Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Derzbachhof

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 1.10.2022

Derzbachhof
Hausname Feichthof. Der spätbarocke Bauernhof wurde 1751 in Forstenried erbaut und soll der älteste erhaltene Bauernhof in München sein. „Der Hof liegt im historischen Ortskern des Münchner Stadtteils Forstenried an der Forstenrieder Allee 179, schräg gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche. Es ist Bestandteil des denkmalgeschützten Ensembles Forstenried, steht aber auch als ein Einzeldenkmal unter Denkmalschutz.“ (Wikipedia) Nach jahrelangem Leerstand wurde der Hof 2017 von Euroboden gekauft. „Nach den eingereichten Plänen verschwinden nicht nur Stall und Stadl mit den Futtertrögen, sondern auch wertvolle historische Räume im Wohnteil des Hofes. Die ehemalige Schwarzküche soll eine Toilette werden, die noch gut erhaltene Kornkammer im ersten Obergeschoss mit Holzschütten soll zu einem Bad umgebaut werden. Im Dezember 2019 wurde das markante Klohäusl vom Hof entfernt und entsorgt, Ende Juni 2020 die Kornschütten in der Kaminkammer zerstört.“ (Wikipedia)

BA für Planungsstopp. Der BA 19 Thalkirchen – Obersendling – Forstenried – Fürstenried – Solln plädierte angesichts drohender Abbrucharbeiten für einen vorläufigen Planungsstopp. Der BA will mit Denkmalschutzbehörden, der Unteren Naturschutzbehörde und der LBK klären, welche Elemente unter den Denkmalschutz fallen. BA-Mitglied Karl Pauli (CSU) wandte sich gegen die von Euroboden geplanten 19 Wohnungen im hinteren Teil des Areals: Euroboden sei nicht der einzige Investor, der den Derzbachhof retten könne – man müsse Alternativen prüfen. Höglmaier erklärte, nur genehmigte Bauarbeite durchzuführe. Ein Abriss der beiden Stadel sei nicht zu beanstanden, da sie nicht unter Denkmalschutz stehen.
Die Nachbarin Vera Grundler sammelte weiterhin Unterschriften gegen das Euroboden-Projekt. Ihr zur Seite standen der LBV, der aus Gründen des Stadtklimas und der Ökologie den Erhalt forderte. Für den Vorsitzenden der BN-Kreisgruppe München, Christian Hierneis, war die Bebauung der Grünfläche hinter dem Hof „der vollkommen falsche Weg“; er warnte, dass der Forstenrieder Ortskern seinen Ensembleschutz durch gravierende Eingriffe am Derzbachhof verlieren könnte. [1]

Die Planungen. Euroboden plante auf dem Grundstück einen Neubau mit 17 Eigentumswohnungen und Tiefgarage und in der Tenne, dem ehemaligen Wirtschaftsgebäude, vier Mietwohnungen. Der Antrag auf Vorbescheid wurde von Euroboden am 8.1.2018 eingereicht. Die LBK entschied darüber nicht mehr im Jahr 2018, da zunächst der Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags über die Eingabe von Projektgegnern um Vera Grundler entscheiden muss: Sie hatten 1800 Unterschriften für den Erhalt des originalen Derzbachhofes gesammelt. (Die Ablehnung der Petition erfolgte Ende Januar 2019, die Erteilung des positiven Bauvorbescheids im Februar 2019.) Befürworter der Euroboden-Pläne starteten ebenfalls eine Petition, die aber nur 430 Unterstützer fand. [2]
Die Verzögerung benutzte Höglmaier für die Drohung mit einer Veräußerung, sofern Euroboden nicht bis 8.1.2019 einen positiven Vorbescheid erhalte. Mitte Dezember 2018 hatte Euroboden mit einer Genehmigung begonnen, Teile abzubauen, die nicht denkmalgeschützt waren. Grundler sah darin eine Zerstörung der Rechtsgrundlage ihrer Petition. Sie forderte mit Verweis auf das Bayerische Denkmalschutzgesetz den „Erhalt des gesamten Hofareals“ und schlug einen Grundstückstausch mit Übernahme des Hofes durch die LH München vor, was diese schon in der Vergangenheit abgelehnt hatte. [3]

Drohung erfolgreich. Der Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags wird am 30.1.2019 entscheiden. Der BA-19-Vorsitzende Ludwig Weidinger (CSU) ging aber schon jetzt von der Genehmigung der Pläne aus. LBK-Chef Cornelius Mager hat die Euroboden-Pläne als genehmigungsfähig deklariert, der Landesdenkmalrat die Pläne des Architekten Peter Haimerl goutiert. Höglmaier hatte seine Verkaufs-Drohung zurückgezogen, da er nach einem „guten Gespräch mit der Lokalbaukommission“ verkünden konnte, er bekomme einen positiven Vorbescheid. Die Architektin Antje Bulthaup hat im Dezember 2018 noch eine Petition pro Euroboden-Pläne eingereicht. [4]

