Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Nachverdichtung

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisierung 18.8.2022

Die Allzwecklösung. Im Februar 1993 lobte Stadtbaurätin Christiane Thalgott das „Bauen im bebauten Raum“. Sie erwähnte den Ausbau von Dachgeschossen, aber auch den Prozess der Nachverdichtung in Siedlungen der fünfziger und sechziger Jahre. Sie nannte auch das US-Wohnquartier am Perlacher Forst und den US-Komplex der McGraw-Kaserne. Aber auch eine Erhöhung des Baurechts durch Querriegel zu bestehenden Wohnbauten am Innsbrucker Ring und an der Lortzingstraße sei erwünscht. Hinzu kommen die ehemaligen Militärareale der Stetten-Kaserne und der Funkkaserne sowie ehemalige Industriezonen wie die Domagkstraße und das Gelände des Pfanni-Werks im Münchner Osten. [1]

Nachverdichten für weitere 85.000 Zuzügler? Die nächsten Jahre sollen noch einmal 85.000 Menschen nach München ziehen. Bahn-, Kasernen- und Industriegrundstücke sind verplant. Ab 2015 rechnet das Planungsreferat, dass Flächen in München knapp werden. Deshalb werden Baulücken gesucht, Abrisshäuser, Nachverdichtungsflächen. Stadtbaurätin Elisabeth Merk legte Wert darauf, dass Höfe und Grünflächen erhalten werden. Das war nicht der Fall bei einem grünen Wirtsgarten am Zwingereck, wo Bäume und Garten überbaut wurden. [2]
Und das Nachverdichtungs-Problem wird im Jahr 2021 noch weit dramatischer: wenn ganze Innenhöfe zugebaut werden (siehe z. B. Hohenzollernkarree) und Bäume in Hinterhöfen gefällt werden für neue, reingequetschte Investorenprojekte (siehe Herzogstraße 84 / Apianstraße 8).

März 2012: Widerstand gegen „Nachverdichtung“. München hat den größten Versiegelungsgrad deutscher Städte. Und laut Johannes Stöckl von der BI Gartenstadt Harlaching hat jeder Einwohner Münchens einen Grünflächenanteil von 74 Quadratmetern. Er nennt als Vergleich Dresden mit 379 Quadratmetern und Leipzig mit 288 Quadratmetern. Widerstand kommt aus diversen Münchner Stadtvierteln. Neun Initiativen haben sich zum Bündnis Gartenstadt München vereint. (https://www.gartenstadt-harlaching.de/gs-muc/presseerkl%E4rung/flyer-gartenstadt.pdf; https://www.gartenstadt-harlaching.de/gs-muc.htm) Einige Beispiele: In Obermenzing wird in die Kastanienwiese an der Alten Allee eine Kinderkrippe mit 400 Quadratmetern gebaut. Die alte Maikäfersiedlung in Ramersdorf stammt aus den 1920er-Jahren und wird von der städtischen GWG mit fünfstöckigen Flachbauten ersetzt. Der Eggarten in der Lerchenau gehört noch der Deutschen Bahn und soll mit dichtem Wohnungsbau überplant werden. Carsten Trinitis von der Initiative Lebenswertes München, liebenswertes Laim verweist auf die abrissbedrohte Ostermeier-Villa in der Helmpertstraße aus dem Jahr 1924. Der Prozess sei immer derselbe: Die Eigentümer sterben, die Erben verkaufen die Immobilie zum Höchstpreis. [3]

Nachverdichtung Fürstenried. Bereits 2005 hatte die damalige Stadtbaurätin Christiane Thalgott eine Nachverdichtung für Fürstenried West abgelehnt, weil der Charakter des Stadtviertels nicht zerstört werden dürfe. Nun lag bei einer BA-Sitzung die städtische „Vorlage zur Weiterentwicklung in Fürstenried West“ vor und erntete eine positive Resonanz im BA 19. So sagte BA-Mitglied Michael Kollatz (SPD), dass man dem Siedlungsdruck auf die LH München Rechnung tragen müsse. Der BA übernahm aber die Forderung von Anwohnern, die wertvollen Grünflächen zu schützen. Das Planungsreferat ging von etwa 600 zu bauenden Wohnungen aus, die durch Aufstockung, Neu- und Anbauten entstehen sollen. Fürstenrieder äußerten bei der BA-Sitzung, dass es in ihrem Viertel nicht an Wohnblocks, sondern an Geschäften, Spielplätzen und einem Wirtshaus mangle. Die Bayerische Versorgungskammer, die eine Hauptbauwerberin sei, wolle teure Eigentumswohnungen statt sozialem Wohnungsbau errichten. Ein Vertreter einer WEG sagte unter Beifall: „Dafür vierkantige Kästen statt Bäume – das kann kein Ziel sein.“ [4]

