Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Stadtgrün

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert am 18.9.2022

„Nur weil die Gewohnheit abstumpft, wenn Bäume fallen und Baukräne aufwachsen, wenn Gärten asphaltiert werden, ertragen wir alles so gleichmütig.“ [1]

August 1994: Natur auf dem Rückzug (1). Im Stadtgebiet ist der Artenschwund in München in den letzten zehn Jahren deutlich spürbar. Bei den Brutvogelarten sind 63 Prozent bedroht (plus zehn Prozent). Bei Fischen, Ameisen, Heuschrecken und Libellen beträgt der Rückgang fast 30 Prozent. Landschaftsökologen von der TUM Weihenstephan plädieren für eine Verbindung naturnaher städtischer Lebensräume. Kernzonen sind naturbelassene Wälder, die Heiden, speziell im Münchner Norden, Streuwiesen, Niedermoore im Nordwesten. Das sind etwas unter zehn Prozent der Stadtfläche. Helfen würde z. B. ein größerer Gehölzbestand auf Plätzen und in Hinterhöfen. [2]

Bürger schützen Biotope. In der SZ erschien im November 2002 ein Bericht zur Situation der Biotope in der Stadt, die vom LBV und der Gregor-Louisoder-Umweltstiftung untersucht wurden und über Bürger, die sich darum kümmern. Edith Bachmayr ist „Biotop-Patin“ für einen vor 50 Jahren aufgeschütteten Damm in Allach, auf dem seltene Flora und Fauna siedeln. Ulrich Schwab kümmert sich im Auftrag des LBV um die Moosschwaige, eine letzte Moorlandschaft im Münchner Nordwesten. Die Pflegemaßnahmen führten zur Wiederansiedlung der ursprünglichen Vegetation. Heinz Sedlmeier vom LBV beschäftigt sich auf dem Areal des alten Südbahnhofs mit aus Italien zugewanderten Mauereidechsen. [3]

Flora und Fauna in der Klimaerwärmung (1). Der Lehrstuhl für Bioklimatologie und Immissionsforschung in Weihenstephan untersuchte in einem Projekt die Auswirkung in dichten Siedlungsgebieten auf die Pflanzen- und Tierwelt. Die Temperaturen in der Stadt sind hier um etwa drei Grad höher. Die Luft ist schmutziger mit weniger Licht- und UV-Strahlung. Die Bauwerke und der Straßenasphalt speichern die Sonnenwärme, es gibt weniger Luftaustausch. Durch höhere Temperaturen gibt es im Winter weniger Frost und Schnee, weniger Luftfeuchtigkeit, weniger Nebel. Durch die höheren Temperaturen in der Stadt blühen manche Pflanzen drei Tage früher als außerhalb. [4]

Flora und Fauna in der Klimaerwärmung (2). Das Münchner Wachstum lässt immer mehr Freiflächen und landwirtschaftliche Flächen verschwinden. Kleine unvollständige Auflistung: 600 Hektar SEM Nordost, 900 Hektar SEM Nord, Eggarten 21 Hektar, Freiham etc.: Bis 2030 werden es vermutlich mehr als 200 Hektar sein. Das wird gravierende Folgen für das Stadtklima haben, die im Jahr 2016 bis aktuell ins Jahr 2021 so gut wie NICHT thematisiert wurden.
Die Kreisgruppe des Bund Naturschutz forderte deshalb u. a. ein radikales Umdenken, eine Abkehr von der autogerechten Stadt, eine massive Begrünung asphaltierter Flächen und die Freilegung der unterirdischen Stadtbäche. Im Baureferat sieht man eine zunehmende Überbauung von privaten Grundstücken aufgrund der hohen Bodenpreise, deshalb müsse die Stadt mehr Raum für Grün und Bäume schaffen. Also untersucht man dort über 100 Baumarten in Bezug auf die Stressfaktoren Hitze, Platzmangel, Trockenperioden. Hinzu kommen Baumkrankheiten und Schädlingsbefall aufgrund erhöhter Temperaturen. Auch für den Bewuchs von Hausfassaden müssen geeignete Pflanzen gefunden werden. [5]

Mai 2017: Protest vom Bund Naturschutz. Christian Hierneis ist Vorsitzender der Kreisgruppe München des Bund Naturschutz. Zur Prognose von 1,85 Millionen Einwohner im Jahr 2030 äußerte er die Befürchtung, dass Münchens letzte Quadratmeter zugebaut werden. Die Pläne für die SEM Nord kannte der BN seit zwei, drei Jahren. In der Siedlungsentwicklung von 2011 war das Gebiet als Grünzug und Frischluftschneise ausgewiesen. Hierneis zählte die Projekte der Stadt auf: Freiham als letztes großes Baugebiet. Dann kam die SEM Nordost – von 10.000 auf jetzt 30.000 Bewohner, nun die SEM Nord. „Wir haben vor 15 Jahren mal ausgerechnet, dass im Jahr 2050 nur noch der Englische Garten als Grünfläche in München übrig bleibt. Alle behaupten, sie wollen München nicht zubauen, und keiner sagt, wann es zu Ende ist mit dem Bauen. Das muss irgendwann aufhören. Wir brauchen unsere Grünflächen und landwirtschaftlichen Flächen dringend für Natur, Klimaschutz, Erholung und regionale Lebensmittel.“ Zur Arbeitsplatz-Politik der Stadt äußerte Hierneis: „Das Problem ist doch: Wir schaffen das Angebot. Die Leute ziehen ja nicht arbeitslos nach München und schauen mal, ob sie hier einen Job finden, sondern sie werden von Jobs hier angezogen. (…) Die Stadt muss aufhören, für sich zu werben und darf keine neuen Gewerbegebiete mehr ausweisen.“ [6]

