Moloch München Eine Stadt wird verkauft

2001

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Januar 2001: Ude für Wohnungsbau. Die traditionelle Vorschau für Münchens Stadtpolitik von OB Christian Ude Anfang Januar lieferte 2001 sein Bekenntnis für mehr Mieterschutz und mehr Wohnungsbau. Er forderte von der (rot-grünen!) Bundesregierung mehr finanzielle Unterstützung für den Bau von Sozialwohnungen. Da die letzte große Welle von Mieterhöhungen mit 30 Prozent von den Vermietern 1998 losgetreten wurde, drohe – nach drei Jahren –, dasselbe im Herbst 2001. Deshalb solle der erlaubte Mietsprung auf 20 Prozent abgesenkt werden, und zwar nach Ude zum 1.7.2001. Dazu wird in München ab 1.1.2001 die Berechtigung auf Wohngeld auf mehr Haushalte ausgeweitet und der Betrag um durchschnittlich 80 DM erhöht.
Das Traurige: Mit diesen gut gemeinten finanziellen Unterstützungen der Stadt werden eigentlich Vermieter gesponsert, die zu hohe Mieten verlangen.
Für den verstärkten Wohnungsbau soll das von Ude Ende 1996 gegründete „Bündnis für Wohnungsbau“ wiederbelebt werden. Über das Jüdische Gemeindezentrum am Jakobsplatz wird ein Wettbewerb noch 2001 entscheiden. Ude lobte das Projekt Messestadt Riem, das die Wirtschaftskraft stärke und die Wohnungssituation entspanne.
Das ist ein Irrglaube: 15.000 Arbeitsplätze stehen 9000 Wohnungen gegenüber – dadurch wird der Wohnungsmarkt nicht entlastet, sondern im Gegenteil weiter belastet.
Dazu das Fazit der CSU durch Fraktionschef Hans Podiuk: Nach zehn Jahren rot-grüner Mehrheit im Stadtrat wurde hier wieder eine „partielle Wohnungsnot“ produziert. Dazu habe die rot-grüne Bundesregierung die steuerlichen Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau drastisch verschlechtert und die Mittel für den sozialen Wohnungsbau gekürzt. Podiuk erinnerte auch an den Verkauf der Eisenbahner-Wohnungen durch Rot-Grün. [1]

Januar 2001: Ude reaktiviert „Bündnis für Wohnungsbau. Die BI Aubing-Lochhausen-Langwied hat Anfang Dezember 1996 rund 8000 Unterschriften im Münchner Rathaus abgegeben, um ein Bürgerbegehren zu starten: Im Münchner Westen (Freiham, Lochhausen, Aubinger Wasserturmwiese) sollen nur 3000 statt 10.000 Wohnungen gebaut werden. OB Christian Ude hatte im Dezember 1996 ein „Münchner Bündnis für Wohnungsbau“ gegründet, um gegen zwei Bürgerbegehren aus Freiham und Lochhausen vorzugehen, in denen eine geringere Bebauung gefordert wurde. (Vgl. Chronologie Dezember 1996 und folgende) Nun gab Ude am 18.1.2001 bekannt, dass er am 23.2.2001 eine Neuauflage des Bündnisses aufgrund der verschärften Wohnungsnot in München einberufen will, um die wohnungspolitischen Aktivitäten zu bündeln. Die rot-grüne Stadtratsmehrheit wolle hierfür auch Geld zur Verfügung stellen. Das Bündnis soll über zehn Punkte beraten, u. a. Ausweitung des München-Modells für Durchschnittsverdiener im Mietwohnungsbau, die Förderung des genossenschaftlichen Wohnungsbaus und ein Engagement großer Münchner Firmen beim Wohnungsbau. Ude kritisierte an dem Punkt, dass einige Konzerne ihre Wohnungen verkauft hätten, da deren Rendite nicht hoch genug war.

Januar 2001: Bürgerentscheid verfehlt Quorum. Der Bürgerentscheid „Unser München aus der Schuldenfalle“ ist am 21.1.2001 an mangelnder Beteiligung gescheitert. Seit 1999 müssen zehn Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben: Hier waren es nur 5,5 Prozent, wobei die Ja-Stimmen mit 53 Prozent überwogen. [2]

Januar 2001: Bundeswehr räumt das Feld. Der Bundeswehrstandort München wird um fast 1300 auf 3080 Arbeitsplätze reduziert. Die Kaserne in der Heidemannstraße und die Prinz-Eugen-Kaserne mit der Pionierschule in Bogenhausen werden geschlossen; letztere zieht nach Ingolstadt um. Die Wehrbereichsverwaltung VI in der Dachauerstraße soll nach Stuttgart verlegt, Teile des Feldjägerbataillons der Fürst-Wrede-Kaserne aus München abgezogen werden. Der Vorsitzende der CSU-Fraktion, Johannes Singhammer, kritisierte die „unverantwortliche Sicherheitspolitik“, die zwischen Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) und OB Christian Ude heimlich abgesprochen sei. Ude befürwortete die Schließung der Kasernen, da damit der bezahlbare Wohnbau gefördert werden könnte. [3]

Februar 2001: Rückgang des sozialen Wohnungsbaus. Anfang 2001 hatte die LH München 66.174 Sozialwohnungen, die oft mit günstigen staatlichen Krediten in den sechziger Jahren entstanden. Die Sozialbindung betrug 25, 30, manchmal bis zu 50 Jahre und läuft jetzt oft aus. 2001 fallen 1714 Wohnungen heraus, 2004 etwa 4000, 2009 rund 5500. Eigentümer können sich auch mit einer Frist von zehn Jahren aus der Sozialbindung freikaufen: Dann darf die Miete marktmäßig erhöht werden. Nach Beendigung der Sozialbindung kann der Vermieter alle drei Jahre um 30 Prozent zur örtlichen Vergleichsmiete erhöhen. Im Sommer 2001 soll dieser Prozentsatz auf 20 abgesenkt werden. [4].