November 2017: Nachverdichtung in Allach-Untermenzing. An den Münchner Stadträndern gibt es noch Frei- und Grünflächen, die in Baugrund umgewandelt werden können. Ein Beispiel ist Aubing, ein anderes Allach und Untermenzing. So sollen an der Allacherstraße/Pfarrer-Grimm-Straße längs der Bahnstrecke 27 Reihenhäuser auf einem ehemaligen Biotop gebaut werden, 16 Reihenhäuser an der Parrotstraße, vier Stadthäuser an der Goteboldstraße etc. Ein- und Zweifamilienhäuser werden abgerissen und durch Mehrfamilienhäuser mit bis zu acht Wohnungen ersetzt. Bei einer Bürgerversammlung im Juni 2017 hat ein Bürger 56 Bauvorhaben aufgezählt – ohne die großen Projekte am Oertelplatz, auf dem Diamalt-Gelände und in der Gerberau. Unter Berufung auf die 1995 vom Stadtrat entwickelten Ziele der Agenda 21 stellte der Einwohner den Antrag, diese extreme „Nachverdichtung“ zu beschränken: Der Antrag wurde mit Mehrheit angenommen. Mit ihm befasste sich der Planungsausschuss des Stadtrats und lehnte ihn ab. Gemäß einer Beschlussvorlage von Stadtbaurätin Elisabeth Merk ist die weitere Entwicklung von Siedlungsflächen in allen Stadtbezirken „unabdingbar“ für Erhalt und Schaffung von Wohnraum. Der BA 23 Allach-Untermenzing hatte auf der Tagesordnung vom 14.11.2017 dazu noch drei Anträge von den Rathausfraktionen von SPD und CSU auf Erhöhung der Bebauungsdichte mittels Aufstockung von Gebäuden an Rändern von Wohnblocks und an U- und S-Bahnhöfen. [5]

Ende der Gartenstadt. Heinz Sedlmeier vom LBV München beschrieb im Frühjahr 2020 das Schicksal der grünen Gartenstädte: Viele Häuser werden jetzt weitervererbt, und da die Erben angesichts der hohen Quadratmeterpreise niemand auszahlen können, werden die Häuser mit den wertvollen Gärten verkauft. Die Häuser werden abgerissen, die alten Bäume gefällt und die Gärten vernichtet. Sedlmeier stellte fest: „Die derzeitige Form der Nachverdichtung in den Münchner Gartenstädten ist weder ökologisch, noch lindert sie die Wohnungsnot. Aus Naturschutzgründen ist sie klar abzulehnen, aber nur schwer zu verhindern.“ [6]
Dieser Prozess läuft nicht nur in den Gartenstädten ab, sondern in der ganzen Stadt.