Großstädte: Von Bäumen und Baustellen. In Hamburg wird die NABU-Initiative Hamburgs Grün erhalten im Dezember 2017 starten (siehe unten). In Hamburg wurden zwischen 2011 und 2016 rund 246 Hektar Grünflächen mit neuen Gebäuden überbaut und 2900 Bäume gefällt. Der neue Stadtteil Oberbillwerder braucht 100 Hektar landwirtschaftlichen Grund, das neue Quartier Fischbeker Reethen 80 Hektar. In München warnte der Vorsitzende der BN-Kreisgruppe München, Christian Hierneis vor der Überbauung des letzten Quadratmeters (siehe oben). Jutta Sandkühler, die Geschäftsführerin des NABU Berlin, kritisierte die Bebauung der letzten Brachen in der Stadt und die Ansiedlung neuer Quartiere auf der grünen Wiese. Wohnungsbaugesellschaften erhielten die letzten freien Landesflächen: Und für Ausgleichsflächen zum Artenschutz stehe dann nichts mehr zur Verfügung, weil Berlin sein Tafelsilber an Grund und Boden in den neunziger Jahren verkauft hat. Die Kampagne „Immer Grün“ sollte in Berlin wertvolle Grünflächen sichern, es gibt aber keine Umsetzung, weil im neuen Doppelhaushalt kein Geld für die Sicherung dieser Freiflächen vorhanden ist. [7]

Grüne für und gegen Moratorium. Eine Stadtversammlung der Grünen am 18.7.2017 stimmte mit großer Mehrheit für einen befristeten Baustopp beim Bau von Wohnungen und Gewerbegebäuden in Grünzügen, Parks, ökologischen Vorrangflächen und Wäldern. Landwirtschaftlicher Grund soll möglichst geschont werden. Es gab auch Gegenstimmen. Bernd Schreyer warnte vor dem Bild der Grünen als Wohnungsbauverhinderer: Eine Pause beim Bau neuer Quartiere sei nicht zu verantworten. Grünen-Stadträtin Sabine Krieger kritisierte dagegen, dass München kein Konzept für das weitere Wachstum der Stadt habe: „Immer mehr Bürger sehen, wie das Grün in ihren Stadtvierteln verschwindet.“ [8]

Planungsreferat reduziert Grünversorgung. Die Beschlussvorlage des Planungsreferats „Neue Orientierungswerte für Stadtplanung und Bauordnung“ [9] beinhaltet in Kurzform eine Reduzierung der Grün- und Freiflächenversorgung für die Bürger. Seit 1995 galten für München die Orientierungswerte von 17 qm nutzbare öffentliche und 15 qm Grün- und Freifläche pro Einwohnerin/Einwohner. Aus einigen seit Anfang 2000 möglichen Abweichungen aus bestimmten Gründen betrug die „Mindestausstattung an öffentlichem und privatem Grün“ insgesamt 20 qm (statt der oben angegebenen Summe von 32 Quadratmetern). Durch die „enorme Notwendigkeit, Wohnraum zu schaffen“ konnten innerhalb des Mittleren Rings oft nicht die 20 qm, sondern nur 15 qm erreicht werden. Nun schlug das Planungsreferat dem Stadtrat vor, generell innerhalb des Mittleren Rings 15 und außerhalb 20 qm Grün- und Freiflächen zugrunde zu legen. Ausgenommen sollten nur laufende Wettbewerbe sein. Der Satz: „Dabei kommt der Stärkung und Weiterentwicklung des großräumigen Freiraumgerüsts besondere Bedeutung bei“ kann nur als Zynismus verstanden werden. Das Planungsreferat wird das Konzept „Freiraum M 2030“ weiter konkretisieren.
Fazit: 15 statt 32 qm Grün- und Freiflächen zur Förderung des Massiv-Wohnungsbaus – weniger als die Hälfte wie bisher. Wie schon erwähnt: Dem Planungsreferat ist es egal, wer unter ihm Oberbürgermeister oder Oberbürgermeisterin ist.
Die Kreisgruppe des BN München hat für die 600 Hektar der geplanten SEM Nordost in Johanneskirchen nachgerechnet: Nach dem neuen Schlüssel würden 16 Hektar Grün- und Freiflächen verloren gehen. Der Münchner BN-Vorsitzende Christian Hierneis forderte die Stadt auf, beim bisherigen Standard von 32 qm zu bleiben. Aber die schwarz-rote Rathaus-Koalition hat sich längst auf die 15 qm geeinigt. So sagte CSU-Stadtrat und Planungssprecher Walter Zöller: „Wir brauchen nun einmal Platz für Wohnungen.“ [10]

Fällaktionen. „Baurecht schlägt Baumrecht“: So hört man es oft von städtischen Beamten. Oder wie BA-Mitglied Peter Winklmeier (CSU) zur Fällung von 40 großen Bäumen am Stiftsbogen in Hadern sagte: „Baurecht sticht nun mal Baumrecht.“ [11] Wie man das legal organisiert, zeigt die Fällaktion in Hadern im Januar 2018 und ihr Hintergrund: Stiftsbogen 152 – 166. Und wie das Stadtgrün illegal und am Freitagnachmittag im Oktober 2019 dezimiert werden kann, zeigt der Beitrag aus Obermenzing: Frihindorfstraße 8.

