Moloch München Eine Stadt wird verkauft

August 2022

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 9.9.2022

August 2022: Hartmannshofen – Freistaat zögert. Drei Objekte hat die staatliche bayerische Immobilienagentur IMBY in Hartmannshofen in Moosach im Juli 2022 gegen Höchstgebot aktuell ausgeschrieben. Für die Haldenbergstraße 12 (1100 qm Grund, 275 qm Wohnfläche möglich) bot eine Familie 1,2 Millionen Euro. Das reichte nicht. (Derzeit ist der Verkauf gestoppt.) Insgesamt gibt es in Hartmannshofen 350 staatliche Grundstücke und einen Leerstand von derzeit 29 Objekten. 17 Objekte sollen laut Bauminister Christian Bernreiter (CSU) verkauft werden. Der dortige MdL Benjamin Adjei (Grüne) beurteilte den Verkauf zu Höchstpreisen durch die Inby als „die schlechteste aller denkbarer Alternativen“. SPD-Fraktionsvorsitzender MdL Florian von Brunn forderte den Freistaat auf, gar keine Grundstücke mehr zu verkaufen, sondern z. B. diese Flächen der Stadt München für soziale Flächen zur Verfügung zu stellen. Zur Frage, warum der Freistaat die Grundstücke nicht weiter im Erbbaurecht vergibt, äußerte der Sprecher von Bernreiter, mit den Mitteln aus dem Verkauf sollen andere Grundstücke angekauft werden. [1]

August 2022: Hauptsache Masse (1): European Championship. Eröffnungsfest am 10.8.2022 mit 55.000 Besuchern. 177 Wettbewerbe und aktuell 250.000 Eintrittskarten. Das „Wahnsinnsevent“ (OB Dieter Reiter, SPD) kostet etwa 130 Millionen Euro. 100 Millionen Euro kommen von Bund, Land und Stadt; 30 Millionen Euro sollen durch den Ticketverkauf und Vermarktung hereinkommen: 450.000 Besucher werden erwartet. [2] – Und wieder erwischt es nach der IAA München 2021 den Königsplatz: temporäres Stadion mit 5000 Zuschauern für sieben Tage Beachvolleyball-Europameisterschaft plus Boulder-EM. Stadtrat Tobias Ruff (ÖDP) fand die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Anwohner „ärgerlich“; außerdem werde der Königsplatz „durchgewühlt“. [3]
Auf dem Königsplatz dürfte nun auch das zarte Grün nach den Brachialschäden der IAA München 2021 wieder gekillt worden sein. Und warum bleiben die Sportler der European Championship 2022 nicht da, wo sie hingehören – im Olympiapark? Weil mit der IAA 2021 München der kommerzielle Ausverkauf der historischen Plätze in München begonnen hat. Und er wird weitergehen.

