Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Candid-Tor

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Candid-Tor – Büroraum zum Stapeln. Das niederländische Architekturbüro MVRDV hat einen Stapelkomplex nahe des Mittleren Rings in Untergiesing vorgestellt. Die Investoren Values Real Estate aus Hamburg und Ehret und Klein aus Starnberg wollen auf dem Areal zwischen Candidplatz, Candidstraße und Mittlerem Ring 64 Meter hohe Bürogebäude mit acht versetzten Quadern („Candid-Tor“) errichten, die zum Teil den Abriss eines Ärzte- und Bürozentrums aus den Achtzigerjahren erfordern. Die Investoren bauen gerade am Heimeranplatz in München ein Büroensemble, haben die Sanierung vom ehemaligen Kaufhaus Beck an der Fürstenrieder Straße in Arbeit und den Büro- und Geschäftskomplex an der Bayerstraße. [1]

Dezember 2021: Pro und Contra. Am 7.12.2021 trafen sich die Mitglieder der Stadtgestaltungskommission. Die Pro-Stimmen lauteten so: „Wahnsinns-Landmark“, „radikal Neues“, „spannender und mutiger Beitrag“. Die negativen Stimmen hinterfragten die „Torfunktion“ der „einzelnen Würfel, die aufeinander gestapelt sind“, „zu zeichenhaft“,. Einer war sich unsicher, „ob diese Gestaltung ein positiver Beitrag ist“. [2]
Erneuter Einwurf: Die bestehenden Gebäude sind aus den Achtzigerjahren – und hätten sicher noch längere Zeit genutzt werden können. Aber das ist für Investoren natürlich uninteressant.
Vgl. Graue Energie

Februar 2022: Der BA Untergiesing – Harlaching informierte Investor und Bauherr Michael Ehret über das Candid-Tor. Das Bauwerk erreicht das Höhenniveau der Heilig-Kreuz-Kirche. Die Verschattung hatte Ehret für den 21.3. darstellen lassen: Vertreter der Anwohner wünschten eine weitere Simulation für die Winterzeit. Vertreter des BA interessierten sich für die Vermietbarkeit, da die Gentrifizierung in Untergiesing mittlerweile auch bei Gewerbemieten abläuft. [3]

Giesinger Veränderungen. Das Candid-Tor des Büros MVRDV ist ein Projekt der Investoren Ehret und Klein und der Hamburger Values Real Estate. Bezirksausschuss und Investoren hatten zu einem Bürgerworkshop eingeladen: 110 Anwohner kamen, auch mit kritischen Fragen. Die Frage nach den Kosten des Grundstücks am Candidplatz beantwortete Investor Michael Ehret nicht. Er warb mit einer öffentlichen Tiefgarage, einer Aufwertung des Platzes, sozialen Einrichtungen etc. Anwohner befürchteten angesichts des Hochhauses mit mehreren Kuben und 17 Stockwerken mit 64 Metern Bauhöhe eine Verbauung des freien Blicks, Verschattungsprobleme und eine Veränderung des Giesinger Charakters. Eine Untergiesinger Bürgerinitiative monierte ebenfalls die Verschattung, aber auch nächtliche Lichtverschmutzung durch den riesigen Bürokomplex. Anwohner wiesen darauf hin, dass der Hamburger Investor Values Real Estate spezialisiert sei auf den Ankauf von Ärztehäusern und deren Weiterverwertung. Für Bestandsmieter bliebe die Miete im Neubau gleich, aber für neue Praxen erhöhe sich die Miete, wodurch die ärztliche Grundversorgung im Viertel gefährdet sei. Die Stadtgestaltungskommission hätte sich beim Candid-Tor quasi der Stimme enthalten und das Projekt dem Bezirksausschuss übergeben. [4]

Juli 2022: Einwohner wehren sich gegen Candid-Tor. Etwa hundert Anwohner kamen zur Bürgerversammlung. BA-Vorsitzender Sebastian Weisenburger (Grüne) erklärte zu Beginn, dass das Mitspracherecht des BA zu diesem Projekt gegen Null tendiere; der BA werde nur angehört. 35 kritische Anträge wurden gestellt, wobei der weitestgehende die Ablehnung der Pläne forderte und angenommen wurde. Die Antragstellerin hatte argumentiert, das Projekt passe nicht nach Giesing, wo das Wertesystem „sich noch nicht ausschließlich am Geld orientiert“. Andere Anträge forderten für das Projekt den höchsten KfW-Energiestandard 40+ sowie Verschattungsstudien und Untersuchungen zur Lärm- und Luftbelastung. Die Initiative Candidplatz für Alle forderte die Offenlegung aller Zahlen zu Kaufpreis, Finanzierung und Rendite durch die Investoren. Ein Besucher, der selbst zehn Jahre im Planungsreferat gearbeitet hat, sah durch das Projekt eine Verschärfung der Wohnungssituation und kritisierte, dass Gutachter durch die Investoren beauftragt und bezahlt wurden. [5]

Wieder Anwohner-Kritik. In der Bürgerversammlung des BA Untergiesing – Harlaching wurden wieder viele Bedenken gegen das Candid-Tor geäußert, sowohl bezüglich der Stapelarchitektur als auch zum Nutzungskonzept des Investors. Das Candid-Tor sei mitnichten ein „Identifizierungspunkt für die Bürger“, wie die Planer werben, sondern ein Zeugnis der Gentrifizierung mit einer einschneidenden Wirkung auf Untergiesing. Redner forderten einen städtebaulichen Wettbewerb und Gutachten zu den Themen Ökologie, Verkehr, Lärm und Lichtverschmutzung. Der BA-Vorsitzende Sebastian Weisenburger (Grüne) äußerte, es gebe derzeit noch kein Baurecht; dies müsse der Stadtrat beschließen. Für Weisenburger passt das Candid.Tor nicht ins Stadtvietrtel. [6]

Fußnoten und Quellen

  1. Dürr, Alfred, Stapel-Turm am Candidplatz, in SZ 27.11.2021
  2. Krass, Sebastian, Alles außer gewöhnlich, in SZ 8.12.2021
  3. Raff, Julian, Wahrzeichen mit Schattenwurf, in SZ 22.2.2022
  4. Raff, Julian, Streit um die Würfel, in SZ 4.5.2022
  5. Raff, Julian, Ein bisschen Klassenkampf, in SZ 15.7.2022
  6. Wolfram. Jürgen, Breitseite gegen das „Candid-Tor“, in SZ 8.10.2022
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