Nachverdichtung in Fürstenried. Gisela Krupski teilte als Vertreterin vom Forum Lebenswertes München und vom Verein Pro Fürstenried auf der letzten Sitzung des BA 19 Thalkirchen – Obersendling – Forstenried – Fürstenried – Solln dem Gremium mit, dass viele Bürger sich nicht mehr vom BA vertreten fühlten. Das Stadtteilgremium hatte alle Kritik an den Plänen zur Nachverdichtung der Bayerischen Versorgungskammer (BVK) im Areal Appenzeller Straße, Forst-Kasten-Allee, Graubündner Straße, Bellinzonastraße und Neurieder Straße zurückgewiesen, um den Neubau von Wohnraum nicht zu behindern. Diese „Nachverdichtung“ erfordere die Fällung von fast 200 Laubbäumen, bringe große Verkehrsprobleme mit sich, überbaue öffentlichen Raum. Die BVK hätte auch ihre Zusage gebrochen, keine Bestandsbauten zu gefährden; die Zahl der Wohnungen wurde von 540 auf 660 erhöht. Trotzdem eine Bürgerversammlung auf die schon jetzt bestehende Überfüllung der U 3 hinwies, ein Wäldchen auf der Südseite der Forst-Kasten-Allee erhalten wollte und auf Abstandsflächen bestand, ging das Planungsreferat überhaupt nicht darauf ein. Das Forum Lebenswertes München und der Verein Pro Fürstenried werden weiter Infostände gegen die „überzogene Nachverdichtung“ organisieren. Die Stadträte Paul Bickelbacher (Grüne) und Tobias Ruff (ÖDP) unterstützen diese Aktivitäten. [7]
Die Pläne wurden über längere Zeit überarbeitet mit dem Ergebnis, dass kaum Nachverdichtung, sondern Neubauten mit bis zu 18 Geschossen und 56 Meter Höhe entstehen sollen. Gleichzeitig soll ein Eingriff in das benachbarte Landschaftsschutzgebiet erfolgen. Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher hielt den Investor zunächst für vertrauenswürdig: „Durch die Erhöhung der Zahl von Wohnungen wurde viel Wohlwollen zerstört und die Nachverdichtung generell in Misskredit gebracht.“ CSU-Stadtrat Hans Podiuk sah „in der vorhergesehenen Verdichtung eine schwere Belastung für die Anwohner“. Linken-Abgeordnete Brigitte-Wolf: „Wir haben das Projekt lange mitgetragen. Aber was jetzt rausgekommen ist, ist keine verträgliche Bebauung.“ Die SPD widersprach heftig. Die planungspolitische Sprecherin Heide Rieke sieht den Planungsprozess als „bestes Ergebnis“; die Zahl der zu fällenden Bäume sei niedriger als im Wettbewerb vorgesehen. Stadtbaurätin Elisabeth Merk fühlte sich von der Kritik aus dem Stadtrat persönlich angegriffen und wies sie zurück: „Wir haben die bestmögliche Lösung herausverhandelt, auch mit Ihnen.“ [8]
Nachtrag vom September 2021: Der Planungsausschuss hat im Februar 2020 den Bebauungsplan genehmigt. Der Stadtteilverein Pro Fürstenried hat einen Rechtsanwalt zur Überprüfung eingeschaltet: Dieser kam zu dem Ergebnis, dass die geplante Nachverdichtung jede Rücksichtnahme auf bestehende Strukturen im Wohngebiet vermissen lässt: Es sei „eine übermäßige und damit unverträgliche Nachverdichtung eines gewachsenen, sozial funktionierenden Siedlungsbestandes“. [9]
Auch hier wurde der Begriff „Nachverdichtung“ benutzt, um Neubauten genehmigt zu bekommen.

Nachverdichtung mit Studentenheim? In der Herzogstraße 84 soll eine „Nachverdichtung“ eines privaten Investors mit Baumfällungen erfolgen. Vertreter von Die Linke im BA Schwabing-West stellten am 23.6.2020 einen Antrag auf Überprüfung des Bauantrags für einen Neubau eines Studentenheims. Es werden Abstandsflächen zum Grundstück Apianstraße 8 nicht eingehalten. Die umliegende Nachbarbebauung ist maximal zweigeschossig, der geplante Neubau ist viergeschossig. Selbst Mitarbeiter der LBK bezweifeln die Nutzung durch Studenten. Es müssten 17 Bäume gefällt werden. „Im Übrigen ist der gewachsene Hinterhof mit altem Baumbestand, efeubewachsener Brandmauer ein Refugium für geschützte Tierarten: Mauersegler und Fledermäuse sind hier ansässig.“ [10]
Nachtrag August 2022: Von wegen Studentenapartments. Der Neubau im Hinterhof mit den acht Apartments hat die postalische Adresse Apianstraße 10 bekommen. Die Webseite des Bauträgers Wohnbau Würmtal GmbH wirbt ausgerechnet mit dem Erhalt des Efeus an der linken Mauer. Die Apartments wurden über ImmoScout24 angeboten: „Erstbezug/Neubau, traumhaft modernes Appartement, komplett möbliert, Balkon, in Bestlage Schwabing“. Die Anzeige wurde inzwischen deaktiviert. Die Apartments für 1400 Euro entsprechen bei ca. 35 qm Wohnfläche einer Kaltmiete von 40 Euro pro qm. Die Nachverdichtung wurde mit dem Argument „Studentenapartments“ bei der LBK durchgebracht: bei 40 Euro pro qm ein dreister Etikettenschwindel. Ein weiterer Vorteil für den Investor: Bei Studentenwohnungen muss für fünf Wohnungen nur ein Stellplatz (und nicht wie üblich der Stellplatzschüssel 1:1) nachgewiesen werden. [11]

