Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Siedlung Ludwigsfeld

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 16.7.2022

Die Siedlung Ludwigsfeld im Stadtbezirk Feldmoching/Hasenbergl liegt gegenüber dem MAN-Gelände östlich der Dachauerstraße und südlich der Karlsfelder Straße. Sie entstand auf etwa 14 Hektar auf dem Gelände des früheren SS-Außenlagers München-Allach, das zum KZ Dachau gehörte. Die letzte noch existierende Baracke diente dem TSV Ludwigsfeld als Kabine.
In der Siedlung leben immer noch 20 Nationen in 660 Wohnungen zusammen, darunter auch ehemalige Zwangsarbeiter und ihre Nachkommen: 2019 noch etwa 130 Menschen. 2015 lebten dort insgesamt rund 3400 Bewohner. [1]

März 2001: Bund will Siedlung Ludwigsfeld verkaufen. Unter der Regierung von Helmut Kohl wurden die ersten staatseigenen Wohnungen verkauft, vorgeblich um den Bundeshaushalt zu sanieren. Unter der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder ging der Ausverkauf weiter. Nach dem Verkauf der Eisenbahner-Wohnungen soll nun auch die Siedlung Ludwigsfeld im Münchner Nordwesten mit 690 Wohnungen und etwa 2000 Bewohnern verkauft werden. Die Mieten liegen um fünf DM günstig – in allerdings heruntergekommenen Gebäuden. Die Siedlung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut und steht auf Grundmauern eines früheren Außenlagers des KZ Dachau und sollte u. a. ehemaligen Zwangsarbeitern und KZ-Überlebenden als Behausung dienen.
Der Eigentümer Bundesrepublik Deutschland hatte 50 Jahre nichts saniert. Der Mieterverein München sieht die Mieter in der Siedlung als „extrem gefährdet“ an. Beim Einstieg privater Investoren würden die Wohnungen saniert und die Mieten erhöht. Deshalb sollte der Bund die Siedlung Ludwigsfeld an die Stadt München abgeben. [2]

84 Wohnungen einsturzgefährdet. 200 Mieter in 84 Wohnungen sind betroffen: Die Holzdecken sind einsturzgefährdet. Betroffen waren die die fünf Wohnblöcke Kristallstraße 13, 15, 17, 19, 21, Rubinstraße 14, 16, 17, 18, 19, 21, 23, 25, 27. Bei einigen Wohnungen mussten Stützpfeiler eingezogen werden. Der Bund hat über Jahrzehnte kaum investiert, das Bundesvermögensamt möchte das Gelände so rasch wie möglich verkaufen und verhandelte mit der LH München. OB Christian Ude wollte aber nur bei einem Verkauf an private Investoren einspringen. BA-Mitglied Rozalija Sokola (SPD) warnte vor der Gefahr, dass bei zu langem Zögern der LH München Ludwigsfeld an Spekulanten verkauft wird. [3][4]

LH München zögerlich. München habe kein wirkliches Interesse am Kauf der Siedlung Ludwigsfeld, hörte man aus dem Rathaus. Die Häuser mit 2500 Bewohnern sind 50 Jahre alt: Hier müsste hoch investiert werden mit Geld, das der Stadt derzeit fehlt. Die Oberfinanzdirektion des Bundes wollte dagegen möglichst umgehend verkaufen und verwies auf das Kommunalreferat, das einen Kauf ablehnte. Immer noch soll kein Verkauf der Siedlung an einen Spekulanten erfolgen, um Abriss oder Luxussanierung zu vermeiden. Der Bund hatte seinen Kaufpreis bereits reduziert und verwies auf mögliche Nachverdichtungen. Der BA 24 Feldmoching – Hasenbergl drängte die Stadt nach wie vor zum Kauf. [5]

