Moloch München Eine Stadt wird verkauft

September 2021

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 28.5.2022

September 2021: Vom Preis und vom Wert. Der Halbjahresbericht des städtischen Gutachterausschusses konstatierte für das erste Halbjahr weiter steigende Immobilienpreise. Der Quadratmeterpreis für eine Neubauwohnung in durchschnittlicher Lage lag bei 9450 Euro, in guter Lage bei 10.600 Euro. Die Zahl der Kaufverträge lag 22 Prozent über der 1. Jahreshälfte 2020 und zehn Prozent über 2019. Der Geldumsatz ist in diesem Zeitraum um 48 Prozent gegenüber 2020 gestiegen. [1]

September 2021: Verkehrs-Moloch München. 2010: 689.701 zugelassene Kfz in München. 2020: 851.641 zugelassene Kfz in München. 2010: ca. 9000 SUVs und Geländewagen in München 2020: 42.725 SUVs und Geländewagen in München. [2]
Wer Wohnungen und Arbeitsplätze sät, wird Verkehrsstaus ernten.

September 2021: 30-jährige Promi-Architektur wird abgerissen. Der Stararchitekt Richard Meier aus New York plante an der Hofmannstraße 51 in Obersendling das Ensemble Südlicht mit 31.000 Quadratmetern Bürofläche, das 1990 errichtet und 2003 bis 2006 saniert wurde. [3]
Der Eigentümer Alster Wealth GmbH aus Grünwald plant nun den Abriss aller Meier-Bauten und die Errichtung eines großen Gewerbeparks mit bis zu acht Geschossen. Im Vorbescheid wird auch die Fällung von 73 Bäumen mit einem Stammumfang bis zu 2,09 Meter beantragt. Der zuständige BA 19 lehnte die „Maßlosigkeit des Bauvorhabens“ mit „desaströsen ökologischen Auswirkungen“ strikt ab. Dazu würde die Frischluftzufuhr durch die massive Bebauung sehr beeinträchtigt. Der BA bedauerte auch, dass das Ensemble „Südlicht“ nicht in die Denkmalschutzliste aufgenommen wurde. [4]

September 2021: Preistreiber Corona. Das Hamburger Gewos-Institut stellte eine Prognose für 2021: Der Immobilien-Gesamtumsatz wird um 6,3 Prozent auf 311,1 Milliarden Euro steigen (2020: fast 293 Milliarden Euro). Als Preistreiber werden die Wohnimmobilien identifiziert (+ 7,5 Prozent, 237,7 Milliarden Euro). 2020 stiegen die Preise bei Eigenheimen um 10,8 Prozent, bei Eigentumswohnungen um 7,2 Prozent: die höchsten Zuwächse seit Beginn der Gewos-Aufzeichnungen aus den Achtzigerjahren. Da die Großstädte zunehmend leergekauft sind, verlagert sich das Immobiliengeschehen zunehmend in die Speckgürtel und in die ländlichen Räume. [5]

September 2021: München erneut übergriffig. Bei der Sitzung des Regionalen Planungsverbands (RPV) am 21.9.2021 beschwerte sich der Landrat des Landkreises München, Christoph Göbel (CSU), über die Münchner Stadtentwicklungsplanung mit ihrem Leiter Arne Lorz. In deren Entwurf zur Stadtentwicklung 2040 war ein interkommunales Gremium zur Siedlungs- und Mobilitätsentwicklung skizziert worden, das für Göbel die Planungshoheit der Kommunen infrage stellt. Die von der Münchner Planung angedachte „Stadtregion“ betreibe eine Quasi-Eingemeindung der umliegenden Landkreise und Gemeinden. Lorz wies dies zurück: Man habe doch nur einen Stein ins Wasser geworfen. [6]

September 2021: Von 9950 auf 11.100 Euro. Um so viel, nämlich um 11,5 Prozent, stieg laut Immobilienverband Süd der Quadratmeterpreis für Neubauwohnungen in München im ersten Halbjahr 2021. Damit verstärkt sich auch der Druck auf den Mietwohnungsmarkt – mit auch dort steigenden Preisen. [7]

September 2021: Zerren am Grünzug. Seit 2013 plante der Bund Naturschutz einen Klimapark im zwischen Bodenseestraße und Aubinger Straße. Der Magdalenenpark im Neuaubinger Grünzug L sollte ein Lehrpark werden mit unterschiedlicher Fauna, Feuchtgebieten, Gemeinschaftsgärten, Lehrpfaden. Der BN hatte hierfür zweckgebundene finanzielle Mittel aus einer Erbschaft zur Verfügung und wollte damit sechs Hektar im Grünzug L kaufen. Nun hat er das Projekt beendet, da langjährige Verhandlungen mit dem Kommunalreferat ergebnislos blieben. Der BA 22 Aubing – Lochhausen-Langwied reagierte auf die Hinhaltetaktik der Stadt sehr verärgert. Das Kommunalreferat verwies auf die Verwendung für eine Schulsportfläche und will den Grünzug L selbst mit dem Planungsreferat weiterentwickeln. [8]
Nachtrag Oktober 2021: Der BN hat den Pasinger Klostergarten um die Würminsel von der katholischen Congregatio Jesu gekauft. Dort gibt es einen Gemüse- und Blumengarten, eine Streuobstwiese und den Wald auf der Würminsel selbst, die der BN nun pflegen wird. [9]

