Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Deutsche Wohnen

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 2.4.2022

1998 wurde Deutsche Wohnen als Tochter der Deutschen Bank gegründet mit Mietimmobilien in Hessen und Rheinland-Pfalz. 2007 kaufte das Unternehmen den 1924 gegründeten gemeinnützigen Vermieter Gehag in Berlin, der 1998 teilprivatisiert wurde. 2017 verfügte die Gehag über mehr als 13.000 Wohnungen in Berlin. Im Jahr 2013 kaufte Deutsche Wohnen die ebenfalls 1924 gegründete Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (GSW) des Landes Berlin mit über 60.000 Wohnungen.

Aus Wikipedia: „Die Deutsche Wohnen SE ist eine börsennotierte deutsche Wohnungsgesellschaft mit Sitz in Berlin. Das Unternehmen besitzt etwa 163.000 Wohnungen und 2600 Gewerbeimmobilien. Rund 111.000 Wohnungen befinden sich in Berlin. Zum Immobilienbestand gehören auch Pflege-Einrichtungen und Appartements für betreutes Wohnen. Das Ergebnis aus der Wohnungsbewirtschaftung lag 2017 bei 612,8 Millionen Euro, das Verkaufsergebnis bei 50,3 Millionen Euro und das Ergebnis aus dem Segment Pflege und Betreutes Wohnen bei 48 Millionen Euro. Die Umsatzerlöse betrugen 1,182 Milliarden Euro im Jahr 2017.“

Immobilien-Roulette. Seit 2006 ist es eine börsennotierte AG. 2012 übernahm die Deutsche Wohnen die Baubecon mit 23.500 Wohnungen, Durch die Privatisierung der größten kommunalen Wohnungsgesellschaft Berlins entstand die GSW Immobilien AG: Sie wurde von Deutsche Wohnen 2013 übernommen. 2015 wollte Deutsche Wohnen mit LEG Immobilien in Rheinland-Pfalz fusionieren; Damit wäre das mit 250.000 Wohnungen im Wert von 17 Milliarden Euro zweitgrößte Immobilienunternehmen nach Vonovia entstanden: Die Fusion scheiterte. [1][2][3]

November 2015: Wohnungs-Bieterschlacht (1). Der zweitgrößte deutsche Wohnungskonzern Deutsche Wohnen kauft 13.600 Wohnungen von der Patrizia AG, um damit eine Übernahme des größten Wohnungskonzern Vonovia zu verhindern. Patrizia hatte dieses Paket namens „Obligo“ von einem skandinavischen Konzern gekauft und verkauft es nun unter dem Namen „Harald“ an Deutsche Wohnen. Vonovia wollte für 14 Milliarden Euro die Deutsche Wohnen kaufen, vorausgesetzt Deutsche Wohnen kauft nicht groß hinzu und erhöht nicht das Kapital. Beide Wohnungskonzerne hätten zusammen über eine halbe Million Wohnungen. Allerdings müssten über die Hälfte der Aktionäre der Deutsche Wohnen ihre Anteilsscheine an Vonovia verkaufen. Ein Großaktionär beklagte sich über den Chef von Deutsche Wohnen, Michael Zahn, der 2015 schon zwei Übernahmen verpatzt hätte: Im Frühjahr die Übernahme von Conwert in Österreich und kürzlich die Übernahme der Rivalin LEG in Nordrhein-Westfalen. [4]

Dezember 2015: Wohnungs-Bieterschlacht (2). Der Bochumer Vonovia-Wohnungskonzern bot Anfang Dezember 2015 etwas über 83 Euro für die Deutsche-Wohnen-Aktie plus sieben Vonovia-Papiere. Vonovia bräuchte 50 Prozemt plus eine Aktie, um Deutsche Wohnen übernehmen zu können. [5]
Der Übernahmeversuch von Vonovia gegenüber Deutsche Wohnung scheiterte dann im Juli 2021.

Firmensitz Berlin. Seit 2017 ist der Firmensitz von Deutsche Wohnen in Berlin. Im selben Jahr wurde die Rechtsform von einer AG in eine Europäische Gesellschaft geändert: Deutsche Wohnen SE. Im November 2017 kündigte der Konzern an, über eine Tochterfirma gegen den Berliner Mietspiegel eine Verfassungsklage zu erheben. Dieser wurde im April 2019 vom Landgericht Berlin für rechtswidrig erklärt.