Februar 2001: „Fünf Höfe“ eröffnet. Am 8.2.2001 wurde der erste Bauabschnitt des Projekts Fünf Höfe zwischen Theatiner-, Maffei-, Kardinal-Faulhaber- und Salvatorstraße eröffnet. Der Bau des ursprünglich von der Hypobank (inzwischen HypoVereinsbank) geplanten Projekts mit dem Architekturbüro Herzog & de Meuron auf 20.000 qm hatte 1999 begonnen. Herzog & de Meuron gewannen 1994 den Wettbewerb und wollten zunächst alle Gebäude abreißen. Sie mussten aber 1998 wegen der Fusion der Banken umplanen: Nun wurden 60 Prozent des Bestands erhalten und 40 Prozent neu gebaut. [5]

Februar 2001: Münchner Immobilien-Paradies. Es gibt zwei bedeutende Immobilienmessen: Die Marché International des Professionnels de l’immobilier (Mipim) im März jeden Jahres in Cannes ist für Kontaktpflege prädestiniert, die Expo Real in München für reale Verkäufe und Geschäfte. Die LH München ist auch auf der Mipim mit ihren besten Unternehmen vertreten, wie der Referent für Arbeit und Wirtschaft, Reinhard Wieczorek (SPD) mitteilte. Die Bayerische Hausbau nahm das Projekt Europäisches Patentamt mit, deren Mutterkonzern Schörghuber Gruppe stellte am Hamburg-Stand das Projekt Office 3000 und am Düsseldorf-Stand das Projekt Portobello vor. Siemens Real Estate präsentierte das Projekt des neuen Stadtteils Hofmannstraße: 1,1 Millionen Quadratmeter Bruttogeschossfläche und ein Investitionsvolumen von rund 3,3 Milliarden DM. Argenta-Chef Helmut Röschinger stellte die Parkstadt Schwabing mit 650.000 Quadratmetern Geschossfläche vor. Die Deutsche Bahn präsentierte Münchner Bauprojekte zwischen Hauptbahnhof und Laim. Die Deutsche Post ist an einem Hochhaus-Circle mit fünf Hochhäusern zwischen 80 und 100 Metern und 1,5 Millionen Quadratmeter Bruttogeschossfläche beteiligt. Die Synergy Online AG hat die denkmalgeschützte Wappenhalle plus 16.000 Quadratmeter Grund für eine „Kommunikationsimmobilie“ an der Neuen Messe in Riem erworben und stellte ihr Investment ebenfalls auf der Mipim vor. Die KGAL GmbH & Co. KG (früher Allgemeine Leasing), begründete eine Partnerschaft mit der Mipim. Die MEAG (Munich Ergo Asset Management, eine Tochter der Münchner Rück), will auf der Mipim in den Markt der institutionellen Anlieger und der Publikumsfonds vordringen. Bauunternehmer Fritz Eichbauer berichtete von über einer Million Quadratmeter vermieteter Fläche im Jahr 2000 (70 Prozent in München, 30 Prozent Umland). 2001 kommen „nur“ 336.000 Quadratmeter dazu, 2002 wieder 400.000 Quadratmeter. [6]
Der Moloch München auf dem Weg zur Arbeit …

Februar 2001: Neuaubinger Bahnwerk wird geschlossen. Im Neuaubinger Bahnwerk werden noch bis Ende 2001 von 450 Eisenbahn-Beschäftigten in einem sogenannten C-Werk Waggons überholt. (Zeittafel: https://www.bahnstatistik.de/Bilder/Aw/Aw_MNA.htm)
1300 Fernverkehrswaggons müssen danach 500 Kilometer weiter zum nächsten C-Werk nach Delitzsch in Sachsen bewegt werden. Da die Produktivität in Neuaubing sehr gut ist, mutmaßte die Belegschaft, dass in München ein leichteres Unterkommen der hiesigen Arbeitenden am Arbeitsmarkt der Grund ist – und der lukrative Verkauf des 200.000 Quadratmeter großen Bahnareals. Die Belegschaft erfuhr am 16.10.2000 aus der Presse, dass Neuaubing am 31.12.2001 zugemacht wird. [7]
Das Bahngelände wurde an den Immobilienentwickler Aurelis verkauft. Hier entsteht auf 86.000 Quadratmetern das Wohngebiet „Gleisharfe“, dazu ein Gewerbegebiet. Aus der Aurelis-Webseite: „Wir entwickeln die Fläche in enger Abstimmung mit der Landeshauptstadt München. Seit Anfang 2016 ist der Bebauungsplan rechtskräftig. Die neun Baufelder, die insgesamt 36.900 Quadratmeter Nettobauland umfassen, wurden bereits alle veräußert. Hier werden in rund 550 Wohneinheiten bis zu 52.000 Quadratmeter Geschossfläche entstehen.“ [8]

Februar 2001: Verbesserungen an Mietrechts-Novelle gefordert. Der DGB-Landesvizevorsitzende Klaus Dittrich kritisierte vier Punkte am neuen Wohnungsbau- und Mietrechtsgesetz, das im März 2001 im Rechtsausschuss des Bundestags beraten wird. – Die „Zerrüttungskündigung“: Mieter können fristlos gekündigt werden, wenn sie sich „vertragswidrig verhalten“. – Der „Qualifizierte Mietspiegel“: Diese Grundlage soll für die Festlegung der Vergleichsmiete gelten, wenn Gemeinden, Mieterverbände und Vermieterverbände zustimmen. – Elf Prozent der Modernisierungskosten sollen auf die Mieter umgelegt werden können. Da schon bisher die Miete wegen höherer Vergleichsmiete des Mietspiegels steigt, soll der Satz gestrichen werden. – Der DGB fordert eine einheitliche Kündigungsfrist für alte und neue Mieter von drei statt sechs Monaten. Der Deutsche Mieterbund fordert eine Änderung bei der Kündigungssperrfrist, wenn das Mietshaus in Eigentumswohnungen aufgeteilt wird: In Zukunft soll der Eigenbedarf schon nach drei Jahren angemeldet werden können, falls der neue Eigentümer eine Ersatzwohnung anbietet. [9]