Exkurs nach Hamburg. In Hamburg hat der NABU am 1.12.2017 die Volksinitiative Hamburgs Grün erhalten zum Erhalt der Grünflächen gestartet und über 23.000 Unterschriften gesammelt, die am 28.5.2018 abgegeben wurden. Am 8.5.2019 einigte sich der NABU mit Senat und Bürgerschaft auf den Schutz der Grünflächen. Ergebnisse sind u. a.: Es soll sowohl die Fläche als auch der Naturwert erhalten werden. Die Gesamtfläche der Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete (ca. 30 Prozent der Fläche des Stadtstaates) werden dauerhaft geschützt und nicht bebaut. 11 von 25 FFH-Lebensräumen sollen verbessert werden. Der Versiegelungsgrad soll neu erfasst werden. Trotzdem will Hamburg für den Zuzug von jährlich bis zu 20.000 Menschen etwa 10.000 Wohnungen bauen. Der Hamburger NABU-Vorsitzende Alexander Porschke feierte die Übereinkunft, mit der die Interessen von Natur und Wohnen in Einklang gebracht werden können. Porschke forderte Hamburg auf, mit dem Anheizen des eigenen Wachstums aufzuhören. Dieses sei kein Wert an sich, sondern überfordere Infrastruktur und Natur.
Gegenwind kam von Wohnungsbau und Mieterverein. Der Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen e. V. (VNW), Andreas Breitner, sah in der Vereinbarung ein Wahlkampfkalkül „einseitig zulasten des Wohnungsbaus und der Stadtentwicklung“. Die Behinderung des Neubaus führe zu höheren Baukosten und Mieten. Für den Chef des Hamburger Mietervereins, Siegmund Chychla, reichen 10.000 Wohnungen pro Jahr nicht, und die Verhinderung von Neubauten würde die Bestandsmieten erhöhen.
[12][13]

April 2019: Blumenau bedroht. 1992 wurde das grüne Areal Blumenau vom Bauausschuss als Naherholungsgebiet bezeichnet, das eine wichtige Kaltluftschneise für das Stadtgebiet ist. Um 1995 hatte die Stadt die grüne Blumenau zum Landschaftspark erklärt. Es gibt hier Streuobstwiesen, landwirtschaftlich genutzten Grund und einen Teil der Städtischen Baumschule an der Willibaldstraße. Nun hat die CSU-Stadtratsfraktion in einem Antrag den Landschaftspark als „wertvollstes Siedlungsgebiet“ deklariert und überlegt, einen Teil der Grünflächen als Wohngebiet zuzubauen. Das korrespondiert mit den nur durch Zufall entdeckten Überlegungen des Planungsreferats, das Gebiet der Städtischen Baumschulen zu überbauen. Dabei hat der Stadtteil Laim einen Grünflächenanteil von nur drei Prozent. Der Bund Naturschutz warnte vor einer Bebauung und betonte die Wichtigkeit von Grünflächen in der Stadt. [14]

November 2019: Grüne Schönfärberei vom Umweltreferat. Das Referat für Gesundheit und Umwelt hat eine Broschüre „Biodiversitätsstrategie München“ herausgegeben. Bunte Fotos wechseln darin mit scheinbar beruhigenden Erklärungen. Ein Beispiel: „Die Münchner Strategie stützt sich auf drei wesentliche Grundpfeiler: ‚Bestand erhalten‘,Natur entwickeln‘ und ‚Naturbewusst handeln‘“. [15]
Zur Erinnerung: Nicht nur der Eggarten mit 21 Hektar steht vor der Zerstörung. Es sollen bis 2035 noch etwa 2000 Hektar bisherigen landwirtschafts- oder Grünflächen im Stadtgebiet versiegelt oder mit einer weitgehend ökologisch wertlosen Begrünung bedacht werden: SEM Nordost 600 Hektar, SEM Nord 900 Hektar, Freiham, usw. Biotope sind bedroht, geschützte Flächen ebenso, wie an der Fauststraße 90, wo eine Bebauung mitten im Wasserschutzgebiet, im Landschaftsschutzgebiet und im Bannwald vom Planungsreferat genehmigt wurde.
Diese Broschüre ist eine völlig unkritische Aufzählung mit schönen Fotos einer angeblich mustergültigen biologischen Vielfalt in München: Schönfärberei par excellence. Kein Wort zur Zerstörung letzter Naturbestände durch die exponentiell steigende Bautätigkeit. Kein Wort zu der SEM Nord (900 Hektar Ackerland zu Wohnbau), der SEM Nordost (600 Hektar Acker- und Grünland zu Wohnbau), Eggarten (21 Hektar ökologisch wertvollste Vegetation zu 2000 Wohnungen) und anderen Großprojekten. Kein Wort zur Versiegelung von Hunderten Hektar grüner Areale.

März 2020: ÖDP sammelt Unterschriften für Grünflächen. Nach dem äußerst erfolgreichen Bürgerbegehren zum Artenschutz Anfang 2019 („Rettet die Bienen“) will die ÖDP nun die Grünflächen in München, der am meisten versiegelten Großstadt Deutschlands, schützen. 35.000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren wurden bereits gesammelt. Der Text des Bürgerbegehrens ist unter www.gruenflaechen-erhalten.de abrufbar. Dort heißt es: „Sind Sie dafür, dass die Landeshauptstadt München alles unternimmt, damit sowohl ihre im Flächennutzungsplan ausgewiesenen Allgemeinen Grünflächen als auch ihre öffentlichen Grünanlagen erhalten bleiben und nicht weiter versiegelt werden?“ Auch die weitere Ansiedlung von Industrie und Großgewerbe soll verhindert werden. [16]
Viel Erfolg möchte man der ÖDP wünschen: wenn nicht die offizielle Münchner Stadtpolitik einschließlich Planungsreferat, LBK und Untere Naturschutzbehörde der Formulierung des Bürgerbegehrens diametral entgegenstünden. Siehe die SEM Nord und die SEM Nordost und die bedrohten Gebiete Städtische Baumschule, Erdbeerwiese, usw. usw.

