Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Patrizia AG

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 15.9.2022

Die Patrizia AG wurde 1984 von Wolfgang Egger in Augsburg gegründet, der heute noch Vorstandsvorsitzender ist. „Seit August 2011 besitzt Egger über seine Verwaltungsgesellschaft First Capital Partner mehr als 51 Prozent der Patrizia-Stimmrechte.“ 1999 wurde die Patrizia Foundation gegründet, die hilfsbedürftige Kinder unterstützen soll. [1]

Einige Details:
März 2006: Börsengang. Die Patrizia AG mit ihren sieben Tochterfirmen ist seit März 2006 an der Börse notiert. Mit dem erzielten Kapital will die Patrizia AG weiter Mietwohnungen kaufen. Ihr Kerngeschäft ist die „sozialverträgliche Privatisierung“ von Mietwohnungen in Wohnanlagen: Diese werden in Eigentumswohnungen aufgeteilt und zuerst den dort wohnenden Mietern angeboten. Wenn diese nicht kaufen wollen oder können, werden ihre Wohnungen weiterverkauft. Mieter, die älter als 65 oder pflegebedürftig haben lebenslange Kündigungsschutz; Luxussanierungen werden ausgeschlossen. 2002 hat die Patrizia AG 900 Wohnungen an der Alten Haide gekauft, die ehemalige Olympia-Pressestadt privatisiert, ebenso Agfa-Werkwohnungen in Obergiesing und die Anlage Angerlohe sowie 340 Wohnungen an der Schleißheimer Straße und Ackermannstraße und 230 staatliche Wohnungen am Perlacher Forst. 2006 hatte die Patrizia AG etwa 1500 Wohnungen, drei Viertel davon in München. [2][3]

November 2006: Die Meag ist die Immobilientochter der Münchner Rück (heute: Munich Re). Sie hat im Herbst 2006 insgesamt etwa 3500 Mietwohnungen im Münchner Großraum an die Patrizia AG verkauft, davon 2200 in München selbst Außerdem wurden Wohnungen im Rhein-Main-Gebiet und in Norddeutschland verkauft. Insgesamt sind es 6805 Wohnungen und Gewerbeobjekte mit fast 500.000 qm. (Das Gewerbepaket ging an den Whitehall 2005 Funds.) Die Patrizia AG wird auch mit diesen Wohnungen ihr Geschäftsmodell durchziehen, die Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umzuwandeln, wobei die Mieter als Erste ihre Wohnung zum Kauf angeboten bekommen Außerdem haben über 65-Jährige und Pflegebedürftige einen lebenslangen Kündigungsschutz. OB Christian Ude kritisierte die Meag für den Verkauf an sich und weil sie trotz persönlicher und brieflicher Appelle nicht an die von ihm initiierte Münchner Initiative verkauft habe. Die GIMA beurteilte den Verkauf an die Patrizia AG als „vertane Chance“. [2]
In Unterschleißheim hat die Meag 732 Wohnungen am Münchner Ring an die Patrizia AG verkauft. [4]

SZ-Interview mit dem GIMA-Chef Christian Stupka. Bei der Patrizia AG sieht Stupka nur die Mieter im Vorteil, die ihre Wohnung kaufen. Bei Fortbestand der Mietwohnungen gehen die Mieter unsicheren Zeiten entgegen. Oft erhöht die Patrizia die Mieten, womit der Wert der Wohnung dann bei einem Verkauf steigt. [5]

