Moloch München Eine Stadt wird verkauft

November 2021

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 10.7.2022

November 2021: Ein Jahr Verlängerung? Der Planungsausschuss möchte die Erhaltungsatzung „Hohenzollernstraße“ erneut um ein Jahr bis Januar 2023 verlängern. Dies betrifft das Gebiet Elisabethplatz, Kurfürstenplatz, Ainmiller-/Hohenzollernstraße, das Karree Jakob-Klar-, Bauer-, Teng- und Elisabethstraße und Friedrich-Loy-, Farinelli-, Herzog- und Hiltenspergerstraße. Von Verdrängung und Luxussanierung sind inzwischen auch Mieter mit mittleren Einkommen betroffen. In das Blickfeld der Spekulanten und Investoren geraten zunehmend Bauten von 1950 bis 1980. [1]

November 2021: Kleiner Ausflug nach San Francisco. In einem Bericht über eine Ausstellung zur aktuellen Situation der Obdachlosen („Who’s Next?“) schrieb Axel Rühle in der SZ, dass ein Software-Ingenieur in der Tech-Industrie ein Einstiegsgehalt von durchschnittlich140.000 Dollar hat, ein Lehrer von 40.000 Dollar. [2]
Vgl.: Isar Valley

November 2021: Büschl regiert durch. Mit CA Immo zerstört und bebaut die Büschl Unternehmensgruppe den Eggarten (2000 Wohnungen), mit der Eckpfeiler-Immobiliengruppe das Kirsch-Gelände (ca. 1300 Wohnungen), den Truderinger Acker (820 Wohnungen), zwei Hochhäuser an der Paketposthalle plus Nebengebäude (1100 Wohnungen, 3000 Arbeitsplätze). Hier droht Ralf Büschl ein Rats- oder Bürgerentscheid. Nun steigt er in die Großmarkthalle als Investor ein. Nachdem die rot-schwarze Stadtratskoalition 2018 eigene Baupläne der Stadt gestoppt hatte, wollte das Umschlagzentrum Großmarkt München (UGM) investieren – und übernahm sich. Das aufgeblähte Projekt umfasste nicht nur eine notwendige Markthallenerneuerung, sondern 65.000 Quadratmeter Bürofläche (2000 bis 3000 Arbeitsplätze). Nun steigt Büschl ein. Er macht sich damit noch unabkömmlicher für die Stadt – und diese noch abhängiger von ihm. Sein Druckmittel zur Durchsetzung der Büschl-Hochhäuser wird damit noch stärker. [3]

November 2021: München will klimaneutral werden – so nicht. Da schreibt das städtische Referat für Klima- und Umweltschutz in einer Faktensammlung, dass München als Wärmeinsel besonders stark vom Klimawandel betroffen sei. 2010 hat der Stadtrat für drei Jahre 26 Millionen Euro für den Klimaschutz zur Verfügung gestellt. Ende 2019 hat der Stadtrat den Klimanotstand ausgerufen und festgelegt, dass München bereits 2035 klimaneutral sein soll. Nun gibt es bis 2026 ein jährliches Zusatzbudget für den Klimaschutz von 100 Millionen Euro (siehe Juli 2021, Oktober 2021). So will man z. B. 91 Millionen Euro in die Elektrifizierung der Busflotte investieren. Der Stromverbrauch der E-Busse wird dann vermutlich wie beim Elektroauto mit NULL Gramm CO2 angegeben werden: eine reine Augenwischerei.[4]
Solange z. B. Bauten von Anfang der Neunziger Jahre wie der Bürokomplex Südlicht von Richard Meier in Sendling mit 31.000 Quadratmeter Bürofläche wie geplant abgerissen werden dürfen, weil die Geschossflächenzahl-Trickser massiver bauen wollen, wird das mit der Klimaneutralität in München nichts: nur Lippenbekenntnisse. Gleichzeitig baut man weitere 2000 Hektar des Stadtgebietes zu, baut Kälteschneisen am Eggarten und anderswo zu, plant heimlich die Überbauung der Städtischen Baumschule: nichts verstanden. Die Stadträte klopfen sich auf die Schulter und bereiten doch nur den Investoren das Feld.