Enteignungsinitiative. In Berlin hat sich die Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen gebildet. Aus der Webseite: „Nach Jahren der Spekulation und der explodierenden Mieten in Berlin fordern wir ein Ende des Wahnsinns: Wir wollen durch einen Volksentscheid etwa 240.000 Wohnungen von Immobilienkonzernen vergesellschaften. Die Möglichkeit dafür schafft Artikel 15 des Grundgesetzes.
Die Vergesellschaftung würde elf Prozent der Wohnungen in Berlin nicht nur sofort sichern, sondern auch für immer erschwinglich halten. Keine Spekulation mehr durch Finanzinvestoren. Keine Hausverkäufe im großen Stil zu Schnäppchenpreisen mehr. Keine Zwangsräumung mehr von Leuten, die sich ihre Wohnung plötzlich nicht mehr leisten können.“ [6]

2019 hatte die Initiative 57.000 Unterschriften für einen Antrag auf ein Volksbegehren gesammelt: 20.000 wären nötig gewesen. Dann ließ der Innensenator Andreas Geisel (SPD) 441 Tage den Antrag rechtlich prüfen. Am 17.9.2020 war die juristische Prüfung endlich abgeschlossen: Das Volksbegehren ist rechtlich zulässig. Der Senat muss in 15 Tagen dazu eine Stellungnahme abgeben, danach muss sich das Parlament innerhalb von vier Wochen mit dem Volksbegehren befassen. Dann kommt es zum Volksentscheid, wenn die Initiative 175.000 Unterschriften (7 Prozent der Wahlberechtigten) sammelt. Danach muss es innerhalb von vier Monaten zur Abstimmung kommen: Hier müssen sich mindestens 25 Prozent der Berliner Wahlberechtigten dafür aussprechen. Die Kosten lägen nach Schätzungen zwischen 7 und 37 Milliarden Euro und beträfen rund 250.000 Wohnungen. [7] Die Stimmung in der rot-rot-grünen Regierungskoalition in Berlin ist gespalten: Viele Grüne und Linke unterstützen die Initiative, die SPD ist dagegen. [8]

Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden Michael Zahn im Spiegel: „Wenn der Mietendeckel nicht verfassungskonform ist, wovon wir ausgehen, werden wir die Miete zurückfordern müssen. (…) Um den Menschen in der Stadt zu helfen, benötigen wir jedoch mehr Wohnungen und damit mehr Neubau. Der Mietendeckel bewirkt das Gegenteil. (…) Wir planen, deutschlandweit rund 15.000 Wohnungen zu errichten, die wir größtenteils vermieten wollen.“ [9]

Der Deutsche-Wohnen-Chef. Michael Zahn ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender und legte sein Augenmerk auf schnelles Wachstum und Ballungsräume: Dadurch wurde Deutsche Wohnen nach Vonovia zu Deutschlands zweitgrößtem Vermieter. Im Juni 2020 wurde Deutsche Wohnen in den Dax aufgenommen. Zur Initiative Deutsche Wohnen & Co enteignen sagte Zahn: „Die Initiative ist für uns einfach Ansporn, besser zu werden, Dinge besser zu machen.“ [10]

Dritter Anlauf zur Fusion. Am 25.5.2021 stellten Deutsche Wohnen und Vonovia ihre Fusionspläne vor. Vonovia will für über 18 Milliarden Euro den Konkurrenten übernehmen und größter europäischer Wohnungskonzern werden. [11]

Frist geplatzt. Am Abend des 20.7.2021 hatte Vonovia nur knapp 34 Prozent am Konkurrenten Deutsche Wohnen. Mit Ende des Tages 21.7.2021 sind die nötigen 50 Prozent plus nicht erreicht worden. Die großen Anleger spekulierten auf ein höheres Angebot. [12]

Mietendeckel über den Bund. Der Berliner Senat brachte am 7.9.2021 eine Initiative im Bundesrat für ein Bundesrecht der Länder, in Städten mit angespannten Wohnungsmärkten die Mieten zu begrenzen. Dadurch könnten die Länder selbst Regelungen erlassen können, um Mieter zu schützen. [13]