Die Patrizia AG kauft. Die Stadt München wollte nicht den Verkehrswert an die BImA entrichten. Am 1.6.2007 hat dann das Augsburger Großimmobilienunternehmen Patrizia AG (Käufer der landeseigenen GBW AG) die Siedlung Ludwigsfeld gekauft; der damals vereinbarte Kündigungsschutz endet 2022. [6] – Aus der Siedlung Ludwigsfeld sind bis Oktober 2007 schon viele Bewohner geflüchtet. [7]

Sanierungsarbeiten. Ursprünglich lag die Miete in der Siedlung bei 2,63 Euro. Die Patrizia AG hat nach eigenen Angaben 17 Millionen Euro in Sanierungsarbeiten investiert. Die Miete betrug Ende 2012 in den unsanierten Wohnungen etwas mehr als das Doppelte; in den sanierten Wohnungen kostete der Quadratmeter 9,70 Euro. Da nutzte auch ein Mieterschutz für Ältere und Pflegebedürftige nicht viel, wenn sie die Miete nicht aufbringen konnten. [8]

Weiterverkauf. Im Frühjahr 2017 wurde die Siedlung Ludwigsfeld an drei Privatpersonen aus dem Umkreis von Patrizia verkauft, welche die Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld gründeten und diese „zur privaten Vermögensverwaltung“ erworben haben. Sie hat drei Geschäftsführer. Gert Billand und Stefan Heißerer sind auch in der Geschäftsführung der First Capital Partner, der Vermögensgesellschaft des Gründers und Chefs der Patrizia, Wolfgang Egger. Alfred Hoschek ist stellvertretender Vorsitzender im AR der Patrizia. [6]

Der Siedlungs-Charakter ändert sich. 25 Nationen lebten in Ludwigsfeld: Nun werden die alten Einwohner weniger, und die neuen haben mit der Gemeinschaft nicht mehr so viel am Hut. Seit dem Kauf durch die Patrizia AG im Jahr 2007 stiegen die Mieten – und die Mieterwechsel – schneller. Das jährliche Siedlungsfest im Mai wird von den neuen Bewohnern kaum besucht; Alteingesessene und Neubürger grenzten sich ab. Und im Osten stehen die Investoren bereit. [9]

Obergrenze 5000 neue Bewohner. Das Planungsreferat untersuchte eine Ausweitung der Siedlung Ludwigsfeld auf südliche und östliche Felder und eine Nachverdichtung im Bestand, der aktuell 660 Wohnungen in 36 Gebäuden mit 3000 Bewohnern umfasst. Das Planungsreferat hielt 5000 neue Bewohner bzw. 2100 Wohnungen für möglich und den damit verbundenen zusätzlichen Autoverkehr für „abwickelbar“. Es sollen auch eine neue Grundschule und ein Mittelpunkt mit Geschäften, Kitas, Gastronomie und Spielplätzen eingeplant werden.
Die Siedlung hätte dann 32 Hektar. Der Grund im Süden gehört der Stadt; die Fläche im Osten wurde 2017 von den drei Eigentümern der „Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld“ erworben (siehe oben).
Die Untersuchung sollte bereits Anfang Juli 2019 im Planungsausschuss vorgestellt werden; dann müsste der Stadtrat über die weiteren Planungen entscheiden. Eberhard Sommer von der IG Ludwigsfeld (Iglu) hatte mehrfach erfolglos beim Planungsreferat nachgefragt und wunderte sich bei der letzten Sitzung des BA Feldmoching – Hasenbergl, warum der Strukturplan „im Schweinsgalopp“ durch den Stadtrat geleitet wird. Stadträtin Heide Rieke (SPD) widersprach: „Die Untersuchungen wurden lange entwickelt. Jetzt fängt der Bürgerdialog an.“ Dieser auf einer BA-Sondersitzung am 28.5.2019 an. [10][11]