Februar 2001: Kasernen zu Wohnungen. Das Münchner Bündnis für Wohnungsbau traf sich am 23.2.2001 im Großen Sitzungssaal des Rathauses: 170 Vertreter von Unternehmen, Verwaltungen und Verbänden. Bauträger, Bankenvertreter und Makler beklagten die zehnjährige Spekulationsfrist und das Wegfallen der Möglichkeit, Verluste zu verrechnen. Es sollen drei Arbeitskreise eingerichtet werden. Der Arbeitskreis „Nachnutzung militärischer Areale“ war am begehrtesten: Hier meldeten sich über 30 Bauträger und Baufirmen an.
OB Christian Ude verkündete ein Aktionsbündnis der Stadt: Es sollen jährlich 800 statt 600 Sozialwohnungen gebaut werden und 400 statt 140 öffentlich geförderte Mietwohnungen. Hinzu kommt der Bau von 100 Wohnungen für Familien mit Kindern. Die städtische GWG startet den Bau von 404 Sozialwohnungen und plant für 2002 225 Wohnungen. Die städtische Gewofag baut 2001 rund 430 Sozialwohnungen und plant 550 weitere. Stadtbaurätin Christiane Thalgott informierte über bestehendes Baurecht von 12.000 Wohnungen. Kommunalreferentin Gabriele Friedrich (Bündnis 90/Die Grünen) berichtete vom Bau von 4413 Wohnungen auf städtischem Grund, davon die Hälfte im sozialen Wohnungsbau und 18 Prozent im „München-Modell“. Sozialreferent Friedrich Graffe (SPD) informierte, dass in den nächsten neun Jahren 26.000 Wohnungen aus der Sozialbindung fallen, derzeit aber 10.600 Münchner für eine solche Wohnung vorgemerkt sind. [10]
Die leider schlechte Konsequenz daraus: Münchens Stadtpolitik setzt – bis heute – weiter auf den grenzenlosen Zuzug von Unternehmen und Arbeitsplätzen.

Februar 2001: Entmietung in der Kreittmayrstraße 19. Die Immobilienfirma Euroboden hat im Jahr 2000 das Haus Kreittmayrstraße 19 gekauft. Im Dezember 2000 hat Euroboden allen Mietern gekündigt. In der Kündigung schrieb der Geschäftsführer Stefan Höglmaier, dass der derzeitige Zustand des Hauses Euroboden an einer wirtschaftlichen Verwertung hindere und deshalb eine Generalsanierung ansteht. Die derzeitigen Mieten von durchschnittlich acht DM pro Quadratmeter ergeben nur eine unrentable Nutzung. Nach der Generalsanierung werden die Wohnungen zu einem „erheblich höheren Preis vermietet beziehungsweise ein Veräußerungserlös erzielt“. Die alteingesessenen Mieter sahen ihre Wohnungen in ausreichend gutem Zustand. Sie äußerten ihr Unverständnis, dass in München Firmen und Privatpersonen einfach Häuser kaufen und die Mieter rauswerfen können. Der Vorsitzende des BA 3 Maxvorstadt, Klaus Bäumler (CSU), sprach vom ersten Fall seit Jahrzehnten, dass ein neuer Eigentümer rigoros die Entmietung betreibt.
Vgl. im Kritischen Immobilien-Lexikon: Euroboden

März 2001: Bund verkauft Siedlung Ludwigsfeld. Unter der Regierung von Helmut Kohl wurden die ersten staatseigenen Wohnungen verkauft, vorgeblich um den Bundeshaushalt zu sanieren. Unter der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder ging der Ausverkauf weiter. Nach dem Verkauf der Eisenbahner-Wohnungen trifft es nun auch die Siedlung Ludwigsfeld im Münchner Nordwesten mit 690 Wohnungen und etwa 2000 Bewohnern, die bei Mieten um fünf DM günstig in heruntergekommenen Gebäuden wohnen. Die Siedlung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut. Es steht auf Grundmauern eines früheren Außenlagers des KZ Dachau und sollte u. a. ehemaligen Zwangsarbeitern und KZ-Überlebenden als Behausung dienen. Der Eigentümer Bundesrepublik Deutschland hat 50 Jahre nichts saniert. Der Mieterverein München sieht die Mieter in der Siedlung als „extrem gefährdet“ an. Beim Einstieg privater Investoren würden die Wohnungen saniert und die Mieten erhöht. Deshalb sollte der Bund die Siedlung Ludwigsfeld an die Stadt München abgeben. [11]

März 2001: Von Stadion-Gipfel zu Stadion-Gipfel. Zum Frühlingsbeginn wird mit der Entscheidung gerechnet, wo das neue Stadion gebaut wird. Das Frankfurter Büro Albert Speer & Partner (AS + P) hat fünf Standorte untersucht. Die Zeit drängt, da die Fußball-WM 2006 beim Veranstaltungsort München bereits im neuen Stadion stattfinden soll. Der Stadtrat soll noch vor der Sommerpause entscheiden, und im Sommer 2005 muss das Stadion fertiggestellt sein. FC-Bayern-Manager Uli Hoeneß hat die Stimmung im Olympiastadion einmal mit dem „Zentralfriedhof von Chicago“ verglichen und drängte auf den Neubau. FCB-Präsident Franz Beckenbauer hatte bei den Umbaudiskussionen sogar gehofft: „Es wird sich doch wohl bald ein Terrorist finden, der das Olympiastadion in die Luft sprengt.“ Außerdem hängt das deutsche Pressezentrum der WM 2006 an der Messe Riem von der Stadionfertigstellung ab. Hier müssten mehrere Tausend Mitarbeiter Arbeits- und Wohnplätze finden. [12]
So bedingt eines das andere: Der Moloch München auf dem Weg zur Arbeit.

März 2001: Jobmaschine München. In München und den benachbarten Landkreisen entstehen jede Woche 500 neue Arbeitsplätze. Das Arbeitsamt verzeichnet 29.000 offene Stellen und etwa 60.000 unbesetzte und unangemeldete Jobs. Das in München erwirtschaftete Sozialprodukt stieg im Jahr 2000 um rund fünf Prozent, schätzt das Referat für Arbeit und Wirtschaft. (Bundesweit waren es drei Prozent.) Leere Gewerbeflächen und Büros sind fast nicht mehr verfügbar. Das Immobilienberatungsunternehmen Jones Lang LaSalle rechnet mit künftigen Büromieten in guten Lagen von 60 DM und mehr pro Quadratmeter. Der Flächenmangel „hat die Schmerzgrenze erreicht“.
Die Gründe für den Boom sind bekannt: Neuer Erdinger Flughafen, Ausbau des alten Flughafengeländes in Riem mit Messe Riem und neuem Stadtviertel, Freiwerden der alten Messe-Areale, kaum alte Industrie wie z. B. im Ruhrgebiet, modernisierte Großkonzerne wie Siemens und BMW, Dienstleister wie Allianz und Münchner Rück, Ansiedlung moderner Branchen wie Biotechnologie und neue Medien. Ein Wermutstropfen sind allerdings die hohen Mieten, die einen Standortnachteil für München darstellen. [13]