Die Klimakatastrophe in der Stadt. „Hauswände, die Hitze abstrahlen wie ein geöffneter Backofen, flimmernde Heißluft über dem Asphalt in den Straßenschluchten, gelb vertrocknete Rasenflächen und verdorrte Büsche in den Stadtparks. So könnte es in deutschen Städten künftig öfter aussehen. Denn Klimaforscher sagen steigende Temperaturen und längere Trockenperioden infolge des Klimawandels voraus. Und die machen Städten stärker zu schaffen als dörflich geprägten Regionen. Weil sie dicht bebaut und mit Straßen, Plätzen und Bürgersteigen versiegelt sind, sodass sich die Hitze staut.“ [17]

Bäume senken Temperaturen (1). „Mit einer klugen Stadtplanung lässt sich die Überhitzung abmildern. Insbesondere Bäume und Grünflächen sind wichtig, denn sie kühlen nicht nur, indem sie Schatten werfen und Wasser verdunsten, sondern sie können auch Starkregen abpuffern und die Luftqualität verbessern. Das Problem: Die in Deutschland übliche Bewässerung mit Trinkwasser ist ökologisch zunehmend fragwürdig, und die kommunalen Planungsprozesse sind zu langsam. (…) Es geht also vorrangig darum, Grünflächen und Bebauung so zu planen, dass Luftzirkulation möglich wird oder erhalten bleibt. Allerdings werden viele Städte derzeit eher verdichtet, weil Wohnraum fehlt. Brachflächen werden bebaut, Grünstreifen entlang von Gleisanlagen verschwinden, Wohnblöcke ersetzen Schrebergärten.“ [17]
Bäume senken Temperaturen (2). Eine Untersuchung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat sich mit dem Mikroklima des Waldbodens beschäftigt. Die WSL untersuchte in Europa 100 Wälder in 56 Regionen mit gemäßigtem Klima. Je dichter das Blätterdach im Lauf der Jahre wird, umso mehr verringert es die Klimaerwärmung am Boden. Das Makroklima verliert an Einfluss. „Umgekehrt erwärmt sich der Boden umso schneller, wenn sich der Wald lichtet.“ [18]
Ähnliches gilt natürlich für Stadtgärten, Stadtparks, Stadthöfe. Zur Erinnerung: Laut BN werden jedes Jahr in München 2500 (zumeist alte) Bäume abgeholzt.

Letzte Urwaldrelikte: Angerlohe, Allacher Lohe. Beide werden von der Kreisgruppe München des BN betreut. Die Allacher Lohe hat 150 Hektar und liegt zwischen der A99, der Dachauer Straße und dem Rangierbahnhof. Die Angerlohe liegt in Untermenzing und hat 37 Hektar. Die Angerlohe und der Allacher Forst werden durch Rangierbahnhof und die Ludwigsfelder Straße getrennt.
Für die Firmengelände von MAN und MTU wurden große Waldteile gerodet. Über die Allacher Lohe sollte erst die Autobahn verlaufen. „Doch dank des Protestes von Bund Naturschutz und vielen Umweltschützern wurde die Trasse an den Nordrand des Waldes verlegt und der Allacher Tunnel unter den wertvollen Baumbestand gegraben.“ [19] Inzwischen stehen Allacher Lohe und Angerlohe unter Naturschutz. Nördlich der Allacher Lohe liegen die Firmengelände von MTU und MAN. „Die Autobahndirektion will nun aber die bestehende Schneise südlich des riesigen Gewerbegebiets von MAN und MTU vergrößern.“ [19]
Weiterführender Link zu Garteninitiativen: urbane-gaerten-muenchen.de

BI „Mehr Grün im Domagkpark. Mitglieder der 2018 gegründeten BI und des BA Schwabing-Freimann haben an verschiedenen Stellen im Domagkpark drei Mal täglich die Temperaturen gemessen. An von Bäumen beschatteten Stellen waren es im August bis zu 28 Grad, an Stellen ohne Bäume bis 33 Grad. Auf dem Bebauungsplan war alle 13 Meter ein Baum eingezeichnet, so MdL Christian Hierneis (Grüne und BN-Vorsitzender). Heute sind das versiegelte baumlose Flächen. Deshalb fordert die BI mehr Bäume. [20]

Begrünung im Bahnhofsviertel. Das IÖW und Green City veranstalteten einen Online-Workshop mit dem Titel „Zukunftsvisionen für ein klimaangepasstes Südliches Bahnhofsviertel“. Die dortigen baumlosen Straßen wurden im Sommer als besonders heiß und unangenehm empfunden: Bayer-, Schwanthaler-, Schillerstraße, Bahnhofsvorplatz sowie die baumlose Theresienwiese. Die IÖW präsentierte Vorschläge für begrünte Innenhöfe, die Möglichkeit, Bäume anzupflanzen, das Anbringen von Beschattungen. [21]

LBV: Stadtviertel werden zu Betonwüsten. Auch der LBV warnte vor der fortschreitenden Versiegelung des Bodens, vornehmlich durch Wohnbebauung: Ganze Stadtviertel werden zu Betonwüsten. In München gebe es 350 kartierte Biotope, wobei nur 60 gesichert und 290 gefährdet seien. 1993 wurden zehn Prozent von insgesamt 3400 Biotop-Flächen abgebaggert. Der LBV rief zur Ausweisung aller kartierten Biotope als geschützte Landschaftsbestandteile auf. [22]
Kleines Beispiel aus jüngster Zeit: Im Februar 2021 wollte ich an der Allacher- und Pfarrer-Grimm-Straße ein Biotop fotografieren. Die 8300 qm große Grünfläche ist seit 1998 als Biotop ausgewiesen. Hier gab es streng geschützte Insekten und Reptilien. Die Stadtverwaltung hat diese Einstufung aber nie vollzogen: Gleichzeitig erklärte sie Anwohnern, dass die Grünfläche kein Baugrund sei. Nun sollen hier 27 Reihenhäuser mit 2900 qm Wohnfläche, 34 Tiefgaragen-Stellplätze und eine Kita gebaut werden. (Vgl. Chronologie 15.10.2020) Als ich das Biotop fotografieren wollte, war die Erde schon abgetragen: Der Baubeginn stand unmittelbar bevor.

