Moloch München Eine Stadt wird verkauft

März 2021

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

März 2021: Verkehrschaos im Münchner Osten. Die Straßenbahnverlängerung Berg am Laim nach Haar und die Verlängerung der U 4 werden nicht reichen angesichts der geplanten 30.000 Bewohner und 10.000 Arbeitsplätze der SEM Nordost. Dazu hat die Gemeinde Unterföhring ein großes Gewerbegebiet nahe der Stadtgrenze mit einigen tausend Arbeitsplätzen eröffnet. Im weiteren Umfeld kommt im Süden die drohende Bebauung des Hachinger Tals hinzu.1
Auch diese 2000 Beschäftigten müssen mit ihren Familien irgendwo wohnen.

März 2021: Neubaugebiet Paul-Gerhardt-Allee. Das Neubaugebiet ist eine ehemalige Bahnfläche in Pasing und 33 Hektar groß. Hier wird für 5500 Bewohner und 800 Arbeitsplätze geplant. Die Baufelder WA7 (1) und WA 7 (2) sollen mit rund 400 Wohnungen bebaut werden; Bauherr ist Artec Wohnbau GmbH & Co. KG aus Mühldorf.2

März 2021: Trotz Corona werden Immobilien teurer. Die Postbank stellte am 9.3.2021 ihren Wohnatlas vor. Im Jahr 2020 stiegen die Preise für Eigentumswohnungen im Vergleich zu 2019 um 9,6 Prozent. München bleibt teuerste Stadt: Hier kostete der Quadratmeter im Durchschnitt 8613 Euro (plus 6,1 Prozent).3

März 2021: Wirtschaftsfreundliche grüne Bürgermeisterin. Im SZ-Profil wird der Zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden ein wirtschaftsfreundlicher Kurs bescheinigt. Sie begrüßte den Ausbau des hiesigen Apple-Zentrums. Die angestrebte Klimaneutralität sei nur mit und nicht gegen die Wirtschaft zu erreichen. Ohne Gewerbesteuer, so Habenschaden, könne sich die Stadt keine Schwimmbäder, keine Seniorentreffs, keine Bibliotheken und keine Spielplätze leisten.4
Aber mit mehr Gewerbesteuer kommen mehr Arbeitsplätze in die Stadt, werden mehr Wohnungen gebraucht: und mehr technische Infrastruktur (ÖPNV, Stadtwerks-Versorgung, …) und mehr soziale Infrastruktur (Kitas, Schulen, Krankenhäuser, Seniorenheime, Friedhöfe…). Wann erkennen die Verantwortlichen der Stadt München, dass die bloße Orientierung an der Gewerbesteuer völlig in die Irre führt? Ebenso wie die Hoffnung in eine permanent wachsende Wirtschaft, die schließlich global in die Klimakatastrophe geführt hat?

März 2021: Spekulation in Haidhausen. Johannisplatz 16: Der frühere Eigentümer hatte 2015 die Genehmigung für einen Neubau erhalten, dann das Anwesen an Legat Living GmbH aus Unterföhring verkauft. Laut LBK ist Baubeginn im Mai 2021: Abriss und Neubau mit sieben Geschossen. Verkaufsstart ist Frühjahr 2021. – Kellerstraße 3: jahrelanger Leerstand, laut Sozialreferat mit großen baulichen Mängeln und kein Wohnraum mehr, Abbruch ohne Auflagen möglich. Kirchenstraße 14: jahrelanger Leerstand, 2011 genehmigter Umbau mit Sanierung, 2018 Abriss mit Neubau geplant. Der BA forderte hier Mietwohnungen mit tragbaren Preisen; das Sozialreferat will über das Zweckentfremdungsrecht Mietwohnungen durch Mietwohnungen ersetzt sehen. Dies sollte später gerichtlich untersagt werden.5

März 2021: Flügel-Bahnhof. Der denkmalgeschützte Isartal-Bahnhof in Thalkirchen mit einem Grundstück von 13.668 Quadratmetern wurde von der Bahn-Tochter Vivico an Binnberg Architekturentwicklung verkauft. Der neue Eigentümer will nun zwei Bürogebäude im Süden und Norden bauen. Der BA 19 und viele Bürger sehen dies vor allem beim südlichen Bau mit drei Vollgeschossen und einer Tiefgarage sehr kritisch, da Bäume gefällt werden müssten und der Wasserhaushalt gefährdet sei. Der Nordbau wird als „völlig überdimensioniert“ deklariert. Durch eine Störung der Einzeldenkmäler lehnte der BA das Vorhaben strikt ab. Außerdem hatte Vivico, die Grundstücksverwertungsgesellschaft der Bahn, mit der Stadt eine Vereinbarung getroffen, um die Baudenkmäler und die Grünanlage am Isarwinkel 4 zu schützen: Die Käufer als Rechtsnachfolger hätten sich an diese Vereinbarung zu halten.6
Nachtrag Juni 2021: Denkmal Thalkirchner Bahnhof ungeschützt. Auch die LBK war der Ansicht, die DB-Grundstücksverwertungsgesellschaft Vivico, sei Vereinbarungen eingegangen, um Baudenkmäler und Grünflächen zu erhalten: Dies müsse auch für den aktuellen Eigentümer gelten. Der Argumentation der LBK hatte das Verwaltungsgericht widersprochen. Nun hat auch der zweite Senat des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes (VGH) den Antrag der Stadt München auf Zulassung der Berufung gegen das Urteil der ersten Instanz und die Verweigerung eines Vorbescheids abgelehnt. Die Ausweisung als Kerngebiet für den Isarwinkel in Thalkirchen sei unwirksam, das kleine Gebiet hätte keinen solchen Charakter. Der Bebauungsplan könne unwirksam sein und bestätigte das Urteil des Erstgerichts, dass das Bauprojekt zulässig sei.7
Vgl. zu Binnberg Architekturentwicklung auch: Birkenau

