Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Bevölkerungsentwicklung München

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 28.6.2022
Vgl. auch: Eingemeindungen

1239 schloss die Münchner Stadtmauer 17 Hektar ein, in denen rund 2500 Bewohner lebten. Etwa um das Jahr 1500 hatte München etwa 13.500 Einwohner, 1781 waren es rund 38.000.  Von 1886 bis 1912, in der Ära des Prinzregenten Luitpold, wuchs die Einwohnerzahl Münchens von 250.000 auf 600.000. Um 1900 waren es eine halbe Million, 1957 dann eine ganze Million. [1]

April 2017: Überholte Prognosen – noch mehr Einwohner (1). Der Demografiebericht des Planungsreferats von Mai 2017 zeigt ein noch schnelleres Ansteigen der Einwohnerzahlen: 2017 werden 1.604.571 Menschen hier leben, 2015 werden es 1.749.125 Millionen sein. 2030 übersteigt die Einwohnerzahl die Marke von 1,8 Millionen, und für 2035 wird mit 1.851.027 Einwohnern gerechnet. Damit verbunden sind natürlich: noch mehr Verkehr, noch mehr Wohnungsbedarf, noch mehr soziale und technische Infrastruktur. CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl äußerte angesichts des Ansteigens der Bevölkerungszahlen seine unlogische Perspektive: „Wir brauchen Wohnraum genauso wie Gewerbeflächen und grüne Freiflächen.“ [2]
Das Münchner Planungsreferat verhält sich beim München-Zuwachs identisch wie die Uno, die für 2050 etwa 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde prognostiziert: Der Bevölkerungszuwachs wird als unvermeidlich, unbeeinflussbar, unveränderbar, quasi als Naturkatastrophe betrachtet. Die sozialen, ökonomischen und ökologischen Konsequenzen werden verheerend sein. Dabei wäre für München der Zuzug über eine restriktive Arbeitsplatzpolitik einfach zu reduzieren.

April 2017: Überholte Prognosen – noch mehr Einwohner (2). Zwischenbilanz von Stadtbaurätin Elisabeth Merk von Ende 2016: Im Stadtgebiet könnten noch etwa insgesamt 62.500 Wohnungen gebaut werden. Bei 1,95 Personen pro Wohnung wären das rund 130.000 Bewohner. Der Zuwachs an Neumünchnern bis 2035 beträgt aber laut Prognosen (siehe oben) um eine Viertel Million. – Bis 2035 wird mit zusätzlich benötigten 11.600 Kita- und Kindergartenplätzen gerechnet, dazu 33.000 Schulplätze. – 2016 hatte die MVG 587 Millionen Fahrgäste: Ein weiterer Zuwachs wird schwierig. – Droge Gewerbesteuer: 2016 nahm der Kämmerer über 2,5 Milliarden Euro ein. OB Dieter Reiter warnte vor einer Dämonisierung des Wachstums, weil sich das florierende München viele Investitionen leisten kann. „Wachstumsschmerzen“ müsse die Stadt abfedern. Reiter sieht keine Möglichkeit, Wachstum zu begrenzen. Falls die Stadt keine Bau- und Gewerbegebiete mehr ausweisen würde, dann „werden die Preise explodieren“. (Warum eigentlich? Die Investoren wandern weiter wie die Heuschrecken; WZ) Reiter behauptete dann, dass die Stadt keine aktive Anwerbung von Unternehmen betreibe. (Reiter sollte sich an diesem Punkt mal von seinem Wirtschaftsreferenten Clemens Baumgärtner informieren lassen; WZ) [3]

Demografische Kennziffern für 2040: [4]
Ist-Zustand, Basisjahr 2017: 1.557.190 EinwohnerInnen
Unteres Szenario 2040: 1.723.413 EinwohnerInnen
Oberes Szenario 2040: 1.982.720 EinwohnerInnen

Juni 2017: Langsames und schnelles Wachstum. Der Demografiebericht des Planungsreferats hat die Stadtviertel auf das Einwohner-Wachstum bis 2035 untersucht. Die künstliche Explosion in Aubing-Lochhausen-Langwied durch das neue Quartier Freiham ist wenig verwunderlich; die SEM Nord und SEM Nordost sind (noch) nicht berücksichtigt.
Aubing-Lochhausen-Langwied + 89,6; Schwabing-Freimann + 44,3; Moosach +33,9; Berg am Laim + 30,7; Allach-Untermenzing + 27,1; Ramersdorf-Perlach: + 23,4; Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln + 23,1; Feldmoching-Hasenbergl + 19,4; Au-Haidhausen + 19,1; Milbertshofen-Am Hart + 18,0; Laim + 17,5; Pasing-Obermenzing + 16,7; Bogenhausen + 16,1; Sendling-Westpark + 15,6; Trudering-Riem + 14,5; Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt + 13,2; Hadern + 10,6; Sendling + 10,2; Schwanthalerhöhe + 9,2; Obergiesing-Fasangarten + 7,1; Maxvorstadt + 6,3; Schwabing-West + 3,9; Altstadt-Lehel + 3,3; Untergiesing-Harlaching + 2,4. Fast allen Stadtvierteln gemeinsam sind Verkehrsprobleme, Investoren in Grünbereichen, Mangel an sozialer Infrastruktur. [5]

