Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Virginia-Depot

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert am 30.5.2023

Ursprünglich war hier von 1936 bis Mitte der 1990er Jahre ein Militärgelände. Aus Wikipedia: „Aufgrund der jahrzehntelangen Unzugänglichkeit des Geländes konnte sich hier ein ungestörter Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere etablieren. Das Stadtbiotop umfasst etwa 20 Hektar und beherbergt 350 verschiedene Pflanzenarten (davon etwa 70 auf der Roten Liste), wilde Blumen wie Königskerze, Hornklee, Wiesenknopf, Felsennelke, Leinkraut, Skabiosen-Flockenblume, Graslilien, Fransenenzian, Acker-Wachtelweizen (einziger Standort in München), Klappertopf, Mädesüß, Glockenblume und Türkenbundlilie. Außerdem sind dort viele Schmetterlings- und Vogelarten, von denen einige zu gefährdeten Arten gehören sowie Ödlandschrecken und Zauneidechsen beheimatet. Der LBV pflegt das Biotop seit 2003 und begleitete den ökologisch verträglichen Abbau der darauf befindlichen Bauten. Nach einem Stadtratsbeschluss von 2014 soll der Biotopbereich nach Herstellung von Ausgleichsflächen als geschützter Landschaftsbestandteil ausgewiesen werden.“

Juni 2008: Stadtentwässerung baut im Virginia-Depot. Die zentrale Betriebsstation der Münchner Stadtentwässerung (MSE) wird an der Schleißheimer Straße 135 mit 6100 qm Nutzfläche gebaut und soll 2013 fertig sein. Die Kreisgruppe München des BN kritisierte den Gesamtplan und Rodungen an der Schleißheimer Straße, wodurch wertvolle Trockenrasenflächen zerstört wurden, die schon in der kommunalen Leitlinie Ökologie aufgeführt waren.1
Und dann legt die Stadt irgendwo neue Trockenrasenflächen neu an: die mehrere Jahrzehnte brauchen, um ein vollwertiges Biotop auszumachen.

2013: Künftiges Schutzgebiet gefordert. Der BN und der LBV fordern eine Ausweisung von Gleislager Neuaubing, Gleisdreieck Pasing und Virginia-Depot als gesetzlich geschützte Landschaftsbestandteile. Durch eine Gesetzesänderung ist nun nicht mehr die LH München zuständig, sondern die Regierung von Oberbayern: Damit könnte sich der Schutz weiter verzögern. Ein Grund für die Forderung der Naturschützer war auch der Neubau der Stadtentwässerung (siehe unten).

Der BN zum Virginia-Depot: „Mitten in Milbertshofen liegt das Virginia-Depot als grüne Oase. Ihre Militärvergangenheit sieht man der 20 Hektar großen Fläche inzwischen kaum noch an. Der Biotop wirkt eher wie eine Heidelandschaft, die das ganze Frühjahr und den Sommer über vielfarbig blüht. Die Fläche beherbergt zahlreiche Schmetterlings- und Heuschreckenarten. Im Spätsommer beginnen – fast schon unglaublich mitten in städtischer Umgebung – zahlreiche Enziane zu blühen. Der Landesbund für Vogelschutz pflegt das Virginia-Depot seit 10 Jahren – seit zwei Jahren entstehen dort Erweiterungsflächen für das Biotop, die einen Ausgleich für verschiedene Baumaßnahmen im Münchner Norden schaffen sollen. Ein Schutzgebietsantrag für die Fläche wurde von BUND Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz schon im Jahr 2003 gestellt. Außer mehreren Bearbeitungsvermerken konnte dazu aber bei der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde nichts erreicht werden.“2

