Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Signa

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 26.9.2022

Aus Wikipedia: „Die Signa Holding GmbH (Eigenschreibung: SIGNA) ist ein österreichisches Immobilien- und Handelsunternehmen in privater Hand mit Handelsbeteiligungen in Europa. Das Unternehmen wurde im Jahr 2000 von René Benko gegründet, der sich 2013 aus der operativen Unternehmensführung zurückzog. Aus einem Zwei-Mann-Unternehmen, das zunächst auf klassische Immobilienentwicklung fokussiert war, ist mittlerweile ein gesamteuropäisches Immobilien- und Handelsunternehmen mit diversen Bürostandorten und einer Bilanzsumme von 25 Milliarden Euro geworden. Seit Ende 2018 ist Signa auch im Mediengeschäft tätig. Seit 2013 hat Signa zwei eigenständige Kerngeschäftsbereiche: Signa Real Estate (Immobilien) und Signa Retail (Handel). Im selben Jahr erwarb die Gruppe über die Signa Retail die Mehrheit am deutschen Sportartikelhändler Karstadt Sports und an Karstadt Premium (mittlerweile The KaDeWeGroup), und stieg damit erstmals auch in das operative Handelsgeschäft ein. Im Sommer 2014 übernahm Signa zusätzlich die komplette Karstadt Warenhaus GmbH. Seither folgten weitere Beteiligungen im Handelssegment. 2018 erfolgte, nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Übernahme von Galeria Kaufhof.“
Signa Real Estate hat zehn Standorte in Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz, u. a. das KaDeWe in Berlin und das Alsterhaus in Hamburg. Der Geschäftsbereich beschäftigt 350 Mitarbeiter und verwaltet ein Immobilienvermögen von 14 Milliarden Euro. Der Immobilienteil hat fünf unabhängige Bereiche: Signa Prime Selection, Signa Development Selection, Signa Funds, Signa Innovations und Signa Luxury Hotels. Signa Retails umfasst den Handelssektor und ein Joint Venture mit Eataly, beschäftigt rund 46.000 Mitarbeiter an 320 Standorten und macht einen Umsatz von über sieben Milliarden Euro. [1][2]

Kauft was Gutes, kauft Bullinger. Signa kauft und kauft und kauft in Münchens Innenstadt. Nun hat Benkos Signa-Immobiliensparte „Prime Selection“ nach dem „Oberpollinger“ und der „Alten Akademie“ in der Fußgängerzone das Gebäude vom Büromittelhändler Kaut-Bullinger an der Rosenstraße 8 am Marienplatz gekauft, nahe der Galeria Kaufhof. Signa hat Karstadt 2014 und Galeria Kaufhof 2018 übernommen und zur Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) vereint. In der Rosenstraße 9 rechts von Kaut-Bullinger ist oben Galeria Kaufhof, im Erdgeschoss das Restaurant „Zum Spöckmeier“. Die Rosenstraße 9 gehört zum Teil ebenfalls bereits Signa.
Der Kaufpreis für die Rosenstraße 8 soll im hohen achtstelligen Bereich liegen; damit wird die zukünftige Gestaltung der Miete so hoch werden, dass ein Schreibwarenladen sie nicht mehr aufbringen kann. [3]

Karstadt am Hauptbahnhof. Das Kaufhaus-Gebäude am östlichen Bahnhofsplatz steht unter Denkmalschutz: Diese Flächen behält Karstadt. Das Gebäude dahinter wird abgerissen: Hier wird ein Neubau mit Büros, Geschäften und Gastronomie nach Plänen von Allmann Sattler Wappner errichtet. [4]