Schmorellplatz: Klage gegen Nachverdichtung. Fünf Nachbarschaftsklagen gab es gegen eine Nachverdichtung am Schmorellplatz 8, eine am Schmorellplatz 9. Der Investor plant einen über zwölf Meter hohen und 40 Meter langen Bau mit 14 Wohnungen und eine 45 Meter lange, schmale Zufahrt. Die Stadt hatte den Antrag auf Vorbescheid abgelehnt, dann klagte der Investor erfolgreich gegen die Ablehnung. Die Stadt klagte nun unter Baumschutzaspekten gegen dieses Urteil und unterlag beim VGH. Nun klagten die Nachbarn. Klägeranwalt Lutz Papproth zufolge löse die fortschreitende Verdichtung „unbewältigte Gebietsspannungen“ aus und erfordere einen Bebauungsplan. Der Richter entschied auf Abweisung der fünf Klagen, da die Häuser der Kläger selbst zu nahe an den Grundstücksgrenzen stünden und der neue Bauplan die Abstandsflächen und Bauhöhen einhalten würde. [12]

Nächste „Nachverdichtung“ in Schwabing. Der Innenhof im Karree Karl-Theodor-, Ansprenger-, Unertl- und Degenfeldstraße war bis jetzt eine Art Naherholungsgebiet. Der Eigentümer, die Bayern Versicherung Lebensversicherung AG, ist eine Tochter der Bayerischen Versicherungskammer [13] und hat einen Antrag auf Vorbescheid eingereicht für eine fünfgeschossige Blockrandbebauung plus ein fünfgeschossiges Gebäude mit Kindergarten im Erdgeschoss und Wohnungen.
Dazu sollen bestehende achtstöckige Punkthäuser aufgestockt werden. Martina Burwitz (Grüne), Mitglied im BA Schwabing-West, wohnt selbst dort: „Nicht nur jede Menge alter Bäume und 90 Prozent unserer Grünfläche samt Kinderspielplatz müssten für diese Betonburg plattgemacht werden.“ [14] 44 Wohnungen werden Fenster verlieren und dunkle Räume bekommen. Isabella Kratzer, eine Sprecherin der Bayern Versicherung Lebensversicherung AG, wiegelt ab: „Als regionaler Versicherer ist uns die Wohnungsknappheit in Großstädten wie München sehr bewusst.“ [14]
Das Totschlagargument Wohnungsnot dient der Bayern Versicherung Lebensversicherung AG, aber auch vielen anderen Akteuren als Grund, alles bis zum letzten Quadratmeter weiter auszunutzen und zuzubauen. Dabei ist es mit dem Wohnungsbau in der Stadt wie mit den Parkplätzen: Je mehr angeboten werden, umso höher wird die Nachfrage. Und umso mehr Menschen ziehen nach München: weil ja so viel gebaut wird.
Man wolle neue Wohnungen bauen, keine Fenster zumauern und niemandem kündigen, Grünflächen aufwerten, Dachflächen begrünen. „Um Kompromisse zu diskutieren, hatten Westschwabings Bürgervertreter noch vor ihrer Sitzung versucht, mit der Versicherung einen Ortstermin zu vereinbaren. Sie bekamen eine Absage.“ [14] Der BA lehnte danach den Vorbescheid-Antrag ab und empfahl den Bewohnern, eine Mietergemeinschaft zu gründen.