Übernahme abgeschlossen. Im Oktober 2021 hatte Vonovia mit dem Einsatz von rund 17 Millionen Euro die Mehrheit von 86,7 Prozent an Deutsche Wohnen erreicht. Zunächst hatte Vonovia eine Brückenfinanzierung von fast 20 Milliarden Euro organisiert. Nun will Vonovia eine Kapitalerhöhung von acht Milliarden Euro einsammeln. Beide Unternehmen werden etwa 15.000 Wohnungen für rund 2,46 Milliarden Euro an Berlin verkaufen. [14]

Zahn geht bis Ende 2021. Michael Zahn, der Vorstandsvorsitzende von Deutsche Wohnen, wird nach der Übernahme durch Vonovia nicht stellvertretender Vorstandschef bei Vonovia, sondern zum 31.12.2021 seine Position aufgeben. [15]

2021:Über 18 Millionen Euro für Deutsche Wohnen-Chef. Michael Zahn trat nach der Übernahme von Deutsche Wohnen durch Vonovia als Vorstandsvorsitzender zum 31.12.2021 zurück. In dem am 31.3.2022 veröffentlichten Geschäftsbericht 2021 von Deutsche Wohnen sind auf den Seiten 20 und 21 insgesamt 18.259.000 Euro Zuwendungen an Zahn aufgeführt: u. a. Grundvergütung 1,15 Millionen Euro, Vier-Jahres-Variable 8,84 Millionen Euro, Abfindungen 7,3 Millionen für den Rücktritt. Laut spiegel.de war Deutsche Wohnen in Berlin für regelmäßige Mieterhöhungen und einen schlechten Service bekannt. Die Kaltmieten pro Quadratmeter lagen im Durchschnitt bei 7,14 Euro pro qm. Deutsche Wohnen erzielte 2021 einen Gewinn nach Steuern von 919 Millionen Euro. [16]

Berliner Abmachungen. Deutsche Wohnen und Vonovia haben der Berliner Stadtverwaltung Mietsteigerungen im Bestand von maximal ein Prozent und bis 2026 in Höhe der (inzwischen beträchtlichen! WZ) Inflationsrate versprochen. Die Berliner Mieterereine kritisierten diese Abmachung, da sich die Erhöhungen auf den gesamten Wohnungsbestand bezogen: Anfang 2022 gab es bei vielen Mietern Erhöhungen von durchschnittlich etwa neun Prozent. [16]

Vergleiche: Deutsche Wohnen & Co enteignen; Vonovia

Fußnoten und Quellen

  1. Wikipedia, abgerufen 18.2.2021
  2. Übernahmeschlacht: Deutsche Wohnen wehrt sich, in fazt.net 28.11.2015
  3. Vonovia legt offizielles Übernahmeangebot vor, in n-tv.de 1.12.2015
  4. Übernahmeschlacht: Deutsche Wohnen wehrt sich, in faz.net 28.11.2015
  5. Vonovia legt offiziell Übernahmeangebot vor, in n-tv.de 1.12.2015
  6. https://www.moloch-muenchen.de/lexikon/deutsche-wohnen-co-enteignen/
  7. Joswig, Gareth, Deutsche Wohnen & Co. enteignen zulässig: Sozialismus kann kommen, in taz.de 17.9.2020
  8. Heidtmann, Jan, Volksbegehren zur Enteignung ist zulässig, in SZ 18.9.2020
  9. Alle Zitate: Seith, Anne, „Wir haben in Berlin investiert, als kein anderer dazu bereit war“, in Der Spiegel 52/19.12.2020
  10. Polistina, Francesca, Feindbild, in SZ 26.3.2021
  11. Müller-Arnold, Benedikt, Fusion von Immobilienriesen in SZ 26.5.2021
  12. Vonovia muss um Übernahme von Deutsche Wohnen bangen, in spiegel.de 22.7.2021
  13. Berliner Senat will Mietendeckel jetzt im Bund erreichen, in spiegel.de 8.9.2021
  14. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/vonovia-deutsche-wohnen-kapitalerhoehung-milliarden-101.html
  15. Reuters, Deutsche Wohnen-Chef geht, in SZ 21.12.2021
  16. Ex-Chef der Deutsche Wohnen kassiert 18 Millionen Euro, in spiegel.de 1.4.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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