Insolvenzverschleppung bei Galeria Karstadt Kaufhof? Die Essener Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung gegen Mitglieder der Geschäftsführung von GKK eingeleitet. Der Vorwurf: GKK sei schon im Januar 2020 insolvent gewesen. Ein GKK-Anwalt bestritt den Insolvenz-Zeitpunkt Januar 2020. Ab Januar 2020 blieben die Sozialabgaben partiell unbezahlt, ebenso Abfindungen, die für gekündigte Mitarbeiter durch ein Gericht im Februar 2020 bestätigt wurden. GKK hatte Anfang April 2020 einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung gestellt, viele Standorte geschlossen und Tausende Mitarbeiter gekündigt. Im September 2020 war GKK schuldenfrei, da Gläubiger auf Forderungen von über zwei Milliarden verzichten mussten.
Nun ist GKK durch den neuen Corona-bedingten Shutdown von Mitte Dezember 2020 erneut in Schwierigkeiten: Allein die monatliche Fixkosten sollen bei 80 Millionen Euro liegen. Der Bund hat GKK am 27.1.2021 mit einem „Nachrangdarlehen“ von bis zu 460 Millionen Euro versehen. Ein Insolvenzverwalter bezweifelte, dass GKK seine Schulden jemals tilgen könne und sprach von „vergeudeten Steuergeldern“, die eine neuerliche Insolvenz nur verzögern würden. Es handle sich um eine „staatlich finanzierte Insolvenzverschleppung“. Der Bund hat im März 2020 die Insolvenzantragspflicht ab 1.1.2020 ausgesetzt: Wenn ein Schuldner bis 31.12.2019 nicht insolvent war, gilt für ihn die Vermutung, dass eine eventuelle Insolvenz eine Folge der Corona-Pandemie ist. [5]

Signa Gruppe in Luxemburg. Das Recherche-Team der SZ hat im Rahmen der Open Lux Investigation den Signa-Konzern unter die Lupe genommen. In Luxemburg sind über 130 Gesellschaften von René Benko bzw. seiner Signa-Gruppe gemeldet, die ihm direkt oder indirekt gehören. Auch drei Münchner Immobilien laufen über Luxemburg: die Alte Akademie und die Karstadt-Filialen. 2018 wurden von Karstadt München 12,73 Millionen Euro nach Luxemburg überwiesen, 2019 waren es 12,94 Millionen Euro.
Die Muttergesellschaften in Luxemburg gewähren den örtlichen deutschen Filialen hohe Darlehen gegen Verzinsung und mindern damit die Gewinne vor Ort: ein Steuersparmodell. So bekam das luxemburgische Benko-Unternehmen, dem Karstadt am Hauptbahnhof gehört, gemäß der Bilanzen von 2016 und 2017 Millionen-Darlehen, natürlich gegen Verzinsung: Damit machte Karstadt am Bahnhof offiziell Verluste. Der Staat verlor dadurch Steuereinnahmen.
2016 und 2017 sind über 100 Millionen Euro von Signa-Unternehmen als Vorab-Dividende nach Österreich überwiesen worden: Diese sind in Österreich fast steuerfrei. Benko hat in Luxemburg seine über 130 Gesellschaften an derselben Adresse gemeldet: im Gewerbegebiet Senningerberg, Airport Center, 5, rue Heienhaff. 1736 Luxemburg. [6] Benkos zahllose Firmen haben hier ganze zwei Briefkästen. Auch die Alte Akademie ist vertreten.
In München stehen auf dem Briefkasten am Signa-Sitz am Maximiliansplatz ebenfalls über 70 Firmen. Hier trafen sich die SZ-Rechercheure mit zwei leitenden Signa-Managern und einem Unternehmensberater. Diese erklärte, aus dem eineinhalb-Stunden-Gespräch dürfe nichts wiedergegeben werden.
Der Münchner OB Dieter Reiter äußerte zu René Benko und seiner Signa Holding: „Ihm gehört die halbe Innenstadt, und wir können es nicht aufhalten.“ [7]

Signa, Benko und Sauter. Am 16.5.2018 traf sich bei Käfer in der Prinzregentenstraße MdL Alfred Sauter (CSU) mit 15 Managern und Industriellen, darunter René Benko, dessen Signa Konzern nach Auskunft der SZ schon lange Mandant von Sauters Kanzlei ist. [8]