Erneuter Schutz gefordert. Grüne, Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz forderten 2014 neben dem Schutz von Gleisdreieck und Gleislager in Pasing auch den Schutz des Virginia-Depots: Alle drei Flächen sind immer noch nicht als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Laut Stadträtin Sabine Krieger (Grüne) wäre die Stadt für deren Pflege zuständig, falls die Gebiete geschützt wären: Die Stadt hat aber hierfür keine Kräfte. Die Untere Naturschutzbehörde ist dem Planungsreferat unterstellt, und dort wären aber die meisten Mitarbeiter mit Wohnungsbau und Verkehrsführung beschäftigt. Die Grünen haben eine Anfrage mit zehn Fragen zur Zuständigkeit beim flächenhaften Naturschutz gestellt, da die Zuständigkeiten unklar sind. Das Gleislager Neuaubing wird ehrenamtlich vom BN Bayern gepflegt, das Virginia-Depot seit zehn Jahren vom LBV. Es handelt sich um Ausgleichsflächen für städtische Baumaßnahmen: Von daher müsste die Stadt die Pflege übernehmen – was sie nicht muss, solange die Areale nicht Schutzgebiete sind. Der LBV hatte bereits 2003 vergeblich einen Antrag zur Unterschutzstellung eingebracht. Deshalb fordern die Grünen, die Untere Naturschutzbehörde vom Planungsreferat in das Referat für Gesundheit und Umwelt umzusiedeln.3

Kein Erlebnisraum. Im Juni 2018 hatte die Kreisgruppe München des LBV und der Verein Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BenE München e. V.) dem Münchner OB Dieter Reiter das Projekt einer Stadtwildnis für Kinder und Jugendliche als Lernort auf dem Virginia-Gelände vorgeschlagen. Reiter ließ dies durch seine Verwaltung prüfen und lehnte ab. Die Stadt müsste dazu das Depot von der BImA kaufen, übernehme aber nur altlastenfreie und kampfmittelfreie Grundstücke. Die BImA wäre zur Räumung der Altlasten bereit gewesen, hätte damit aber das Biotop zerstört. Dessen Wiederherstellung hat sie abgelehnt. Außerdem ist das Virginia-Depot auch für die BImA eine Ausgleichsfläche für staatliche Bauvorhaben im Stadtgebiet.4

Stadt will übernehmen. Der BA Feldmoching-Hasenbergl will mehrheitlich, dass das Virginia-Depot nach wie vor abgeschlossen bleibt. Ein Grund sind auch mögliche Munitionsrückstände. Das Planungsreferat hält die Übernahme durch einen Verein ähnlich dem Heideflächenverein Münchner Norden e. V. für möglich.5

Zubauten. Ein Flächennutzungsplan wurde erstellt. Nahe dem Virginia-Depot sollen auf 6,3 Hektar an der Schleißheimer Straße diverse Einrichtungen gebaut werden. Drei Berufsschulen sollen vom Elisabethplatz hierher in der Nähe des BMW-FIZ als „Berufliches Schulzentrum für Mobilität und Fahrzeugtechnik“ angesiedelt werden. Weiter ist eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge der Regierung von Oberbayern geplant sowie ein Gewerbegebiet. Die 20 Hektar Biotop- und Ausgleichsfläche sollen erhalten bleiben. Die Stadt will das Gelände mit hoher bioklimatischer Bedeutung wegen potentieller Munitionsrückstände aktuell immer noch nicht ankaufen.6

Eingezäunt. Seit Juli 2015 ist das Biotop eingezäunt, um wildes Parken und unkontrolliertes Begehen zu vermeiden. 20 Jahre lang soll die BImA für das Biotop verantwortlich sein. 2015 war das Virginia-Depot immer noch kein Naturschutzgebiet und diente der Stadt zur Ausweisung von Ausgleichsflächen. Die Gefahr: Die Stadt könnte an anderer Stelle Ausweichflächen ausweisen und Teile des Virginia-Depots bebauen. Seit Mai 2015 ist eine Änderung der Zuständigkeiten in Kraft: Bei Arealen über 10 Hektar sind die Bezirksregierungen zuständig, hier also die Regierung von Oberbayern.7

20 Hektar Natur. Von 2002 bis 2011 hat der LBV das Gelände betreut, seit 2022 tut er dies wieder und veranstaltet dort Führungen. Das Gelände ist eingezäunt, auch weil hier einige Altlasten lagern. Seit 2015 wird im zweijährlichen Turnus Flora und Fauna untersucht. Die Folgepflege begann 2017 und wird 20 Jahre (bis 2037) dauern.8

