Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Bäume in der Stadt

B
Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert am 4.6.2022

„Nur weil die Gewohnheit abstumpft, wenn Bäume fallen und Baukräne aufwachsen, wenn Gärten asphaltiert werden, ertragen wir alles so gleichmütig.“
Alexander Mitscherlich [1]

Dezember 1999: Kritik an der Unteren Naturschutzbehörde. Die stellvertretende Vorsitzende des BA Schwabing-West, Heike Soltau, berichtete in einer BA-Sitzung im Beisein von zwei Vertretern der Unteren Naturschutzbehörde, Susanne Hutter von Knorring und Werner Hetz, dass manche BAs wegen ihres Streits mit den städtischen Naturschützern keine einzige Genehmigung zum Fällen von Bäumen mehr erteilen. Die Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde bestritten eine derartige Streitsituation vehement: „Wir sind ja keine Baumfällbehörde.“ Indes wurden im August 1999 im Biergarten der Wienerwald-Gaststätte an der Lerchenauerstraße 28 Bäume gefällt – mit Genehmigung. Stadtbaurätin Christiane Thalgott zitierte als Antwort auf Fragen von zwei CSU-Stadträtinnen aus dem Bescheid der Unteren Naturschutzbehörde, dass am 12.4.1999 die Genehmigung zur Fällung von acht Eschen und 20 Rosskastanien erteilt wurde. Ein Gutachten eines Sachverständigen habe vorgelegen. Laut Wirtshauspächter handele es sich um ein Gefälligkeitsgutachten, da die Bäume völlig gesund gewesen seien. Die zwei Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde verwiesen auf die (inzwischen so bekannte wie berüchtigte) Gefährdung der Verkehrssicherheit und die damit verbundenen Haftungsfragen. Den Vorschlag des BA-Vorsitzenden Walter Klein (SPD), Mitglieder des BA an den Besichtigungsterminen teilnehmen zu lassen, erachteten die zwei städtischen Vertreter nur in schwerwiegenden Fällen für sinnvoll. [2]

Nachbars Birke. Auf einem Nachbargrundstück will der Eigentümer eine riesige Birke mit 180 cm Stammumfang fällen lassen, angeblich weil seine Mieter mehr Licht möchten. Die Untere Naturschutzbehörde hat der Fällung zugestimmt. Mein Baumpfleger hatte den Baum als gesund deklariert. Deshalb schrieb ich an die Untere Naturschutzbehörde, ob man den Baum nicht erhalten könne. Die Entfernung des Efeus aus der Baumkrone würde den Windwiderstand reduzieren. Die Antwort vom 29.12.2011: Der Baum zeigte laut einem Fachgutachter der Unteren Naturschutzbehörde „Abbauerscheinungen“ (Krone verlichtet, Efeu bis an die Spitze. Der Baum unterliegt nicht mehr der Baumschutzverordnung und kann durch die Genehmigung auf die Dauer von zwei Jahren gefällt werden. Der Baumeigentümer muss ihn aber nicht fällen. Es folgte die Empfehlung, mich mit dem Baumeigentümer in Verbindung zu setzen.
Kurze Zeit später kamen an einem Samstag zwei osteuropäische Arbeiter und haben den Baum gefällt. [3]

Juni 2018: Erbstreit in Pasing. An der Pfeivestlstraße 4 am Pasinger Stadtpark wurde ein zwei Meter hoher Bauzaun errichtet, der Zutritt verboten. Drei Grundstücke waren ungeteilt im Familienbesitz – mit einem dort stehenden Haus. Zwei Familienmitglieder haben nun ihr Grundstück abgetrennt. Auf deren Grund steht eine 190 Jahre alte Buche mit drei Metern Stammumfang und einer Blätterkrone von rund 20 Metern. Die Bürgerversammlung in Pasing hat nun einstimmig beschlossen, sie als Naturdenkmal auszuweisen, um sie vor den Baggern zu schützen. Die Untere Naturschutzbehörde rechnet allerdings mit einem Zeitraum von einigen Jahren, bis die Buche als Einzeldenkmal eingetragen wird; Bis dahin kann längst mit einer Baugrube begonnen worden sein. [4]