Die Baugenehmigung. Sie kam Ende Februar 2020. Euroboden-Geschäftsführer Stefan Höglmaier und Architekt Peter Haimerl wollen dezent und „am landwirtschaftlichen Kontext“ sanieren und entwickeln. Der örtliche BA hat im Dezember 2019 seine Sorge um den originalen Erhalt und des Forstenrieder Ortskern ausgesprochen. Die „Initiative Dorfkernensemble Forstenried“ um Claudia Kaiser und Vera Grundler beurteilten die Baugenehmigungen als „Katastrophe“: Vom ursprünglichen Denkmal werde ebenso wenig übrig bleiben wie von der Frischluftschneise. [5]

Mahnwachen. Am 24.7.2020 protestierte die BI Dorfensemble Forstenried mit einer Mahnwache gegen die Baugenehmigung. Eine weitere Mahnwache fand im September 2020 statt. Und am 2.7.2021 veranstaltete die BI eine Mahnwache in der Forstenrieder Allee 180. [6]

Anzeige in SZ Web Immobilien, 11/2020: Der neue Derzbachhof – Neues Wohnen auf Münchens ältestem Hof, 17 Eigentumswohnungen im Neubau, 3 bis 5 Zimmer mit rund 69 bis 163 qm Wohnfläche … Euroboden (www.derzbachhof.euroboden.de) Nach Auskunft von Geschäftsführer Stefan Höglmaier kosten die Familienwohnungen mit Gartenanteil zwischen 800.000 und zwei Millionen Euro. [7]
Wohnungsangebote aus der Webseite von Euroboden, ausgewählt: Gartenwohnung 10, EG, 3 Zimmer, 90,56 qm, 1.020.000 €; Etagenwohnung 11: OG, 3,5, 87,64 qm, 1.010.000 €; Etagenwohnung 12: OG, 3, 90,76 qm, 1.080.000 €; Dachwohnung 13: DG, 3, 93,51 qm, 1.180.000 €. [8]

Weitere Mahnwache. Am 9.4.2021 hielt die Mahnwache Initiative Dorfkernensemble Forstenried gemeinsam mit dem Bündnis Heimat Giesing vom Uhrmacherhäusl eine Mahnwache ab. Die Giesinger Initiative erinnerte an das Uhrmacherhäusl, die Forstenrieder Initiative forderte die Stadt auf, den Derzbachhof zu übernehmen und dort ein Museum einzurichten. Vera Grundler hatte in einem Offenen Brief an Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) die „rabiaten Eingriffe“ im Baudenkmal von 1751 bedauert. [9]

Pfusch am Denkmal? Die BI Dorfensemble Forstenried hat OB Reiter, die Regierung von Oberbayern, das Landesamt für Denkmalpflege und die Untere Denkmalschutzbehörde angeschrieben und über 200 Unterschiften gesammelt. Die BI warf Euroboden vor, unsachgemäß mit dem Denkmal umzugehen: In den Bauerngarten würde ein Neubau gesetzt, in den entkernten Stadl kämen Wohnungen, es würden Schrauben vom Baumarkt statt Holznägel verwendet, Schwalbenschwanzverzapfungen würden vernichtet, in die historische Kornkammer käme ein Bad. Fazit von Claudia Kaiser von der BI: „Die Stadt schützt die Investoren.“ Euroboden betonte dagegen, jede Bauphase sei mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt; es würde nichts gemacht, was für das Denkmal schädlich sei.“ [10]

Mahnwachen und Dementis. Die Initiative Dorfkernensemble Forstenried veranstaltete über Wochen Mahnwachen und kritisierte die ihrer Meinung nach unsachgemäße Sanierungen. Euroboden-Eigentümer Höglmaier, Architekt Walter Waldrauch (raumstation Architekten, Starnberg) und Ingenieur Florian Scharmacher haben mit Plänen und Fotos die ihrer Meinung nach sachgerechte Sanierung dokumentiert. Das Landesamt für Denkmalpflege sei über jeden Schritt informiert. [11]

Besuch Bundesstiftung Baukultur. Am 29.7.2021 besuchten Mitglieder der Bundesstiftung Baukultur den in Sanierung befindlichen Derzbachhof. Euroboden hat den von der Bundesstiftung und dem Institut für Corporate Governance der Deutschen Immobilienwirtschaft entwickelten „Kodex für Baukultur“ unterschrieben. Die Unternehmen der Immobilienwirtschaft sollen fünf Grundprinzipien beachten: „1. Ökologische Verträglichkeit; 2. Wirtschaftliche Machbarkeit; 3. Soziale Verankerung bzw. Ausgewogenheit; 4. Hohe räumliche und gestalterische Qualität von Bauwerk und Umfeld; 5. Konsensorientierte Planungskultur“ [12]Euroboden-Eigentümer Stefan Höglmaier äußerte: „Der Kodex zur Architekturkultur spricht uns aus der Seele.“ [13]