November 2021: Die Versorgung mit regenerativen Energien. Die SWM sollen bis 2025 München mit Ökostrom versorgen. Ihr Vorsitzender Florian Bieberbach sieht die SWM auf einem guten Weg: Ökostrom-Projekte in Münchens Umgebung wie z. B. die Geothermie werden ausgebaut, im Ausland werden Anlagen für Ökostrom gebaut und gefördert. Der Stromverbrauch wird weiter steigen von aktuell 7,5 auf 8,4 TWh im Jahr 2035, u. a. durch Elektroautos, von denen jedes mit im Durchschnitt 2500 kWh den Stromverbrauch eines Haushaltes hat. Dazu sollen auch Heizung und Kältebedarf elektrisch erfolgen. [5]
Die ganze deutsche Diskussion um die erneuerbaren Energien ist eine Fiktion. Deutschland wird sich nie selbst mit dem aktuellen hohen Energieverbrauch über regenerative Energien versorgen können und gleichzeitig den Ausstieg aus fossiler und atomarer Energie betreiben, auch wenn grüne und andere Politiker von grünem Wasserstoff, grünem Stahl, grüner Luftfahrt schwafeln. Der geplante Ausbau der erneuerbaren Energien geht zu Lasten der Restnatur, der letzten natürlichen Refugien und wird das Artensterben noch weiter beschleunigen. Vom nötigen Herunterfahren des Energieverbrauchs und des Konsums spricht niemand, und das Wort Verzicht wird geflissentlich überhaupt nicht mehr erwähnt. Dafür werden Pseudo-Lösungen propagiert wie schwere Geländewagen in der Plug-in-Hybrid-Ausführung mit dem offiziellen Persilschein: Stromverbrauch Null Gramm CO2. Erbärmlich.

November 2021: Verkehrswende wie? 2011 gab es in München 690.000 zugelassene Kfz; im Sommer 2021 waren es über 850.000 Kfz. Die geplante Zunahme der Münchner Bevölkerung bis 2040 um 300.000 Einwohner auf 1.850.000 wird diese Zahl erneut steigen lassen. Da die Stadt bis 2035 klimaneutral sein will (siehe oben), soll dies auch der Verkehr werden. Als Lösungen genannt werden die Zweite S-Bahn-Stammstrecke, der Ausbau des allgemeinen ÖPNV wie U-Bahnen und Trambahnen und der Radwege. Bis 2025, so die Planung, sollen 80 Prozent des Münchner Verkehrs mit dem ÖPNV oder mit Elektroautos erfolgen. [6]

November 2021: Bauen über Parkplätzen. Stelzenhaus 1 hat die Gewofag 2016 am Danteplatz gebaut. Am Reimarplatz in Gern soll das Stelzenhaus 2 über dem Parkplatz 144 Wohnungen bis Anfang 2022 fertig werden. Das Stelzenhaus 3 entsteht an der Rümannstraße 60 auf Initiative von München Stift: Die Gewofag baut dort auf vier Stockwerken 56 Werkwohnungen für Mitarbeiter, bezugsfertig bis 2026. In Kooperation mit der Gewofag reißt der Discounter Lidl auf seinem Grundstück an der Tübinger Straße eine Filiale ab; die Gewofag errichtet den Neubau mit Tiefgarage, Lidl-Supermarkt und hundert Wohnungen darüber, das bis 2026 bezugsfertig sein soll. [7]

November 2021: Gorillas schwärmen aus. Der Lieferdienst Gorilla hat in München in der Lothstraße sein Logistikzentrum und weitere sechs Vertriebszentren. Ein neuer Standort soll in der bisherigen Postfiliale an der Angererstraße in Schwabing entstehen. Die LBK hat den Vermieter vorgewarnt, einen Antrag auf Nutzungsänderung abzugeben, da ein Gorilla-Standort ein „hohes Konfliktpotenzial“ beinhalte. Die Auslieferung erfolgt Montag bis Samstag zwischen 7.30 und 23 Uhr. [8]