BA fordert zuerst Dialog mit den Bürgern. Am 28.6.2019 fand die Sondersitzung des BA zur Ausweitung der Siedlung Ludwigsfeld auf 32 Hektar statt. Eine Mitarbeiterin des Planungsreferats stellte wenig überraschend fest: „Wir sind zum Schluss gekommen, dass es sinnvoll ist, hier weiter zu planen.“ Falls der Stadtrat dies auch so sehe, würde das Planungsreferat den Dialog mit den Bürgern suchen. Der BA sah dies anders. Maximilian Bauer (CSU): „Wenn die Stadtplaner jetzt schon beauftragt werden, dann heißt es Bauen, Bauen, Bauen.“ Christine Lisner (Grüne) wolle ebenfalls zuerst das Gespräch mit den Betroffenen. Eberhard Sommer von Iglu berichtete, dass das Planungsreferat über Jahre mit ihm den Kontakt verweigert habe – im Gegensatz zur engen Kooperation des Planungsreferats mit den drei Investoren, denen inzwischen die Siedlung gehört. Es würde ihn nicht wundern, falls es schon einen bereits existierenden, fertigen Bebauungsplan unter Ausschluss der Öffentlichkeit gäbe. Der Verein Iglu befürchtet u. a. eine zu hohe Nachverdichtung zu Lasten der Grünflächen und zu viel Autoverkehr. [12]
Thomas Kronewiter schrieb in einem SZ-Kommentar, dass die Stadt bzw. das Planungsreferat eine nicht nachvollziehbare Kommunikation bzw. Nichtkommunikation betreibe, die nicht nur im Fall Siedlung Ludwigsfeld, sondern auch bei der SEM Nord in einem Kommunikationsdesaster gemündet hat. [13]

Juni 2019: BA und Iglu für Einbeziehung der Bürger. Am 25.6.2019 stimmte der BA Feldmoching-Hasenbergl einem Antrag von Iglu zu, die Stadt solle die Bürger im Fall Siedlung Ludwigsfeld ab sofort in die Planung einbeziehen. Die Stadt soll auch ein Gesprächsangebot machen. Überlegungen der Privateigentümer, selbst eine Bürgerveranstaltung von einer Kommunikationsagentur durchführen zu lassen, wurde damit widersprochen. Die Initiative Heimatboden kritisierte, dass die betroffenen Felder für die Siedlungs-Erweiterung ein Teil des ursprünglichen SEM-Gebiets Nord seien. Die Investoren in Ludwigsfeld könnten von einer Nachverdichtung profitieren, dürften aber nicht anders behandelt werden als die Mitglieder von Heimatboden. Auch das Bündnis München Nord sprach sich gegen die Nachverdichtung aus und unterstellte der Stadt „Klientelpolitik“ für die Eigentümer und Investoren der Siedlung Ludwigsfeld. [14]

Nachverdichtung“ beschlossen. Am 18.7.2019 haben die Stadträte der SPD und der CSU den Bau von Wohnraum auf den beiden Feldern im Osten und Süden beschlossen. Da sich der BA 24 und Anwohner von der Stadtplanung nicht rechtzeitig informiert fühlten, sollen nun zunächst die verschiedenen Varianten den Bürgern vorgestellt werden. Die Grünen lehnten den Antrag ab: Sie befürchteten, dass die in der Voruntersuchung angegebenen maximal 2100 Wohnungen Realität werden könnten. Bauherren sind die drei Eigentümer der Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld aus dem Umfeld der Patrizia AG, Gert Billand, Stefan Heißerer und Alfred Hoschek (siehe oben), dazu die Firma PG Granatstr. 12 (mit dem nämlichen Grundstück) sowie die Ludwigsfelder Grund GmbH, die zur Büschl Unternehmensgruppe gehört. Die Investoren begrüßten (offiziell) die Einbeziehung der Bürger. Das Planungsreferat organisierte vier Spaziergänge durch die Siedlung, bei denen Bürger Anregungen einbringen könnten. [15]