Richtfest. Am 12.11.2021 feierte Euroboden das Richtfest für den Derzbachhof mit Führzungen des Architekten Walter Waldrauch von Raumstation Architekten und Projektleiter Julius Haas. Der Neubau im hinteren Teil bekam 17 Wohnungen, in die ehemalige Tenne wurden vier Mietwohnungen eingebaut plus Gemeinschaftsraum und Gästeappartement. Zwei teure Eigentumswohnungen sollen noch zu haben sein. Das Landesamt für Denkmalpflege begleitete den Umbau. Eine örtliche Bürgerinitiative kritisierte ihn. [14]

Otto-Borst-Preis. Am 22.3.2022 bekam das Projekt Der neue Derzbachhof eine Anerkennung des Otto-Borst-Preises 2022. [15]

Mai 2022: Fertigstellung. Im Juni 2022 ziehen die ersten Bewohner ein. Das neue Wohnhaus hat 17 Apartments mit 756 qm Grundfläche. Die Initiative Dorfkernensemble Forstenried hatte mit einigen Protestaktionen und Petitionen Widerstand gegen die Pläne des Investors Euroboden geleistet, da der Neubau den denkmalgeschützten Ortskern Forstenrieds zerstöre und gefordert, der historische Bauernhof aus dem Jahr 1754 solle ein Museum werden. [16] – Initiativen-Mitglied Claudia Kaiser kritisierte: „Der Neubau ist viel zu massiv, und es ist viel von der historischen Bausubstanz verloren gegangen“. So seien ein Klohäusl, ein historischer Keller und die Kornkammer verschwunden. [17] – Im ehemaligen Wohnhaus entstanden drei Wohnungen zwischen 75 und 80 qm sowie eine kleine mit 40 qm. Die Deckenhöhe blieb mit 1,90 Metern erhalten. Die Tiefgaragenzufahrt wurde als kleine Scheune ausgebildet. Im Mai 2022 war noch eine Eigentumswohnung unverkauft mit 93 qm für etw 1,22 Millionen (13.118 €/qm). [18]

Priesterweihe. Pater Klaus Desch führte die Segnung des Vorplatzes am Derzbachhof durch. Der Platz wurde mit einer Rundbank vor der Kirche Heilig Kreuz ausgestattet. Der Geschäftsführer von Euroboden, Stefan Höglmaier, erklärte, dass der Platz den öffentlichen Raum im Forstenrieder Dorfkern neu denken lasse. Es gab auch Führungen durch den historischen Teil des Derzbachhofes. [19]

Vgl.: Euroboden

Fußnoten und Quellen

  1. Wolfram, Jürgen, Wieder Aufregung um den Derzbachhof, in SZ 11.9.2018
  2. https://www.openpetition.de/petition/online/verfall-des-derzbachhofs-stoppen-euroboden-konzept-umsetzen
  3. Wolfram, Jürgen, Die Zukunft des Derzbachhofes ist wieder offen, in SZ 28.12.2018
  4. Wolfram, Jürgen, Letzte Runde, in SZ 15.1.2019
  5. Wolfram, Jürgen, Ein Denkmal erwacht zum Leben, in SZ 28.2.2020
  6. https://buergerdialog.online/events/mahnwache-beim-derzbachhof-freitag-2-juli-2021-um-1751-uhr/
  7. Krass, Sebastian, Wer sich einbringt, gewinnt, in SZ 26.11.2020
  8. https://derzbachhof.euroboden.de/wohnungsangebot, abgerufen am 23.4.2021; noch verfügbar: Etagenwohnung 12 für nunmehr 1.115.000 €; Dachwohnung 13 für nunmehr 1.215.000 €
  9. Mahnwache für den Derzbachhof, in SZ 7.4.2021
  10. Steinburg, Eva von, Baustopp am Bauernhof, in Abendzeitung 20.5.2021
  11. Werkstatt fürs Denkmal, in SZ 30.6.2021
  12. https://www.bundesstiftung-baukultur.de/fileadmin/files/medien/8349/downloads/210517_kodex_fuer_baukultur_bsbk.pdf
  13. Auf Visite im Derzbachhof, in SZ 30.7.2021
  14. Wolfram, Jürgen, Neues Leben für das älteste Bauernhaus der Stadt, in SZ 13.11.2021
  15. https://www.wettbewerbe-aktuell.de/ergebnis/otto-borst-preis-fur-stadterneuerung-2022-153209
  16. Reich, Theresa, Derzbachhof: Umstrittener Umbau des ältesten Bauernhauses Münchens im Dorfkern Forstenried abgeschlossen, in tz.de 18.5.2022
  17. Schuri, Claudia, Wohnen auf Münchens ältestem Bauernhof: Sanierter Derzbachhof fast fertig – es gibt auch Kritik, in merkur.de 20.5.2022
  18. Job, Nina, AZ-Besuch im neuen Derzbachhof: Schöner Wohnen im Stadl, in abendzeitung-muenchen.de 20.5.2022
  19. Vorplatz des Derzbachhofs eingeweiht, in SZ 23.9.2022
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