März 2001: Kein Abriss einer Jugendstil-Villa. An der Sollner Straße 22 ist die Jugendstil-Villa, die von Architekt Otto Firle 1914 errichtet wurde, in die Denkmalliste eingetragen worden. Es ist laut Landesamt für Denkmalpflege ein „Bau im Spätjugendstil mit weit vorragendem Walmdach“. Ihr Erhalt liegt im Interesse der Öffentlichkeit. In Solln wurden seit den siebziger Jahren viele Jugendstil-Villen abgerissen, sodass der Gartenstadt-Charakter zunehmend verloren ging. [14]

März 2001: Bebauung Ackermannbogen. Auf dem zwischen Olympiapark und Schwabing liegenden Gelände sollen etwa 2250 Wohnungen gebaut werden. Der Freistaat fördert das Vorhaben, das zwischen 2004 und 2007 fertiggestellt sein soll. [15]

März 2001: München – Aufschwung ohne Ende. 1998 machte der Münchner Immobilienmarkt einen Umsatz von 10,6 Milliarden DM. 1999 waren es über 11 Milliarden DM. 2001 kamen noch einmal über eine halbe Milliarde DM hinzu. Laut Gutachterausschuss stieg der Umsatz bei Büroflächen im Jahr 2000 um 166 Prozent gegenüber 1999. Der durchschnittliche Kaufpreis bei Eigentumswohnungen lag pro Quadratmeter bei 6800 DM. [16]

März 2001: Landkreis München – Mangel an Wohnraum. Im nördlichen Landkreis wurden durch den neuen Flughafen und die neue Messe bezahlbare Wohnungen knapp. In Garching kamen noch viele Studenten durch die neuen Universitätsinstitute hinzu. Im ganzen Landkreis München wurden in letzter Zeit 100.000 Arbeitsplätze geschaffen. In Garching förderte die Stadt den Wohnungsbau: 259 Wohnungen und Häuser werden an der Unteren Straßenäcker gebaut, dazu noch Wohnraum Am Brunnenweg/Mühlfeldstraße und in Hochbrück 45 Reihenhäuser. In Haar kommen jedes Jahr rund 100 Wohnungen dazu Es gibt hier baureife Grundstücke für mehr als 2000 Wohnungen, aber keine investierenden Wohnungsbaugesellschaften. In Unterföhring haben sich für 22 Gemeindewohnungen 50 Bürger beworben. [17]

März 2001: Alles richtig gemacht. Der Referent für Arbeit und Wirtschaft, Reinhard Wieczorek (SPD), zog nach zehnjähriger Tätigkeit Bilanz: München sei Boomtown geworden. Unter seiner Regie wurde die internationale Positionierung von München verstärkt, auch mit europäischen Städten.
Die regionale Kooperation wurde z. B. mit dem Wirtschaftsraum MAI (München – Augsburg – Ingolstadt) gefördert: Hier kooperieren 60 Kommunen und 50 Unternehmen. Mit der IHK wurden ein Technologiezentrum und ein Existenzgründungsbüro geschaffen. Informations- und Kommunikationstechnologien, Life Sciences und Medien wurden gefördert. München war im Tourismus im Jahr 2000 in Deutschland an der Spitze bei Übernachtungen und Besuchern und liegt bei Auslandstouristen vor Berlin auf Platz 1. München ist u. a. laut Wieczorek die Stadt mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit und der höchsten Investitionsquote und Kaufkraft pro Kopf. Der Boom habe aber auch den Standortnachteil Wohnungsmangel, den man mit dem Bündnis für Wohnungsbau beheben will.
In Riem gehen Gewerbeflächen weg „wie warme Semmeln“. In Freiham werden weitere Ansiedlungen von Biotechnologie-Unternehmen (mit der Nähe zu Martinsried) geplant sowie neue Gewerbeflächen. Weitere große Projekte sind die Siemens-City in Obersendling mit einem Areal von 45 Hektar, die Bebauung auf dem frei werdenden Bahngelände zwischen Hauptbahnhof und Pasing, die Bebauung der Kasernengelände mit Wohnungen, die Parkstadt Schwabing. [18]
Der Moloch München auf dem Weg zur Arbeit.

März 2001: Wohnungsmangel in Bayern. Laut bayerischem Mieterbund fehlen in Bayern aktuell 200.000 preisgünstige Wohnungen; diese Zahl wurde auch von der Bayerischen Obersten Baubehörde genannt. Nach Angaben des Mieterbundes ist die Zahl der Sozialwohnungen in Bayern zwischen 1987 und 2000 von 600.000 auf 240.000 zurückgegangen – bei 250.000 Sozialhilfeempfängern in Bayern. In München fehlten 20.000 Wohnungen. [19]

April 2001: SPD im Vor-Wahlkampfmodus. OB Christian Ude und der Vorsitzende der Münchner SPD und MdL Franz Maget traten gemeinsam beim ersten Bierzelt-Auftritt im Kommunalwahlkampf für die Stadtratswahl im März 2002 auf. Ude warf der Münchner CSU vor, in der Wohnungs- und Familienpolitik nur „haltlose Versprechungen“ zu machen. München werde in den nächsten fünf Jahren eine halbe Milliarde DM in den Wohnungsbau investieren. Das bedeutet, dass nicht gleichzeitig städtisches Geld in das Fußballstadion fließen kann. Dessen Finanzierung sei Aufgabe der Vereine, der Investoren und der Mäzene. Durch das letztliche Veto des Architekten Günter Behnisch sei nun ein Neubau unausweichlich. Ude nannte als vermutlichen Standort für die Superarena Fröttmaning. [20] Der Bürgerentscheid zum Stadion war am 21.10.2001 und brachte 65,8 Ja-Stimmen. Mit dem Bau wurde sofort nach dem Bürgerentscheid begonnen. Die Allianz Arena wurde am 19.5.2005 mit einem Testspiel zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 eröffnet.
Es machte dann im laufenden Genehmigungsverfahren den Eindruck, dass sich um die dort wohnende Bevölkerung niemand größere Sorgen machte. Dabei waren die Probleme absehbar: Anfahrt, Abfahrt, Lärm, Zuparken, Erweiterung von 66.000 auf derzeit 75.000 Plätzen mit weiteren Ausbauplänen etc.