Signa-Erlebnistempel. Das Gebäude von Karstadt am Hauptbahnhof (vorher Hertie) wurde 1904 gebaut und steht unter Denkmalschutz. 2017 übernahm Signa den langen Gebäudekomplex an der Schützenstraße zwischen Hauptbahnhof und Stachus. Ab Herbst 2021 werden die Gebäude zwei Jahre kernsaniert; der Anbau wird abgerissen und durch einen Neubau mit zwei Geschäftsetagen und sechs Büro-Geschossen ersetzt. Signa wird bis 2026 knapp 500 Millionen Euro investieren. [9]

Insolvenz von GKK. 2020 hat GKK einen Insolvenzantrag gestellt: Gläubiger gingen über zwei Milliarden Euro verloren. GKK hat 40 Filialen geschlossen. Der Konzern erhielt im Januar 2021 einen Staatskredit über 460 Millionen Euro (siehe oben) und verhandelte im April 2021 über weitere 200 Millionen Euro. GKK-Chef Miguel Müllenbach bestätigte einen Umsatzverlust von 1,8 Milliarden Euro und einen Verlust von etwa 100 Millionen Euro pro Monat. [10]

Rosenstraße 8 geht an Signa. 200 Jahre lang gab es das Schreibwarengeschäft Kaut-Bullinger in München. 2020 verkauften die zwei Eigentümer-Familien das Geschäftshaus Rosenstraße 8 an den Signa-Konzern von René Benko: Der Preis lag laut dem Geschäftsführer von Kaut-Bullinger, Robert Brech, zwischen 80 und 100 Millionen Euro. Ende Februar 2022 wird Kaut-Bullinger in der Rosenstraße geschlossen. [11][12]

Signa-Gruppe und die Spende. Neben René Benko hat die Wiener Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKSt) auch Anklage wegen Amtsmissbrauch, Bestechlichkeit und Bestechung gegen neun weitere Geschäftsleute erhoben. Sie sollen vom früheren Wiener Kommunalpolitiker Christoph Chorherr, ehemaliger Gemeinderat und Planungssprecher der Wiener Grünen, mit Spenden für Chorherrs Schulprojekt-Verein S2Arch Baugenehmigungen in Wien erhalten haben. Dem Investor Benko warf die WKSt vor, am 15.11.2011 100.000 Euro in Zusammenhang mit dem Signa-Projekt Hauptbahnhof Business Center gespendet zu haben. Signa und Chorherr wiesen die Vorwürfe zurück. Die WKSt sah es in ihrer Anklageschrift mit 55 Seiten als erwiesen an, dass die Spender sich mit ihren Spenden eine „gewogene Amtstätigkeit“ versichern wollten. Die WKSt verwies auch auf eine strafrechtliche Verurteilung von Benko wegen einer „verbotenen Intervention“ im Jahr 2012. [13]

Noch mehr Staatshilfe für GKK. Im Januar 2022 wurde über einen weiteren Staatskredit für GKK in Höhe von 240 Millionen Euro verhandelt. Bis zu 20 Prozent sollen von Benkos Signa-Gruppe kommen, der Rest vom Staat. Die Beteiligung von Signa wurde vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) gefordert; beide hatten zunächst auch eine Sicherheit verlangt. (460 Millionen Euro hatte der Konzern bereits im Januar 2021 erhalten, siehe oben.) Bei GKK soll es im Dezember 2021 zu einem Umsatzrückgang von 40 Prozent gekommen sein. GKK hat erst spät mit dem Ausbau des Online-Geschäfts begonnen. [14]

