Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Heltauer Straße

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 1.4.2022

März 2019: Der unscheinbare Beginn. Im März 2019 erfuhr die SPD im BA Trudering – Riem durch Zufall von SPD-Stadträten, dass für die Fläche zwischen den Bahngleisen und Heltauer Straße und Birthälmer Straße ein Bebauungsplan aufgestellt werden soll. Für die SPD-Mitglieder im BA war diese landwirtschaftliche Fläche als Frischluftschneise für München unverzichtbar. Vor Jahren wurde in einer Ausstellung des Planungsreferats in der Rathaus-Galerie für dieses Areal eine Bebauung aufgezeigt. Auf Nachfrage von Herbert Danner (Grüne) erklärte das Planungsreferat, dies sei nur eine exemplarische Studie von Studenten gewesen. Nun wollte die SPD im BA von der Stadtverwaltung wissen, ob und wie massiv das Areal bebaut werden solle und ob ein Verkehrskonzept vorläge. Dazu fragte die SPD nach den Auswirkungen auf die Frischluftzufuhr. CSU und Grüne standen hinter dem Antrag. Der Sprecher des Referats, Thorsten Vogel, bestätigte „Grundlagenermittlungen“ auf dem Areal zwischen Schatzbogen im Westen und der Salzmesserstraße im Osten. Vogel äußerte, Näheres könne erst mitgeteilt werden, wenn die privaten Grundeigentümer mitwirken würden: Dann erst könne eine Machbarkeitsstudie und danach ein Bebauungsplanverfahren eingeleitet werden. Die Planungen müssten selbstverständlich die Frischluftschneise beachten. [1]

August 2019: Schon 2000 Wohnungen. Im zweiten Teil des städtischen Demografieberichts ist ein Wachstum im Bezirk Trudering – Riem bis zum Jahr 2040 um 34,5 Prozent verzeichnet: ein Plus von 25.000 Einwohnern. Tausende neue Wohnungen sollen gebaut werden: 3000 (bisher: 600) im fünften Bauabschnitt der Messe Riem, 2000 im Gebiet Heltauer Straße, über 3000 (später 1700) am Rappenweg. [2] Der BA forderte hier eine Beteiligung von Genossenschaften oder Baugemeinschaften sowie die Einplanung von günstigem Wohnraum für Auszubildende. [3]

Juli 2021: Etwa 1500 Wohnungen. Soviel sind nun im Projektgebiet Heltauer Straße geplant. Hier ist die Stadt im Besitz einiger Flächen, den Rest halten Private. [4]

Schock für die Anwohner. Die Deutsche Bahn will die Gleise zwischen Daglfing und Trudering für ihre 740 Meter langen Güterzüge und ein Tempo von 100 km/h ausbauen. Deshalb wird Grund von den Anwohnern gebraucht. Die Bahn prüfe gerade, so ihr Projektleiter Norbert Barth, ob hier Gemeinwohl gegenüber dem Wohl des Einzelnen Vorrang hat: Dann wäre eine Enteignung der Anwohnergärten möglich. Dass hier mit dem Neubau von 1500 Wohnungen an der Heltauer Straße Zusatzprobleme entstehen könnten, ist der Deutschen Bahn bekannt. Durch den Ausbau würde die Bahntrasse um fast elf Meter Richtung Heltauer Straße rücken. Lärmschutzwände wären dann in drei Meter Distanz zu den Wohnhäusern. [5] – In kurzer Zeit stellte die Deutsche Bahn dann ihre Ausbaupläne der Presse, dem BA  Trudering – Riem und im Online-Dialog am 27.7.2021 den Bürgern vor. Der Teilabriss der Schatzbogenbrücke und ihr Umbau werden dreieinhalb Jahre dauern. Und die Bahn wird sich Privatgrund von Anliegern aneignen. 150 Güterzüge würden täglich auf der Strecke verkehren. [6]