April 2001: Erhaltungssatzung contra Entmietung. Die IG Schenkendorf-Wilhelm-Hertz-Straße warnte vor Entmietung, Luxussanierung und Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen am künftigen Petuelpark. Die IG hat in den letzten beiden Jahren erlebt, „wie zielstrebig und unaufhaltsam Sanierer in dieser Stadt agieren“. Auch der BA 12 Schwabing-Freimann sieht dies so und fordert, nach Fertigbau des Tunnels das Areal unter die städtische Erhaltungssatzung zu stellen und damit die Vertreibung der ansässigen Bewohner abzuwehren. [21]

Mai 2001: Kritik am BMW-Gebrauchtwagenzentrum. Die BMW AG plant in Fröttmaning ein Gebrauchtwagenzentrum mit einem 225 Meter langen und 27 Meter breiten Gebäude auf einem Areal von 40.000 Quadratmetern. Der BA 12 Schwabing-Freimann war begeistert. Die Kreisgruppe München des BN ist dagegen entsetzt und verweist auf eine Betonorgie und eine fast versiegelte Fläche von vier Hektar am Rand der Fröttmaninger Heide. Kreisgruppen-Vorsitzender Bernd Louisoder bezeichnet die geplanten Grünflächen als planerisch vorgeschriebene Abstandsflächen und Lärmschutzwälle an der A 9. Diese als neue Grünflächen verkaufen zu wollen sei eine Volksverdummung. München halte hinter Bochum den vorletzten Platz beim Grünflächenanteil deutscher Städte und sei dicht davor, auf den letzten Platz abzurutschen. BMW solle südlich und nördlich die Heidevegetation nachwachsen lassen und sich an der Renaturierung im Eschenrieder Moos beteiligen. [22]

Mai 2001: Architekt plädiert gegen Massenwohnungsbau in München. Der Architekt Dietrich Fink (Büro Fink und Jocher) zählte im Interview mit der SZ die nächsten großen Wohnbauprojekte auf: Theresienhöhe, Parkstadt Schwabing, Panzerwiese, München-Riem und Ackermannbogen. Durch reiche Mieter werden 100-Quadrameter-Wohnungen oft nur von einer Person bewohnt. Der Wohnanspruch wächst jedes Jahr im Durchschnitt um einen halben Quadratmeter. (Ähnlich wie bei der PS-Zahl der Neuwagen; WZ) Der Trend geht zu hohen, großen und hellen Räumen. Die Massenwohnungen aus den sechziger Jahren mit Zimmern um zehn Quadratmeter, mit innen liegenden Toiletten und engen Gängen, sind nicht mehr erwünscht. Gebraucht werden nutzungsoffene Wohnungen mit Freiflächen und identitätsstiftenden Materialien, die aber trotzdem kostengünstig sind. Gutes Geld kann mit Wohnungen aus der Gründerzeit verdient werden. [23]

Mai 2001: Hinterhof-Sanierungen. Im Hinterhof der Müllerstraße 11 wuchs kein Grashalm, keine Pflanze, kein Baum. Jetzt hat der Hinterhof einen Preis beim jährlichen „Wettbewerb Hof- und Vorgartenbegrünung“ der Stadt bekommen. Seit 1977 gibt es das Förderprogramm der Stadt für Entsiegelung und Begrünung von Hinterhöfen, aber auch für die Begrünung von Dächern und Fassaden. Mehr als 950 Projekte wurden bisher vom Baureferat mit über 20 Millionen DM gefördert. [24]

Mai 2001: Warnung vor zu vielen Gewerbeflächen. Die Bayerische Immobilien AG (BIAG) gehört zur Schörghuber-Unternehmensgruppe. BIAG-Geschäftsführer Udo Scheffel warnt vor zu viel Zubau von Gewerbeflächen: „München erstickt sozusagen am eigenen Erfolg.“ Er nennt die Parkstadt Schwabing und die alte und neue Messe. Die Nachfrage wird nicht da sein, weil keine Wohnungen vorhanden sind. Die BIAG verwaltet über 1,1 Millionen Quadratmeter Büro- und Handelsflächen (davon 70 Prozent in München) mit einem Verkehrswert von etwa 5,5 Milliarden DM. Sie investiert aktuell in das „Hofgarten-Palais“ neben der Staatskanzlei mit 20.000 Quadratmetern Geschossfläche und in einen Bürokomplex an der Welfenstraße am Ostbahnhof mit 90.000 Quadratmetern. [25]

Mai 2001: „Bündnis für Wohnungsbau“ trifft sich. Ende Februar 2001 hatte sich das Bündnis gegründet und traf sich nun nichtöffentlich im Rathaus: 101 Abgesandte von Münchner Wirtschaftskammern, Immobilieninvestoren, Wohnungs- und Bauwirtschaft, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbänden, Kreditwirtschaft, Mieter- und Hausbesitzerverein. Ein Arbeitskreis identifizierte neun große Baulücken, ein anderer beschäftigte sich mit der Nachverdichtung im Bestand und der Nachnutzung von Militärgeländen, mit dem „Fördermodell München“ und mit potenziellen Grundstücksverkäufen. OB Christian Ude teilte mit, dass die LH München 100 Millionen DM in die Mietwohnungsförderung zusätzlich investiert.
Laut Stadtbaurätin Christiane Thalgott gehörten 50 Prozent des gesamten Münchner Bauvolumens in den Bereich Nachverdichtung, der aber mit Problemen des Brandschutzes, der Stellplatzfrage und des Schallschutzes zu tun habe. Sie berichtete auch, dass die Wohnungsbauunternehmen mit mindestens vier Prozent Rendite rechnen müssen. Ergiebige und vorhersehbare Mieteinnahmen seien nötig, um sich überhaupt aufMietbauinvestitionen einzulassen.
Bei der AG Umbau der Kasernengelände haben sich schon 30 Bauunternehmen angemeldet. Der Bayerischen Hausbau hatte die Stadt mitgeteilt, sie dürfe Zugriff auf militärische Areale haben, da diese in Neubaugebieten bereits acht Kindergärten gebaut habe. [26]