Signa- und Benko-Porträt im Spiegel.
Die Unterstützer
. René Benko hat den Aufstieg zum Multimilliardär geschafft, weil er von den Mächtigen im Land unterstützt und von großen Banken und Versicherungen unterstützt wurde. Seine Finanziers sind neben großen Banken und Versicherungen Klaus Michael Kühne (Kühne & Nagel), Hans Peter Haselsteiner (Strabag), Robert Peugeot (Peugeot Familienholding), Torsten Toeller (Freßnapf), zwischenzeitlich Ernst Tanner (Lindt-Chef). Dazu kooperiert Benko mit der Central Group (Thailand), mit der er vor kurzem die britische Warenhauskette Selfridge für 3,8 Milliarden Pfund kaufte. Mit dem US-Investor Aby Rosen hat Benko das Chrysler Building in New York gekauft; nun eignete er sich auch den Sitz von Morgan Stanley in der 5th Avenue an.
Der Standort-Poker. Düsseldorf: Hier wurde Signa nach Übernahme von GKK Eigentümer eines Kaufhofs plus Immobilie und eines Karstadts gegenüber, beide im Zentrum. Dann begab sich GKK unter das Schutzschirm-Insolvenzverfahren und wollte beide Kaufhäuser schließen. Aus dem Kaufhof-Areal sollte ein Hochhaus mit mehr als 100 Metern entstehen. Als Lockvogel bot man der Stadt an, den Karstadt-Standort zu erhalten. Mit GKK hat die Signa-Gruppe Filetstücke in vielen deutschen Innenstädten bekommen, mit denen dann gepokert wurde.
Berlin: Hier gehört Signa u. a . das KaDeWe, das Zalando-Hauptquartier, der Kaufhof Alexanderplatz mit geplanten 130-Meter-Turm („Galeria am Alex“). Die Stadt hat mit Michael Müller (SPD) einen Letter of Intent unterschrieben: Die Signa-Großprojekte am Alex, am Hermannplatz und am Kurfüstendamm werden von der Stadt unterstützt – und im Gegenzug vier Standorte von Galeria für mindestens zehn Jahre erhalten. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hielt diese Vereinbarung für rechtswidrig. Trotzdem übernahm Franziska Giffey (SPD) Teile der Vereinbarung in den Koalitionsvertrag.
Wien: Signa gehört u. a. das Park-Hyatt-Hotel, die Luxus-Shoppingmeile Tuchlauben im Goldenen Quartier, der Firmensitz im Palais Harrach.
Hamburg:  Hier wollte Benko den 245 Meter hohen Elbtower bauen. Für 122 Millionen Euro bekam er den Auftrag, wobei die Konkurrenten um das städtische Grundstück mehr geboten hatten. Zunächst sahen die Pläne von Signa 98.800 qm Bruttogeschossfläche vor, daraus wurden derzeit 122.000 qm. Markus Schreiber (SPD) sitzt im Haushaltausschuss der Bürgerschaft und erwähnt das „Drohpotential“ von Signa durch zahlreiche Immobilien in der Innenstadt wie seit 2013 das ehrwürdige Alsterhaus.
Bozen: Zuerst hat Benko ein Luxuswohnviertel gebaut, den Busbahnhof versetzt und ein Einkaufszentrum geplant. Nun will er das Naturmuseum Südtirol, das Konzerthaus und den „Ötzi“ auf den Hausberg Virgil verlegen und mit Signa 170 Millionen Euro investieren. Die Stadt darf die Immobilien für 50 Jahre anmieten und Ticketeinnahmen und die Fahrkarten für die (von Signa gebaute) Seilbahn auf den Berg kassieren. Damit würde sich Bozen für 50 Jahre an Signa ausliefern. [15]
Nachtrag März 2022: Das Signa-Projekt Bozen sollte wohl vom Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) unterstützt werden: Dem Spiegel liegt nun eine interne Spenderliste der SVP vom Wahlkampf 2018 vor, wonach über ein halbes Dutzend Unternehmen aus dem Umfeld des Bozener Wirtschaftsanwalts Heinz Peter Hager jeweils 5000 Euro spendeten. (Über 5000 Euro mussten Parteispenden damals veröffentlicht werden.) Hager berät Signa in Italien. Auch Signa-Investor Hans Peter Haselsteiner spendete über eine seiner Firmen 25.000 Euro. [16]
Unklare Verhältnisse. Benkos Signa-Gruppe ist laut Spiegel ein „schier undurchdringbares Geflecht von Hunderten Firmen und Unterfirmen“. Signas Immobiliensparte hat einen Wert von fast 25 Milliarden Euro und machte 2021 einen Gewinn von über einer Milliarde Euro. Galeria ging 2019 in eine Insolvenz in Eigenverwaltung, machte einen Schuldenschnitt von über zwei Milliarden Euro zu Lasten der Gläubiger. GKK bekam vom Staat inzwischen knapp 700 Millionen Euro. Die Prüfer von PricewaterhouseCoopers stellten 2020 fest, dass die Luxushäuser von Signa in den letzten Jahren keinen Nachweis für ein profitables Geschäftsmodell geliefert hätten. Eine von Benkos Hausbanken führte eine SWOT-Analyse durch und nannte als Risiken den Fokus auf Handelsimmobilien, hohe Kapitalkosten durch hochverzinste Bonds und Genussscheine sowie eine intransparente Firmenstruktur. Der letzte Abschluss der Holding war 2018, die liquiden Mittel sind laut Spiegel seit 2017 negativ. Gewinne ergäben sich nur, weil hohe Wertsteigerungen für die Immobilien angenommen wurden. Gleichzeitig gehen aber durch die Corona-Pandemie die Mieten bei Gewerbeimmobilien zurück. [15]