Radtour in Trudering. Sonnenblumen standen auf dem künftigen Baugelände an der Heltauer Straße, als die 30 Radler ankamen. Hier sollen 1500 Wohnungen und eine Grundschule gebaut werden. Da angeblich noch nichts konkret sei, wurden auch Fragen der Bürger zur Höhe der Gebäude nicht beantwortet. Eine Station weiter hatte die BI „Anwohner der Truderinger Kurve und Spange“ ein Spruchband aufgestellt: „10 Meter zwischen Schlafzimmer und Gleis – Nein Danke!“ Auch hier gibt die Deutsche Bahn derzeit keine genauen Auskünfte. [7]

Bunte Lärmschutzwände. Die Deutsche Bahn ernannte nach Vorwürfen von Stadtrat und BAs von Arroganz und mangelnder Kooperationsbereitschaft einen Koordinator für den Bahnausbau München-Ost, Michael Hatzel. Dieser räumte ein, dass es bei Truderinger und Daglfinger Kurve keinen Lärmschutz geben wird, dennoch solle es dort leiser werden. Der Lärmschutz an der Heltauer Straße wird auf den Grundstücken selbst errichtet. Grau soll dieser nicht werden: Hatzel verwies auf die neuen bunten Gestaltungsmöglichkeiten. [8]

Heltauer Straße: Und schon ist es ein Planungsgebiet. Ein Acker mit rund 166.000 qm wird Baugrund: gelegen zwischen Schatzbogen im Westen, Birthälmer Straße im Norden, Karpaten- und Kießlingerstraße und den Gleisen der Deutschen Bahn im Süden. 93 Prozent davon gehören privaten Grundstückseigentümern. Das Planungsreferat plant einen „Orientierungspunkt“ mit bis zu 15 Geschossen, ein Graus für den BA 15, der sich sieben bis acht Geschosse vorstellen könnte. Wie bei den neuen Wohnanlagen am Dreilingsweg (Obermenzing) und Rappenwg (Trudering) wird auch im Planungsgebiet Heltauer Straße nicht die neue SoBoN gelten (60 Prozent der Wohnfläche für 40 Jahre preisgebunden), sondern die alte SoBoN (50 Prozent und 40 Jahre). Zwischen Planungsreferat und Investoren hätte es, so der Fraktionssprecher von SPD/Volt, Christian Müller, „Grundzustimmungen“ gegeben.
Diese Investoren sind aber bis dato noch unbekannt. Die üblichen Verdächtigen?
Für die Wohngebäude müssen auch die Lärmemissionen und Erschütterungen durch die neuen Trassenführungen der Deutschen Bahn berücksichtigt werden. Hier sollen Wohngebäude mit bis zu sechs Geschossen eine Art Schallschutz bilden. Durch den Ausbau der Daglfinger und Truderinger Kurve muss der Hüllgraben-Bachlauf verlegt werden. Das Planungsreferat will ihn in den Süden (an die Gleise?) verlegen, um den Charakter der Frischluftschneise aufrecht zu erhalten. [9]

Fußnoten und Quellen

  1. Winkler-Schlang, Renate, Bauen hinterm Bahnhof, in SZ 27.3.2019
  2. Winkler-Schlang, Renate, Rätselhaftes Wachstum, in SZ 17.8.2022
  3. Winkler-Schlang, Renate, Elf auf einen Streich, in SZ 17.1.2020
  4. Krass, Sebastian, Schonfrist für Investoren, in SZ 9.7.2020
  5. Graner, Nicole, Stoppsignale aus der Wohnsiedlung, in SZ 27.7.2021
  6. Bohrende Fragen, in SZ 29.7.2021
  7. Gerdom, Ilona, Ein Thema, an dem kein Weg vorbeiführt, in SZ 30.8.2021
  8. Steinbacher, Ulrike, Maximaler Lärmschutz, in SZ 25.1.2022
  9. Gerdom, Ilona, 1500 Wohnungen auf dem Acker in SZ 25.3.2022
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