November 2021: Bedrohter Pfanzeltplatz. In Perlach ist der (bisher noch) idyllische Pfanzeltplatz von diversen Abrissen und Nutzungsänderungen bedroht. Der BA 16 registrierte mehrere Bauanträge zur Nachverdichtung und Umbauten von finanzstarken Bauträgern, wie BA-Planungssprecher Wolfgang Thalmeir (CSU) feststellte. Hinter dem Gasthaus Zur Post (Pfanzeltplatz 12) sollen zwei zweigeschossige Doppelbauten entstehen; ein nahes ehemaliges Bauernhaus soll umgebaut und erweitert werden; östlich des Hachinger Baches soll nachverdichtet werden. Der ehemalige Buchladen Pfanzeltplatz 7 steht schon leer, ebenso das Gebäude Nr. 8, in dem seit 1896 eine Sattlerei ansässig war. Nr. 7 und 8 sollen abgerissen und dort ein mehrstöckiges Gebäude mit Tiefgarage gebaut werden. Die LBK prüft derzeit noch. Allerdings steht der Pfanzeltplatz unter Ensembleschutz.
Der BA strebt eine Ausweitung der Erhaltungssatzung oder einen qualifizierten Bebauungsplan für den Pfanzeltplatz und seine Umgebung an. [9]
Vgl.: Pfanzeltplatz

November 2021: Bundesgericht kippt Vorkaufsrecht (1). Nach dem Ausbremsen des Berliner Mietendeckels hat nun das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig das Vorkaufsrecht für Immobilien durch Berliner Bezirksverwaltungen als nicht rechtens beurteilt. Ein Immobilienunternehmen hatte gegen die Nutzung des Vorkaufsrechts bei einem Wohnhaus mit 20 Wohnungen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg geklagt und sich nach zwei verlorenen Instanzen an das Bundesverwaltungsgericht gewandt. Das Gericht urteilte, ein Vorkaufsrecht dürfe nicht schon deshalb ausgeübt werden, bloß weil angenommen wird, ein privater Käufer werde künftig die Mieten erhöhen oder Miet- in Eigentumswohnungen umwandeln.[10]Roland Preuss schrieb dazu in der SZ, das Urteil treffe natürlich auch Kommunen in Köln oder München: „Die Richterinnen und Richter haben eine schlagkräftige Regelung entkernt, sie schaffen Rechtssicherheit auch zu Gunsten skrupelloser Immobilienkäufer.“ [11]
Münchner Stadt- und Mietervertreter sind beunruhigt. Der Geschäftsführer des Mietervereins, Volker Raststätter, äußerte nach dem Urteil, nun dürften Kommunen ihr Vorkaufsrecht in Erhaltungsgebieten nur noch im Fall von unbewohnten Schrottimmobilien wahrnehmen. Seit 2010 hat München in 65 Fällen über das Vorkaufsrecht Immobilien gekauft. [12]
Vgl.: Vorkaufsrecht

November 2021: Bundesverwaltungsgericht kippt Vorkaufsrecht (2). Das BVerwG hat einen Fall in Berlin überprüft: Ein Haus mit 20 Wohnungen in einem Erhaltungssatzungsgebiet sollte verkauft werden. Berlin wollte das Haus kaufen; der Käufer klagte dagegen. Das BVerwG bezog sich auf das Baugesetzbuch: Haus und Grundstück waren bewohnt und in einem ordentlichen Zustand, wurden also gemäß städtebaulicher Ziele genutzt. Die Begründung wird erst in zwei Monaten erwartet: Laut Presseerklärung des BVerwG gilt das Vorkaufsrecht nur noch, wenn Häuser Missstände oder Mängel haben bzw., eine sogenannte „Schrottimmobilie“ sind. In München hat die Stadt 2021 das Vorkaufsrecht zehnmal angewendet; in sechs Fällen haben die Käufer eine Abwendungserklärung unterschrieben. Zwei Fälle (Georgenschwaigstraße 26 und die berühmte Agnestraße 48) sind noch nicht abgeschlossen. Ein aktueller Fall ist die Sailerstraße 5a in Schwabing: Das Anwesen mit zwölf Wohnungen soll für 5,05 Millionen Euro verkauft werden. Da derzeit zehn Wohnungen leer stehen, geht das Kommunalreferat davon aus, dass keine Nutzung gemäß der Erhaltungssatzung vorliege und ein Vorkaufsrecht bestehe.
Am 19.11.2021 trafen sich die 16 deutschen Bauminister und Bauministerinnen und wollten eine Erklärung zur raschen Änderung des Baugesetzbuchs abgeben. Dies verhinderte als Einzige die bayerische Ministerin Kerstin Schreyer (CSU) über ein Veto mit der Begründung, erst die Urteilsbegründung abwarten zu wollen. [13]
CSU verhindert Mieterschutz. So könnte man das Verhalten von Schreyer bezeichnen. Erst verzögerte sie eine Verordnung zum im Juni 2021 in Kraft getretenen „Baulandmobilisierungsgesetz“: Damit könnte München zu einer Gemeinde mit überhitztem Wohnungsmarkt erklärt werden. Und damit könnten neue Mieterschutzregeln in Kraft treten.
Aus der Chronologie Juli 2021: Neues „Baulandmobilisierungsgesetz. Am 26.6.2021 trat dieses Bundesgesetz in Kraft, das den Gemeinden mehr Schutz für bezahlbaren Wohnraum geben soll. Die bayerische Staatsregierung muss nun zwei Verordnungen beschließen: zum einen München in den Status angespannter Wohnungsmarkt zu setzen und zum anderen eine Festlegung, ab wie vielen Wohnungen in einem Gebäude das Umwandlungsverbot gültig ist. Das Bundesgesetz nennt die Zahl über fünf; Landesregierungen dürfen die Zahl zwischen drei und 15 wählen. Der Münchner Stadtrat wird für die unterste Grenze von drei Wohnungen plädieren. “
Und nun blockiert das bayerische Bauministerium eine Anpassung des Baugesetzbuches. Warum sollten die bayerischen Mieterinnen und Mieter CSU wählen?