OB Dieter Reiter äußerte sich zum Virginia-Depot: „Da gibt es seit zwei Jahren keinerlei Fortschritt. wegen der Flächenkonkurrenz. Das eine Referat möchte gern Gewerbe, das andere eine Schule, das dritte eine Geothermieanlage. Der Landesbund für Vogelschutz will keinerlei Bebauung, weil dort Vögel leben.“9
Es kann einem also um dieses Öko-Kleinod Angst und bange werden.

Nochmals verkleinerte Zukunft des Virginia-Depots. Das Virginia-Depot in der Lerchenau hat sich in mehr als zwei Jahrzehnten zum Biotop entwickelt hat. Genau dort will die Stadt eine Geothermie-Anlage errichten, die 70.000 Menschen mit Wärme versorgen soll. Daneben soll auch eine Berufsschule für Kfz-Berufe und eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. (Siehe oben) Mehr als zwei Drittel des Biotops sollen erhalten bleiben. (Dabei wurde die ursprüngliche Größe des Virginia-Depots in der Vergangenheit schon kräftig reduziert, so durch die zentrale Betriebsstation der Münchner Stadtentwässerung, siehe oben). Die Entscheidung könnte mit dem Bürgerbegehren „Grünflächen erhalten“, das vom Stadtrat übernommen wurde, in Konflikt geraten. Es geht u. a. auch um das Habitat der bedrohten Zauneidechse. Deswegen will man mit dem Nachbarn BMW noch reden, der auch am Bau der Geothermie-Anlage beteiligt ist. Die Umweltreferentin Christine Kugler hält es für möglich, die Tiefengeothermie und den Naturschutz miteinander zu vereinbaren. Die jetzige Variante, die eine Trennung von Bohrplatz und Energiezentrale beinhaltet, sei zwar aufwändiger, weil sie eine Thermalwassertrasse erfordere, doch das „muss uns der Naturschutz im Virginia-Depot-Wert sein“.10
In einem SZ-Kommentar zum Geothermie-Ausbau begrüßte Thomas Kronewite, dass wenigstens die vom städtischen Wirtschaftsreferenten Clemens Baumgärtner (CSU) geplante Ansiedlung von Gewerbeflächen auf dem Virginia-Depot gestrichen werden soll. Es drohten weitere Auseinandersetzungen auch wegen der schleichenden Aushöhlung des Bürgerbegehrens „Grünflächen erhalten“.11

  1. Oberstein, Peter, Virginia-Depot findet seine Bestimmung, in SZ 18.6.2008 []
  2. BN Kreisgruppe München, Neue Schutzgebiete: Gleislager Neuaubing, Gleisdreieck Pasing und Virginia-Depot müssen für die Zukunft bewahrt werden, München 2013. https://bn-muenchen.de/themen/arten-biotopschutz/neue-schutzgebiete/ []
  3. Schneider, Martin, Drei Flächen und ein Pflegefall, in SZ 12.2.2014 []
  4. Draxel, Ellen, Die Wildnis bleibt hinterm Zaun, in SZ 18.3.2019 []
  5. Sobotta, Jerzy, Naturschonend, in sueddeutsche.de 5.7.2020 []
  6. Sobotta, Jerzy, Zugriff aufs Virginia-Depot, in SZ 16.9.2020 []
  7. Schramm, Simon, Ein Biotop mausert sich, in SZ 16.6.2021 []
  8. Gerdom, Ilona, Naturschätze statt Panzer, in SZ 13.8.2022 []
  9. Effern, Heiner, Hoben Anna, „Ich dachte, ich spinne“, in SZ 11.2.2023 []
  10. Effern, Heiner, Geothermie-Ausbau im Naturschutzgebiet, in SZ 18. Mai 2023 []
  11. Kronewiter, Thomas, Der Streit ums Grün flammt wieder auf, in SZ 19.5.2023 []
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