutlich höher. Auf www.imfarr.com wurden am 12.6.2022 „ca. 190.000 qm Bruttogeschossfläche“ genannt. (Imfarr scheint sich förmlich in die Münchner Hochhaus- und Immobilienszene einzukaufen: 2021 wurden die Highlight-Towers an der A 9 für etwa 650 Millionen Euro gekauft, dazu das Omega Portfolio der HVB und Stadtentwicklungsgebiete im Münchner Süden. [23] Weitere Projekte von Imfarr: Elementum (größtes Neubauprojekt der Münchner Innenstadt gegenüber dem Hauptbahnhof), Büro- und Geschäftsneubau am Stachus (durch Abriss des Parkhauses).
In der Hochhausstudie der Stadt (Extrakt folgt demnächst hier im Lexikon) sind fünf Zonen aufgeführt, in denen „Stadtzeichen“ mit mehr als 80 Meter denkbar sind. Die Zamdorfer Straße gehört dazu, ein Bereich am Frankfurter Ring und der A 9, drei kleinere Bereiche am Arabellapark, am Georg-Brauchle-Ring und an der Donnersbergerbrücke, Friedenheimer Brücke und Heimeraner Platz. [24]

„München auf dem Weg zur Hochhausstadt?“ So lautete eine Anfrage der Stadtratsfraktion Die Linke/Die Partei vom 30.11.2021 an OB Dieter Reiter (SPD), die Stadtbaurätin Elisabeth Merk vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung am 6.7.2022 (über ein halbes Jahr später) beantwortete. Auszüge daraus: – Die neue Hochhausstudie (derzeit im diskutierten Entwurf)ist ein „informelles Planungsinstrument“ und weist kein Baurecht für Hochhäuser aus, ebenso keine Standorte. Sie soll 29022 im Stadtrat endgültig entschieden werden. – Eine Höhe von über 40 Meter haben etwa 240 Gebäude im Münchner Stadtgebiet. Seit 2015 wurden fünf Bauanträge hierzu gestellt. – Für Hochhäuser über 80 Meter gibt es im Bestand 19 Gebäude. Seit 2015 wurden folgende Anträge bei der LBK gestellt: Hotel Atelierstraße 22 im Werksviertel; Hochhausensemble am Vogelweideplatz (Bavaria Towers, realisiert), Bürohochhaus Richard-Strauss-Straße 76 (97 m). Weitere Projekte: Zwei Hochhäuser Paketpost-Areal mit 155 m; Mo’Ander, Moosacherstraße (78 bis 99 m). [25]

Münchner Architekt wirbt für Hochhäuser. Fabian Ochs erklärte im Interview der Abendzeitung, er hätte gehofft, dass nah dem Bürgergutachten die Diskussion um die Büschl-Hochhäuser an der Paketposthalle beendet sei. Die Hochhausdiskussion „schreckt in München übrigens sehr viele Investoren ab…“
Gut so!
Ochs hält ein Bürger- und ein Ratsbegehren für den völlig falschen Weg: „Die Büschl-Hochhäuser sind sehr schön und würden einer Stadt wie München gut stehen.“ Im Übrigen hält Ochs (entgegen den Aussagen vieler Experten; WZ) es für „eine falsche Legende, absolut unseriös, dass Hochhäuser nicht nachhaltig und ökologisch sind“. Außerdem ermöglichten sie eine höhere Dichte: „Wenn man rund um den Stadtrand regelmäßig Hochhäuser setzen würde, könnten theoretisch etwa doppelt so viel Münchner hier leben.“
Wer will das? Und welche Konsequenzen hätte dies? Das wäre noch grauenvoller als der Ist-Zustand.
Laut Ochs kommt der Widerstand von einer Minderheit, „die gute PR macht und besonders laut ist“.
Laut sind eigentlich die Stadtspitze und die Stadtverwaltung – und zwar PRO Hochhäuser, und mit viel medialer Unterstützung.
Ochs zieht den Hut vor Büschl, „dass er das Projekt an der Paketposthalle weiter durchzieht … Das Büschl-Projekt würde auch die einzigartige Paketposthalle aufwerten. Je höher, desto besser, denn umso eleganter wirkt das, bis etwa 3200 Meter.“ [26]