Juli 2018: Eine Villa in einem alten Garten an der Linastraße 3a in Solln gehört der Evangelischen Kirche. Dort wohnte bis zu seinem Tod im Dezember 2016 der Theologe Trutz Rendtorff. Im Sommer 2018 wollte die Evangelische Kirche ihre Villa abreißen lassen, um neun Wohnungen zu errichten. Der zuständige BA 19, das Bündnis Gartenstadt München, das Forum Lebenswertes München, die Interessenvereinigung Prinz-Ludwigs-Höhe und Bürger von Solln protestierten. Alexander Weber, der Vorsitzende der Interessenvereinigung Prinz-Ludwigs-Höhe, äußerte zum drohenden Abriss: „In München wird heutzutage fast alles genehmigt, was Wohnraum bringt.“ [5]
Im Juli 2018 protestierten etwa 50 Engagierte gegen den Abriss der Villa. Der Sprecher des Bündnis Gartenstadt, Andreas Dorsch, rief die Kirche und das Planungsreferat dazu auf, die gewachsenen Strukturen nicht den monetären Interessen unterzuordnen. Dorsch verwies auch auf den wertvollen Bestand mit Bäumen und Sträuchern. [6]
Nachtrag August 2021: Im Sommer 2019 gab es einen Kompromissvorschlag der ELKB, die Villa zu erhalten und ein Mehrfamilienhaus dahinter zu errichten. Das Planungsreferat will aber den Bebauungsplan bezüglich des höheren Baurechts nicht korrigieren. Derzeit liegen keine neuen Informationen vor.

2000 Bäume jährlich. Etwa 2000 Bäume pro Jahr werden nach Angaben des BN in München jährlich gefällt. Mit zunehmender Bebauung der letzten freien Flächen in der Stadt verschärft sich dieses Problem (siehe Eggarten!). Der BA Obergiesing – Fasangarten möchte deshalb grundsätzlich Ersatzpflanzungen bei Baumfällungen fordern. Monika Reim (SPD) vom BA Forstenried – Fürstenried-Maxhof äußerte zu ihrem Bezirk: „Der Baumschwund muss uns erschrecken, wo ist denn unser Stadtviertel überhaupt noch grün?“ [7]

BA beklagt Informationsmangel. Der BA 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt forderte im November 2020, dass die Baumschutzbeauftragten der Bezirksausschüsse nicht nur Fällungen begutachten, sondern auch von der Unteren Naturschutzbehörde informiert werden, ob und wo Ersatzpflanzungen vorgenommen wurden und ob Kautionsgelder bei nicht erfolgten Ersatzpflanzungen verhängt wurden. Der BA-Unterausschuss Umwelt, Klima und Naherholung berichtete von jährlich 2000 gefällten Bäumen in München; dabei bleiben bislang die Nachpflanzungen unbekannt. [8]

Haldensee-Siedlung Ramersdorf: 170 Bäume werden gefällt. Der BN München hat wiederholt auf 2500 gefällte Bäume pro Jahr in München hingewiesen. Die Schutzgemeinschaft Ramersdorf (SGR) hat eine „Aktion Trauerbaum“ gestartet. Die jungen Ersatzpflanzungen können die massiven Fällungen nicht ausgleichen. „Fakt bleibt, dass beim Bauen Bäume grundsätzlich als hinderlich betrachtet werden. Notfalls stellt man sie als Sicherheitsrisiko hin und fällt. Bauvorhaben und Bauwirtschaft sind in München die größten Klimasünder – dennoch wird darüber so gut wie nie geredet. Wohnungen bauen und vor allem mit Wohnungen Geld verdienen: das geht immer vor. Die Bauwirtschaft wird vom Klimanotstand komplett ausgeschlossen.“ [9]
Das ist alles sakrosankt durch das Totschlagargument Wohnungsnot.
Allein in der GWG-Siedlung Haldensee in Ramersdorf sollen durch Neubebauung 170 von 270 Bäumen gefällt werden. 110 Neuanpflanzungen sind hier vorgesehen, die frühestens in Jahrzehnten einen gewissen Klimaausgleich liefern werden: sofern sie überhaupt so alt werden. Von diesen 170 zu fällenden Bäumen sind 130 Bäume durch die Baumschutzverordnung geschützt: eigentlich. Der Vorsitzende des Vereins Gartenstadt Harlaching, Andreas Dorsch, rechnet für den Ersatz einer 100-jährigen Eiche eine Ersatzpflanzung von 40 kleinen Bäumen. [10]