November 2021: Immer mehr Wohngeld-Empfänger. Ende 2020 bekamen in Deutschland etwa 618.000 Haushalte die Sozialleistung Wohngeld (rund 1,5 Prozent aller privaten Hauptwohnsitzhaushalte). Das ist ein Zuwachs von 22,6 Prozent gegenüber 2019. Das liegt auch an der Wohngeldreform von Anfang 2020, die den Bezieherkreis erweitert. [14]

November 2021: Preisrekord durch Novartis. Der Signa-Konzern teilte am 16.11.2021 mit, dass der Schweizer Pharmakonzern Novartis 9350 Quadratmeter Bürofläche in der Alten Akademie angemietet hat. Der Münchner Immobilienbranche zufolge liegt der Mietpreis bei 50 Euro pro Quadratmeter. Laut Novartis überzeuge München „mit einem attraktiven Arbeitsmarkt“. [15]

November 2021: Quadratmeter in München über 10.000 Euro. Eine Marktauswertung des Kreditvermittler Baufi 24 und des Bewertungsunternehmen Sprengnetter hat erbracht, dass die Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen und Eigenheime in sechs Monaten um etwa sieben Prozent gestiegen sind. Am höchsten sind mit über 10.000 Euro derzeit die Preise in München: Hier kostete eine Eigentumswohnung im Durchschnitt fast 580.000 Euro. Gleichzeitig erhöht sich die Geschwindigkeit der Preissteigerungen.  Dem Verband Deutscher Pfandbriefbanken (VDP) zufolge lag die Erhöhung zwischen 2011 und 2015 bei 4,3 Prozent, zwischen 2016 und 2020 schon bei sieben Prozent. Und von Januar bis Juni 2021 betrug die Preissteigerung bei 9,6 Prozent. [16]

November 2021: Bauen und Mangel. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) gab im Herbst 2021 eine Untersuchung über die Situation des Wohnungsbaus heraus. Die drei Faktoren beim Bedarf an Wohnungen waren auf einer farbigen Karte Deutschlands angegeben: rot = unter 0,85: Es wird weniger gebaut als gebraucht; blau = 0,85 bis 1,15: es besteht fast ein Ausgleich zwischen Bau und Bedarf; hellblau = ab 1,15: Der Bau überwiegt den Bedarf. Der überwiegende Teil der Karte ist hellblau eingefärbt. In München werden im Zeitraum 2016 bis 2020 5500 Wohnungen jährlich fertiggestellt; 8400 wären nötig. Die Deckung beträgt 66 Prozent. (Berlin: 4400, 5700, 78 Prozent. Hamburg: 5100, 5500, 93 Prozent) [17]

November 2021: Post-Schluss-Panik. Die Deutsche Bank ist schuld: Der gehört die Postbank, die muss lukrativer werden, und deshalb schließt die Deutsche Bank permanent Postfilialen. Im Jahr 2021 wurden bis jetzt die Post-Standorte Angererstraße und Agnesstraße in Schwabing und Bergmannstraße im Westend geschlossen. Am 25.1.2021 machte die Fraunhoferstraße im Gärtnerplatzviertel zu. In der zweiten Hälfte 2022 soll die Filiale am Romanplatz in Neuhausen – Nymphenburg schließen. Dagegen wurde eine Online-Petition an den Post-Chef Frank Appel organisiert: 300 Nutzer haben sich schon eingetragen. [18]
Nachtrag Februar 2022: 2022 werden in München fünf Post-Filialen geschlossen: März 2022 Theresienstraße/Maxvorstadt, Alter Hof/Altstadt; Ende September 2022: Korbinianstraße/Milbertshofen, Romanplatz Neuhausen – Nymphenburg, Hofmannstraße/Sendling. Derzeit beträgt der Fußweg zur nächsten Postfiliale auf Bundesebene 2000 Meter: Die Stadt München möchte diese Distanz bundesweit auf 1000 Meter verkürzen. [19]