Kleiner Exkurs. Beim Wohnungsbau auf der Panzerwiese mussten 36 Hektar Fläche als Ausgleich der Bebauungsfläche ausgewiesen werden: Das sollte am städtischen Gut Hochmutting geschehen. Die Landschaftsarchitektin Elisabeth Zaby bezeichnete diese neu geschaffene Fläche als „Initialstadium von Magerrasen“. Bis der Magerrasen wächst, könnte es laut Zaby bis zu hundert Jahre dauern. [23]
Oder Virginia-Depot: Mitten in das Naturschutzgebiet wurde die zentrale Kanalbetriebsstation an der Schleißheimer Straße 135 mit 6100 qm Nutzfläche errichtet. Dadurch wurden wertvolle Trockenrasenflächen zerstört. [24]

Immer weniger Artenvielfalt in München. Entgegen den vielen bunten Broschüren der Stadtgartendirektion und des Planungsreferats schwindet in München die Natur weiter. Laut Bund Naturschutz ist in den letzten Jahrzehnten ein Drittel der Arten aus München verschwunden. Kegelbiene: ausgestorben. Kiebitze: einige in Feldmoching (nach der SEM Nord mit Sicherheit keine mehr). Gelbbauchunke: zuletzt 1993 in der Aubinger Lohe gefunden. Dort leben noch die letzten Kammmolche. Deshalb forderten der BN und der LBV die dauerhafte Sicherung von Naturschutzgebieten und Grünflächen. [25]
Die Gründe für den Artenschutz sind längst bekannt: Bodenversiegelung, Vernichtung alter Gärten und Grünflächen, Klimaerwärmung, Flächenfraß. In den nächsten zwei Jahrzehnten sollen, wie schon oft erwähnt, noch um die 2000 Hektar im Münchner Stadtgebiet zugebaut werden. Dazu kommen Verluste durch „Ausgleichsflächen“.

Die wichtigen Stadtgärten. Ein Forscherteam der Universität Bristol hat das Nektarangebot in Städten und Gemeinden untersucht. In privaten Stadtgärten wird im Durchschnitt 85 Prozent des Nektars gewonnen. Im städtischen Untersuchungsgebiet waren nahezu ein Drittel der Fläche Hausgärten: Sie umfassten sechsmal die Fläche von Parks und 40mal die Fläche von Kleingärten. Die Forscher empfahlen, in neuen Siedlungen Gärten mit Bestäubern anzulegen und statt Pflaster oder Asphalt nektarreiche Blumen anzupflanzen, sowie wesentlich seltener zu mähen. [26]
Und genau diese Stadtgärten sind durch Investoren und Bodenpreise in Gefahr: Villen werden abgerissen, ihre ökologisch wertvollen Gärten wegplaniert und durch wertloses Tiefgaragen-Begleitgrün ersetzt.

BUND fordert Grüne Städte. Natur ist in der Stadt besonders wichtig, da sie hier den Klimawandel abmildert, Schatten spendet, Frischluft fördert und bei Starkregen hilft. Dazu bindet sie Schadstoffe und reguliert den Wasserhaushalt. Aber urbanes Grün leidet unter Bebauung, der energetischen Sanierung von Gebäuden, der Stadterneuerung und Flächenverbrauch jeder Art.
Der BUND empfiehlt das Weißbuch Stadtgrün [27] mit dem Ziel der Bundesregierung, bis 2020 die Durchgrünung der Siedlungen deutlich zu erhöhen. Mit dem Masterplan Stadtnatur [28] soll die urbane grüne Infrastruktur gestärkt und die Biodiversität gesichert werden. [29]

Grün-Kosmetik. Die Stadt München vernichtet seit Jahrzehnten systematisch Grünflächen und landwirtschaftliche Flächen im Stadtgebiet. Gleichzeitig steigt die Produktion von bunten Hochglanzbroschüren über das angeblich intakte Grün durch Stadtgartendirektion, Baureferat und Referat für Stadtplanung und Bauordnung. Die Realität ist viel trister. Heinz Sedlmeier vom Münchner LBV ist langjähriger intimer Kenner von Münchner Bauprojekten, bei denen Arten- und Naturschutz gehört werden muss. Nach Verkauf der Grundstücke und der Neubauplanung habe der LBV noch nie etwas erreicht, lautete sein resigniertes Resumée: „Bis auf Kosmetik ist für uns da aber oft nichts mehr zu machen.“ [30]
BN-Kreisgruppenvorsitzender Christian Hierneis äußerte zum Druck von Wirtschaft und Zuzug auf die Natur in der Stadt München: „Wir brauchen das Grün nicht nur aus romantischen Gründen.“ Er verwies auf den rotgrünen Koalitionsvertrag vom 3.5.2020: „Wälder, Grünflächen, Parkanlagen, Naturschutzgebiete, FFH-Gebiete, Geschützte Landschaftsbestandteile, Ausgleichsflächen, Regionale Grünzüge, Städtische Grünzüge, Flächen mit altem Baumbestand in München werden flächenmäßig noch 2020 bilanziert. Die bilanzierte Fläche wird erhalten, weder bebaut noch für andere Infrastrukturmaßnahmen verwendet. Wird eine Fläche trotzdem bebaut, muss an anderer Stelle im Stadtgebiet diese Fläche in der gleichen oder sogar höheren Wertigkeit wieder entstehen. Das gilt für Grün- und Ackerflächen (auch in Grünzügen). Naturschutzgebiete, FFH- Gebiete, alle Flächen, die schwierig wiederhergestellt werden können (Moore, Feuchtgebiete und Wälder), Flächen mit altem Baumbestand, Grünzüge und alle Wälder müssen nicht nur in der Fläche, sondern auch in der Lage erhalten werden.“ [31] Hierneis forderte deshalb, dass die Stadt endlich diese noch immer nicht existierende Liste vorlegt. [30]