Schon wieder Büro Chipperfield. Bauherr Signa Real Estate von René Benko hat einen Wettbewerb für das Karstadt-Areal zwischen Hauptbahnhof und Stachus ausgeschrieben, den das New Yorker Büro David Chipperfield (mit Atelier Loidl Landschaftsarchitekten) gewonnen hat. Vorsitzender des Preisgerichts war Ludwig Wappner von Allmann Sattler Wappner. Platz zwei belegte das dänische Büro BIG Bjarke Ingels Group, Platz drei das norwegische Büro Snohetta. Das Signa-Areal reicht vom denkmalgeschützten Kaufhausgebäude am Hauptbahnhof bis zum abgerissenen Hotel Königshof. Laut Signa soll ein hoher dreistelliger Millionenbetrag investiert werden: Die Neubauten sollen bis 2026 fertiggestellt sein. Der Stadtdirektor im Referat für Stadtplanung und Bauordnung, Michael Hardi, nannte die Pläne „einen ganz wertvollen Beitrag“ zur Gestaltung der Achse. Erhalten bleibt nur das 1905 errichtete, unter Denkmalschutz stehende Karstadt-Gebäude am Hauptbahnhof: Hier soll wieder Galeria Karstadt eröffnen. Der ganze Rest wird abgerissen. [17]
Vgl.: Promi-Architektur

Nur noch Filetgrundstücke. Architekt Hans Kollhoff schrieb, dass René Benko „nur noch an den Filetgrundstücken interessiert ist und meist gutgehende, von den Stadtbürgern geschätzte Kaufhäuser ausschlachtet, weil sie nicht den Profit abwerfen, den weltweit vagabundierende Geldströme heute erwarten“. [18]

Kampf um Quadratmeter. Nachdem Signa bei der Alten Akademie die Nutzung der frei zugänglichen Arkaden durchgekämpft hatte, wird nun auch beim neuen Signa-Projekt zwischen Hauptbahnhof und Stachus um Quadratmeter gerungen. Der Komplex  soll bis 2026 fertiggestellt sein. Es werden 10.000 Quadratmeter Einkaufsfläche sowie 40.000 Quadratmeter Büroraum geplant. Stadtbaurätin Elisabeth Merk will öffentliche Flächen auf dem Dach. Der Vorstand der Signa-Immobiliensparte, Tobias Sauerbier, schlug umgehend die Erhöhung des mittleren Gebäudes beim Chipperfield-Modell für den öffentlich begehbaren Teil des Daches vor: Damit werde die Aussicht noch besser. [19]