November 2021: Ein Fehlkauf? Das 130 Jahre alte Wohngebäude mit 14 Wohnungen an der Buttermelcherstraße 14 im Gärtnerplatzviertelsollte vom Vorbesitzer an einen Investor verkauft werden. Dann wurde es von der Stadt 2019 für 11 Millionen Euro gekauft: Der Preis lag 34 Prozent über dem Verkehrswert. Bei 1100 Quadratmeter Wohnfläche kostete der Quadratmeter exakt 10.000 Euro: unrenoviert. Das Sozialreferat bestätigte der SZ, dass das Haus nicht gründlich untersucht worden war. Die Gewofag selbst hatte einen Ankauf als sehr riskant eingeschätzt. Neue Vermieterin sollte die städtische Gewofag sein, die im August 2020 das Anwesen übernahm: Da waren noch acht Wohnungen belegt. Gewofag-Chef Klaus-Michael Dengler forderte am 21.10.2020 die Mieter zum raschen Auszug auf, da Korrosionsschäden an Stahlträgern die Statik des Gebäudes gefährde. A, 3.11.2020 wurde diese Warnung zum Teil zurückgenommen: Die Gewofag bot dennoch Ersatzwohnungen bzw. ein Unterkommen in Hotels an. Notmaßnahmen stellten bis September 2021 eine abgesicherte Statik her. Das Haus wurde aber nicht vermietet, da der Gesamtzustand zu schlecht sei. Die Gewofag drohte der SZ zweimal mit dem Gericht, falls unwahre Tatsachenbehauptungen veröffentlicht würden. Inzwischen geht es bei der Buttermelcherstraße 14 um Kernsanierung oder Neubau. [20]
Nachtrag Dezember 2021: Die Gewofag legte eine „Statische Stellungnahme“ vom 16.11.2020 vor. Auf einer Seite hatte ein Statiker mitgeteilt, dass die Sicherheit des Gebäudes nicht mehr gewährleistet sei, auch weil das Anwesen auf einem aufgelassenen Bach errichtet wurde. Dazu gäbe es Mängel im Hof, im Keller, im Treppenhaus, auf Fluchtwegen; Balkone gehörten gesperrt und abgenommen. Gewofag-Chef Dengler schien „bestürzt“ gewesen zu sein, als er von dieser Stellungnahme nun erfuhr. [21]

November 2021: Berlin gründet Kommission. Am 26.9.2021 haben fast 60 Prozent der Berliner für die Enteignung großer Wohngesellschaften gestimmt. Bei den Koalitionsverhandlungen des neuen Senats wurde die Einrichtung einer Kommission beschlossen, bei der auch Aktivisten der Enteignungskampagne teilnehmen sollen. Der Berliner Mietendeckel und das Vorkaufsrecht wurden 2021 von Bundesgerichten als rechtswidrig deklariert. [22]

November 2021: Zuzug und Wohnungsbau. Laut Statistischem Jahrbuch 2021 zogen 90.459 Personen nach München (2019: 110.801). 93.921 Personen zogen aus München weg. 2020 wurden hier 11.528 Wohnungen genehmigt, davon werden 16 Prozent öffentlich gefördert. 8289 Wohnungen wurden gebaut. Die Durchschnittsgröße liegt bei 64,9 Quadratmetern. [23]

November 2021: Büschl braucht und will keinen Wettbewerb. Münchens Großinvestor Ralf Büschl will seit Langem keinen städtebaulichen Wettbewerb für seine Hochhäuser auf dem Paketpost-Areal. Nun stieg er Anfang November 2021 in das vor sich hin dümpelnde Großmarkthallen-Projekt ein, übernahm die Anteile der UGM und verkündete sogleich, dass er auch hier keinen Architektur-Wettbewerb will und dass das Großprojekt bei den Büros des Oberbürgermeisters und seiner zwei Stellvertreterinnen koordiniert werden soll. [24]
Vergleiche: Großmarkthalle