120 Bäume sollen in Ramersdorf gefällt werden. An der Ottobrunner Straße 3 steht eine alte Villa auf einem 8000 Quadratmeter großen Grundstück mit teilweise uraltem Baumbestand. Hier wird eine Wohnanlage mit Tiefgarage geplant: unter Ausnutzung von maximalem Baurecht. Der BA lehnte das Bauvorhaben „als rücksichtslos und nicht wünschenswert“ ab; außerdem würde in den alten und geschützten Baumbestand massiv eingegriffen. [11].
Ein Einspruch gegen die massiven Fällungen kam im Juli 2021 vom Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB). Der VLAB schrieb an das Planungsreferat und monierte, dass fast alle wertvollen Bäume gefällt werden sollen „Hierbei handelt es sich um teilweise starke alte heimische Baumarten, beispielsweise um Eiben, Rotbuchen, Hängebuchen, Berg- und Spitzahorne, Eschen und Säuleneichen. Zusätzlich gedeihen zahlreiche Gastbaumarten (Scheinzypressen, Zedern, Schwarzkiefern, Trompetenbäume, Chinesisches Rotholz, Ginko, Mammutbäume) auf der Fläche, die künftig als klimaresistente Arten, insbesondere in Städten, eine noch viel größere Bedeutung als bisher haben werden. Hervorzuheben ist der hervorragende, kerngesunde Zustand der hoch gewachsenen Bäume mit Stammumfängen von bis zu über vier Metern, Höhen von bis zu 23 Metern und Baumkronen von bis zu 16 Metern sowie der teilweise außerordentlich hohe Seltenheitswert dieser Bäume, bspw. Früchte tragender Ginko-Baum. Mit einem Alter zwischen 60 und 160 Jahren sind diese Bäume in ihrer Hochleistungsphase der CO2– und Feinstaubbindung. Gerade an dem äußerst stark befahrenen Verkehrsknotenpunkt haben diese Bäume an Ort und Stelle eine nicht zu unterschätzende Funktion für den Gesundheitsschutz der Menschen.“
Dazu gibt es hier viele geschützte Vogel- und Fledermausarten. Das Grundstück Ottobrunner Straße 3 ist das einzige im Plangebiet 1638, das über wertvollen Baumbestand verfügt – und liegt noch dazu in der Nähe der A 8. Da München seit 2018 eine Biodiversitätsstrategie hat und die Stadtplanung erst vor kurzem eine Baumschutzkampagne beschlossen hat, bittet der VLAB, die laufende Prüfung des Vorbescheids zu überdenken: Nachverdichtung ist zur Schaffung von Wohnraum notwendig, sollte aber auf weitgehend baumfreie und versiegelte Flächen erfolgen. [12]
Nachtrag Juli 2021; ÖDP und München-Liste stellen einen Antrag. Im Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung soll am 15.9.2021 über den Erhalt des Baumbestandes der Ottobrunner Straße 3 diskutiert werden; der außergewöhnliche Baumbestand soll als Ganzes oder einzelne Bäume als Naturdenkmäler ausgewiesen werden Eine spezielle Artenschutzrechtliche Prüfung (saP) soll vorgeschrieben werden. [13]

Platz für Autos, kein Platz für Bäume. Exkursion nach Gräfelfing (oder anderswo) in das Gewerbegebiet: Für dieses sollte ein Planungsbüro ein Gesamtkonzept zur Aufwertung des Areals ausarbeiten. Das Büro hat Platz für 150 Parkbuchten gefunden – und nur Platz für die Neupflanzung von 55 Bäume. [14]

Bäume abholzen, Bäumchen pflanzen. Das Baureferat sucht Grundstücke zum Pflanzen von Bäumen und hat die Mitglieder der Bezirksausschüsse angeschrieben, bis zum 3.5.2021 Standorte zu finden. Möglichst viele Bürgerinnen und Bürger sollen beteiligt werden. [15]
Nach Recherchen des Bund Naturschutz werden in München jedes Jahr 2000 große Bäume gefällt. Im Eggarten werden hunderte Bäume die Bebauung nicht überleben. Hinterhöfe werden bebaut vulgo „nachverdichtet“ und alte Bäume gefällt. Villen werden abgerissen und ihre Gärten plattgemacht. Die anschließende, aufgrund der irrwitzigen Münchner Grundstückspreise dichteste Wohnbebauung lässt dann ein Tiefgaragen-Begleitgrün entstehen, das noch dazu ökologisch meist völlig wertlos ist, aber: nicht schmutzt (Laub!), keine Tiere anzieht (Kot! Nester!), keine Arbeit machen darf (Hausmeister-Kosten!), einfach zu pflegen ist (alle zwei Wochen Rasen mähen).