Oktober 2019: Widerstand gegen Nachverdichtung. Die drei Eigentümer der Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld, die Ludwigsfelder Grund und die Projektgesellschaft PG Granatstr. 12 sowie das Planungsreferat haben zu einer Informationsveranstaltung in  das Karlsfelder Bürgerhaus eingeladen. Die von dem Büro Hendricks und Schwartz professionell organisierte Veranstaltung mit Fragebögen und Rundgängen versprach viel und hielt wenig. Die Bürgerbeteiligung wurde von einigen als „Feigenblatt“ bezeichnet, da ja alles längst feststehe. Petra Grünwald von Iglu äußerte im Plenum, man habe den Daten bisher stets hinterherlaufen müssen. Die Gutachten würden nicht herausgegeben mit der Begründung, sie seien für Laien unverständlich. Grünwald antwortete: „Wir haben Fachleute.“ – Darauf Investoren-Vertreter Christoph Jaenicke: „Warum haben Sie die dann nicht mitgebracht?“ Der SZ-Reporter stellte dann fest: „Im Saal daraufhin spürbar: Vertrauen schaffen funktioniert anders.“ [16]
Irgendwann schlägt bei jedem Investor die arrogante Attitüde durch.

2100 Neubauwohnungen. Die „Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld“, die „Ludwigsfelder Grund“ (Teil der Büschl-Unternehmensgruppe) und die „Projektgesellschaft PG Granatstr. 12“ (seit 2015 Eigentümerin des Grundstücks Granatstraße 12) planen den Bau von 2100 Wohnungen. Im Juli 2019 beschloss der Münchner Stadtrat, ein Strukturkonzept für das 32 Hektar große Areal in Ludwigsfeld auszuarbeiten: Die in einer Voruntersuchung genannten bis zu 2100 Wohnungen könnten hier gebaut werden. [17]

Partizipations-Spektakel. Die von dem Büro Hendricks und Schwartz professionell organisierte Bürgerbeteiligung mit Fragebögen und Rundgängen versprach viel und hielt wenig. Eine Infoveranstaltung im Oktober 2019 in der Siedlung Ludwigsfeld verlief stürmisch. Auf einem Plakat stand: „Verdichtung = Vernichtung“. Die Kritiker sammelten vor dem Veranstaltungssaal Unterschriften vor allem gegen die geplante Verdichtung. [16] Nun stehen Nachverdichtung plus Neubauten auf einem Acker bevor. [18][19]

Ende der Schule. Die alte Schule der Siedlung Ludwigsfeld an der Rothwiesenstraße ist heute ein sonderpädagogisches Förderzentrum für 170 Schüler; der Bau wird demnächst abgerissen. Der Neubau soll bis 2025 fertig sein. [20]

Kein Neubau in der alten Siedlung. Der BA 24 Feldmoching – Hasenbergl wollte keinen Neubau von Wohnungen in der alten Siedlung Ludwigsfeld. Und der Neubau auf den Feldern im Süden und Osten soll „maßvoll“ gestaltet werden. Das entspricht der Forderung der Iglu. Derzeit gibt es einen Bestand von 660 Wohnungen: Eigentümer und Stadtplanung hielten bis zu 2100 neue Wohnungen für machbar. [21]

Sendepause. 2019 haben die Investoren den Ausbau der Siedlung Ludwigsfeld angekündigt, ohne über die Dimension zu informieren. Auch Zahlen zur Verkehrsplanung blieben weitgehend unbekannt. Nun hat das Planungsreferat einen Entwurf mit Eckdaten für die Siedlungserweiterung erstellt, der pandemiebedingt online vorgestellt werden soll. Der Bürgerverein Iglu lehnte dies angesichts der betagten Mieter ab und schlug eine Veranstaltung im Freien vor. Der BA 24 möchte auch eine Teilnahme von Stadträten, da der BA keine Entscheidungskraft habe, aber den Frust der Besucher abbekäme. Laut BA-Mitglied Markus Auerbach (SPD) bevorzugten Investoren und Stadtplanung immer öfter digitale Formate ohne persönlichen und offenen Meinungsaustausch, wo Experten über ihre Sachgebiete informieren und die Bürger ihre Anmerkungen auf Pinnwänden kundtun können oder in Chatblogs. [22]

