Moloch München Eine Stadt wird verkauft

2011

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Januar 2011: Dauerproblem Wohnungsmangel. Die LH München rechnet für 2030 mit 1,5 Millionen Einwohnern und hat gerade das größte deutsche kommunale Wohnungsbauprogramm mit 625 Millionen Euro in fünf Jahren aufgelegt. 2011 muss auch das Programm „Wohnen in München V“ beschlossen werden. Genossenschaften sollen gefördert und die Mindest-Einkommensgrenzen müssen angesichts der Münchner Miethöhen erhöht werden. OB Christian Ude berichtete von 40 bis 60 Prozent höheren Grundstückspreisen innerhalb eines Kalenderjahres: Das werde die Preise für Wohneigentum um etwa ein Viertel erhöhen. [1]

Januar 2011: Platzängste in und um München. Der Regionale Planungsverband prophezeite angesichts des Siedlungsdrucks in der LH München und im Landkreis, dass immer mehr Umzüge aus der Stadt ins Umland erfolgen. In München soll Experten zufolge nur noch Raum zum Bau von rund 50.000 Wohnungen vorhanden sein, der in 15 bis 20 Jahren aufgebraucht sei. Die Umlandgemeinden haben Angst, dass aufgrund des Wohnraummangels in ihre kommunale Planungshoheit eingegriffen werde. [2]

Januar 2011: Filetgrundstück der Stadtwerke. Die SWM haben ihr ehemaliges Heizkraftwerk in der Müllerstraße 7 auf den Markt gebracht: Käufer war Alpha Invest des Investors Jörg Schindler. Nun brachten die SWM das etwa 6900 Quadratmeter große Areal des 2005 stillgelegten ehemaligen Heizkraftwerkes an der Katharina-von-Bora-Straße (früher Meiserstraße 6/8) auf den Markt. Das Büro Steidle Architekten hat ein Nutzungskonzept für Wohnungen mit rund 11.000 Quadratmetern erstellt. Durch die Nähe zum Stadtzentrum wird das Areal zum Filetgrundstück. Die Abgabe der Angebote war am 28.1.2011. 35 vorwiegend Münchner Bauträger und Investoren boten mit. Die letzten Bieter waren die Patrizia AG und Alpha Invest, deren Höchstgebot bei über 40 Millionen Euro lag. (Das wären rund 5800 Euro pro Quadratmeter.) Damit war klar, dass der Grundstückskauf nur durch Luxuswohnungen amortisiert werden könnte. OB Christian Ude (auch AR-Vorsitzender SWM) hatte im Juni 2011 gefordert, dass kein weiteres Luxusquartier entstehe, sondern auch Wohnraum für sozial Schwächere. Im Juli 2011 stoppte er das Bieterverfahren. Außerdem kämen eventuell Grundstücke des Freistaats in die Planung: das Landesamt für Steuern, das Zentralinstitut für Kunstgeschichte und die ungenutzten Gebäude Karlstraße 20 und 22. Die Rathaus-CSU warf Ude vor, dass bereits vor drei Jahren mehr sozialer Wohnraum auf ehemaligen SWM-Grundstücken realisiert werden sollte: Dies sei an Udes Verwaltung gescheitert. [3]
Nachträge. März 2013: Die SWM planen in München 500 Werkwohnungen bis zum Jahr 2020, u. a. 100 an der Katharina-von-Bora-Straße. [4] Die CSU-Stadtratsfraktion kritisierte, dass die SWM, das Areal in ihrem Besitz behalten und 66 Prozent freie Mietwohnungen bauen wolle und nur die sowieso geforderten 34 Prozent sozial geförderte Wohnungen eingeplant habe. [5]Januar 2014: Der Architektenwettbewerb ist entschieden: 1. Preis Léon Wohlhage Wernik Berlin (in München u. a. The Seven/Müllerstraße; Erweiterungsbau Bayerischer Landtag), 2. Preis Büros 03 Architekten/LeitWerk München (u. a. Wohnprojekte, Welfenhöfe), 3. Preis Meilli, Peter München (u. a. Hofstatt Sendlingerstraße). [6]Dezember 2016: Der 2. Preis der Büros 03 Architekten/LeitWerk wird verwirklicht. Die Zwischennutzung durch Mixed Munich Arts (MMA) ab April 2013 wurde bis 2017 (später März 2019) verlängert; Baubeginn soll Anfang 2018 sein. [7]