Juni 2001: Mietwohnungsmangel im Landkreis München. Das bayerische Innenministerium arbeitet derzeit an einer Statistik zum Wohnungsmangel im Landkreis München. Das Ergebnis ermöglicht einen Eingriff in den Wohnungsmarkt der Kommunen. Es gibt drei Verordnungen, die nur in Kraft treten, wenn die Versorgung mit Wohnraum „besonders gefährdet“ ist: Die Frist zur Umwandlung von einer Miet- in eine Eigentumswohnung kann von drei auf zehn Jahre erhöht werden; Vermietern von Sozialwohnungen kann das Recht auf freie Wahl des Mieters zugunsten der Gemeinde genommen werden, und über die Zweckentfremdungsverordnung kann der Abriss oder die Umwandlung von Wohnraum in Gewerbefläche erschwert werden. Unter die drei Verordnungen fallen derzeit schon Garching, Oberschleißheim, Unterschleißheim, Unterföhring und Kirchheim. Haar und Aschheim fordern ebenfalls die staatliche Regulierung. Vor allem Sozialwohnungen verknappen sich, da Gemeinden die Einheimischen-Modelle bevorzugen. [27]

Juni 2001: Münchens neue Wohnungen. Die LH München will den Neubau von Wohnungen von jährlich 6000 auf 7000 steigern. Dafür investiert die Stadt in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde DM. Dazu werden die Fördergrenzen von Haushalten mit zwei oder mehr Kindern erhöht. Anfang Juli 2001 will der Stadtrat über weitere Maßnahmen wie Baurechtsschaffung, Grundstücksvergaben und zinslose Darlehen entscheiden. Das läuft ab im Programm „Wohnen in München“. Darunter fallen auch der Bau von jährlich 1800 Wohnungen im öffentlich geförderten Wohnungsbau und ein Unterstützungsprogramm nach dem München-Modell.
In München gibt es aktuell Baurecht für 12.000 Wohnungen, drei- bis viertausend sind im Bau. (Vgl. Februar 2001) Aktuell dürfen in den ersten acht Jahren 40 Prozent abgeschrieben werden, die Spekulationsfrist beträgt zehn Jahre. Dies lässt Kapitalanleger derzeit zögern. [28]

Juni 2001: Landwirtschaftlicher Grund als Grundstücks-Reserven. Die Stadt besitzt über die städtischen Güter 2805 Hektar Felder, Wald und Höfe: 1988 Hektar werden von ihr selbst bewirtschaftet, davon 900 ökologisch. Hierzu gehören die Güter Beigarten, Dietersheim, Karlshof und Obergrashof. [29]

Juli 2001: Argenta-Chef beschwert sich. Helmut Röschinger machte sich beim Sommerempfang der Argenta Unternehmensgruppe lustig über Kassandrarufe wegen der Münchner Wohnungsnot: Es gäbe nun 190.000 Wohnungen mehr als 1972, obwohl sich die Einwohnerzahl nicht erhöht habe. Allerdings sei der Mietwohnungsbau von früher 50 Prozent auf 15 Prozent zurückgegangen. Schuld sei die Politik der rot-grünen Regierung seit 1998, die mit dem Streichen von Steuerpräferenzen und der verschärften Mieterschutzgesetzgebung die Mietwohnungen als Kapitalanlage uninteressant gemacht habe. München ersticke nicht an seinem Erfolg (vgl. Mai 2001 oben), sondern der Boom in Deutschland sei schon wieder vorbei. Die weichen „Standortfaktoren“ wie Biergartenflair, Alpen und Seen reichten nicht: Gebraucht würden moderne Arbeitsplätze für zukunftsorientierte Wirtschaftszweige in attraktiven Gewerbebauten mit moderner Logistik – wie zum Beispiel in der von ihm geplanten Parkstadt Schwabing. Röschinger würdigte aber die Politik von OB Christian Ude mit Neuer Messe und Congress Center in Riem, die Neubauten auf der Theresienhöhe, den Schäffler-Block, die Fünf Höfe – und selbstverständlich die Parkstadt Schwabing. [30]
Das ist typisch für die München-Strategien der Unternehmer: die Stadt immer weiter hineintreiben in Wachstum, Gewerbegebiete, Infrastruktur. Der Moloch München auf dem Weg zur Arbeit …

Juli 2001: Mangel an Luxuswohnungen? Bei einem Immobilienkongress in München äußerte der Vorstand der Baywobau AG, Volker Hofmann, es gäbe zwar eine Wohnungsnot bei niedrigpreisigem Wohnraum, aber auch bei hochpreisigen Wohnungen. Durch den Boom der New Economy kam viel neues Geld nach München, aber das Angebot von z. B. großen Wohnungen und Dachterrassenwohnungen sei zu gering. Hofmann äußerte zum Desinteresse der Unternehmer am Mietwohnungsbau: „Die schauen sich die Rentabilität an, dann geht der Daumen nach unten.“ – Der Geschäftsführer der Bayerischen Hausbau, Ernst Uhl, ergänzte, hier helfe auch eine Nachverdichtung nicht. – Raymund Trotz von der Immobilienabteilung der HVB sprach sich für den vermehrten Bau von Stadthäusern aus, um dieses höhere Segment anzubieten. – Lutz Behrend von Müller International Immobilien sah im Wohnungsmangel den einzigen beschränkenden Faktor für den Wirtschaftsaufschwung: Der Anteil der Mieten am Einkommen in München liege teilweise schon bei über 50 Prozent. Ein Grund der Verteuerung seien die stark gestiegenen Bodenpreise. Die Bayerische Hausbau bietet Eigentumswohnungen auf der Theresienhöhe von 6000 bis 11.000 DM für den Quadratmeter an: Die Preise würden aber noch weiter steigen. Dem Argument von Hofmann, die Stadt treibe die Grundstückspreise selbst mit hoch, entgegnete der Stadtdirektor für Entwicklungsplanung, Stephan Reiß-Schmidt, dass der Verkaufspreis von städtischem Grund an gesetzliche Vorgaben gebunden sei. [31]

August 2001: Ude attackiert die Umland-Gemeinden. Beim Treffen des Münchner Bündnisses für Wohnungsbau attackierte OB Christian Ude Teile des Umlands, die sich den Wohnungsanstrengungen entziehen würden. Im Landkreis München sei der Wohnungsbau stark rückläufig, obwohl laufend Unternehmen angesiedelt würden: Hier nannte er Unterföhring, Unterhaching und Unterbiberg. Der Wohnungsbau würde auf die Kernstadt München abgewälzt, aber auch die forcierte Ausweisung von Bauland in München könne den Mangel nicht lösen.
Ude warnte auch Versicherungsunternehmen vor dem Verkauf ihrer Immobilien. Dazu erklärte bei dem Treffen die Münchner Rück, sie wolle sich nicht vom gesamten Wohnungsbestand trennen; die Bayerische Versicherungskammer will ihn ganz behalten. Die Immobilienverwaltung der Deutschen Bahn bot 23 Hektar für etwa 1000 Wohnungen an. [32]