Klinik-Hochhäuser in Thalkirchen. Das Internistische Klinikum München-Süd und das Artemed-Klinikum München Süd (die frühere Rinecker-Klinik) sollen modernisiert werden: Neu gebaut werden sollen zwei elf- und dreizehnstöckige Wohntürme für das Krankenhaus-Personal mit bis zu 40 Metern Höhe. Mitglieder des BA Thalkirchen-Obersendling sahen die Gefahr einer „Hochhaus-Skyline an der Isar“, wie schon vorher die Stadtgestaltungskommission. Alexander Aichwalder (Grüne) forderte dagegen Bauhöhen von 35 Meter, da man sonst auf dringend benötigte preisgedämpfte Wohnungen verzichten müsse. Henriette Holtz, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im BA, kritisierte eine Klinik-Planung anhand der Idylle eines Dorfkerns, der in Thalkirchen real gar nicht mehr existiere. Die BA-Mehrheit votierte dann aber lieber für eine Verdoppelung des Baurechts, als für die beiden Hochbauten. [27]

SPD gegen Bürgerentscheid. Am Samstag, den 16.7.2022 hielt die Münchner SPD ihren Parteitag ab. Im Vorfeld hatte der Vorstand einen drei Seiten langen Antrag vorgelegt, in dem die SPD Höhengrenzen ablehnt und es statt der Höhe für wichtiger hält, wie viel bezahlbarer Wohnraum entsteht und wie ökologisch ein Gebäude ist. Ein Bürgerentscheid wird abgelehnt. Auch die Münchner Jusos lehnten diesen ab. Juso-Chef Benedict Lang: „Ein solcher Bürgerentscheid mobilisiert nur die, die gegen Hochhäuser sind.“ Die SPD unterstützt die (bisher nur im Entwurf vorgelegte) Hochhausstudie des Planungsreferats. Außerdem habe es zum Paketpostareal eine Bürgerbeteiligung inform des Bürgergutachtens  gegeben. [28]
Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung hat z. B. die Referentenliste mit zwei Drittel mit Befürwortern besetzt: soviel zum Thema Objektivität und Beteiligung.
Nachtrag: Nur z
wölf Prozent der Delegierten (nämlich 12 von 100) haben am 16.7.2022 gegen Hochhäuser gestimmt. Bei den Büschl-Hochhäusern hatte die SPD bereits zugestimmt. Einen Ratsentscheid lehnte die SPD ebenfalls ab. Die Hochhaus-Kritiker waren u. a. Gerd Baumann (warf der SPD „Diskussionsverweigerung“ und die Verwendung von Büschls „Propaganda-Fotos“ vor) und der frühere MdL Rainer Volkmann (warf seiner Partei vor, München zur Hochhausstadt zu machen). Die SPD-Mehrheit war der Ansicht, der Stadtrat habe das Mandat, Hochhäuser zu genehmigen. Ein Ratsbegehren, so der Münchner SPD-Vorsitzende Christian Köning, würde die Debatte darüber weder befrieden noch beenden. [29]
Dazu der Leserbrief von Birgit Baumeister in der SZ: „In den Tagen, an denen der Klimawandel hautnah spürbar ist und überall der Klimanotstand ausgerufen wird, jubelt die SPD Hochhäusern entgegen, deren CO2-Fußabdruck München platt machen wird. Aber so, wie einige früher dachten, dass der Strom aus der Steckdose kommt, denkt die SPD heute, dass Hochhäuser bezahlbaren Wohnraum schaffen. Armes München, armes Klima, reiche Investoren.“ [30]