März 2011: Der Englische Garten wird verkleinert. Seit Jahrzehnten schwindet die Fläche des Englischen Gartens durch Bauwerke und Verkehrswege. Eine Auswahl: 1806: Prinz-Carl-Palais. – 1934: Ost-West-Verbindungsstraße, heute Bustrasse. – 1937: Haus der (Deutschen) Kunst. – 1950er-Jahre: Schulsportanlage am Haus der Kunst (3 Hektar). – 1951: Radio Free Europe, heute Uni-Institute (2 Hektar). – 1951: Erweiterung der Veterinär-Institute (2 Hektar). – 1964: Isarring/Mittlerer Ring. – 1985: Neubau Seehaus (Parkplatz: 2,5 Hektar, 2100 Quadratmeter Seefläche für Biergarten). – 2020: „Campus Königinstraße“ in sechs Gebäuden der Fakultät für Physik: ein 20 Meter hoher Bau steht drei Meter zur Parkgrenze. [8]

März 2011: Weniger Mietprozesse. Das Amtsgericht München vermeldet weniger Mietprozesse. Noch 2004 gab es jährlich über 9000 Prozesse, aktuell sind es rund 8500. Die Vermieter können sich heute gläserne Mieter mit klaren Referenzen aussuchen, holen oft eine Bescheinigung des Vorvermieters über ein korrektes Mietverhältnis ein lassen, dazu Arbeits- und Einkommensbescheinigungen. [9]

Mai 2011: Bürgerinitiativen wehren sich. Immer mehr Wohnraum wird in München vernichtet, entmietet, luxussaniert: gentrifiziert. Dagegen bilden sich Bürgerinitiativen wie Rettet die Münchner Freiheit, eine Reaktion u. a. auf den Abriss der Schwabinger 7 im Sommer 2011 für Luxuswohnungen an der Feilitzschstraße 7 – 9 im Millionenbereich unter dem Slogan „MONA|CO – Die neue Münchner Freiheit“ (Vermarkter: von Poll Frankfurt; https://www.neubaukompass.de/neubau/monaco-die-neue-muenchner-freiheit-muenchen/)
Die Stadtpolitik ist merkwürdig gespalten. CSU-MdL Robert Brannekämper, Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) und die grünen Stadträtinnen Sabine Nallinger und Jutta Koller unterstützen die BI. Die SPD-Stadträtin und Vorsitzende des Mietervereins, Beatrix Zurek,war für den Abriss und Neubau, weil durch die teuren Wohnungen woanders billigere frei werden würden.
Max Heisler von der Aktionsgruppe Untergiesing zählte in dem Bereich 33 Architekturbüros, die z. T. in ehemaligen Läden unterkamen. Die Grünwalder Investmentfirma Rock Capital übernahm das Hans-Mielich-Carree, sanierte etwas und erhöhte die Mieten um 20 Prozent. In der Birkenau 10 und 12 werden zwei alte, ehemals denkmalgeschützte Kutscherhäuschen abgerissen und durch einen vierstöckigen Wohnblock mit Eigentumswohnungen ersetzt. (Vgl. September 2010 und Birkenau) Die Initiative Dreimühlenviertel hat 1380 Unterschriften gegen die Bebauung des ehemaligen Rodenstockgeländes gesammelt: Die Baywobau will siebenstöckige Gebäude mit Eigentumswohnungen zum Quadratmeterpreis von bis zu 10.000 Euro bauen. [10]
Zum Niedergang von München im Allgemeinen und Altschwabing im Besonderen vgl. den Artikel von Wolfgang Höbel: Diese Stille (Der Spiegel 22/2011)

Juli 2011: „Parkviertel Giesing“. Das ehemalige Agfa-Gelände an der Tegernseer Landstraße in München-Giesing hat rund 12,5 Hektar und wurde im August 2010 von der Büschl-Gruppe gekauft. Dort werden an der lauten Tegernseer Landstraße Gewerbebauten und dahinter etwa 1200 Wohnungen mit 100.000 Quadratmetern für 2500 Bewohner geplant. Zwei Areale hat Büschl an Demos/Induwo Wohnbau GmbH München und den Kölner Bauträger Bauwens zum Bau von Eigentumswohnungen verkauft. Demos will an der Weißensee-/Ecke Untersbergstraße die „Neuen Gärten Giesing“ mit 154 frei finanzierten Wohnungen bauen (Quadratmeterkosten zwischen 4100 und 5100 Euro). Bauwens plant im Projekt „mein-raum“ 147 Wohnungen. [11]