Dreimal so groß? Derzeit hat Ludwigsfeld 660 Wohnungen: Das städtische Planungsreferat hat nun Pläne für 2000 neue Wohnungen ausgearbeitet. Drei Studien planen eine massive Bebauung auf den landwirtschaftlichen Flächen im Süden und Osten der Siedlung und eine Nachverdichtung im Norden. An einer vierten Studie, die den Totalabriss der alten Siedlung vorsah, wird derzeit nicht gearbeitet. Die BI Iglu schrieb an den OB und die Stadträte, dass diese verdichtete Bebauung „völlig überzogen“ sei. Dem Vorsitzenden des BA Feldmoching – Hasenbergl, Rainer Großmann (CSU) zufolge wird der BA eine kritische Stellungnahme abgeben, da zum Beispiel die Siedlung öffentlich nur von einem Bus angefahren wird. Der grüne Stadtrat Paul Bickelbacher verlangte eine Trambahn für die Siedlung als Voraussetzung für die Zustimmung der Grünen im Stadtrat. Solange die Grünen in der Opposition waren, hattben sie gegen die Versiegelung der Äcker gestimmt. Nun sah Bickelbacher kein Problem mehr: „Wenn wir dort bauen, dann dicht.“
Aber Bickelbacher wird dort nicht bauen. Die Patrizia AG hat die Siedlung 2007 gekauft (Patrizia Projekt 150) und 2017 an ihre Manager Gert Billand, Stefan Heißerer und Alfred Hoschek weiterverkauft. Billand und Heißerer sind Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld GmbH, Hoschek deren ehemaliger Geschäftsführer. [23]

Anwohner üben Kritik. Am 10.11.2021 veranstalteten Stadt und Investoren eine Präsenzveranstaltung mit etwa 80 Besuchern. Dort äußerten die betroffenen Anwohner Kritik an den gigantischen Ausbauplänen, die bis zu 70 Prozent Neubürger mit sich brächten. Stadt und Investoren beharrten auf der dichten Bebauung mit fünfstöckigen Gebäuden plus Hochpunkten. Eine neue und denkwürdige Legitimation der Planer lautete so: Nur mit 2000 neuen Bewohnern könne man die desolate Infrastruktur verbessern. Und so gibt es einen Supermarkt, zwei Nachbarschaftstreffs, eine Grundschule im Angebot, dazu (vielleicht) eine bessere Trambahnanbindung. Die IG Iglu will dagegen ein lebenswertes Ludwigsfeld, die Besucher unterstützten dies. Der Stadtrat wird 2022 darüber beschließen. [24]
Und natürlich wird der Stadtrat für den Maximalausbau stimmen: zum Unwillen der Ansässigen, zur Freude der Investoren.

Geschäfte mit der „Wohnungsnot“. Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung wird den Ausbau der Siedlung Ludwigsfeld mit 2000 Wohnungen genehmigen. Aktuell besteht die Siedlung aus knapp 700 Wohnungen. Diese Verdreifachung lehnte neben vielen anderen auch der BA 24 Feldmoching – Hasenbergl ab und forderte vom Stadtrat, das Bauvorhaben zu reduzieren. Durch einen Zehn-Punkte-Plan soll die bestehende Siedlung geschützt und ein verkleinerter Ausbau erreicht werden. Im Stadtrat sieht es nicht nach einer Reduzierung aus. Die Grünen wollen eine hohe Bebauung wegen der Flächenversiegelung. Die SPD will – wie andernorts auch -, um jeden Preis mehr bezahlbaren Wohnraum. Die Investoren rührten die Werbetrommel für den Maximalausbau: mit dem üblichen Potpourri an Workshops, Begehungen, Medienaufgebot. Kommen sollen ein Supermarkt, ein Bewohner-Treff, Tiefgaragen, eine Grundschule, Kitas, eine – in ferner Zukunft liegende – Trambahn. Nicht infrage gestellt wurde natürlich die Zahl von 2000 neuen Wohnungen, die auch nicht Teil der Bürgerbefragung war. Und nicht thematisiert wird ein Gedenkort für die über 18.000 Frauen und Männer, die im KZ-Außenlager München – Allach als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter interniert waren.
Von der Investorengruppe stehen drei Personen der Patrizia AG nahe, die 2007 die Siedlung gekauft hat (siehe oben). Dazu gehören auch die (inzwischen anscheinend unvermeidliche) Büschl Unternehmensgruppe und die PG Granatstr. 12 GmbH. [25]
Vgl. auch: Partizipations-Spektakel