Münchner FDP pro Hochhäuser. Die Münchner FDP setzt sich für Planung und Errichtung von Hochhäusern ein und veranstaltet eine Podiumsdiskussion zu den Themen: „Warum gibt es in München so wenig Hochhäuser? Welche Chancen und Risiken bieten Hochhäuser für die Stadtentwicklung? Welche architektonischen oder künstlerischen Aspekte sind zu beachten? Was sind die Alternativen zu Hochhäusern?“ [31]

Drei neue Hochhäuser in Obersendling. Der Münchner Investor Salvis plant drei Hochhäuser mit 80 Meter Höhe und rund 170.000 qm Geschoßfläche an der Kreuzung Boschetsrieder Straße / Machtlfinger Straße. Auf dem 5 Hektar großen Gelände war früher ein Siemens-Gebäude und ein Betonwerk (Zwischennutzung: Sugar Mountain). Hier sollen 5000 Arbeitsplätze, 220 Wohnungen, ein Hotel, Gewerbeflächen und Kulturflächen entstehen. Zunächst war die Bayerische Landesbank interessiert, zog jedoch zurück. Der Planungsausschuss des Stadtrats hat das Projekt im September 2022 gegen die Fraktionen von ÖDP/München-Liste und Die Linke/Die Partei beschlossen. Die zwei Architekturbüros KCAP Rotterdam und Cobe Kopenhagen sollen einen Gemeinschaftsentwurf vorlegen. Der Investor versprach einen höheren Anteil an recycelten Baumaterialien. Das gesamte Areal mit 50.000 qm soll mit einer Tiefgarage komplett unterbaut werden. Stadtrat Paul Bickelbacher (Grüne) hat den Investor gebeten, wenigstens die Möglichkeit für einen „richtigen Baum“ vorzusehen. Rot-grün will nun den Investor zu einem höheren Anteil von Photovoltaik-Anlagen auf 60 Prozent der Dachfläche verpflichten. [32]
Der übliche Münchner Hochhaus-Kuhhandel oder besser Ablass-Handel: Ein riesiges Areal wird komplett unterkellert – mit entsprechenden negativen Folgen bezüglich Versiegelung, und als Kompensation soll der Bauherr mehr PV aufs Dach packen. Und das Verhältnis 5000 Arbeitsplätze zu 220 Wohnungen spricht Bände. Aber vielleicht werden es ja aufgrund der kommenden Wirtschaftskrise gar keine 5000 Arbeitsplätze…

„Haushoch wohnen“. So hieß eine Veranstaltung der Akademie der Schönen Künste. Der Professor für Gebäudetechnologie, Thomas Auer (TU München), forscht u. a. über klimaneutrale Gebäude und äußerte: „In der Höhe braucht es mehr Materialeinsatz. Hochhäuser haben einen erhöhten Ressourcenverbrauch in Bau und Betrieb.“ Es gibt bei Hochhäusern Probleme bei der Windexposition, dem Sonnenschutz, der Verglasung. Auer benannte als kritische Höhe 60 Meter da darüber erhöhte Anforderungen an Brandschutz und Fluchtwege bestehen. Für Architekt Rainer Hofmann sind Hochhäuser eine Lösung für den brutalen Wohnungsdruck in der Stadt: Hier könnte der Fokus auf Mietwohnungen und bezahlbarem Wohnraum gelegt werden. Er benannte eine Grenze von 75 Metern. Dagegen wandte sich Architekt Peter Scheller und nannte dies „Verzwergung“: „Größenwahn wohnt einer Stadt inne.“ Für Professorin für Städtebau, Karin Schmid, hat München „Achsen die Wahrzeichen vertragen“ nämlich über 100 Meter. Schmid ist im Büro 03 arch, das die (bisher immer noch als Entwurf existierende) Münchner Hochhausstudie geschrieben hat. Stadbaurätin Elisabeth Merk sprach sich für „Landmarks“ aus, für Stadtzeichen. Zu den Büschl-Hochhäusern an der Paketposthalle erklärte sie, die Achse würde „architektonische Prägnanz“ vertragen. Die Hochhäuser gäbe es nur wegen des Denkmals Paketposthalle, die dafür vom Investor Büschl saniert wird. [33]
Dies ist übrigens vertraglich alles andere als in trockenen Tüchern.