November 2021: Heruntergekommen in bester Altstadtlage. Ecke Hermann-Sack-Straße 2/Sendlingerzone, also mitten in der Fußgängerzone, verkommt ein Haus, das früher im Erdgeschoss eine HVB-Filiale hatte und in den Etagen darüber eine Art gewerbliches Wohnheim. So lautete die Nutzungsänderung aus dem Jahr 2016, die bei der LBK einging und für fünf Jahre genehmigt wurde. Es war von einer Firma aus Gräfelfing gekauft worden: Diese hat sich aber verbeten, in der Presse namentlich als Eigentümer oder als Geschäftsführer genannt zu werden. Angeblich soll das Haus in „enger Abstimmung“ mit der Stadt München wiederhergestellt werden. Seit Oktober 2021 liegt bei der LBK ein neuer Bauantrag vor, wiederum als Wohnheim-Nutzung vom ersten bis zum vierten Obergeschoss. Die Eigentümer geben keine Auskunft mehr dazu. [25]

November 2021: Platzt die Blase? Im Jahr 220920 sind die Preise für Wohnimmobilien um durchschnittlich 6,7 Prozent gestiegen und liegen zwischen zehn und 30 Prozent über dem realen Wert. Da die Vergabekriterien für Immobilienkredite von den Geldinstituten sehr gelockert wurden, befürchtet die Bundesbank Risiken für den Finanzsektor. Bei steigenden Kreditzinsen könnte das ganze Finanzsystem bedroht sein, auch weil die Hälfte der Bankkredite eine Zinsbindung von über zehn Jahren hat. [26]

November 2021: Nicht genügend erneuerbare Energie. München will bis 2035 klimaneutral sein. Den Weg dorthin beschreibt das Fachgutachten „Klimaneutrales München 2035“, das im Auftrag der Landeshauptstadt München vom Öko-Institut e. V Freiburg, HIC Hamburg Institut Consulting GmbH und INTRAPLAN Consult GmbH erarbeitet wurde. Die schwierigen Punkte sind u. a. die Ersetzung von Erdgas und Erdöl im Wärmebereich, die Sanierung von jährlich 2,5 Prozent der Gebäude auf den Standard „Effizienzhaus 55“ (mit nur 55 Prozent der Energie von heute) und der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Münchner Wirtschaft soll bis 2035 ihre CO2-Emissionen im Vergleich zu 2018 um 75 Prozent reduzieren. Jeder Münchner ist derzeit für fast sechs Tonnen CO2 verantwortlich; dies soll sich auf 0,3 Tonnen CO2 reduzieren. [27]
Je mehr neue Bewohner in die Stadt hereingeholt werden, umso schwieriger wird das Klimaziel 2035 zu erreichen sein.

November 2021: Candid-Tor – Büroraum zum Stapeln. Das niederländische Architekturbüro MVRDV hat einen Stapelkomplex nahe des Mittleren Rings in Untergiesing vorgestellt. Die Investoren Values Real Estate aus Hamburg und Ehret und Klein aus Starnberg wollen auf dem Areal zwischen Candidplatz, Candidstraße und Mittlerem Ring 64 Meter hohe Bürogebäude mit acht versetzten Quadern („Candid-Tor“) errichten, die zum Teil den Abriss eines Ärzte- und Bürozentrums aus den Achtzigerjahren erfordern. Die Investoren bauen gerade am Heimeranplatz in München ein Büroensemble, haben die Sanierung vom ehemaligen Kaufhaus Beck an der Fürstenrieder Straße in Arbeit und den Büro- und Geschäftskomplex an der Bayerstraße. [28]
Nachtrag Dezember 2021: Pro und Contra. Am 7.12.2021 trafen sich die Mitglieder der Stadtgestaltungskommission. Die Pro-Stimmen lauteten so: „Wahnsinns-Landmark“, „radikal Neues“, „spannender und mutiger Beitrag“. Die negativen Stimmen hinterfragten die „Torfunktion“ der „einzelnen Würfel, die aufeinander gestapelt sind“, „zu zeichenhaft“,. Einer war sich unsicher, „ob diese Gestaltung ein positiver Beitrag ist“. [29]
Erneuter Einwurf: Die bestehenden Gebäude sind aus den Achtzigerjahren – und hätten sicher noch längere Zeit genutzt werden können. Aber das ist für Investoren natürlich uninteressant.
Vgl. Graue Energie
Nachtrag Januar 2022: Ehret und Klein errichten gemeinsam mit der Büschl Unternehmensgruppe an der Ecke Bayer- und Schillerstraße ein neues Büro- und Geschäftshaus und am Heimeranplatz (Ecke Ridlerstraße und Garmischer Straße) ein Bürohochhaus mit 14 Geschossen. Dazu sollen die zwei Gebäude in der Schwanthalerstraße 55 und 57 mit zusammen 10.600 qm Nutzfläche für ein Bürohaus mit Gastronomie saniert werden. [30]
Nachtrag Februar 2022: Dem BA Untergiesing – Harlaching informierte Investor und Bauherr Michael Ehret über das Candid-Tor. Das Bauwerk erreicht das Höhenniveau der Heilig-Kreuz-Kirche. Die Verschattung hatte Ehret für den 21.3. darstellen lassen: Vertreter der Anwohner wünschten eine weitere Simulation für die Winterzeit. Vertreter des BA intetessierten sich für die Vermietbarkeit, da die Gentrifizierung in Untergiesing mittlerweile auch bei Gewerbemieten abläuft. [31]