Kölner Platz 3-6: Ergebnisse der dort erfolgten „Nachverdichtung“: versiegelter Boden, gefällte Bäume. [15]

Gegen den „Nachverdichtungswahn“. Die ÖDP organisierte Mitte Dezember 2020 im Zusammenhang mit der Nachverdichtung in der Breisacher Straße 5 eine Demonstration mit dem Motto: „Schützt unsere Innenhöfe in Haidhausen“ und wandte sich gegen den „Nachverdichtungswahn“. Das Mitglied des BA 5 Au – Haidhausen, Heinz-Peter Meyer (SPD), empfahl, „die Nachverdichtung etwas zu hemmen“. [16]

Dezember 2017: Nachverdichtung in der Fasanerie. Die Fasanerie-Bürgerinitiative Grünflächen erhalten hat ein Jahr lang Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt, um eine Grünfläche am Schnepfenweg zwischen Sonnentau- und Kohlröschenweg vor Bebauung zu schützen. Ein Antrag von FDP und SPD im Planungsausschuss kam jedoch durch: Damit ist die Bebauung mit 15 Wohneinheiten beschlossen. Nun ist zu befürchten, dass bisher im Flächennutzungsplan verzeichnete Wiesen als allgemeine Grünflächen ausgewiesen und als Wohngebiet umgewidmet werden. Deshalb möchte die BI erreichen, dass die als „allgemeine Grünflächen“ ausgewiesenen Grundstücke erhalten werden. Bisher wurden fast 24.000 Unterschiften gesammelt, für ein Bürgerbegehren sind 33.000 nötig. Im Stadtrat stimmten u. a. die Grünen („schwerer ökologischer Sündenfall“) und Die Linke gegen die Bebauung. [17]

September 2018: Grünflächen zu Wohnungen. Städteplaner und Makler sind in den meisten deutschen Städten auf der Suche nach unbebauten Grundstücken. Baulücken, Brachen, Kleingärten, Villengärten werden zu Baustellen unter dem Signet Nachverdichtung. Michael Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) gab die Linie vor: „Es geht darum, alle Brachflächen, die innerstädtisch noch vorhanden sind, zu nutzen.“ In München haben sich Bürgerinitiativen gegen dieses Zubauen von städtischen Grünflächen gebildet. Stadtrat Dirk Höpner von der München-Liste und Sprecher des Bündnisses München Nord legte den Finger in die Wunde: 2017 wurden 8000 Wohnungen in München gebaut und gleichzeitig sind 27.000 Arbeitsplätze entstanden… Das heißt, dass die neuen Wohnungen nicht einmal ausreichen, um den Bedarf zu decken, der durch die neuen Arbeitsplätze entstanden ist.“ [18]

Oktober 2019: Bündnis gegen Nachverdichtung. Am 16.10.2019 soll ein Bürgerbegehren gegen eine „maßlose Nachverdichtung“ in die Wege geleitet werden. Initiatoren sind Freie Wähler, ÖDP, München-Liste und Forum Lebenswertes München. In München würden immer mehr teure Neubauten errichtet, Grünflächen versiegelt, Naherholungsflächen überbaut. Es dürften deswegen keine Grünflächen mehr für Wohnungsbau zerstört werden, die „maß- und regellose Nachverdichtung“ müsse beendet werden. Der Grünflächenanteil pro Neubauwohnung soll wieder auf die frühere Größe von 20 qm erhöht werden. Es sollen auch keine neuen Gewerbegebiete mehr ausgewiesen werden, da durch sie die Wohnungsnot erhöht wird. Die Organisatoren nannten eine interessante Proportion: Für jeden neuen Quadratmeter Gewerbefläche entstünde ein Wohnbedarf von vier Quadratmetern. [19]