Baumschutz intensivieren. Das fordert der BA 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Er hatte bereits im November 2020 auf schärfere Nachkontrollen gedrungen. Im öffentlichen Bereich, so meldete das Rathaus am 26.1.2021, seien 2020 70 Bäume mehr gepflanzt als gefällt worden. (Die Größenverhältnisse der alten, gefällten Bäume zu den jungen lassen wir hier unbeachtet; WZ) Die Baumschutzbeauftragten des BA 2 hatten einen ganzen Fragenkatalog an Verwaltung und Untere Naturschutzbehörde ausgearbeitet. Nun möchten sie, dass die Kautionen für die Bäume erhöht werden. Die derzeit 750 Euro wirkten nicht abschreckend, deshalb sollten pro gefällten Baum mindestens 5000 Euro erhoben werden. An der Thalkirchner Straße wurden vor Kurzen 14 Bäume für die dreimonatige Baustelle einer Fernkälteleitung gefällt: Hier sollen nicht nur die pure Anzahl der Bäume ersetzt werden, sondern auch der ökologische Verlust des alten Bestandes zu den Neupflanzungen. Stadtrat Tobias Ruff (ÖDP) forderte umgehend Informationen über die Baumfällungen in München und kritisierte die rot-grüne Stadtspitze, die zwar Baumschutzmaßnahmen in den Koalitionsvertrag aufgenommen habe, die aber nicht umgesetzt wurden. [16]

Kühlung durch Bäume. Der Stadtrat hat 2019 beschlossen, dass München bis zum Jahr 2035klimaneutral ist. Das Büro Mahl Gebhard Konzepte erhielt von der Stadt den Auftrag, einen Gesamtplan aufzustellen. Am 28.1.2021 hat das Planungsreferat zu diesem Thema eine virtuelle Diskussion organisiert. Andrea Gebhard stellte die Arbeit an dem Gesamtkonzept vor und verwies auf Friedrich Ludwig von Sckell, der 1812 die Sonnenstraße als Allee mit sechs Baumreihen konzipiert hatte, um die Stadt mit Frischluft zu versorgen. Der TU-Professor Stephan Pauleit sah eine Lösung in mehr Grün für München. Eine 80 Jahre alte Steinlinde kühle die Stadt mit einer Kilowatt-Leistung von über 200 Kühlschränken; jüngere Bäume leisten entsprechend weniger. Deshalb müssen alte Bäume erhalten werden. In dicht bebauten Vierteln wie der Maxvorstadt liegt der Grünanteil nur bei zehn Prozent: Er müsste sich verdoppeln.
Die Ausstellung des Planungsreferates zum Thema „Die nachhaltige Stadt“ hat folgende Schwerpunkte. „Wie sieht nachhaltige Stadtentwicklung aus? Wie können sich Stadtquartiere dem Klimawandel anpassen? Und warum brauchen wir mehr Freiräume und eine zukunftsfähige Mobilität?“ [17]
Traurigerweise wird es nicht mehr Grün für München geben, sondern sehr viel weniger: durch die hohen Bodenpreise, die dichte Bebauung, die kärgliche Begrünung.

BA fordert höhere Strafen (1). Der BA Pasing – Obermenzing hat am Beispiel Frihindorfstraße 8 im Februar 2019 den Baumfrevel hautnah erlebt. Das Planungsreferat hatte damals informiert, dass illegale Fällungen nicht durch verzögerte oder verweigerte Erteilung von Baugenehmigungen bestraft werden könne, da dies mit dem Grundrecht auf Schutz des Eigentums kollidiere. [18] Deshalb hat der BA einen Antrag der CSU einstimmig gebilligt und die Stadt aufgefordert, das maximale Bußgeld auf 50.000 Euro zu erhöhen und keine Grundstücksgeschäfte mehr mit Bauherren zu machen, die mit Vorsatz illegal Bäume fällen lassen. Der BA reagierte damit auch auf die Mitteilung der LBK, dass bei illegalen Fällungen Baugenehmigungen nicht verzögert oder verweigert werden können. [19][20]
Nachtrag Oktober 2021: In der Mitteilung der Stadt „Welche Bäume sind geschützt?“ stand dann im Oktober 2021. „Bei Verstößen gegen die Baumschutzverordnung ist mit einem Bußgeld zu rechnen, das je nach Schwere des Eingriffs bis zu 50.000 Euro betragen kann.“ [21]