November 2021: Die Ampel-Koalition und das Wohnen. Eine Auswahl: Die Ampel hat wieder ein eigenes „Bau-Ministerium“ installiert und will jährlich 400.000 Wohnungen neu bauen, davon 100.000 mit öffentlicher Förderung. (Bisher werden etwa 300.000 Wohnungen neu gebaut.) Die Mietpreisbremse soll bis 2029 verlängert werden. Der Mietspiegel soll in Zukunft sieben statt sechs Jahre vergleichen; außerdem sollen alle Städte mit über 100.000 Einwohnern diesen anbieten müssen. Ab 2025 benötigen alle neuen Häuser den Standard „Effizienzhaus 40“; jede neue Heizung muss mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien verwenden. Beim Klimaschutz steht die Frage im Raum, wer diesen bezahlen muss. [32]

November 2021: Letztes Bauernhäusl in Schwabing wird abgerissen. In der Siegesstraße 17 stand der „Trummerbauernhof“ aus dem Jahr 1840. Der Eigentümer hatte im Sommer 2021 den Abriss beantragt: Das Vorderhaus stand seit zwei Jahren leer, das Rückgebäude mit einer Werkstatt und Wohnungen wurde seit Längerem nur noch mit Mietverträgen auf Zeit vergeben. Das Landesamt für Denkmalpflege erkannte keine Denkmalwürdigkeit. Die Bürgerinitiative Pro Schwabing kämpfte für den Erhalt des historischen Gebäudes: Es sollte zusammen mit den Wohngebäuden Siegesstraße 19 und 21 unter Ensembleschutz gestellt werden. Der BA Schwabing – Freimann hatte noch am 28.11.2021 einen Eilantrag an die Stadtbaurätin und das Landesamt übermittelt. Am 26.11.2021 begann der Abriss. [33]

November 2021: Leerstände in der Bauerstraße. In der Bauerstraße 10 stehen 14 von 26 Wohnungen leer. Eigentümer ist die Bauer Grundvermögen GmbH. In der Bauerstraße 12 stehen vier Wohnungen leer. Eigentümer ist die Schwabinger Grundvermögen GmbH. Beide Firmen gehören der Grünwalder Rock Capital Group. 2017 kaufte dieser Investor beide Häuser von der AXA-Versicherung: Da die Anwesen in einem Erhaltungssatzungsgebiet liegen, musste die Rock Capital Group eine Abwendungserklärung unterschreiben, da sonst die Stadt ihr Vorkaufsrecht ausgeübt hätte. Bis 2027 darf nun keine Umwandlung in Eigentumswohnungen oder Luxussanierungen erfolgen. Deshalb vermietete der Investor freie Wohnungen nur noch befristet an Studenten-WGs. Deren Mieten stiegen in kurzer Zeit, und durch die lärmenden Partys der WGs zogen andere Mieter aus. Die LBK hat inzwischen einen Neubau der Rock Capital im Hinterhof mit sechs Wohnungen genehmigt. Unweit der Bauerstraße wird der grüne Innenhof vom Hohenzollernkarree mit 35 neuen Wohnungen „nachverdichtet“, ebenso beim Karree Schleißheimer Straße. An den Häusern Agnesstraße 1 bis 5 sind 14 Wohnungen geplant, an der Rümannstraße sollen acht Wohnhäuser aufgestockt und vier dreigeschossige Wohnhäuser neu gebaut werden. Hier werden zwei von vier Innenhöfen mit Tiefgaragen bebaut: Damit wird die bisherige alte Begrünung abgeräumt. [34]