Vgl. auch: Hochhaus-Entscheid, HochhausSTOP, Paketposthalle

Fußnoten und Quellen

  1. Fischer, Otto, Die Domtürme sollen das Höchste bleiben, in SZ 15.10.1988
  2. Dürr, Alfred, Kronawitter will mit München hoch hinaus, in SZ 14.9.1992
  3. Im Osten was Hohes, in SZ 11.3.2002
  4. Virilio, Paul, Panische Stadt, Verlag Passagen, Wien 2007
  5. Patzig, Johannes, Hochhäuser in München: ein historischer Streitfall (Folge 6), in merkur.de 17.6.2009
  6. Knapp, Gottfried, Münchner Kirchturmpolitik, in sueddeutsche.de 10.5.2010
  7. Hutter, Dominik, Träumen von der Trabantenstadt, in SZ 6.7.2017
  8. Krass, Sebastian, Die 100-Meter-Marke wackelt, in SZ 28.1.2019
  9. Dürr, Alfred, Entree auf Stelzen, in SZ 20.3.2019
  10. Dürr, Alfred, Hoch hinaus, in SZ 20.11.2019
  11. Büro 03 Architekten GmbH, Hochhausstudie München, Fachgutachten, Kurzfassung, München 2020, S. 5
  12. Krass, Sebastian, Es geht hoch hinaus – und hoch her, in SZ 13.12.2019
  13. Krass, Sebastian, Bauen ohne Bürgervotum, in SZ 6.2.2020
  14. Alle Zitate: Adjorján, Johanna, „Der Ausblick nutzt sich ab, in SZ 23.12.2020
  15. Apartment heißt im Englischen: Wohnung
  16. Brandt, Dierk, Eigentlich nur Nachteile, in SZ 23.1.2021
  17. Krass, Sebastian, Ein Hochhaus, das „jeder vermissen“ möchte, in SZ 11.3.2021
  18. Büchse, Nicolas, So wollen wir leben!“ in Stern 21/20.5.2021
  19. Bernhard, Claudia, Mythos Hochhaus, ein Diskussionspapier, Bremen, Mai 2021
  20. Piesch, Philip, „Diese  Grenze pauschal für München auszugeben, ist überholt“, in tz.de 3.9.2021
  21. Wolfram, Jürgen, Der Drang in die Höhe ist unübersehbar, in SZ 28.1.2022
  22. Alle Zitate: Krass, Sebastian, 60 Meter – „ein gutes Maß“, in SZ 15.2.2022
  23. Wiener Imfarr kauft Münchner Wahrzeichen „Highlight Towers“, in diepresse.com 18.5.2021
  24. Krass, Sebastian, Luft nach oben?, in SZ 7.6.2022
  25. Antwort Prof. Elisabeth Merk vom 06.07.2022
  26. Alle Zitate:  Ince, Hüseyin, Münchner Architekt über Hochhäuser: „Je höher, desto eleganter“, in abendzeitung-muenchen.de 11.7.2022
  27. Wolfram, Jürgen, Wohntürme in der Kritik, in SZ 12.7.2022
  28. Hertel, Christina, Hochhaus-Debatte in München: SPD will Bürgerentscheid ablehnen, in abendzeitung-muenchen.de 14.7.2022
  29. Effern, Heiner, SPD will Hochhäuser generell zulassen, in SZ 18.7.2022
  30. Baumeister, Birgit, Hochhaus-Holzweg, in SZ 26.7.2022
  31. Podiumsdiskussion: Bauen in München – hoch hinaus statt weiter so?, Ort: Neue Siederei, Taunusstraße 21 am 27.7.2022
  32. Krass, Sebastian, Beton vor den Bergen, in SZ 28.9.2022
  33. von Steinburg, Eva, Mehr „harmlose Hochhäuser“: 75-Meter-Wolkenkratzer für München, in abendzeitung-muenchen.de 20.10.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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