Verwertungsverbot läuft aus. Im Februar 2020, also ein Monat vor der Stadtratswahl, hatte die Stadtratsfraktion der Grünen eine Erhaltungssatzung für die Siedlung Ludwigsfeld gefordert, um Luxussanierungen und Mietervertreibungen zu verhindern. Der von Patrizia eingeräumte Kündigungsschutz wird im Sommer 2022 auslaufen. Zwei Jahre wurde dieser Antrag nicht behandelt. Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung verwies auf umfangreiche Rechtsgutachten zu den Münchner Erhaltungssatzungsgebieten, die noch nicht bearbeitet seien. Nun soll der Stadtrat heuer noch über ein mögliches Erhaltungsgebiet für die Siedlung Ludwigsfeld entscheiden, äußerte ein Sprecher des Planungsreferats: das gleichzeitig mit Eigentümern und Investoren den gewaltigen Ausbau plant. Ein Sprecher der Eigentümer versicherte, man wolle sich an die Verpflichtungen halten, verwies aber gleichzeitig auf die kleinen, nur durchschnittlich 46 Quadratmeter großen Wohnungen. Nun forderte kürzlich auch die Stadtratsfraktion Die Linke eine Erhaltungssatzung für die Siedlung Ludwigsfeld mit Verweis auf die möglich werdende Vertreibung der Mieter. Für  den 24.2.2022 hat Iglu eine Demonstration angekündigt und fordert eine Begrenzung auf 1000 Wohnungen. [26]

Stadtratsantrag für Erhalt. Die Fraktion ÖDP/München-Liste forderte den Erhalt der grünen Siedlung. Bei einer Nachverdichtung sollten pro Einwohner mindestens 40 qm Grünfläche eingeplant werden. Es solle keine Verdreifachung der Bewohnerzahl geben. [27]

Einlullen bis zur Ohnmacht. Am 6.7.2022 hat der Planungsausschuss die Vervierfachung der Einwohnerzahl von Ludwigsfeld genehmigt: 1800 bis 2000 Wohnungen mit 4500 Bewohnern sollen zu den derzeit 1500 bis 1600 Einwohner hinzukommen. Die Investoren kommen aus dem engen Führungsumfeld der Patrizia AG (siehe oben), dazu die (inzwischen anscheinend unvermeidliche) Büschl Unternehmensgruppe und die PG Granatstraße 12 GmbH. Begründet wird seitens der Stadt die Verbesserung der bisher fehlenden Infrastruktur wie Supermarkt, Grundschule und Kitas. Nur Dirk Höpner (München-Liste) und Brigitte Wolf (Die Linke) stimmten dagegen, da die Zahl der Wohnungen viel zu hoch sei. Höpner äußerte: Die Bevölkerung ist mit dieser Dichte nicht einverstanden.“ OB Dieter Reiter (SPD) agierte im Sinn der Investoren und klassifizierte Höpners Aussage als „pure Opportunismus-Kritik“: „Eine gesamtstädtische Verantwortung sieht anders aus.“
Darunter versteht Reiter anscheinend das gnadenlose Zubauen des gesamten Stadtgebiets, die Unterwürfigkeit gegenüber den Investoren und nicht zuletzt der Konzerne (siehe „BMW-Autobahn“).
Reiters Standpunkt vertrat auch CSU-Stadtrat Alexander Reissl: „Wir werden auch in Zukunft neue Wohnungen in der Stadt brauchen, weil sie weiter wachsen wird.“
Die richtige Argumentation wäre: Wir tun alles, um immer noch mehr Firmen hier anzusiedeln, deshalb müssen wir die von uns selbst geschaffene Wohnungsnot energisch durch immer mehr Wohnungsbau bekämpfen.
Eilig folgten der Wachstumsfraktion Reiter und Reissl SPD-Fraktionsvorsitzender Christian Müller (die Planung in der Siedlung Ludwigsfeld behebe „wesentliche strukturelle Mängel“) und Anna Hanusch (Grüne), die in ihrem Beitrag (nicht unbedingt logisch) darauf hinwies, dass Wohnungen, die in der Siedlung Ludwigsfeld nicht gebaut würden, dann eben woanders gebaut werden müssten. [28]
Es ist traurig, dass das Niveau einer rein auf Wachstum orientierten Münchner Stadtpolitik immer noch weiter absinkt.