Mietwohnungen kaufen, Eigentumswohnungen verkaufen. Die Patrizia AG mit ihren inzwischen acht Töchtern will den Mieter zum sorgenfreien Immobilienbesitzer machen. Eigentümer Wolfgang Egger sieht eine fünffache Win-Win-Situation: für die Stadt, weil durch die Privatisierung Stadtteile stabilisiert würden; die Volkswirtschaft, da in Häuser investiert werde; die Mieter selbst, die zu Eigentümern würden, und die Patrizia AG selbst. Und als fünften Gewinner die „Patrizia Kinderstiftung“, die hilfsbedürftigen Kindern helfen soll: „1999 wurde die PATRIZIA Foundation unter dem Namen PATRIZIA KinderHaus Stiftung ins Leben gerufen. 20 Jahre und 17 PATRIZIA KinderHäuser später trägt die Arbeit der Stiftung auf der ganzen Welt Früchte – ganz nach dem Stiftungsmotto ‚Gemeinsam Zukunft bauen‘.“ (https://www.patrizia.foundation/stiftungsgeschichte/)
Nicht alle Mieter schätzen das Modell, das sie zu Eigentümern macht. Fast 6000 Wohnungen gehörten 2007 der Patrizia inzwischen in München: Die letzten großen Käufe waren die 3500 Wohnungen der Meag (siehe oben) und die Siedlung Ludwigsfeld. Hier flüchteten schon bald viele Bewohner. Die Wohnungen Ecke Guardinistraße / Stiftsbogen am Haderner Stern in Kleinhadern gehören der Patrizia-Tochter in Luxemburg; Mietsteigerungen um bis zu 20 Prozent werden befürchtet. [6] Inzwischen wurde die Anlage an die „Privatisierung Real Estate Sarl“ (ebenfalls in Luxemburg ansässig) weitergereicht, die einem ehemalige Patrizia-Manager gehört. [7] Die Patrizia AG hat dann im zweistöckigen Haus Guardinistraße 123 Ausbau- und Aufstockungsrechte verkauft. Die Bewohner und Nachbarn wurden dadurch mit massivem Baulärm und Umbauproblemen konfrontiert. [8] Die Siedlung Ludwigsfeld gehörte ab 2017 drei Privatpersonen aus dem Umfeld der Patrizia AG. [9] (Vgl.: Siedlung Ludwigsfeld)

Weitere Übernahmen. 2011 wurde die LB Immo Invest GmbH in Hamburg übernommen, Mitte Februar 2012 die LBBW Immobilien GmbH mit rund 21.500 Wohnungen für 1,435 Milliarden Euro (pro Wohnung 66.744 Euro).

Kauf der GBW AG: Im April 2013 kaufte die Patrizia 92 Prozent der GBW AG (inzwischen in Dawonia umbenannt) mit rund 32.000 Wohnungen und mehr als 80.000 Bewohnern für 2,45 Milliarden Euro von der Bayerischen Landesbank. Der damalige Finanzminister Markus Söder (CSU) hatte behauptet, die EU habe die durch den Bankencrash hoch verschuldete Bayerische Landesbank zu diesem Schritt gezwungen: Dies wurde durch neue Informationen 2018 eindeutig widerlegt. (Vgl. Dawonia)
Der Kauf der staatlichen GBW AG im Jahr 2013 durch die Patrizia AG brachte viele Nachteile für die Mieter mit sich: Mieterhöhungen und für die Mieter teure Sanierungsmaßnahmen, hohe Quadratmeterpreise im Fall eines Kaufs, Weiterverkauf von Wohnungspaketen. [10]

Aus GBW AG wird Dawonia. 2019 erfolgte eine Umbenennung: Aus der GBW Gruppe wird die Dawonia Real Estate GmbH & Co. KG. [11] Die Dawonia hat einen Bestand von etwa 32.000 Wohnungen in Bayern und einen schlechten Leumund bezüglich der Behandlung ihrer Mieter. Hierbei wird meist übersehen, dass die Dawonia im Alleinbesitz der Patrizia AG ist.

Hohenzollernkarree. Im März 2014 fand in der Schwabinger Kreuzkirche eine Infoveranstaltung des Münchner Mietervereins mit 200 Mietern des Hohenzollernkarrees statt. Die Vorsitzende Beatrix Zurek informierte, dass die Bayerische Beamtenversicherung Anfang Januar 2014 die 230 Wohnungen des Hohenzollernkarrees an die Patrizia Real Estate aus Luxemburg verkauft hat. Das Karree liegt in Schwabing an der Herzog-, Erich-Kästner-, Clemens- und Fallmerayerstraße. Umgehend wurde eine Anzeige in der SZ geschaltet: „Hohenzollernkarree, Verkaufsstart Mai 2014.“ Beim BA Schwabing-West war bereits Mitte Februar 2014 ein Bauantrag für Balkonanbauten an den Innenseiten eingegangen. Aber am 1.3.2014 war in München das Umwandlungsverbot in Erhaltungssatzungen in Kraft: Wenn Miethäuser in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, brauchen die Eigentümer dafür eine Erlaubnis der Stadt. Und das Hohenzollernkarree liegt seit 10.2.2014 im Erhaltungssatzungsgebiet „Hohenzollernstraße und Hohenzollernplatz“. Insofern wunderte sich Zurek, dass ein Sprecher der Patrizia im Januar 2014 bestätigt hatte, die Wohnungen „an Mieter, Selbstnutzer oder private Kapitalanleger“ zu verkaufen. Der Mieterverein riet den Mietern ab, neue Verträge zu unterschreiben und riet, gegen den Anbau von Balkonen die Einspruchsfrist von einem Monat einzuhalten. Die Mieter wollen nun Mitte April eine Mietergemeinschaft gründen.
Ein Mieter aus einer Laimer Anlage der Patrizia informierte die Versammlung, dass die Patrizia 2007 die Anlage gekauft hatte. 2013 wurde modernisiert, das Dach ausgebaut, eine neue Heizung installiert und im Innenhof eine Tiefgarage errichtet. Im Sommer 2013 wurden die ersten Wohnungen verkauft: Inzwischen sind 95 Prozent der Wohnungen in Eigentum umgewandelt. [12]