Der Elbtower. Scholz hat noch einen Turm in Hamburg. Als Bundeskanzler Olaf Scholz noch Erster Bürgermeister in Hamburg war, wurde von Signa als Bauherrin der Elbtower mit 245 Meter und Promi-Architekt David Chipperfield in die Wege geleitet. Von Größenwahn und Phallus-Symbol wurde in Hamburgs Bevölkerung geredet, eine Abgeordnete von Die Linke sprach vom „Olaf-Scholz-Gedenkturm“, der sich zwar nicht in die Stadtsilhouette einfügt, aber in den Geldbeutel des Investors Signa. Der Turm mit 100.000 Quadratmeter Geschossfläche auf 64 Stockwerken kostet vermutlich an die 700 Millionen Euro. Wie in München, Düsseldorf und Berlin hat Signa über seine Beteiligung an GKK diverse weitere wertvolle Immobilien in Hamburg, die zumeist über luxemburgische Signa-Ableger verwaltet werden. Die Baugenehmigung für den Scholz-Turm soll an 30 Prozent vermietete Fläche gekoppelt sein: Sie wurde im März 2022 erteilt. Im Jahr 2025 soll das Bauwerk fertiggestellt sein. [20]
Dazu Till Briegleb in der Bauwelt: „Ein riesiger Dinosaurierknochen als östlicher Abschluss der HafenCity, der so genannte Elbtower‘ aus der Designwerkstatt von David Chipperfield, erhielt jetzt nach viel öffentlicher Kritik an dem Projekt seine Baugenehmigung. Und diese neue Stadtkrone an den Elbbrücken formuliert nicht nur weiter das wachstumsgierige Wohlstandsversprechen, das seine ökonomische, ökologische, städtebauliche, soziale, kulturelle und politische Rückständigkeit durch aufwändige Marketing-Kampagnen vertuscht. Dieses Symbol für eine Stadtidee in Investorenhand wird mit Hilfe städtischer Akteure auch noch als ’nachhaltig‘ umetikettiert.
Der 245 Meter hohe Turm, für den geschätzte 80.000 Kubikmeter Beton verbaut werden, setzt allein durch die Herstellung des Zements das Äquivalent des Volumens von 32 Milliarden Luftballons an reinem CO2 in die Atmosphäre frei. Und für diese Leistung erhält das Projekt des österreichischen Problem-Investors René Benko von der Stadt Hamburg dann die dankbare Zertifizierung mit dem Platinum-Standard des Umweltzeichens der HafenCity. Diese Auszeichnung, die seit 2007 von der GmbH vergeben wird als Anreiz, den gigantischen Anteil der Bauwirtschaft am Vorglühen des Planeten vor dem Kollaps wenigstens in Hamburg zu reduzieren, ist ein weiteres Beispiel des Selbstlobes, das Grundsätzliches verschweigt.
In der Erläuterungsbroschüre zum Umweltzeichen, das die Nachhaltigkeit des gesamten HafenCity-Projektes belegen soll, kommt der Begriff „Beton“ als Umweltproblem zum Beispiel mit keinem Wort vor.“ [21]
Nachtrag Mai 2022: Multimilliardär Klaus-Michael Kühne (Kühne & Nagel) plant mit René Benko den Abriss der alten Hamburgischen Staatsoper in bester Innenstadtlage: Große Theaterstraße 25, 20354 Hamburg. Auf dem Operngrundstück soll ein modernes Immobilienprojekt entstehen. Der Neubau der Oper soll in die HafenCity in der Nähe des Elbtowers. [22]
Moloch Hamburg – Die nächste Stadt wird verkauft.
Nachtrag August 2022:
„Der Elbtower“ soll neben der Elbphilharmonie Hamburgs zweites Wahrzeichen werden. Im Juli 2022 gab Signa die Gesamtinvestitionskosten mit rund 950 Millionen Euro an, eine Steigerung von etwa einem Drittel. Davon werden 750 Millionen Euro über einen Kredit mit 25 Jahren Laufzeit finanziert: Ab 2027 soll mit gerade einmal einem Prozent getilgt werden. Ab Fertigstellung von nunmehr 2026 bewertet Signa den Buchwert mit 1,45 Milliarden Euro, also mit fast einer halben Milliarde Euro mehr. Die Mieteinnahmen von knapp 50 Millionen Euro entrichten u. a. die Mieter Nobu-Hotelkette, die Hamburg Commercial Bank und Co-Working-Spaces mit Ärzten und Therapeuten. Laut dem Mitglied des Haushaltsausschusses der Hamburger Bürgerschaft, Markus Schreiber (SPD), bestritt Signa kürzlich steigende Kosten durch steigende Baupreise und kritisierte Signa: „Signa muss endlich seine Kalkulation darlegen. Hamburg darf nicht zum Spielball eines unlauteren Investors werden.“ [23]
Nachtrag September 2022:
Die beiden Konzerntöchter der Deutschen Bahn, die Deutsche Bahn Netz AG und Deutsche Bahn Station & Service AG, haben Widerspruch gegen die im September 2021 erteilte Teilbaugenehmigung eingelegt. Mit dieser konnte Signa mit dem Ausheben der Baugrube anfangen. Der 245 hohe Elbtower liegt in der Nachbarschaft der Elbbrücken, worüber die wichtige Nord-Süd-Trasse der DB verläuft Die Bahn will eine Verstärkung des Untergrunds mit zusätzlichen Sicherungsschritten erreichen, um Setzungen zu verhindern. Signa erklärte die Widersprüche für erledigt, Benko verwies persönlich auf ein „enges Monitoring“ von Gleisen und Lagern: Man habe mit der DB eine „Nachbarschafts- und Gestattungsvereinbarung“ ausgehandelt. Die DB habe auch keinen Widerspruch gegen die im März 2022 erteilte Gesamtbaugenehmigung eingelegt. Die Bahn erklärte, man könne sich zu den Widersprüchen aufgrund laufender Verfahren „nicht näher äußern“. Signa muss im Herbst 2022 eine Vermietung von 30 Prozent der Büroflächen nachweisen: Dann bekommt er erst das Grundstück. [24]