BA fordert höhere Strafen (2).Der BA Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt hatte im Januar 2021 gefordert, mit der Kaution für die Fällung von Bäumen Ersatzpflanzungen zu finanzieren. Der BA Laim schloss sich dem nun an und beschloss, die Kaution von 750 auf 5000 Euro für Unternehmen und 1500 Euro für Privatpersonen zu erhöhen. [22]

Grüner Masterplan gefordert. In München gibt es seit 1.1.2021 das neu geschaffene Referat für Klimaschutz und Umwelt (RKU) mit der Referentin Christine Kugler. Grüne und ÖDP möchten nun den Baumschutz in diesem Referat angesiedelt sehen. Trotz der Baumschutzverordnung werden jedes Jahr laut Schätzungen des BN 2000 Bäume abgesägt. Deshalb haben die Grünen im Herbst 2019 einen Masterplan für Münchner Bäume gefordert. Denn eine Eiche mit 100 Jahren hat natürlich eine wesentlich größere ökologische Bedeutung als die jungen Ersatzpflanzungen. Die ÖDP schlägt deshalb zur Rettung älterer Bäume ein Verpflanzungskonzept vor. [23]
Wie weit sich alte Bäume überhaupt verpflanzen lassen, sei dahingestellt: Viel wichtiger wäre es, sie erst gar nicht anzurühren.

Standortsuche für Neuanpflanzungen. Durch Investoren und rücksichtslose Fälltrupps schwindet in München (und anderen Städten) der alte Baumbestand unaufhörlich. Deshalb wurden Einwohner vom BA 21 Pasing – Obermenzing aufgefordert, bis 30.4.2021 Standorte zu melden, an denen neue Bäume gepflanzt werden können. (ba21@muenchen) Hier sollen 2021 mindestens 100 neue Standorte gefunden werden. [24]
Wieder diese Lösung: statt derzeit etwa 2000 große Bäume in der Stadt zu fällen, keine mehr fällen!

Baumschutzverordnung verschärfen. Diese ist aus dem Jahr 2013: Inzwischen hat der Druck der Investoren auf den alten Baumbestand weiter zugenommen. Die Vorsitzende (und Architektin) vom BA Altstadt – Lehel, Andrea Stadler-Bachmaier (Grüne), hat nach eigenen Aussagen dauernd mit Bauvorhaben und den damit verbundenen Baumfällungen zu tun. Deshalb müssten Bäume nicht erst bei einem Stammumfang von 80 Zentimetern geschützt werden. Sie schlug 60 Zentimeter vor, dazu sollen auch Obstbäume geschützt werden. Ersatzpflanzungen sollen sich nach der ökologischen Wertigkeit der zu fällenden Gehölze richten. Der Antrag wurde angenommen. [25]

Kein Platz für Bäume. 2019 kündigte die Kommunalreferentin Kristina Frank (CSU) eine große städtische Baumpflanzaktion an: Bis 2025 sollten eine halbe Million Bäume in München zusätzlich gepflanzt werden. Nur fehlt der Platz, bzw. geeignete städtische Grundstücke gehen ab. Das Kommunalreferat sucht nun im Umkreis von bis zu 50 Kilometern Platz zum Aufforsten. [26]

Baumverluste in Pasing. Von 2013 bis 2020 wurden in Pasing 2603 Bäume mit Einzelfällungsanträgen umgesägt. In diesen acht Jahren wurden weitere 2598 Bäume bei Baugenehmigungen gefällt. Hinzu kommen 14 Prozent Verluste in der Gartenstadt Pasing-Obermenzing. [27]