August 2011: München wieder mit am teuersten. Die LBS Bayern teilte am 16.8.2011 mit, dass laut ihrem Immobilienpreisspiegel für 660 deutsche Städte München zu den teuersten Standorten zählt. Ein Reihenhaus kostet hier 660.000 Euro. Es folgen Unterhaching, Unterschleißheim, Dachau, Garmisch-Partenkirchen und Starnberg. Eine neue Eigentumswohnung kostet in München pro Quadratmeter 4050 Euro, gefolgt von Garmisch-Partenkirchen mit 3900 und Starnberg mit 3600 Euro. [12]

August 2011: Wachstum im Großraum München (1). Nach Statistiken des Planungsverbands Äußerer Wirtschaftsraum München lebten in der Landeshauptstadt 1950 rund 0,8 Millionen Einwohner; 2010 waren es etwa 1,3 Millionen. Das Umland verzeichnete 1950 weniger als 0,5 Millionen Einwohner; 2010 waren es ebenfalls um 1,3 Millionen. Die Prognose für 2029 lautet: Stadtbevölkerung plus 111.000 Menschen, Region plus 114.000 Menschen. [13]

August 2011: Wachstum im Großraum München (2). Der Ökonom Alain Thierstein vom Lehrstuhl für Raumentwicklung an der TU München zur Wachstumsdiskussion in München: „Wenn eine Stadt oder Region nicht mehr in der Lage ist zu wachsen, ist das ein Alarmzeichen, das man außerordentlich ernst nehmen muss.“ [14]
Diese These halte ich für grundfalsch! WZ
Nach Thierstein muss München die Abhängigkeit von Großunternehmen mindern. – Die Konstruktion der „Metropolregion München“ soll die Koordination verbessern. Die langfristige Siedlungsentwicklung ist wichtig, denn nach 2020 sind „keine größeren zusammenhängenden Flächen innerhalb der Stadt mehr für Wohnen vorhanden“.
Widerspruch! Stand 2021 sollen (grob geschätzt) weitere 2500 Hektar im Stadtgebiet zugebaut werden, als da sind: die aktuell wieder aus der Versenkung geholte SEM Nord (900 Hektar), SEM Nordost (600 Hektar), die weitere geplante Bebauung Freihams bis 2030 und darüber hinaus, der Zubau derzeitiger landwirtschaftlicher Flächen, Gärtnereien etc., dazu obskure, von der Stadtplanung fest verplante Überbauungen wie die Städtische Baumschule usw. Das hat nicht nur fatale Folgen für die Aufheizung der Stadt. Die Tausende von Wohnungen mit Zehntausemden von neuen Bewohnern belasten die ökonomische, ökologische und soziale Basis des Stadtlebens.
Die Kommunen rund um München haben laut Thierstein das Wachstum „auf Teufel komm raus gefördert mit der Ausweisung neuer Bau- und Gewerbegebiete“.
Da wurde manche unheilige Allianz mit der LH München eingegangen, man denke an die Auswirkungen der neuen Messe Riem.
Thierstein verweist – zu Recht – auf die „absolut entscheidende Rolle des internationalen Flughafens München“ in Bezug auf das Wachstum Münchens, das man auch schon 2011 als absolut ungezügelt, aber ganz bewusst geplant bezeichnen kann. Zur Konkurrenz zwischen den Metropolen und dem Land äußerte Thierstein: „Das ist keine vernünftige Debatte. Der Begriff ländlicher Raum ist ein rein politischer Kampfbegriff. Er ist tot.“

November 2011: Umweltverbände fordern Wachstumsstopp. Im Großraum München soll die Ausweisung von Gewerbegebieten beendet werden. Das fordern Bund Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz, Attac, die Gregor-Louisoder-Umweltstiftung und andere. Der Stadtplaner Hans-Joachim Schemel erklärte, dass die Wachstumsdynamik in München und Umgebung gebremst werden muss. Immer mehr Gewerbeflächen locken immer mehr Unternehmen an. Die erbringen zwar eine höhere Gewerbesteuer, schaffen aber Folgeprobleme im Verkehr und der sozialen Infrastruktur. Der verstärkte Wohnungsbau dämpft den teuren Wohnraum nicht, da ständig neue Arbeitsplätze geschaffen werden und dadurch mehr Menschen herziehen. Durch das Wachstum und den Wohnungsbau verschwinden auch immer mehr Grünflächen im Großraum München. [15]
München lebt das rücksichtslose Wachstum seit Jahrzehnten vor – und die Umlandgemeinden ahmen es nach.
Vgl.: Intro, Fazit