Januar 2021: Ramersdorfer Erdbeerfeld. In Obermenzing wird seit 2019 über die Bebauung des Erdbeerfelds (Erdbeerwiese) diskutiert. Aber auch in Ramersdorf gibt/gab es ein Erdbeerfeld: an der Ottobrunner Straße, dem Diakon-Kerolt-Weg, dem Wolf-Huber-Weg und der Gleißnerstraße: Es liegt im Umgriff des Bebauungsplans 1638. Seit 1988 hat es der Stadtrat versäumt, einen rechtskräftigen Bebauungsplan in die Wege zu leiten: Damit kann keine geordnete Stadtplanung erfolgen. Der BA Ramersdorf-Perlach stellte fest, dass durch den städtebaulichen Wildwuchs jeder Grundstückseigentümer die maximale Nutzung herausholen will. An der Ottobrunner Straße 3 steht eine alte Villa auf einem 8000 qm großen Grundstück mit teilweise uraltem Baumbestand. Hier wird eine Wohnanlage mit Tiefgarage geplant: unter Ausnutzung des maximalen Baurechts. Der BA lehnte das Bauvorhaben „als rücksichtslos und nicht wünschenswert“ ab; außerdem würde in den alten und geschützten Baumbestand massiv eingegriffen. [20]
Zur Nachverdichtung schrieb der VLAB: „Bauliche Nachverdichtungen in Städten sind notwendige und unstrittige Maßnahmen zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und zur Minimierung der Flächeninanspruchnahme in den Randbereichen. Mit großer Sorge sehen wir jedoch, dass Nachverdichtungen in München oftmals zu Lasten wertvoller innerörtlicher Grünflächen erfolgen, die für das Stadtklima, die Biodiversität und für die der Erholung und die Gesundheit der Stadtbevölkerung, wie in der Ottobrunner Straße 3, eine große Bedeutung besitzen. (…) Bauliche Nachverdichtungen in München sind zur Schaffung von Wohnraum notwendig und sinnvoll. Die Nachverdichtungen sollten jedoch sehr sorgfältig geplant werden und sich auf weitgehend baumfreie und bereits versiegelte Flächenbrachen konzentrieren. Wertvolle Grünanlagen mit altem Baumbestand sollten, auch wenn sie sich im Privatbesitz befinden, nicht als Spekulationsobjekte dienen, sondern grundsätzlich im öffentlichen Interesse für den Biodiversitäts- und Klimaschutz erhalten bleiben.“ [21]

Beispiel für Nachverdichtung in Frankfurt. „Die Fritz-Kissel-Siedlung ist eine Frankfurter Wohnsiedlung der Nachkriegszeit im Stadtteil Sachsenhausen. Sie liegt im Südwesten und wird begrenzt von der Mörfelder Landstraße im Norden, der Main-Neckar-Eisenbahn im Westen und dem Ziegelhüttenweg im Süden und Osten. Nördlich grenzt die Heimatsiedlung an. Die Anlage steht unter Denkmalschutz. (…) Die Fritz-Kissel-Siedlung wurde in der Zeit zwischen 1950 und 1955 mit Mitteln des Sozialen Wohnungsbaus von der Nassauischen Heimstätte, der Gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft und der Gemeinnützigen Wohnungsbau Aktiengesellschaft Rhein-Main errichtet. Es entstanden 2330 Wohnungen, in denen etwa 3700 Bewohner leben.“ (Aus Wikipedia)
„Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte I Wohnstadt (NHW) stockt ihre Gebäude in der Fritz-Kissel-Siedlung auf und schafft damit mehr als 5.000 Quadratmeter bezahlbaren Wohnraum in Frankfurt-Sachsenhausen. (…) Alle Wohngebäude der Unternehmensgruppe in der Breslauer Straße und an der Mörfelder Landstraße werden im dritten beziehungsweise vierten Obergeschoss um je ein Vollgeschoss ergänzt, die Gebäude im Ziegelhüttenweg um je zwei Vollgeschosse. Insgesamt baut Hessens landeseigene Wohnungsbaugesellschaft damit rund 5.100 Quadratmeter neuen Wohnraum. 22 der 82 Mietwohnungen werden über den ersten und zweiten Förderweg gefördert, die Förderquote liegt somit bei knapp 30 Prozent.“ [22] Der östliche Teil der Fritz-Kissel-Siedlung umfasst 32 Häuser: 24 gehören dem öffentlichen Wohnungsunternehmen Nassauische Heimstätte, acht gehören dem größten deutschen Wohnungskonzern Vonovia. Dort wollen durch Aufstockung die Nassauische Heimstätte 72 und Vonovia 48 Wohnungen mit über 5000 Quadratmetern Wohnraum bauen. Es werden vorgefertigte Module in Holzbauweise vor Ort zusammengefügt: Damit kann der KfW-Standard Effizienzhaus 40 erreicht werden. Ein Drittel werden geförderte Sozialwohnungen. [23]
Die TU Darmstadt und das Pestel-Institut errechneten in einer Studie, dass so bis 1,1 Millionen neue Wohnungen errichtet werden könnten und weitere 400.000 auf Gebäuden von Eigentümergemeinschaften. [24]
Die zunehmende Verwendung des Baustoffs Holz wirkt auf den ersten Blick einleuchtend und ökologisch unbedenklich. Der Holzverbrauch im Bausektor hat aber (nicht nur durch den Export) inzwischen ein solches Ausmaß erreicht, dass er sich schädlich auf eine nachhaltige Waldwirtschaft auswirkt.