März 2021: Preistreiber Corona. Im Jahr 2020 stiegen laut RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung die Preise für Häuser um zehn Prozent, für Wohnungen um elf Prozent und für Mietwohnungen um drei Prozent. München ist immer noch am teuersten: Die Mieten sind mehr als doppelt so hoch wie die deutschen Durchschnittsmieten, die Preise für Häuser mehr als viermal so hoch.8

Soziale Not in München. Aktuell gibt es etwa 9000 Menschen (davon über 1700 Minderjährige) in Unterkünften. Die Zahl der Menschen ohne Wohnung hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Seit 2010 wurden 14.000 Sozialwohnungen neu gebaut, der Gesamtbestand blieb aber mit 34.000 konstant, da entsprechend viele aus der Sozialbindung fielen. 42.000 Wohnungen der städtischen Gewofag und GWG sind nicht mehr in der Sozialbindung, aber weiter im Zugriff der Stadt.9

März 2021: Demo gegen JP und LBK. Am 27.3.2021 nahmen die Mieter des Karrees am europaweiten Protesttag gegen den immer irrwitzigeren Wohnungsmarkt teil, den „Housing Action Day“. Sie protestierten auch gegen Jargonnant Partners (JP) und die von der Lokalbaukommission erteilten Baugenehmigungen und definierten LBK neu: Luxus Bau Kommission.10

März 2021: Ende des Hotel-Booms. Auch Hotels wurden in München endlos neu gebaut, als ob der Tourismus ein grenzenloses Wachstum hätte. Aber schon vor der Corona-Pandemie war dieser Zuwachs überdimensioniert, wie Conrad Mayer, der frühere Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes, warnte. Jedes Jahr kamen um die 4000 Hotelbetten dazu. Allein 2021 werden 37 neue Hotelanlagen in Betrieb gehen. Aber im Dezember 2020 waren unter zehn Prozent der Hotelbetten belegt; in ganzen Jahr lag die Belegung nur noch bei 25 Prozent. Im März 2021 lag die Belegungsrate zwischen zwei und neun Prozent, wie die neue Vorsitzende Daniela Ziegler mitteilte. Die Geschäftsreisen nahmen stark ab, auch der ganze Flugverkehr ging stark zurück.11

  1. Kronewiter, Thomas, Verkehrswende im Osten, in SZ 3.3.2021)
    Vermutlich macht die Stadt München die ähnliche Vogel-Strauß-Politik wie bei der Neuen Messe und in Freiham: Erst bauen und dann erstaunt feststellen, dass es Verkehrsprobleme gibt.

    März 2021: Die nächste riesige Gewerbeimmobilie. An der Landsberger Straße 350 bis 356 wird gerade von der Heidelberger Firma FOM Real Estate (Hofstatt, Zentrale Süddeutscher Verlag und MAN) eine der zehn größten Münchner Gewerbeimmobilien mit 51.000 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche errichtet. 2000 Arbeitsplätze sind geplant, die Kosten liegen bei weit über 150 Millionen Euro. ((https://www.fomrealestate.de/; Seipel, Christina, Arbeit braucht Platz, in SZ 4.3.2021 []

  2. Krass, Sebastian, Klare Entscheidung, in SZ 5.3.2021 []
  3. Immobilienpreise steigen um 9,6 Prozent, in spiegel.de 9.3.2021 []
  4. Hoben, Anna, Katrin Habenschaden, in SZ 12.3.2021 []
  5. Stäbler Patrick, Die Zeichen stehen auf Abriss, in SZ 18.3.2021; Siegert, Myriam, Aus Leerstand wird Luxus, in Abendzeitung 16.4.221 []
  6. Wolfram, Jürgen, Gereizte Stimmung, in SU 22.3.2021 []
  7. Wolfram, Jürgen, Verliererin im Rechtsstreit um den Isarbahnhof, in SZ 26.6.2021 []
  8. Jauernig, Henning, Wo das Haus im Grünen jetzt teurer wird, in spiegel.de 23.3.2021 []
  9. Kastner, Bernd, Immer mehr Wohnungslose, in SZ 25.3.2021 []
  10. Protest gegen steigende Mieten in SZ 29.3.2021 []
  11. Kotteder, Franz, Zimmer mit mäßiger Aussicht, in SZ 31.3.2021 []
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