Baumverluste in Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Der BA 2 hatte beim Planungsreferat wegen der Baumfällungen nachgefragt. Pro Jahr verliert der Stadtbezirk circa 50 größere Bäume. Von 2013 bis 2020 wurden 190 Bäume wegen Baumaßnahmen gefällt; 209 Bäume meldeten Einwohner zur Einzelfällung an. Falls – meist aus Platzmangel – keine Ersatzpflanzung (von viel kleineren Bäumen) erfolgen kann, beträgt die Ausgleichszahlung pro Baum ganze 750 Euro. Der Ersatz eines tatsächlich verlorenen „Grünvolumens“ durch entsprechende gleichwertige Ersatzpflanzungen ist laut Planungsreferat aus rechtlichen Gründen nicht möglich. [28]

Kahlschlag an der Neuen Pinakothek. Das Bauwerk wurde 1981 eröffnet und wird seit 2019 generalsaniert. 42 Bäume, die unter die Baumschutzverordnung fallen, wurden für die Baumaßnahmen mit Erlaubnis der Unteren Naturschutzbehörde gefällt. Diese forderte Ersatzpflanzungen. Der BA Maxvorstadt war im November 2021 hell empört: BA-Mitglied Ruth Gehling (Grüne) nannte dies bei der BA-Sitzung am 16.11.2021 einen „Kahlschlag“. Der BA erfuhr dann vom Bauamt, dass drei Viertel der Bäume bereits im Januar 2021 gefällt worden war. [29]

Beschatten und verdunsten. In den Städten kühlen Bäume besser als Grünflächen. Zum einen spenden Bäume Schatten. Aber ein größerer Kühlungseffekt entsteht durch Verdunstung, haben Forscher um den Geoökologen Jonas Schwaab herausgefunden. Städtische Grünflächen kühlen um den Faktor zwei bis vier geringer als Baumflächen. Die Forscher haben mit Satelliten die Oberflächentemperatur von 293 Städte in Europa gemessen, darunter 36 deutsche. Durch ihre tieferen Wurzeln nehmen Bäume mehr Wasser auf und verdunsten es wieder – und dies auch in heißen und trockenen Zeiten. Der Temperaturunterschied zwischen Flächen mit Bäumen und bebauten Flächen kann zwischen acht und zwölf Prozent betragen. [30]

Die letzten drei Bäume. Am Maria-Nindl-Platz im Prinz-Eugen-Park stehen drei 13 bis 16 Meter hohe Bäume. Genau da hin wird das neue Kulturbürgerhaus geplant. Die Initiative zur Rettung von Altbaumbeständen in der Grünen Mitte kämpft mit Anwohnern für den Erhalt der großen Bäume. Die Stadtgartendirektion informierte, dass die Versetzung der Bäume einige Hundertausend Euro kosten würde. Die Grünen-Fraktion im BA Bogenhausen unterstützt mit den anderen BA-Fraktionen die aktuelle Planung, damit sich der Bau des Kulturhauses nicht verzögert. Dieses sollte bereits bis 2020 fertig sein: Jetzt geht man vom Jahr 2025 aus. [31]
Nachtrag Mai 2022: Trotz der Forderung auf der Bürgerversammlung vom Herbst 2021, die Eiche und die zwei Ahornbäume mit Stammumfängen von 150 bis 200 Zentimetern zu erhalten oder zu verpflanzen, werden die drei Bäume gefällt. Angeblich kann der Neubau dem Bebauungsplan folgend nirgends anders errichtet werden. [32]

Dezember 2021: Pasing und die Neubauten. An der Ecke Bodenseestraße/Maria-Eich-Straße hat der BA 21 Pasing – Obermenzing den Bau eines sechsgeschossigen Gebäudes (Wohnraum- oder Büronutzung) abgelehnt, da das ganze Grundstück mit Keller und Tiefgarage bebaut werden soll. Die Fläche liegt in einem Bereich mit Gartenstadt-Charakter: Der Bau hätte das Abholzen großer Bäume bedeutet. Auch an der Bergsonstraße 79 bis 81 hat der BA den Bau von einem Doppelhaus, zwei Einfamilienhäusern, sechs Reihenhäusern und einem Tiny House abgelehnt: Auch hier hätte eine große Tiefgarage keine Baumpflanzungen erlaubt. An der Schuegrafstraße 6 bis 8 sollte ein fünfgeschossiges Bürogebäude mit einer großen Tiefgarage im hinteren Grundstücksbereich und oberirdischen Stellplätzen ohne Begrünung errichtet werden: Auch hier sprach sich der BA gegen den Neubau aus. [33]