„Vertrag für Hamburgs Stadtgrün“. Der NABU hatte im Dezember 2017 die Initiative Hamburgs Grün erhalten gestartet und in kurzer Zeit über 23.000 Unterschriften gesammelt (siehe oben). Nun hat der Hamburger Senat mit seinen diversen Behörden und Ämtern eine Bestandsgarantie für seine Grünflächen abgegeben. Mindestens zehn Prozent der Landesfläche werden unter Naturschutz stehen; der Anteil der Landschaftsschutzgebiete soll 18,9 und der Biotopverbund 23,2 Prozent betragen. Gleichzeitig will der Senat jährlich 10.000 neue Wohnungen bauen. Angeblich läge an den Hauptverkehrsachsen ein Potential von 120.000 neuen Wohnungen, dazu kämen neue Flächen am Hamburger Hafen. Der Hamburger Mieterverein befürchtet durch den Schutz des Grüns Wohnungsengpässe, die Wohnungsunternehmen eine Behinderung des Wohnungsneubaus und ein Wachsen Hamburgs in der Peripherie. [32]

Pilotprojekt: weniger mähen. Die Stadt München hat im Sommer 2021 ein Pilotprojekt initiiert: Es soll beim „Straßenbegleitgrün“ weniger gemäht werden für mehr Wildnis und Insektenschutz. [33]

Eine Neupflanzung braucht 50 Jahre. Der Lehrstuhl für Strategie und Management in der Landschaftsentwicklung an der TUM hat beim Projekt „Grüne Stadt der Zukunft“ eine GWG-Wohnanlage an der Karlingerstraße in Moosach untersucht, bei der eine Nachverdichtung erfolgen soll. Das zu sanierende 35 Hektar große Areal liegt zwischen Baubergerstraße, und Wintrichring. Für Sabrina Erlwein vom TU-Lehrstuhl ist der Erhalt von Großbäumen besonders wichtig: Sie spenden Schatten, wirken der Hitzeentwicklung im Stadtgebiet entgegen und sorgen für Frischluft. Ein Ersatz durch junge Bäume ist keine Lösung: „Bis ein neu gepflanzter Baum die gleiche Klimaleistung hat, vergehen 50 Jahre.“ Deshalb sollen in dem Moosacher Gebiet nach Möglichkeit der alte Baumbestand erhalten und Kaltluftschneisen nicht zugebaut werden. [34]

Vgl. u. a. auch: Ausgleichsflächen, Bäume in der Stadt, Begleitgrün, Eggarten, Hinterhöfe, Nachverdichtung, „Städte wagen Wildnis“, Städtische Baumschule, Versiegelung München

„Stoppt Artensterben“. Das ist eine Aktion der Münchner Kreisgruppe des BN und dem LBV in München mit zwei konkreten Forderungen: der Umsetzung der Münchner Biodiversitätsstrategie und der Ausstattung des Münchner Gartenbaureferats mit ausreichenden Mitteln für die Flächenpflege. Weitere Infos: www.stoppt-artensterben.de

Städtisches Stadtgrün. Das Planungsreferat legte am 12.1.2022 ein Konzept für neue Schutzgebiete vor. Es verzeichnet neu im Stadtgebiet: sieben Landschaftsschutzgebiete (Freihamer Feld, Eschenrieder Moos, Hirschau und Obere Isarau, Moosgrund im Münchner Norden, Isar-Mitte und Landschaftspark Isar-Solln). Dazu fünf geschützte Landschaftsbestandteile über 10 Hektar (Gleislager Neuaubing, Gleisdreieck Pasing, Langwieder Heide, Historische Magerflächen am Rangierbahnhof, Trockenbiotop Virginiadepot) und vier geschützte Landschaftsbestandteile unter 10 Hektar (Weiherkette in der Moosschwaige, Kuchenmeistermoor, Hochspannungsleitungstrasse im Truderinger Wald, Baumbestände bei Gut Warnberg). LBV und BN drängten die Stadt seit über 20 Jahren zu dieser offiziellen Ausweisung und fordern auch nach den neuen Ausweisungen weitere Aktivitäten. Die Untere Naturschutzbehörde ist vom Planungsreferat in das 2021 gegründete Referat für Klima- und Umweltschutz umgezogen. Der Naturschutz kollidiert mit dem Druck nach Wohnungsbau. So wurde der Eggarten (CA Immo, Büschl Unternehmensgruppe, GIMA, 2000 Wohnungen) nicht als Schutzgebiet aufgenommen. Stadtrat Dirk Höpner (München-Liste) äußerte dazu: „Wir nennen das das Investorenschutzgebiet.“ Stadtrat Paul Bickelbacher (Grüne) verteidigte die Bebauung: Schutzgebiete könnten nur ohne Bebauungsplan ausgewiesen werden: Der für den Eggarten sei aber bereits in Arbeit. [35]
Das ist schon superpraktisch: Schnell einen Bebauungsplan in Arbeit geben, und schon ist der Eggarten kein Schutzgebiet mehr. Sauber!