Umfirmierung. Im Juni 2019 erfolgte die Umfirmierung von Patrizia Immobilien AG in Patrizia AG. Diese beschäftigte Ende 2019 rund 800 Mitarbeiter und setzte 398 Mill. Euro um. Das verwaltete Immobilienvermögen belief sich bis Ende 2019 auf 45 Mrd. Euro. Die Patrizia AG ist mit Tochterunternehmen als Investor und Dienstleister in elf europäischen Ländern vertreten, dazu in Hongkong, Melbourne, New York City, Seoul und Tokio, also auf vier Kontinenten. [1]

Campus Süd: „Das zirka 11,5 Hektar große Planungsgebiet liegt im 19. Stadtbezirk (Bezirksteil Obersendling) und erstreckt sich nördlich der Siemensallee, westlich der Baierbrunner Straße und östlich der Gleisweilerstraße und Hofmannstraße.“ [13]
Auf dem Campus Süd wollte die Patrizia AG ein neues Quartier mit 1000 Wohnungen, sozialen Einrichtungen und Geschäften errichten. Den Wettbewerb gewannen Rapp + Rapp Amsterdam mit Lützow7 Garten- und Landschaftsarchitekten, Berlin. [14][15][16] Im Juni 2017 wurde bekannt, dass die Patrizia AG das Siemens-Gelände an der Hofmannstraße verkaufen will. [17] Im Juli 2017 hat die Rock Capital Group aus Grünwald das Campus Süd-Gelände von der Patrizia AG gekauft. [18] Rock Capital plant 1300 Wohnungen. Laut dem Leiter der Stadtplanung, Michael Hardi, ist eine Einigung über die Gestaltung des neuen Quartiers mit dem Investor erfolgt. [19]

Patrizia AG baut im Werksviertel. Auf einem Grundstück mit 5300 qm an der Gisela-Stein-Straße errichtet die Patrizia AG für einen Fonds ein sechsstöckiges Bürogebäude (Architekt: CF Møller Kopenhagen) mit 15.700 qm BGF; es soll bis 2023 bezugsfertig sein. Der Fonds wird das Gebäude nach Fertigstellung an einen „Endinvestor“ weiterverkaufen. Die Patrizia AG verwaltet nach eigenen Angaben über 46 Milliarden Euro. [20][21]

Februar 2020: Die Patrizia AG kassiert den Staat ab. 2003 wurde Wolfgang Reitzle Chef des Linde-Konzerns und ließ die Konzernzentrale nach München verlegen. Der Linde-Konzern hat sich einen luxuriösen Verwaltungsbau, den sogenannten Angerhof, in bester Innenstadt-Lage Ecke Oberanger/Klosterhofstraße gebaut. Reitzle betrieb die Übernahme von Linde durch Praxair im Jahr 2018. Der Firmensitz wurde nach Dublin/Irland verlegt. Der Angerhof stand zur Vermietung. Das Bayerische Innenministerium am Odeonsplatz suchte für 300 Mitarbeiter Räume. Im ehemaligen Siemens-Standort in der St.-Martin-Straße hätte der qm 20 Euro gekostet. Das Innenministerium mietete sich im Angerhof mit 12.000 qm ein – für 39,50 Euro pro qm. Pro Mitarbeiter stehen 40 qm zur Verfügung; 20 qm sind üblich. Der Vermieter ist die bekannte Augsburger Immobilienfirma Patrizia, der Mietvertrag läuft über 15 Jahre: Das macht in etwa ohne Mieterhöhung rund 80 Millionen Euro Miete über 15 Jahre. [22]
Nachtrag Juli 2022: Es hätte auch die Möglichkeit für das Innenministerium gegeben, seine Beamten auf dem staatlichen Grundstück Seidlstraße 15 – 19 am Stiglmaierplatz unterzubringen. (Hier wird vermutlich der Apple-Konzern bauen.) Auch das Areal des ehemaligen Strafjustizzentrums an der Nymphenburger Straße 16 wäre eine Variante gewesen. Aber das bayerische Innenministerium unterschrieb den vordiktierten Mietvertrag der Patrizia AG an der Klosterhofstraße: 39,50 Euro pro qm, angemietet 11.700 qm, netto 463.098 Euro monatlich, mit Nebenkosten 527.000 Euro. Dazu 218 Euro pro Parkplatz (19 Stellplätze). 15 Jahre läuft der Vertrag: Gesamtsumme rund 95 Millionen Euro. Hier arbeiten 276 Beamte des Innenministeriums: 40 splendide Quadratmeter hat jeder zur Verfügung, wie die SZ ausrechnete. (Das macht pro Beamten 1580 Euro Mietkosten pro Monat: kalt!) Das Innenministerium sagte zudem die Alternative St.-Martin-Straße ab – und begab sich damit in die Abhängigkeit des Anbieters Patrizia AG, der die vom Ministerium angebotene Mietdauer von zehn Jahren nicht akzeptierte sondern auf 15 Jahren bestand. Der Landtagsabgeordnete Sebastian Körber (FDP) hatte im Landtag zwei Anfragen gestellt und die Zahlen schließlich vom Innenministerium bekommen. An der St.-Martin-Straße hätte ein zweistelliger Millionenbetrag weniger an Staatsgeldern für die Miete aufgebracht werden müssen. Körber erklärte, für diese Millionen hätte man viele bayerische Polizeidienststellen sanieren können. [23]