Welcher Baum in der Klimakatastrophe? Die Klimaerhitzung wirkt sich besonders in den Städten aus. Er erfordert das Aufforsten der Bäume im urbanen Raum. Die Bäume werden durch Hitze und Schädlinge, Abgase und Schmutz geschwächt. Aus diesem Dreiklang entsteht die Frage, welche Bäume sinnvoll gepflanzt werden. Experten sind sich uneins. Die Empfehlungen reichen von „möglichst viele Baumarten“ bis zur Durchführung von Langzeitbeobachtungen. Fragen ergeben sich bezüglich der klimatischen Extreme, der Bodenbeschaffenheit, der Regionalität oder Internationalität der Bäume. Informationen gibt es bei der Deutschen Gartenamtsleiter-Konferenz (Galk), die eine Straßenbaum-Liste angelegt hat. Die TU Dresden hat eine Online-Datenbank erstellt (citree.de). Der NABU wünscht mehr Flexibilität bei neuen Baumarten. [34]

Wertvolle alte Bäume. Die Baumsachverständige Daniela Antoni sieht diverse Gründe für den Schwund alter Bäume: grobe Fehler bei der Baumpflege, Ignorierung des Baum- und Artenschutzes auf Baustellen, Austausch von Gartenbäumen durch Schottergärten, etc. Alte Bäume spenden Schatten und sind Lebensraum für Tiere, Pilze und Flechten. Durch die berüchtigte „Verkehrssicherungspflicht“ werden häufig Bäume gefällt, wobei dies in 90 Prozent der Fälle nicht nötig wäre. In Städten und Gemeinden fehlen Fachleute; dann übernehmen Hausmeister oder Billigunternehmer die „Baumpflege“. Von 100 Bäumen, die Antoni untersuchte, hätten nur einer oder zwei gefällt werden müssen. Viele Neupflanzungen sterben nach zwei Jahren wieder ab, weil sie keiner pflegt. Hinzu kommen neue Erkrankungen der Bäume durch die Klimaerwärmung. „Die Leute wissen gar nicht mehr, was sie an den Bäumen haben. Jeder große Stadtbaum verbessert das Wohlbefinden erheblich, auch für den Nachbarn und sogar für das ganze Viertel.“ [35]

20.000 Bäume seit 2011 in München gefällt. Der Geschäftsführer der Münchner Kreisgruppe vom BN, Martin Hänsel, konstatierte 20.000 gefällte Bäume in München: jährlich zwischen 2000 und 2500. Gründe sind die „Nachverdichtung“, Abriss von Gebäuden und Zerstörung alter Gärten, damit Verlust alter Bäume. Die Stadt hält dagegen, dass in 2021 eine „positive Baumbilanz“ bestehe: dass 646 Bäume mehr nachgepflanzt als gefällt wurden. Dabei verschweigt sie bewusst, dass eine kleine Baumnachpflanzungen in keinster Weise klimatisch den Verlust eines alten, großen Baumes aufwiegen kann. Hänsel: „Wenn wir im Jahr 2080 große Bäume haben wollen, müssen wir sie heute pflanzen.“ [36]

Mai 2022: Pasinger Grün-Sorgen. Am 4.5.2022 fand in Pasing eine Bürgerversammlung statt: Die Mehrheit der 22 Anträge befasste sich mit Naturschutzproblemen. Es wurden Bebauungspläne und Erhaltungssatzungen mit strengerem Baumschutz und höheren Bußgeldern gefordert. Ende 2019 wurde eine mehr als 200 Jahre alte Eiche im Pasinger Mühlerweg gefällt; die Untere Naturschutzbehörde hatte die Fällung genehmigt. Auf einem Grundstück an der Lichtigerstraße 12 der Pasinger Waldkolonie stehen zehn alte Bäume: Hier ist ein Neubau geplant. Dem Landschaftspark West von Pasing über Laim und Hadern bis ins Würmtal drohen Gerüchten zufolge erneut Pläne zur Bebauung. [37]

Vgl. auch: Frihindorfstraße 8; Hinterhöfe, Nachverdichtung, Stadtgrün, Städtische Baumschule