Milliardärs-Party. Am 11.5.2022 feierte René Benko die neue Modeabteilung in seinem Kaufhaus Oberpollinger mit den bekannten Verdächtigen aus Politik, Business, Glamour. [25]

Staat bleibt auf Schulden sitzen. Der damalige Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und sein Staatssekretär Ulrich Nußbaum verhandelten den ersten Kredit im Jahr 2021 in Höhe von 460 Millionen Euro an Galeria Karstadt Kaufhof (GKK). Damals gab es nur 80 Millionen Euro Sicherheit durch ein abgetretenes Bankguthaben sowie eine Sicherungsübereignung des Warenbestands in Höhe von 100 Millionen Euro. Etwa 25 Immobilien von GKK gehören Signa: Von Januar bis Juli 2021 sollten die Mieten halbiert werden, ein Betrag von etwa 33,6 Millionen Euro. Bei den anderen Vermietern sollte sich GKK um eine Mietreduzierung bemühen. Der Umsatz vom GKK-Konzern lag 2019 bei über 4,5 Milliarden Euro; er liegt mit geplanten 2,9 Milliarden Euro im Jahr 2022 etwa 25 Prozent unter dem Umsatz vor der Pandemie und soll bis 2025 bei 3,9 Milliarden Euro liegen. Der Handelsprofessor Gerrit Heinemann und andere Experten gehen von einer möglichen erneuten Insolvenz aus. Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) sollte mit seinem milliardenschweren Budget eine „Fortführungsperspektive“ für Unternehmen möglich machen. GKK-Chef Miguel Müllenbach hatte im Oktober 2021 vollmundig angekündigt, zwischen 50 und 60 der 131 GKK-Filialen umzubauen und zu modernisieren und hunderte Millionen Euro in diesen Wandel zu investieren. Bis Frühjahr 2022 wurde nur eine Filiale renoviert: jene in Euskirchen, die von der Ahrtal-Flut getroffen war. Inzwischen hat GKK im Frühjahr 2022 mit dem zweiten Kredit über 220 Millionen Euro an GKK unter Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) insgesamt etwa 680 Millionen Schulden beim Staat, die bis 2029 getilgt werden sollen. GKK rechnet bis 2025 mit Tilgungen von 187 Millionen Euro. Für den zweiten Kredit gab es keinerlei Sicherheiten mehr. Er wurde in Form einer stillen Einlage gewährt: Im Fall einer Insolvenz würde der Staat nachrangig gegenüber anderen Gläubigern behandelt: Beide Kredite wären verloren. [26]