Patrizia baut für Wacker Chemie. Die Wacker Chemie hatte seit 1992 ihren Firmensitz mit 48.000 qm Nutzfläche in Neuperlach. Sie verkauft diesen nun und zieht ins Werksviertel in einen Neubau mit 18.000 qm Nutzfläche, den die Patrizia AG für einen dreistelligen Millionenbetrag errichtet. [24]

Fußnoten und Quellen

  1. www.wikipedia.org, abgerufen 27.5.2021
  2. Kastner, Bernd, Ude kritisiert Immobilienverkauf scharf, in SZ 30.11.2006
  3. Kastner, Bernd, Professionelle Privatisierer, in SZ 30.11.2006
  4. Vettori, Alexandra, Münchner Rück verkauft alle Wohnungen, in SZ 1.12.2006
  5. Kastner, Bernd, „Bei den großen Deals sind wir außen vor“, in SZ 1.8.2007
  6. Kastner, Bernd, Die Straßen des Geldes, in SZ 18.10.2007
  7. Kastner, Bernd, Der Preis ist heiß, in SZ 19.12.2012
  8. Neff,  Berthold, Angst vor Baulärm und Belastung, in SZ 11.9.2018
  9. Sobotta, Jerzy, Schutzschirm im Norden, in SZ 28.2.2020
  10. U. a.: Lill, Tobias, Zehntausende Mieter klagen über Ausverkauf, in spiegel.de 30.10.2013
  11. Webseite Dawonia.de: https://www.dawonia.de/static/media/brandbook-master/files/assets/common/downloads/page0073.pdf?uni=6da1ddc88a2705ba3c486c4ecf8a536a
  12. Draxel, Ellen, Gemeinsam stark, in SZ 3.3.2014
  13. https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Referat-fuer-Stadtplanung-und-Bauordnung/Stadt-und-Bebauungsplanung/Wettbewerbe/Campus-Sued.html
  14. Wolfram, Jürgen, Obersendling – So soll der Campus Süd aussehen, in SZ 8.10.2015
  15. Hahn, Vanessa, Stehen hier 1300 Wohnungen auf der Kippe? in hallo-muenchen.de 9.11.2018
  16. Wenninger, Brigitta, Investor: Politiker verzögern Wohnungsbau, in merkur.de 18.11.2014
  17. Karowski, Sascha, Campus Süd Obersendling: Investor, die Patrizia AG, ist vor dem Absprung, in tz.de 8.6.2017
  18. Hahn, Vanessa, Stehen hier 1300 Wohnungen auf der Kippe?, in hallo-muenchen.de 9.11.2018
  19. Krass, Sebastian, München der Zukunft, in SZ 11.12.2020
  20. Heintze, Alexander, Patrizia baut 15.700 qm Bürofläche im Münchner Werksviertel, in immobilien-zeitung.de 2.12.2020
  21. Krass, Sebastian, Geldanlage aus Beton und Glas, in SZ 3.12.2020
  22. Krass, Sebastian, Behördenbüros in bester Lage, in SZ 10.2.2020
  23. Krass, Sebastian, Freistaat zahlt Millionen-Miete für Luxus-Büros, in SZ 15.7.2022
  24. Stäbler, Patrik, Mega-Deal in Neuperlach, in SZ 10.9.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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