Verbaut. Rund 75 Prozent der Stadtfläche von München sind zugebaut. (Berlin: 70,6 Prozent; Köln fast 61 Prozent; Hamburg 59 Prozent, Frankfurt 58,5 Prozent). Auf der Überbauungsliste des Planungsreferats stehen noch Freiham, Johanneskirchen und Daglfing (SEM Nord, 600 Hektar), Feldmoching (SEM Nord, 900 Hektar). In Berlin hat die Stadtverwaltung beschlossen, das Stadtgrün konsequent und nachhaltig zu berücksichtigen. In Hamburg gibt es eine Selbstverpflichtung, öffentliche Grünflächen und Naturschutzflächen zu vergrößern. In Wien dürfen hochwertige Grünflächen nicht bebaut werden. In München gibt es: nichts von alledem. Laut Planungsreferat dienen Bebauungspläne primär dem Bau von Wohnraum oder anderen Entwicklungen. Die Sicherung und der Ausbau von Grünflächen geschehen nur in Einzelfällen. Bisher waren Planungsreferat und Baureferat zuständig: Nun kommt noch das neue Referat für Klima- und Umweltschutz hinzu. [36]

Vielfältigeres städtisches Münchner Grün? Das Referat für Klima und Umweltschutz soll mehr Personal bekommen, um die Artenvielfalt zu erhöhen. Damit sollen auch die 33 städtischen Gesellschaften beraten werden. Von ihnen haben nur sieben ein Biodiversitätskonzept erarbeitet. Dies sind Münchenstift, Tierpark, Park & Ride GmbH, München Klinik, der Flughafen München und die Stadtgüter. [37]
Es fällt auf, wer hier kein Biodiversitätskonzept entwickelt hat: die beiden großen städtischen Wohnungsbaugesellschaften Gewofag und GWG.

Seltener mähen! In der Stadt Bamberg werden seit Jahren die Straßenränder weniger gemäht als früher. Deshalb wurden 1999 nur 320 Pflanzenarten gezählt, 2021 aber 472. Seit 2019 ist die Regierung von Oberfranken an diesem Langzeitprojekt beteiligt. Gerhard Bergner von der dortigen Höheren Naturschutzbehörde: „Je häufiger gemäht wird, umso schlechter ist es für die Insekten.“ Er empfiehlt nur ein- bis zweimal im Jahr zu mähen. Außerdem sollte man die Pflanzenreste nicht einfach liegen lassen („mulchen“). Auch empfiehlt sich ein Vernetzen der Biotope. Auch die Stadt Hof will in Zukunft weniger mähen und mehr Brachstreifen belassen. In Würzburg werden Baumpaten gesucht, welche die Baumscheiben pflegen und bewässern. [38]

Kleiner Ausflug nach Regensburg. Im Westenviertel von Regensburg gibt es seit Jahrzehnten ein kleines Wäldchen, das einmal der Eon gehörte, die es dann an ein Regensburger Immobilienunternehmen verkaufte. Seit den achtziger Jahren ist das Wäldchen als Baugrund ausgewiesen. Laut Stadtverwaltung ist das Wäldchen keine offizielle Grünfläche: Eine Umwidmung zu einer solchen hätte eine enteignende Wirkung, wie die Oberbürgermeisterin Gertrud Schmaltz-Schwarzfischer (SPD) erklärte. Ihrer Ansicht nach hat das seit den achtziger Jahren ungenutzte Baurecht keine Gültigkeit mehr. Außerdem wurden inzwischen Teile des Wäldchens als städtisches Biotop kartiert, das in seiner Funktion für das Klima in der „Steinernen Stadt“ Regensburg wichtig ist. Eine Petition in Deggendorf wendet sich gegen die Bebauung des Klosterbergs als letztem unbebauten Stadthügel im Zentrum; das Wäldchen in Regensburg wird dort als „letzter kleiner Rest“ an Grünfläche und „letztes nennenswertes Biotop“ bezeichnet. [39]

Kleiner Ausflug nach Paris. Der belgische Landschaftsarchitekt Bas Smets begrünt den Vorplatz der Kathedrale Notre Dame. 2019 wurde im Pariser Zentrum die Rekordtemperatur von 42,6 Grad gemessen. Smets wird die kommenden klimatischen Verhältnisse einbeziehen und den Ort als Waldlichtung anlegen. Viele Bäume sollen den Wind begünstigen und die Temperaturen absenken; ein kleiner Wasserlauf soll für Verdunstung sorgen. Smets hat diverse andere Orte unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels gestaltet, so zum Beispiel im südfranzösischen Arles: Auf dem Areal des Luma-Geländes hat er einen großen Park mit 1100 Bäumen und einen künstlichen Teich mit 80.000 Pflanzen angelegt. Dadurch sank hier die Temperatur um vier Grad. [40]

Der Kampf um den Landschaftspark West. Stadtbaurätin Elisabeth Merk trat bei der Vorstellung des STEP 2040 im Sommer 2021 noch dafür ein, im Landschaftspark West Areale für Bebauung auszuweisen. Die Bevölkerung und die Bezirksausschüsse protestierten. Die BI Landschaftspark West sammelte 5000 Unterschriften gegen die Bebauung und betonte die wichtige ökologische Funktion des Landschaftsparks West: Man dürfe nicht Natur gegen Wohnungsbau ausspielen. Der Stadtrat hat dann im Sommer 2021 beschlossen, hier kein neues Siedlungsgebiet auszuweisen. Martin Hänsel vom BN München verwies auf eine Modellierung der TU München: Durch Klimaerwärmung und einer Reduzierung der Grünflächen um zehn Prozent würden bis zum Jahr 2080 an einem wolkenlosen Sommertag über 43 Grad Celsius erreicht. Hänsel: Jedem muss klar sein, dass es hier nicht mehr um laue Biergartennächte im Zuge des Klimawandels geht, sondern darum, ob die Stadt überhaupt noch als Lebensraum geeignet ist.“ [41]