September 2001: Stadt München belegt Sozialwohnungen im Landkreis. Immer mehr Menschen warten im Landkreis München auf eine Sozialwohnung, und immer mehr Sozialwohnungen fallen gleichzeitig aus der Bindung. Der Verband bayerischer Wohnungsunternehmen (VdW) verzeichnete einen dreimal so hohen Verlust durch das Ende der Sozialbindung, als neu gebaut wird. 1999 gab es im Landkreis München noch 6193, im Jahr 2000 waren es 6124, aktuell sind es 6085. Das Landratsamt München Land hat für 1300 von ihnen ein Belegungsrecht. Die LH München belegt die Mehrheit, so z. B. 1780 Sozialwohnungen in Taufkirchen. [33]

Oktober 2001: Die Schulden der Stadt. Die Gewerbesteuer-Einnahmen gingen im Jahr 2000 zurück: 2002 wird München 529 Millionen Euro neue Schulden aufnehmen. OB Christian Ude nannte dies „besorgniserregend“, will aber dennoch am „größten kommunalen Wohnungsprogramm Deutschlands“ festhalten. Stadtkämmerer Klaus Jungfer (SPD) wollte die Investitionen von über 1,14 Milliarden Euro um 20 Prozent reduzieren und lehnte eine finanzielle Beteiligung der Stadt am Stadion-Neubau ab. [34]

Oktober 2001: Ude will Stadionneubau bezuschussen. OB Ude propagierte im Gegensatz zu seinem Kämmerer Klaus Jungfer einen Infrastruktur-Beitrag von bis zu 200 Millionen DM für den Stadion-Neubau, da hierdurch ein Konjunkturprogramm von 800 Millionen entstünde. 400 Millionen DM kämen von Bund und Land, 400 Millionen kämen von privaten Investoren. Gleichzeitig bat Ude die Münchner Bürger um ein Ja beim Bürgerentscheid über das Stadion am 21.10.2001. [34]

Oktober 2001: Naturschützer gegen Stadion-Neubau. Messechef Manfred Wutzlhofer trat bei einem Treffen von Experten für den Stadion-Neubau ein: Er kämpfte um das zentrale Medienzentrum der WM 2006 in Riem, das nur bei einem Stadion-Neubau nach München käme. Er erwartet dazu 2000 Journalisten und 15.000 Medientechniker. Befürworter waren (natürlich) die IHK München und Oberbayern, Bayerns DGB-Vorsitzender Fritz Schösser (der Bau „sichert 8000 bis 10.000 Arbeitsplätze“), Stadtbaurätin Christiane Thalgott und der Architekt Uwe Kiessler, der sich vor allem gegen den Umbau des Olympiastadions engagiert hatte. Gegen den Neubau war u. a. die Vizevorsitzende der Kreisgruppe des BN München, Ulrike Windsberger, die vor allem Lärm- und Lichtemissionen rügte und am Straßenbau durch die Fröttmaninger Heide Anstoß nahm. [35]

Oktober 2001: „Keine Lex München“. Kurt Bodewig (SPD) war von März 2000 bis Oktober 2002 Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen. Im SZ-Interview sagte Bodewig zu den hohen Mieten von 25 bis 30 DM pro Quadratmeter bei Neuvermietungen, das Angebot müsse erhöht werden. Deshalb müsse München private Investoren finden, die sowohl Miet- als auch Eigentumswohnungen bauen, damit sich der Markt normalisiert. Der Bund habe die Aufgabe, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen, deshalb werde auch die steuerliche Abschreibung für Mietwohnungen beibehalten. Die Bundesregierung fördere auch eigengenutzte Eigentumswohnungen und selbstgenutztes Wohneigentum als Altersvorsorge. 2001 wurden die Wohngeldausgaben um 15 Prozent erhöht, der soziale Wohnungsbau reformiert. Die Mittel für den sozialen Wohnungsbau seien nicht gekürzt, sondern mit 450 Millionen DM beibehalten worden. Auf die Gegenfrage der SZ, dass dies 1999 noch 600 Millionen DM waren, antwortete Bodewig ausweichend, der Haushalt 2002 (!) sei noch nicht beschlossen. Auch sei die Städtebauförderung aufgestockt worden und das Programm „Soziale Stadt“ habe 150 Millionen DM zusätzlich bekommen. Da der Münchner OB Christian Ude über steuerliche Benachteiligungen des Mietwohnungsbaus klagte (Abschreibung, Grunderwerbsteuer, Spekulationsfrist) und mit Bodewig darüber gesprochen hatte, äußerte dieser, er könne keine Lex München machen. [36] Bodewig erwähnte zu Recht auch den Leerstand von einer Million Wohnungen im Osten – und die Wohnungsnot in München.
Auch hier erhebt sich wieder die alte Frage: Warum holt München jede Firma fast um jeden Preis angeblich wegen der Gewerbesteuereinnahmen bei gleichzeitig irrwitzigen Kosten für die soziale und technische Infrastruktur in diesen Ballungsraum, oder um es mit dem früheren OB Georg Kronawitter zu benennen: in diesen „Dampfkessel“ – bis heute!

November 2001: Investoren am Altstadtring. Aus Wikipedia: „Der Münchner Altstadtring wurde bereits seit den 1940er-Jahren und verstärkt seit Mitte der 1960er-Jahre geplant. 1966 wehrten sich viele Bürger gegen das Vorhaben, den Altstadtring unter dem Prinz-Carl-Palais in einen Tunnel zu verlegen. Zentrum des Protestes war die Bürgerinitiative ‚Münchner Bauforum‘. Der Bau des Tunnels ließ sich zwar nicht verhindern, aber Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel griff die Idee des Bauforums auf und rief 1968 das ‚Münchner Diskussionsforum für Stadtentwicklungsfragen‘ ins Leben. Daraus entstand 1972 das noch heute bestehende ‚Münchner Forum‘ (Münchner Diskussionsforum für Entwicklungsfragen e.V.). Im Oktober 1968 wurde der Altstadtring Ost für den Verkehr freigegeben, und im Olympiajahr 1972 wurde der Altstadtring fertiggestellt.“ Seitdem gilt der Altstadtring als eine brutale Bausünde. Nun soll er (etwas) geheilt werden: durch die neue Staatskanzlei (mit ihr sicher nicht!), durch das Max-Planck-Institut, das Hofgarten-Palais (Marstallstraße 11, Bauherr Bayerische Immobilien AG der Schörghuber Gruppe), Münchner Hypothekenbank am Karl-Scharnagl-Ring 10. [37]