Fußnoten und Quellen

  1. Wikipedia: Siedlung Ludwigsfeld
  2. Münster, Thomas, Ausverkauf der Wohnungen, in SZ 2.3.2001
  3. Haselrieder, Michael, Mietern droht ein Zwangsumzug, in SZ 13.8.2003
  4. Haselrieder, Michael, Zwangsumzug droht, in SZ 25.8.2003
  5. Haselrieder, Michael, Wohnungsverkauf wird zur Hängepartie, in SZ 12.3.2004
  6. Schramm, Simon, Rätselraten über die Zukunft, in sueddeutsche.de 25.2.2020
  7. Kastner, Bernd, Die Straßen des Geldes, in SZ 18.10.2007
  8. Kastner, Bernd, Der Preis ist heiß, in SZ 19.12.2012
  9. Schramm, Simon, „Wir werden weniger“, in SZ 4.2.2019
  10. Sobotta, Jerzy, Im Norden hoch hinaus, in SZ 22.5.2019
  11. Sobotta, Jerzy, Umbau mit Augenmaß, in SZ 22.5.2019
  12. Sobotta, Jerzy, „Erst mit den Bürgern sprechen“, in SZ 6.6.2019
  13. Kronewiter, Thomas, Transparenz mangelhaft, in SZ 6.6.2019
  14. Sobotta, Jerzy, Ein klares Nein, in SZ 1.7.2019
  15. Sobotta, Jerzy, Bürger kommen zuerst zu Wort, in SZ 20.7.2019
  16. Gierlich, Walter, Planen und protestieren, in sueddeutsche.de 20.10.2019
  17. Sobotta, Jerzy, Bürger kommen zuerst zu Wort, in sueddeutsche.de 19.7.2019
  18. Sobotta, Jerzy, Schutzschirm im Norden, in SZ 28.2.2020
  19. https://www.ludwigsfeld-im-dialog.de/
  20. Sobotta, Jerzy, Ein Hauch von Wehmut, in SZ 15.4.2020
  21. Sobotta, Jerzy, Zuzug nur auf dem Acker, in SZ 14.9.2020
  22. Sobotta, Jerzy, Von Angesicht zu Angesicht, in SZ 27.4.2021
  23. Sobotta, Jerzy, Ludwigsfeld soll größer werden, in SZ 2.11.2021
  24. Sobotta, Jerzy, „Gigantisches Ausmaß“, in SZ 12.11.2021
  25. Sobotta, Jerzy, Eine Siedlung wird verdreifacht, in SZ 30.12.2021
  26. Sobotta, Jerzy, Ende des Kündigungsschutzes, in SZ 22.2.2022
  27. Proteste gegen zu viel Neubau in Ludwigsfeld, in SZ 28.2.2022
  28. Steinbacher, Ulrike, Die Stadt kommt nach Ludwigsfeld, in SZ 7.7.2022
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