Nachverdichtung in Solln: Abriss „im öffentlichen Interesse“. Das Haus von 1935 in der Halbreiterstraße 6 wurde vor einiger Zeit an einen Bauträger verkauft. Auf der einen Seite steht schon ein großer Neubau, auf der anderen Seite ein Haus mit vier Wohnungen. Nun wurden auf Nr. 6 am 3.3.2022 alle Bäume und Sträucher im Garten gerodet. Hier soll ein Gebäude mit drei Wohnungen errichtet werden. Der Bauträger argumentierte, das Haus entspräche „keineswegs mehr einem akzeptablen Energiestandard.“ Und außerdem: „Die Landeshauptstadt München strebt dringend die Schaffung von mehr Wohnraum für ihre Bürger an. Die geplante Maßnahme entspricht damit voll und ganz dem öffentlichen Interesse.“ [25]

Kleines Fazit zur Nachverdichtung: Das war einmal ein ursprünglich sinnvoller Vorgang von behutsamer Aufstockung oder Schließung von Baulücken. Inzwischen ist es oft auch ein Synonym für: Realisierung von Investorenprofiten, Mietervertreibung, Mieterhöhungen durch „Modernisierung“, Entmietung durch extrem störende und langwierige Baumaßnahmen, Zerstörung von begrünten Innenhöfen mit neuen Bauten, usw. Ich kenne Münchner, die inzwischen beim Wort „Nachverdichtung“ einen Brechreiz bekommen.
Hinzu kommt das Harakiri-Programm der Ampel-Koalition mit jährlich 400.000 neuen Wohnungen.

Mai 2022: Dynamisches Wachstum, dynamisches Bauen. Die Stadt feiert sich im Mai 2022: „München befindet sich seit mehr als 15 Jahren in einer dynamischen Wachstumsphase, Bei einem jährlichen Bevölkerungszuwachs von zum Teil über 20.000 Einwohner*innen muss praktisch pro Jahr die Schulinfrastruktur einer Kleinstadt neu gebaut oder saniert werden. (…) Auch weiterhin ist mit einem Anstieg der Bevölkerungszahlen, einer zunehmenden Nachverdichtung bestehender Wohnbaugebiete und der Ausweisung neuer Baugebiete zu rechnen.“ Hierzu wurden bisher drei Schulbauprogramme mit 55.000 Schulplätzen und sieben Kitabauprogramme für insgesamt 7,25 Milliarden Euro entwickelt werden. 188 Betreuungsgruppen für jüngere Kinder, 181 Sporthalleneinheiten, zwölf Schwimmhallen sind im Bau oder fertig. Im Herbst 2022 kommt das 4. Schulbauprogramm und ein neues Kita-Bauprogramm. [26]
Moloch München – wie gehabt. Ob wohl mal jemand der Stadtverwaltung und dem Referat für Stadtplanung und Bauordnung mitteilt, dass das Stadtgebiet nicht unendlich bebaut werden kann, sondern ein Ende abzusehen ist?

August 2022: Nachverdichtung in Solln befürchtet. An der Muttenthalerstraße 31 im Hinteren Eichfeld befindet sich seit über 50 Jahren der Reitverein Corona. Eine Erbengemeinschaft will das Gelände verkaufen; ein Preis von 3,5 Millionen Euro steht im Raum. Die Stadt möchte hier ein „Außenbereichsvorkaufsrecht“ ausüben und auch benachbarte Grundstücke mit einbeziehen: Von 2000 Wohneinheiten ist die Rede. Der BA 19 hat sich gegen diese massive Nachverdichtung ausgesprochen. Auch eine Verlängerung der Drygalski-Allee bis zur Muttenthalerstraße lehnte er ab. [27]