Mähstopp erwünscht. Der Biologe Prof. Jens Rolff von der FU Berlin hat einen Fachartikel über reduziertes Mähen veröffentlicht, das den Insekten zugutekommt. (PM FU Berlin: Studie: Städte könnten das Insektensterben verringern, Berlin 140/2022, 5.9.2022) Beim zweimaligen Mähen pro Jahr profitierten flugfähige Insekten wie z. B. Schmetterlinge und Bienen. Viele Insektenarten finden auf kurzgemähten Grünflächen kaum Lebensraum. Reduziertes Mähen ist in Städten wie Berlin wichtig, wo öffentliche Grünflächen 30 Prozent der Gesamtfläche ausmachen. Hinzu kommen noch die Gärten in Privathand. Nützlich ist laut der Studie auch für Insekten ein Bestand von Pflanzen über den Winter. [42] – Rolff: „Wenn Wiesen nur zweimal im Jahr gemäht werden, kommt das vor allem Wildbienen, Schmetterlingen und Wanzen zugute.“ [43]

Fußnoten und Quellen

  1. Mitscherlich, Alexander, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt 1965, S. 10
  2. Thurau Martin, Den Rückzug der Natur aus München bremsen, in SZ 12.8.1994
  3. Berth, Felix, München im Naturzustand, in SZ 20.11.2002
  4. Stocker, Robert, Auf der Wärmeinsel, in SZ 6.5.2009
  5. Anlauf, Thomas, Das aus im Grünen, in SZ 22.11.2016
  6. Anlauf, Thomas, „Wollen wir überhaupt weiter wachsen?“, in SZ 3.5.2017
  7. Richter, Sabine, Baum oder Baustelle, in SZ 7.7.2017
  8. Hutter, Dominik, Moratorium beim Wohnungsbau, in SZ 19.7.2017
  9. https://www.ris-muenchen.de/RII/RII/DOK/SITZUNGSVORLAGE/4549424.pdf
  10. Kleber, Irene, Der Grün-Kahlschlag, in Abendzeitung 19.7.2017
  11. Nachverdichtung am Stiftsbogen: 40 Bäume gefällt, in hallo-muenchen.de, 19.1.2018
  12. https://hamburg.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/stadtentwicklung/gruen-erhalten/index.html; https://hamburg.nabu.de/imperia/md/content/hamburg/geschaeftsstelle/vi_ergebnis_handreiche.pdf
  13. Richter, Sabine, Wiese oder Wohnung? in SZ 29.6.2019
  14. Anlauf, Thomas, Bedrohte Idylle, in SZ 16.4.2019
  15. Landeshauptstadt München, Referat für Gesundheit und Umwelt, Biodiversitätsstrategie München, Biologische Vielfalt sichern und entwickeln, München, November 2019, S. 20
  16. Anlauf, Thomas, Alles so schön grün hier, in SZ 7.3.2020
  17. Beck, Gabriela, Grün kühlt, in SZ 9.5.2020
  18. Messungen im Wald: Unterschätztes Mikroklima, in siegel.de 15.5.2020
  19. Anlauf, Thomas, Im Dunkel des Urwalds, in SZ 6.6.2020
  20. Körber, Merle, Der heiße Unterschied, in SZ 10.8.2020
  21. Lotze, Birgit, Die grüne Stadt, in SZ 7.10.2020
  22. Steer, Martina, 290 Biotope sind gefährdet, in SZ 24.8.1995
  23. Kronewiter, Thomas, Bedingt umweltgerecht – aber im großen Stil, in SZ 24.8.2001
  24. Oberstein, Peter, Virginia-Depot findet seine Bestimmung, in SZ 18.6.2008
  25. Anlauf, Thomas, Blühende Landschaften, in SZ 12.7.2019
  26. Stadtgärten sind „Schlaraffenland“ für Insekten, in wissenschaft.de 24.2.2021
  27. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/bauen/wohnen/weissbuch-stadtgruen.pdf?__blob=publicationFile&v=3
  28. https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/masterplan_stadtnatur_bf.pdf
  29. Stadtnatur – grüne Freiräume schaffen, in bund.net 18.3.2021
  30. Kramer, Lea, Grau frisst Grün, in SZ 29.6.2021
  31. https://www.gruene-muenchen.de/wp-content/uploads/2020/04/Druckfassung_Koalitionsvertrag-2020_2026.pdf, S. 41
  32. Richter, Sabine, Grünes Versprechen, in SZ 3.7.2021
  33. Weniger mähen für den Artenschutz, in SZ 2.8.2021
  34. Seipel, Christina, Was Bäume leisten, in SZ 25.8.2021
  35. Anlauf, Thomas, Krass, Sebastian, Wo die Natur sich die Stadt zurückerobert, in SZ 13.1.2022; Siegert, Myriam, Wo Münchens Grün bleiben darf, in Abendzeitung 18.1.2022
  36. Anlauf, Thomas, Eine Stadt stößt an ihre Grenzen, in SZ 23.2.2022
  37. Mehr Artenvielfalt auf städtischen Flächen, in SZ 7.4.2022
  38. DPA, Die Stadt als Insektenparadies, in SZ 8.6.2022
  39. Aykanat, Deniz, Kampf ums Restgrün, in SZ 8.7.2022
  40. Eine grüne Lunge für Notre-Dame, in Der Spiegel 28/9.7.2022
  41. Schlaier, Andrea, Wilder Westen, in SZ 10.8.2022
  42. Zur Studie: Anja Proske, Sophie Lokatis, Jens Rolff (2022) Impact of mowing frequency on arthropod abundance and diversity in urban habitats: a meta-analysis, Urban Forestry & Urban Greening
    https://doi.org/10.1016/j.ufug.2022.127714
  43. DPA, Seltenes Mähen nützt den Insekten, in SZ 12.9.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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