Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Nachhaltigkeit

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert am 5.6.2022

Das ist ein etwa 200 Jahre alter Begriff, der ursprünglich aus der Forstwirtschaft stammt: „Die beteiligten Systeme können ein bestimmtes Maß an Ressourcennutzung dauerhaft aushalten, ohne Schaden zu nehmen. Das Prinzip wurde zuerst in der Forstwirtschaft angewendet: Im Wald ist nur so viel Holz zu schlagen wie permanent nachwächst. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannt wurde, dass alle Rohstoffe und Energievorräte auf der Welt auszugehen drohen, ging sein Gebrauch auf den Umgang mit allen Ressourcen über.“ (Wikipedia)
Inzwischen ist die ursprünglich sinnvolle Idee einer „sustainable economy“ teilweise pervertiert oder als greenwashing missbraucht worden.

Pseudo-Einsparungen. Was an Energieeinsparungen an Gebäuden erreicht wird, wird gleichzeitig durch immer größere Wohnungen und aufwendigere Gewerbebauten zunichte gemacht. Oder das „Öko-Haus“ steht weit ab vom ÖPNV und dem Arbeitsplatz, der nur aufwendig mit dem Auto erreicht werden kann. Auch „Ökohäuser“ brauchen Platz, benötigen wertvolle Baustoffe, beruhigen oft nur das Gewissen, ohne wirklich klimarelevant zu sein. Oft liegen sie weitab vom ÖPNV und vom Arbeitsplatz, der nur mit dem Auto erreicht werden kann. Daniel Fuhrhop nennt dies „die Zersiedelung der Städte im ökologischen Gewand“. [1]

Rebound-Effekt. Hinzu kommt der Rebound-Effekt: „“Mit Rebound-Effekt (englisch für Abprall- oder Rückschlageffekt) werden in der Energieökonomie mehrere Effekte bezeichnet, die dazu führen, dass das Einsparpotenzial von Effizienzsteigerungen nicht oder nur teilweise verwirklicht wird. Die Effizienzsteigerung sorgt dafür, dass der Verbraucher weniger Ausgaben hat und deshalb weitere Produkte erwerben kann. Führt die Effizienzsteigerung gar zu erhöhtem Verbrauch (das heißt zu einem Rebound-Effekt von über 100 Prozent), spricht man von Backfire. Der Rebound-Effekt ist ein Anstieg des Energieverbrauchs aufgrund einer Effizienzsteigerung. Er ist ein prozentualer Anteil des theoretischen Einsparpotenzials von Effizienzsteigerungen, der durch das Verhalten der Verbraucher nicht eingespart werden kann.“ (Wikipedia)
Nur zu oft fährt der Eigentümer eines sogenannten „Ökohauses“ einen dicken SUV, da er ja woanders vermeintlich Energie einspart. [2] Oder man lebt in einem Niedrigenergiehaus, aber auf entsprechend größerer Fläche: Die durchschnittliche Wohnfläche liegt inzwischen bei 47 Quadratmeter. [3]

Viel Geld für keine Energieeinsparung. Deutschland hat 350 Milliarden Euro von 2010 bis 2018 in die energetische Sanierung von Gebäuden investiert. Der Energieverbrauch der Bürger ist aber nahezu gleich geblieben: 130 kWh pro qm. „Nach einer Sanierung gönnen sich die Bewohner offenbar mehr Komfort. Sie stellen die Heizung höher, duschen länger, lassen das Fenster gekippt. (…) Der Umgang mit Energie wird sorgloser, der Fortschritt verpufft.“ [4]

Siehe zu Nachhaltigkeit auch: https://www.nolympia.de/kritisches-olympisches-lexikon/nachhaltigkeit/
Und zum „grünen“ Kapitalismus: https://www.irrtum-elektroauto.de/lexikon/bio-kapitalismus/

Nachhaltig oder nicht-nachhaltig? Wie pervers mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ geworden ist, zeigte die Diskussion um die Atomkraftwerke vom Januar 2022: Die EU-Kommission wollte (auf Drängen von Frankreich) die Atomenergie als Green Energy einstufen lassen. Und die deutsche Rüstungs- und Verteidigungsindustrie zeigt sich empört, dass die EU-Kommission wiederum die Rüstungsbranche als nicht nachhaltige Branche einstufen möchte. [5]

Zur „Nachhaltigkeit“ von Hochhäusern. Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen an der TUM, über Hochhäuser: „Wenn es in großen Hochhäusern von über 100 Metern Höhe eine Batterie mit acht Aufzügen und mehr im Inneren gibt, dann ist es erschreckend, wie wenig nutzbare Fläche um diesen Erschließungskern herum noch bleibt. Je höher man geht, desto ineffizienter wird die Geschossfläche. (…) Was tragen Hochhäuser zur Nachhaltigkeit bei? Und da muss ich sagen: nichts.“ [6]

Radeln zum Überzeugen. Mitte Mai 2022 organisierte die MVHS eine Informations-Radtour zur SEM Nordost. Etwas mehr als 20 Anwohner nahmen teil sowie Mitarbeiter des Planungsreferats mit Architekt Björn Severin vom Büro Rheinflügel und Timo Herrmann von BBZ Landschaftsarchitekten. Der Stadtrat hatte sich für den Ausbau auf 30.000 Bewohner entschieden. Severin bezeichnete die Maximal-Variante als „die Sinnvollste wegen der Potentiale, die der Ort bietet“ und ergänzte: „Man kann hier wirklich ein nachhaltiges Stück Stadt bauen.“ [7]
Ohne möglichst häufige Verwendung des Wortes „nachhaltig“ scheint heutzutage kein Bauplan mehr genehmigt zu werden, egal wie un-nachhaltig diese Projekte sind. 

Fußnoten und Quellen

  1. Fuhrhop, Daniel, Verbietet das Bauen! München 2020, S. 51
  2. http://www.irrtum-elektroauto.de/lexikon/rebound-effekt/
  3. Broermann, Elisabeth, Der Bausektor ist der größte Klimakiller, in: Bauen von Morgen, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Bonn 2021, S. 103
  4. Jung, Alexander, Die Altbau-Falle, in Der Spiegel 5/29.1.2022
  5. Reuters, Rüstungsindustrie kritisiert Taxonomie, in SZ 5.1.2022
  6. Krass, Sebastian, 60 Meter – „ein gutes Maß“, in SZ 15.2.2022
  7. Gerdom, Ilona, Viele Fragen beim Strampeln, in SZ 20.5.2022
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