September 2017: Boden-loses München. Der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München (PV) hat den Wohnungsbedarf für 400.000 zusätzliche Einwohner bis 2035 berechnet: Für sie sind mindestens 200.000 Wohnungen nötig, aber nur für 160.000 ist Baugrund vorhanden. Verbandsgeschäftsführer Christian Breu stellte nun fest, dass die Wohnungen nicht mehr für alle reichen werden, da Flächen fehlen. Um das Bevölkerungswachstum zu bewältigen, brauche es nicht die fertiggestellten 12.000 Wohnungen pro Jahr, sondern 15.000 bis 20.000.
Die Ursachenanalyse erbrachte diverse oft einander widersprechende Gründe: Die von den Kommunen im Großraum vorgesehenen Flächen würden zu wenig genutzt; Landwirte verkaufen ungern, da sie hohe Steuerforderungen bekämen; sie wollen ihre Flächen oft lieber tauschen. Ein wichtiger Grund für den Baulandmangel sei die Bodenspekulation. Der Oberhachinger Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) rechnete vor, dass es für die Kommune billiger sei, Gewerbeflächen auszuweisen, da der Wohnungsbau mit sozialer Infrastruktur wie Kitas verbunden sei. Außerdem wollen manche Gemeinden nicht wachsen, um ihre Identität nicht zu verlieren. [6]

Mai 2019: Münchner Wachstum. Der Demografiebericht des Referates für Stadtplanung und Bauordnung wurde am 2.5.2019 von Stadtbaurätin Elisabeth Merk dem Stadtrat präsentiert. Die Bevölkerung München wird weiter wachsen: Wen wundert es, wenn seitens der Stadt alle Zeichen auf Wachstum gestellt wurden. 2021 verzeichnet der Bericht 1,61 Millionen Einwohner, 2029 1,712 Millionen und 2040 1,85 Millionen. Der Ausländeranteil liegt aktuell bei rund 27 Prozent. [7]

Juli 2019: Die Stadt franzt aus. Planungen für Wohnungs-Wachstum gibt es vor allem am Stadtrand: SEM Nord (nur vorläufig aus dem Rennen), die Kasernenflächen im Norden, SEM Nordost, Freiham im Westen. Die von der Stadtplanung prognostizierte Einwohnerzahl von 1,85 soll statt 2035 nun im Jahr 2040 erreicht werden. Die Bevölkerung des Bezirks Aubing-Lochhausen-Langwied wird bis 2040 um 91,5 Prozent steigen: von knapp 47.000 (2017) auf fast 90.000. Feldmoching-Hasenbergl: plus 54,2 Prozent; Trudering-Riem, Moosach, Schwabing-Freimann: jeweils plus 31 bis 34 Prozent. [8] Die Konsequenz: Notwendiger rasanter Ausbau der sozialen und technischen Infrastruktur, des Straßennetzes und des ÖPNV, Anwachsen der Pendlerströme. Dazu Auslagerungen ins Umland wie Erweiterungen der TU München in Garching und eine neue Fakultät für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie mit einem neuen Campus in Ottobrunn/Taufkirchen. [9]

Stand 2020: Aktuell wohnen 1,56 Millionen in München; bis 2040 wird mit weiteren 300.000 gerechnet. Derzeitige Perspektive: zusätzliche 72.500 Wohnungen für 174.000 Bewohner. [10]
Wenn man alles dafür tut, Arbeitsplätze ohne Ende in diese Stadt zu schaufeln, dann nimmt die Bevölkerung ebenfalls entsprechend zu.

Stand 2021: Ende 2020 hatte München fast 1,6 Millionen Einwohner. Das Planungsreferat rechnet für 2029 mit 1,7, 2037 mit 1,8 und im Jahr 2040 mit 1,845 Millionen Bewohnern. [11]

Neubaugebiet München. Für die „Entlastungsstadt“ Neuperlach standen 1962 etwa 1000 ha zur Verfügung: Von geplant 80.000 Bewohnern leben heute 60.000 dort. In Freiham im Münchner Westen standen 350 ha zur Verfügung. 2019 zogen die ersten von 25.000 bis 30.000 Bewohnern ein; insgesamt 15.000 Arbeitsplätze werden es einmal sein. Die SEM Nordost bei Daglfing und Johanneskirchen wird auf einer Fläche von 600 ha mit der Maximalzahl von 30.000 Einwohnern geplant; hinzu kommen 10.000 Arbeitsplätze. Im Rahmen der SEM Nord im Münchner Norden in Feldmoching verplant die Stadt 900 ha: Davon sind aktuell etwa 40 Prozent für Landwirtschaft und Gartenbau genutzt. [12]
Die letzten Flächen in München werden überplant von den ach so dringend benötigten Wohnungen: Gleichzeitig siedelt die Stadt so viele neue Arbeitsplätze an, dass die Wohnungsnot überhaupt nicht gelindert wird.

Fußnoten und Quellen

  1. Görl, Wolfgang, „Nichts thun und Bier dazu trinken“, in SZ 11.3.2020, nach: Kubitza, Michael, Das Bier, das Leuchten und der Grant; Görl, Wolfgang, Als München zu „neuyorkeln“ begann, in SZ 14.6.2022
  2. Effern, Heiner, Auf dem Weg zum Zweimillionendorf, in SZ 26.4.2017
  3. SZ 27.4.2017
  4. LH München, Referat für Stadtplanung und Bauordnung, Demografiebericht München – Teil 1, München, April 2019, S. 68
  5. SZ 21.6.2017
  6. Grossmann, Viktoria, Dem Großraum geht der Baugrund aus, in SZ 27.9.2017
  7. Krass, Sebastian, Bald 1,85 Millionen, in SZ 3.5.2019
  8. Spitzenreiter, in SZ 31.7.2019
  9. Anlauf, Thomas, Wachstum am Stadtrand, in SZ 31.7.2019
  10. Krass, Sebastian, Niewel, Gianna, In bester Lage, in SZ 10.3.2020
  11. Hoben, Anna, München wächst weiter, in SZ 15.6.2021
  12. Steinbacher, Ulrike, Wenn Acker zu Stadtvierteln werden, in SZ 11.6.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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