November 2011: Das Umland wächst mit. Im Mai 2011 äußerte der (damalige) OB-Kandidat Dieter Reiter bei einer SPD-Veranstaltung in Obermenzing, die Kommunen im Großraum München sollten ihre Flächen nicht für Ein- und Zweifamilienhäuser hergeben angesichts der immer höheren Mieten in München, sondern dichter bebauen. Der Gegenwind kam schnell. Der Gräfelfinger Bürgermeister Christoph Göbel (CSU) fragte sich, warum München seine letzten Freiflächen der Bebauung opfere. Der Bürgermeister von Poing, Albert Hingerl (SPD), verwies auf die Wohnblöcke in seiner Gemeinde. Poing hatte um 1970 gerade einmal 3000 Einwohner – und aktuell 13.000. Der Landrat von Fürstenfeldbruck, Thomas Karmasin (CSU), kritisierte das Konzept der LH München, die eigenen Probleme auf das Umland zu verlagern und empfahl den Brucker Gemeinden, keine neuen Wohnungen zu bauen, um noch mehr Zuzug zu vermeiden. Der Freisinger Oberbürgermeister Dieter Thalhammer (SPD) äußerte über seinen Münchner Kollegen Christian Ude: „Die Zusammenarbeit findet nicht statt, die Landeshauptstadt kümmert sich um uns überhaupt nicht.“ Die Gemeinden im Norden Münchens kritisieren seit Langem, dass dort alles angesiedelt wird, was die Umwelt belastet: z. B. Müllverbrennungsanlage, Klärwerk, Autobahn, Flughafen. [16]

November 2011: „Gated Communities“ in München. Eine der ersten abgeschlossenen Gated Communities befindet sich am Ende der Winzererstraße auf dem ehemaligen Gelände der Deller-Milchwerke. In der Luxuswohnanlage „The Seven“ in der Müllerstraße sind ein Concierge-Service, eine Kita und ein Spa- und Wellnessbereich geplant, ähnliches in den „Lenbach-Gärten“. [17]

Dezember 2011: Mietpreise steigen weiter. Bestandsmieten liegen laut IVD Süd pro Quadratmeter bei 12,70 Euro, Altbauten mit gutem Wohnwert bei 13,70 Euro. Neubauten kosten um 14 Euro. Die hohen Mieten führen zu verringerten Umzügen. [18]

Fußnoten und Quellen

  1. Hutter, Dominik, Auf Herbergssuche, in SZ 3.1.2011
  2. München geht der Platz aus, in SZ 17.1.2011
  3. Loerzer, Sven, Das nächste Prestige-Quartier, in SZ 10.1.2011; Riedel, Katja, 35 Investoren bieten für Heizkraftwerk, in SZ 15.6.2011; Riedel, Katja, Ude stoppt neues Luxus-Projekt, in SZ 19.7.2011; Dürr, Alfred, „Chamäleonhafter Sinneswandel“, in SZ 20.7.2011
  4. Stadtwerke planen 500 Werkswohnungen, in SZ 6.3.2013
  5. Streit um Heizkraftwerk, in SZ 14.3.2013
  6. Dürer- Alfred, Rhythmus in Bestlage, in SZ 17.1.2014
  7. Mühleisen, Stefan, Investoren ausgebootet, in SZ 19.12.2016
  8. Dürr, Alfred, Immer weniger Englischer Garten, in SZ 5.3.2011
  9. Müller-Jentsch, Ekkehard, Verwöhnte Mieter, in SZ 12.3.2011
  10. Kotteder, Franz, Wenn der Trend ins Viertel drängt, in SZ 27.5.2011
  11. Hepp, Sebastian, Entlastung in Sicht, in SZ 15.7.2021
  12. Teuerste Häuser rund um München, in SZ 17.8.2011
  13. Lode, Silke, Tibudd, Michael, Viel Dampf im Kessel, in SZ 26.8.2011
  14. Alle Zitate: Stroh, Kassian, „Wachstumsstopp ist eine Illusion“, in SZ 26.8.2011
  15. Tibudd, Michael, „Verqueres Denken“, in SZ 23.11.2011
  16. Ruhland, Michael, Immer auf die Kleinen, in SZ 23.11.2011
  17. Staudinger, Melanie, Hinter Gittern, in SZ 19.11.2011; Münster, Thomas, „Gated Communities“, in www.gruenundgloria.de 7.6.2014
  18. Tibudd, Michael, Die Mietpreise steigen und steigen, in SZ 21.12.2011
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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