Vgl. auch: Alte Akademie

Fußnoten und Quellen

  1. Wikipedia: Signa Holding
  2. Grabbe, Hanna, Nejezchleba, Martin, Widmann, Marc, Urlaub machen im Warenhaus, in Die Zeit 30.12.2020
  3. Krass, Sebastian, Millionen-Deal in bester Lage, in SZ 29.9.2020
  4. Effern, Heiner, Krass, Sebastian, Viel Neues über und unter der Erde, in SZ 20.1.2021
  5. Kläsgen, Michael, Glück hier, Pech da, in SZ 30.1.2021
  6. https://www.signa.at/de/kontakt/
  7. Bovensiepen, Nina, Much, Mauritius, Spinrad, Viktoria, Beste Lage, in SZ 8.2.2021
  8. Grill, Markus, Mascolo, Georg, Ott, Klaus, Schnorren auf höchstem Niveau, in SZ 24.4.2021
  9. Krass, Sebastian, Leben auch nach Ladenschluss, in SZ 6.5.2021
  10. Kläsgen, Michael, Personalausweis statt Kochtopf, in SZ 27.7.2021
  11. Krass, Sebastian, Kaut-Bullinger schließt Geschäft an der Rosenstraße, in SZ 6.8.2021
  12. Stäbler, Patrick, Raus aus dem Stammhaus, in SZ 30.9.2021
  13. Gnirke, Kristina, Österreichs Korruptionsjäger erheben Anklage gegen René Benko, in spiegel.de 11.11.2021
  14. Galeria vor weiterem Staatskredit, in Der Spiegel 4/22.1.2022
  15. Bartz, Tim, Book, Simon, Gnirke, Kristina, Hesse, Martin, Siemens, Ansgar, Traufetter, Gerald, Die Stadt bin ich, in Der Spiegel 5.2.2022
  16. Vertrauter von Immobilienunternehmer René Benko0 mit fragwürdigen Parteispenden, in spiegel.de 18.3.2022
    München: Hier gehören Signa in Erbpacht die Alte Akademie, das ehemalige riesige Kaufhof-Areal zwischen Hauptbahnhof und Stachus, die Galeria am Marienplatz, das Kaufhaus Oberpollinger in der Fußgängerzone und neuerdings das ehemalige Gebäude von Kaut-Bullinger in der Rosenstraße. Der Münchner OB Dieter Reiter äußerte zu René Benko und seiner Signa Holding: „Ihm gehört die halbe Innenstadt, und wir können es nicht aufhalten.“ ((Bovensiepen, Nina, Much, Mauritius, Spinrad, Viktoria, Beste Lage, in SZ 8.2.2021
  17. Effern, Heiner, Das ist die neue Achse Münchens, in SZ 8.2.2022
  18. Kollhoff, Hans, Architekten. Ein Metier baut ab, Springe 2022, S. 10
  19. Krass, Sebastian, Diskussionen nach dem Wettbewerb, in SZ 18.2.2022
  20. Burghardt, Peter, Der Scholzturm, in SZ 13.4.2022
  21. Briegleb, Till, Zwischen Anspruch und Wirklichkeit, in bauwelt.de 11/2022
  22. Jung, Alexander, Kühn, Alexander, Sein letzter Wille, in Der Spiegel 22/28.5.2022
  23. Elbtower wird teurer als erwartet, in Der Spiegel 34/20.8.2022
  24. Deutsche Bahn fürchtet Benko-Bau, in Der Spiegel 38/17.9.2022
  25. Crone, Philipp, Kettenreaktion mit Glitzerwolke, in sueddeutsche.de 13.5.2022
  26. Book, Simon, Gnirke, Kristina, Traufetter, Gerald, Schwaches Pfund, in Der Spiegel 21/21.5.22
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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