Fußnoten und Quellen

  1. Mitscherlich, Alexander, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt 1965, S. 10
  2. Flessa, Andreas, „Wir sind ja keine Baumfällbehörde“, in SZ 16.12.1999
  3. Schreiben W. Zängl an die Untere Naturschutzbehörde, 4.11.2011; Antwort vom 29.12.2011
  4. Hlawica, Marie-Julie, Bitterer Streit um Pasings heimliches Naturdenkmal, in hallo-muenchen.de 21.6.2018
  5. Wolfram, Jürgen, Streit um alte Villa: erhalten oder neuen Wohnraum schaffen? in sueddeutsche.de 3.7.2018
  6. Wolfram, Jürgen, Eine Villa bewegt das Viertel, in SZ 28.7.2018
  7. Wolfram, Jürgen, Schwindendes Grün, in SZ 27.10.2020
  8. Baumersatz offenlegen, in SZ 2.11.2020
  9. https://buergerdialog.online/2020/11/24/muenchen-ramersdorf-aktion-trauerbaum-in-der-haldenseesiedlung/
  10. https://buergerdialog.online/2020/11/24/muenchen-ramersdorf-aktion-trauerbaum-in-der-haldenseesiedlung/; Grundner, Hubert, Geld verdienen geht immer vor, in SZ 9.11.2020
  11. Grundner, Hubert, Städtebaulicher Wildwuchs, in SZ 21.1.2021
  12. https://www.muenchen-transparent.de/dokumente/6733827/datei
  13. https://www.muenchen-transparent.de/dokumente/6733827/datei. Vgl. Grundner, Hubert, Einspruch aus der Ferne, in SZ 23.8.2021
  14. 55 Bäume, 155 Parkbuchten, in SZ 25.1.2021
  15. Grüne Offensive, in SZ 25.1.2021
  16. Lotze, Birgit, Mit Nachdruck für die Natur, in SZ 29.1.2021
  17. https://stadt.muenchen.de/infos/ausstellung-nachhaltige-stadt.html; Wetzel, Jakob, Ein Baum leistet mehr als 200 Kühlschränke, in SZ 1.2.2021
  18. Baumfrevler sollen büßen, in SZ 11.3.2021
  19. Büßen beim Baumfrevel, in SZ 18.3.2021
  20. https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Referat-fuer-Stadtplanung-und-Bauordnung/Natur-Landschafts-Baumschutz/Baumschutz/Welche-Bauume-sind-geschuetzt.html
  21. https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtrecht/vorschrift/901.html
  22. Plädoyer für mehr Grün, in SZ 18.3.2021
  23. Anlauf, Thomas, Lieber Umpflanzen als umsägen, in SZ 15.3.2021
  24. Czeguhn, Jutta, Gegen den Schwund, in SZ 1.4.2021
  25. Graner, Nicole, Nachjustieren, in SZ 10.3.2021
  26. Anlauf, Thomas, Probleme mit dem Nachwuchs, in SZ 20.4.2021
  27. Hoher Baumverlust, in SZ 22.9.2021
  28. Lotze, Birgit, Knapper Pflanzenraum, in SZ 28.9.2021
  29. Bäume weichen der Baulogistik, in SZ 20.11.2021
  30. Schwaab, Jonas, Lokaler Kühlungseffekt durch Laubbäume in Europa, in usys.ethz.ch 24.8.2020; https://www.nature.com/articles/s41598-020-71055-1; The role of urban trees in reducing land surface temperatures in European cities#; Bäume kühlen Städte besser als Grünflächen, in SZ 23.11.2021; Mein Freund, der Baum, tut gut, in SZ 24.11.2021
  31. Kramer, Lea, Bäume oder Bürgerhaus, in SZ 30.11.2021
  32. Bäume werden für Kulturzentrum gefällt, in SZ 19.5.2022
  33. Draxel, Ellen, Nicht um jeden Preis, in SZ 11.12.2021
  34. Przybilla, Steve, Bäume im Großstadtdschungel, in SZ 25.2.2022
  35. „Kein Grund für die Axt“, in Der Spiegel 16/18.4.2022
  36. Krattiger, Jan, 20.000 Bäume weg!, in Abendzeitung 21.4.2022
  37. Draxel, Ellen, Weckruf aus der Gartenstadt, in SZ 6.5.2022
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