September 2021: Keine Angst vor Enteignung in Berlin. Der schwedische Immobilienkonzern Heimstaden hat 17.600 Wohnungen vom schwedischen Immobilienunternehmen Akelius Residential Property AB gekauft. Davon befinden sich 14.050 in Berlin und knapp 3600 in Hamburg. Heimstaden gab die Übernahme am 27.9.2021 bekannt: An dem Tag standen auch die 56,4 Prozent des Volksentscheides pro Enteignung fest. [10]

September 2021: Exodus in Berlin. Was haben Berliner Kitas, Seniorenheime, Geburtshäuser, Kinder- und Schülerläden und andere Sozialeinrichtungen gemeinsam? Sie werden von Vermietern gekündigt, die von neuen Mietern höhere Mieten bekommen. So berichtete der Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS), dass hundert Kitas Kündigungsschreiben erhielten – oder die Miete wurde verdreifacht. Zwei Beispiele: Die Kita Yoyo in Charlottenburg betreut Kinder mit deutscher und französischer Muttersprache: Ende 2021 kam das Aus nach 34 Jahren. Die Kita Siebenschläfer in Kreuzberg hätte die vierfache Miete zu zahlen gehabt: Sie hatte das Glück, in dem Paket von Vonovia und Deutsche Wohnen gelandet zu sein, das der Berliner Senat im Herbst 2021 gekauft hat. [11]
Diese Investoren-Kündigungsschlacht ist auch längst in München angekommen..

September 2021: Leerstand in Johanneskirchen. Ecke Johanneskirchner Straße 98 – 100 und Freischützstraße 75 – 81 steht der Gebäudekomplex Freischützgarten. Der damalige Eigentümer Munich Residential hat die Gebäude 2018 an den Eigentümer 6B47 Real Investors Estate verkauft. Das Projekt „Frej“ hat eine Nutzfläche von 11.863 Quadratmeter und 138 Wohneinheiten. „Mit der Schaffung von weiterem Planungs- und Baurecht wurde die Projektgesellschaft an einen Investor veräußert.“ [12] Aus der Webseite der Groener Group: „Vorgesehen sind eine Bestandssanierung und Aufstockung. Ebenerdig entstehen Einzelhandelsflächen, in den oberen Etagen frei finanzierter und geförderter Wohnraum. Das Projekt wird mit unserem Joint-Venture-Partner 6B47 Real Estate Investors AG realisiert.“ [13] Das Projekt soll bis 2023 fertiggestellt sein, das Projektvolumen beträgt 94 Millionen Euro.
Nachtrag Mai 2022: Die CG Elementum hatte ab Herbst 2021 die sechs Gebäude abreißen und entkernen lassen. Die neue Anlage heißt nun „An den Winterlinden“, der Umbau soll bis 2023 erfolgen. Es sind bis zu 77 Wohnungen und 800 qm Gewerbeflächen im Erdgeschoss sowie eine Tiefgarage mit 134 Stellplätzen geplant, [14]

Fußnoten und Quellen

  1. Immobilien-Preise weiter auf hohem Niveau, in SZ 7.9.2021
  2. Schubert, Andreas, Auf Sicht fahren, in SZ 7.9.2021
  3. https://www.suedlicht-muenchen.de/suedlicht
  4. Wolfram, Jürgen, Maßlos und desaströs, in SZ 16.9.2021
  5. Immobilien werden nach Corona noch teurer, in spiegel.de 16.9.2021
  6. Hilberth, Iris, Das Umland pocht auf Augenhöhe, in SZ 22.9.2021
  7. Radomsky, Stephan, In Berlin haben es Mieter noch schwerer als in München, in SZ 22.9.2021
  8. Draxel, Ellen, Abgekühltes Verhältnis, in SZ 24.9.2021
  9. Draxel, Ellen, „Ein ökologischer Schatz“, in SZ 9.10.2021
  10. Schwedischer Immobilienkonzern kauft 14.000 Wohnungen in Berlin, in spiegel.de 27.9.2021; https://heimstaden.com/de/blog/aktuelles/offener-brief-von-heimstaden-an-die-mieterinnen-und-mieter-von-akelius/
  11. Mayer, Verena, Die Gentrifizierung erreicht die Kinder, in SZ 28.9.2021
  12. https://6b47.com/de/projekte/frej)) Das war im Februar 2021. Der neue Investor ist die Berliner Gröner Group. (Vgl. Bauerstraße 9) Nach Auskunft von Mietern wirken Außenbereiche im Ostteil verwahrlost, dort herrscht Leerstand. Die WEG „Freischützgarten“ ist misstrauisch geworden, als eine Tochtergesellschaft der Gröner Group Vermessungen durchführte. Wohnungseigentümer aus dem westlichen Teil bezeichneten den östlichen Teil als „klassisches Spekulationsobjekt“. ((Hruschka, Lea, „Es ist ein Schandfleck“, in SZ 29.9.2021
  13. https://groener-group.com/wp-content/uploads/sites/2/2020/10/3_Elementum_7C_FreischuetzStrasse.pdf); abgerufen am 13.1.2022
  14. Wohnen statt arbeiten, in SZ 14.5.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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