Fußnoten und Quellen

  1. Draxel, Ellen, Ein Jahr Schutz, in SZ 2.11.2021
  2. Rühle, Alex, Draußen vor der Tür, in SZ 4.11.2021
  3. Krass, Sebastian, Büschl greift nach der Großmarkthalle, in SZ 6.11.2021
  4. Hoben, Anna, Es geht um jedes Zehntelgrad, in SZ 6.11.2021
  5. Hoffmann, Christiane, Viele Schritte bis zur Energiewende, in SZ 8.11.2021. Vgl. dazu meine Webseite www.irrtum-elektroautos.de
  6. Schubert, Andreas, Bitte wenden! in SZ 9.11.2021
  7. Steinbacher, Ulrike, Unten parken, oben wohnen, in SZ 9.11.2021
  8. Draxel, Ellen, Gorillas auf dem Sprung, in SZ 10.11.2021
  9. Anlauf, Thomas, Perlachs ganzer Stolz, in sueddeutsche.de 10.8.2020; Perlach – Die Angst geht um, in www.wochenanzeiger.de 2.10.2021; Kellner, Nico, Wenn die Stadt ein altes Dorf schluckt, in SZ 11.11.2021
  10. Heidtmann, Jan, Gericht bremst Mieterschutz, in SZ 11.11.2021
  11. Preuss, Roland, Da freut sich der Spekulant, in SZ 11.11.2021
  12. Kastner, Bernd, Sorge um den Mieterschutz, in SZ 11.11.2021
  13. Krass, Sebastian, Was das Urteil zu Vorkaufsrechten bedeutet, in SZ 25.11.2021
  14. Immer mehr Haushalte beziehen Wohngeld, in spiegel.de 12.11.2021
  15. Hoffmann, C., Krass, S., Novartis zieht in der Alten Akademie ein, in SZ 17.11.2021
  16. Radomsky, Stephan, Balkone, so teuer wie Autos, in SZ 20.11.2021
  17. Preuss, Roland, In Deutschland wird falsch gebaut, in SZ 19.11.2021
  18. Draxel. Ellen, Die Post schließt schon wieder, in SZ 23.11.2021
  19. Hoffmann, Catherine, Die Post geht ab, in SZ 4.2.2022
  20. Kastner, Bernd, Alle Mieter müssen raus, in SZ 23.11.2021
  21. Kastner, Bernd, „Gefahr für Leben und Gesundheit“, in SZ 1.12.2021
  22. Heidtmann, Jan, Rot-Grün-Rot verschiebt Problem, in SZ 24.11.2021
  23. Hertel, Christina, München – eine Stadt in Zahlen, in Abendzeitung 24.1.2021
  24. Krass, Sebastian, Wie die neue Großmarkthalle aussehen soll, in SZ 24.11.2021
  25. Krass, Sebastian, Warum ein Haus in bester Lage vergammelt, in SZ 26.11.2021
  26. Reuters, dpa, Bundesbank sorgt sich um Immobilienmarkt in SZ 26.11.2021
  27. Rathaus Umschau 192/2021, 6.10.2021: Klimaneutrales München 2035 – ein Fahrplan für die Stadtplanung; Anlauf, Thomas, Wetzel, Jakob, Saubere Wärme, in SZ 27.11.2021
  28. Dürr, Alfred, Stapel-Turm am Candidplatz, in SZ 27.11.2021
  29. Krass, Sebastian, Alles außer gewöhnlich, in SZ 8.12.2021
  30. Krass, Sebastian, Neues Leben in alten Mauern, in SZ 12.1.2022
  31. Raff, Julian, Wahrzeichen mit Schattenwurf, in SZ 22.2.2022
  32. Preuss, Roland, Radomsky, Stephan, Stein auf Stein, in SZ 27.11.2021
  33. Siegert, Myriam, Ein Stück altes Schwabing verschwindet, in Abendzeitung 29.11.2021
  34. Draxel Ellen, Die Strategien der Investoren, in SZ 29.11.2021
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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