Vgl.: Hohenzollernkarree, Karree Schleißheimer Straße

Fußnoten und Quellen

  1. Breyer, Heinrich, Das Zauberwort heißt ‚Nachverdichtung‘, in SZ 11.6.1993
  2. Dürr, Alfred, Lob dem Lückenbüßer, in SZ 4.11.2009
  3. Staudinger, Melanie, Aufstand in der Vorstadt, in SZ 1.3.2012
  4. Wolfram, Jürgen, Ungeliebte Nachverdichtung, in SZ 4.2.2016
  5. Naujokjat, Anna, Die Außenbezirke wachsen zu, in SZ 1.11.2017
  6. Sedlmeier, Heinz, Auf Schrumpfkurs – Münchner Gartenstädte, Grünflächen und Biotope, in NaturschutzReport 1/2020
  7. Wolfram, Jürgen, Das Unbehagen wächst, in SZ 2.11.2019
  8. Alle Zitate: Krass, Sebastian, Riesengewinn oder schwere Belastung, in SZ 6.2.2020
  9. Wolfram, Jürgen, Fehlendes Augenmaß, in SZ 18.9.2021
  10. Die Linke, Antrag vom 23.6.2020 im BA 4 Schwabing-West, dazu SZ 19.10.2020
  11. Draxel, Ellen, Studentenapartments versprochen – Luxuswohnungen gebaut, in sueddeutsche.de 21.8.2022. Ich danke Frau Bettina Schopis für weitere Hinweise.
  12. Raff, Julian, Nächste Runde, in SZ 14.7.2020
  13. https://lebensversicherung-widerrufen24.de/adresse/bayern-versicherung-lebensversicherung-kontakt/
  14. Draxel, Ellen, Die nächste Baustelle, in SZ 30.7.2020
  15. Draxel, Ellen, Fällung, Verdichtung, Vertreibung, in SZ 19.10.2020
  16. Stäbler, Patrick, Wider die Gentrifizierung, in SZ 15.12.2020
  17. Schramm, Simon, „Schwerer ökologischer Schaden“, in SZ 11.12.2017
  18. Fraune, B., Hoefer, C., DPA, in SZ 28.9.2018; Hervorhebung WZ
  19. Effern, Heiner, Hutter, Dominik, Bürgerbegehren gegen Nachverdichtung, in SZ 8.10.2019; Hervorhebung WZ
  20. Grundner, Hubert, Städtebaulicher Wildwuchs, in SZ 21.1.2021).
    Nachtrag Juli 2021: Ein Einspruch gegen die massiven Fällungen kam vom Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB). Der VLAB schrieb an das Planungsreferat und monierte, dass fast alle wertvollen Bäume gefällt werden sollen, darunter Bäume mit bis zu vier Metern Stammumfang und bis zu 23 Meter Höhe. Dazu gäbe es hier viele geschützte Vogel- und Fledermausarten. Das Grundstück Ottobrunner Straße 3 ist das einzige im Plangebiet 1638, das über wertvollen Baumbestand verfügt – und liegt noch dazu in der Nähe der A 8. Da München seit 2018 eine Biodiversitätsstrategie hat und die Stadtplanung erst vor kurzem eine Baumschutzkampagne beschlossen hat, bittet der VLAB, die laufende Prüfung des Vorbescheids zu überdenken: Nachverdichtung ist zur Schaffung von Wohnraum notwendig, sollte aber auf weitgehend baumfreie und versiegelte Flächen erfolgen. ((https://www.landschaft-artenschutz.de/wp-content/uploads/Schreiben-Landeshauptstadt-Muenchen_Lokalbaukommission.pdf
  21. https://www.landschaft-artenschutz.de/wp-content/uploads/Schreiben-Landeshauptstadt-Muenchen_Lokalbaukommission.pdf
  22. https://www.naheimst.de/newsroom/artikel/82-neue-mietwohnungen-aufstockung-der-fritz-kissel-siedlung-beginnt; Benedix, Nadine, Mieter der Kissel-Siedlung bangen wegen Nachverdichtung, in fr.de 21.2.2020
  23. Radomsky, Stephan, Einen aufs Dach, in SZ 4.1.2022
  24. Heßlinger, Marie, Ein Stückerl Gartenstadt weniger, in Abendzeitung 8.3.2022
  25. Die Stadt informiert: Erfolgreiche Schul- und Kitabauoffensive, in SZ 24.5.2022; Hervorhebung WZ
  26. Wolfram, Jürgen, Bestandsschutz für Reiterhof gefordert, in SZ 12.8.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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