November 2001: Von der Hauptstadt der Bewegung zur Hauptstadt der Verdrängung. Prof. Winfried Nerdinger schildert in einem Aufsatz in der SZ die Bauten und Relikte des Nationalsozialismus in München und den verschämten und verlogenen Umgang damit in der jüngeren Stadtgeschichte. NS-Bauten wie der Kongressaal des Deutschen Museums, das Luftgaukommando, der Flughafen in Riem und die Reichsbank an der Ludwigstraße wurden exakt nach den alten NS-Plänen restauriert. Zeugnisse des Widerstands wurden heftig bekämpft. So legten im November 1980 2000 Rekruten auf dem vormals begrünten, von den Nazis gepflasterten Königsplatz im Beisein des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß das öffentliche Gelöbnis ab. Nerdinger sprach sich in seinem Beitrag für eine Dokumentationsstelle der NS-Zeit aus. [38]
Aus Wikipedia: „Von 2012 bis 2018 war Nerdinger Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums München. Er war 1988 Mitglied des Initiativkreises, das die Errichtung forderte, und leitete als Gründungsdirektor federführend die inhaltliche Ausgestaltung des am 30. April 2015 mit einem Festakt eröffneten Neubaus am Münchner Königsplatz.“

Dezember 2001: Zerstörung Schleißheimer Straße 92. Am 19.12.2001 wurde das Wohngebäude Schleißheimer Straße 92 geräumt und gesperrt. Die LBK hatte schwere Sicherheitsmängel im Treppenhaus moniert mit einer morschen Balkenkonstruktion. Dazu gab es einen Wasserrohrbruch. Das Haus ist nur mehr teilbewohnt. [39]

Fußnoten und Quellen

  1. Dürr, Alfred, Ärmel hoch für die Mieter!, in SZ 4.1.2001
  2. Hutter, Dominik, Deutliche Abfuhr für den Bürgerentscheid, in SZ 22.1.2001
  3. Näger, Doris, Die Bundeswehr zieht im großen Stil ab, in SZ 30.1.2001
  4. Warum Sozialwohnungen verschwinden, in SZ 5.2.2001
  5. Becker, Astrid, „Die Fünf Höfe“ halten Hof, in SZ 9.2.2001
  6. Holzamer, Hans-Herbert, München gilt unter Investoren als ein Markt mit Potenzial, in SZ 17.2.2001
  7. Kastner, Bernd, Angst vor dem Abstellgleis, in SZ 22.2.2001
  8. https://www.aurelis-real-estate.de/kommunen/referenzprojekte/referenzprojekte/muenchen-gleisharfe
  9. Höfl-Hielscher, Elisabeth, „Die Regierung belohnt Spekulanten“, in SZ 23.2.2001
  10. Neff, Berthold, Nutzung militärischer Areale soll Geringverdienern und Familien mit Kindern eine bezahlbare Bleibe schaffen, in SZ 26.2.2001
  11. Münster, Thomas, Ausverkauf der Wohnungen, in SZ 2.3.2001
  12. Stadion: Politiker und Planer unter Druck, in SZ 2.3.2001
  13. Berth, Felix, Jede Woche 500 neue Arbeitsplätze, in SZ 7.3.2001
  14. Jugendstil-Villa wird zum Denkmal, in SZ 20.3.2001
  15. Neuschäffer, Christoph, Mit dem Spaten zu neuen Taten, in SZ 23.3.2001
  16. Dürr, Alfred, Reihenhaus? Für Millionäre kein Problem, in SZ 24.3.2001
  17. Polaschek, Roswitha, Großer Mangel an günstigen Mietwohnungen, in SZ 26.3.2001
  18. Haas. Marianne E., „Wir können nicht viel falsch gemacht haben“, in SZ 28.3.2001
  19. Hummel, Manfred, Der bayerische Mieterbund beklagt fehlende Unterstützung durch die Bayerische Staatsregierung, in SZ 31.3.2001
  20. Dürr, Alfred, OB Ude: Die Vereine müssen neue Arena bezahlen, in SZ 2.4.2001
  21. Mieter am Petuelpark brauchen extra-Schutz, in SZ 21.4.2001
  22. Kronewiter, Thomas, Architektonischer Glücksfall oder Betonwüste? in SZ 3.5.2001
  23. Herwig, Oliver, „Wohnen ist Heimat“, in SZ 4.5.2001
  24. Etscheid, Georg, Es grünt so grün, wenn Stadtoasen blühen, in SZ 11.5.2001
  25. Haas, Marianne E., „München erstickt am Erfolg“, in SZ 19.5.2001
  26. Münster, Thomas, „München-Modell“ soll Investoren locken, in SZ 21.5.2001
  27. Herrmann, Gunnar, Staat soll Mieter schützen, in SZ 15.6.2001
  28. Dürr, Alfred, 7000 neue Wohnungen im Jahr, in SZ 21.6.2001
  29. Neff, Berthold, Die Stadt – ein großer Bio-Bauer, in SZ 25.6.2001
  30. Flucht aus Mietwohnungsbau, in SZ 7.7.2001
  31. Hammer, Martin, „Bodenpreise werden weiter steigen“, in SZ 11.7.2001
  32. Loerzer, Sen, „Wir brauchen ein Großstadtbündnis“, in SZ 3.8.2001; Hervorhebung WZ
  33. Czeguhn, Jutta, Lange Wartezeiten bei Sozialwohnungen, in SZ 1.9.2001
  34. Neff, Berthold, Der Schuldenberg der Stadt wächst weiter, in SZ 5.10.2001
  35. Bielicki, Jan, „Die Investitionen zahlen sich aus“, in SZ 13.10.2001
  36. Bielicki, Jan, Hoffmann, Andreas, „Ich kann keine Lex München machen“, in SZ 18.10.2001
  37. Dürr, Alfred, Der Altstadtring wird zum Schmuckstück, in SZ 17.11.2001
  38. Nerdinger, Winfried, München – Hauptstadt der Verdrängung, in SZ 17.11.2001
  39. Stadt evakuiert Haus wegen Einsturzgefahr, in SZ 20.12.2001
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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