August 2022: Hauptsache Masse (2): Andreas-Gabalier-Helene-Fischer-Robby-Williams-Konzerte. Das erste der drei von der Leutgeb Entertainment Group organisierte Konzert von Andreas Gabalier fand statt am Messegelände in Riem am Samstag, 6.8.2022: 90.000 Besucher, 150 Meter breite LED-Bühnenleinwand, 5000 Scheinwerfer und Lichtbahnen, 500 Sattelschlepper für die Ausrüstung. Die nächsten Groß-Events auf dem Messegelände folgen mit Helene Fischer (20.8.2022, ausverkauft mit 130.000 verkauften Tickets) und Robbie Williams (27.8.2022, knapp 100.000 verkaufte Tickets). Die Preise liegen zwischen 70 und 600 Euro. [4] – Das Gabalier-Konzert war also der „Erste Open-Air-Orgasmus auf der Messe Riem“. [5]
Nachtrag 29.8.2022: Tonträger bringen weniger Geld, also kommen seit geraumer Zeit Megakonzerte im Olympiastadion (etwa 60.000 Zuschauer) oder auf dem Messegelände Riem (drei Konzerte mit rund 300.000 Besuchern = 300.000 Tickets – plus Getränke und Verpflegung. Die Bühne war für die meisten Besucher nur schwer einsehbar: Im Platin-Bereich sah man noch gut, im Gold-Bereich schon weniger gut usw. Die tz und der Münchner Merkur berichteten beim Helene-Fischer-Konzert über fehlende Schweineschnitzel: Daraufhin bekamen beide Münchner Tageszeitungen von der Leutgeb Entertainment Group keine Akkreditierung für das Konzert von Robbie Williams. Veranstalter Klaus Leutgeb twitterte vor dem Konzert gegen „ein paar regionale und gesteuerte Schmierfink MEDIEN“: „Nur weiter so, ihr armen Neider.“ [6] – Später ruderte Leutgeb zurück. er entschuldige sich für den Entzug der Akkreditierungen, die aufgrund „der vielen Angriffe“ in den letzten Wochen erfolgt seien. Leutgeb habe „kein Problem mit Kritik“, allerdings mit „Unwahrheiten und Panikmache“. [7]
Nachtrag 30.8.2022: Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) nannte die drei Konzerte bezüglich Wirtschaft und Tourismus einen Erfolg und betonte das hohe Gut der Pressefreiheit. Die Messe München erklärte, im Fall des Entzugs der Akkreditierung für tz und Münchner Merkur keine Verantwortung zu tragen und äußerte sich nicht zur Vertragsdauer mit der Leutgeb Entertainment Group, geht aber von Konzerten im Jahr 2023 aus. OB Dieter Reiter (SPD) fand den Entzug der Akkreditierung „schwer nachvollziehbar“. Die Grünen im Stadtrat fanden den Entzug der Akkreditierung „ziemlich unsäglich“. Veranstalter Klaus Leutgeb nannte eine Wertschöpfungssumme von über 200 Millionen Euro und hatte ansonsten „keine Lust mehr, immer über negative Dinge zu reden“. Er sei im Übrigen auch für Pressefreiheit. [8]
Wie lange dauert es wohl, bis das Publikum bei solchen Megaevents merkt, dass es nur zahlendes Füllmittel ist und ansonsten die meisten Besucher vom Konzert gar nichts mitbekommen außer auf den digitalen Leinwänden?
Nachtrag 1.9.2022:
Grüne und Linke im Münchner Stadtrat fragten dort am 1.9.2022 an, wie die Vergabe der Gastronomie durch die Leutgeb Entertainment Group an die im April 2022 gegründete Firma Braincandy Solutions zustande gekommen und mit den Compliance-Regeln der Stadt in Übereinstimmung zu bringen sei. Geschäftsführer von Braincandy Solutions ist Tobias Fendt, der Kreisvorsitzende der Jungen Union im Münchner Südosten, als deren Berater fungierte der CSU-Stadtrat Thomas Schmid. Die Fraktionen der Grünen und der Linken fragen auch in diesem Zusammenhang nach der Rolle des Wirtschaftsreferenten Clemens Baumgärtner (CSU). CSU-Stadtrat Schmid habe zwar bei der Abstimmung über das Rammstein-Konzert nicht mitgestimmt, war aber auf einem Werbebanner der CSU-Fraktion für das Rammstein-Konzert zu sehen. Geschäftsführer Fendt schrieb, Braincandy Solutions sei „im Rahmen des Projektes“ der Leutgeb-Konzerte gegründet worden. Veranstalter Klaus Leutgeb berichtete von mehreren Bewerbern; der Zuschlag sei nicht aufgrund eines CSU-Parteibuchs erfolgt, und Baumgärtner wäre nicht in die Vergabe involviert gewesen. Baumgärtner schwärmte von den „drei großartigen Konzerten“ und erklärte ebenfalls, er habe mit der Vergabe an Braincandy Solutions nichts zu tun, ebenso wenig wie mit der CSU-Nachwuchsorganisation JU. [9]
Nachtrag 3.9.2022: Umbau U-Bahnhof Sendlinger durch Großkonzerte gefährdet.
Die SWM und die MVG bauen seit März 2017 am „Zukunftsbahnhof“ Sendlinger Tor; die Bauarbeiten sollten Mitte 2023 beendet sein. Nun befürchten die SWM eine Verschiebung auf Ende 2023 – durch Großveranstaltungen wie die drei Leutgeb-Konzerte, da an diesen Wochenenden der Betrieb nicht entsprechend eingeschränkt werden könne, Der Sprecher der MVG, Wolfgang Wellige, erklärte: „Wenn wir aber noch mal so ein Überraschungsei kriegen, dann gelingt das definitiv nicht.“ [10]
Wer in der Stadtverwaltung berechnet eigentlich, um wieviel Millionen Euro sich die weitere Verspätung der Inbetriebnahme des U-Bahnhofs Sendlinger Tor durch die Megakonzerte der Leutgeb Entertainment Group verteuert?

August 2022: Hauptsache Masse (3): Rammstein-Konzert. Im Münchner Stadtrat stimmten die Fraktionen von SPD, CSU und FDP dafür, für das Sylvester-Konzert 2022 von Rammstein die Theresienwiese zur Verfügung zu stellen; dagegen waren Grüne, ÖDP und Linke. Erwartet werden 145.000 Besucher. (Die Rechnung der Konzertveranstalter in etwa: 145.000 mal x Euro = x Millionen Euro.) SPD und CSU: München stünde so ein Großereignis „gut zu Gesicht“. SPD-Fraktionsvorsitzende Anne Hübner zufolge wolle München gern Großstadt, manchmal sogar Weltstadt sein: „München ist eine Weltstadt der Musik und soll das auch bleiben.“ [11] Für die Theresienwiese ist Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) zuständig, der auch den Antrag für das Großkonzert eingebracht hat. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Mona Fuchs, äußerte, die Beschlussvorlage von Baumgärtner habe sie „ratlos“ hinterlassen. Für die Themen Sicherheit und Verkehr habe Veranstalter Klaus Leutgeb von Leutgeb Entertainment Group nicht einmal die Idee eines Konzepts vorgelegt. Die Sicherheitsbehörden kritisierten ebenfalls das Riesen-Sylvesterkonzert von Rammstein an diesem sowieso schon überlasteten Abend. Veranstalter Klaus Leutgeb hatte auch das Gabalier-Konzert am 6.8.2022 organisiert und soll auch dem KVR kein zufriedenstellendes Sicherheitskonzept vorgelegt haben. Der Sprecher von Die Linke, Stephan Jagel, warf Baumgärtner vor, den Stadtrat zum „Hampelmann“ zu machen und bezichtigte ihn der „Spezlwirtschaft“ mit Veranstalter Leutgeb. Baumgärtner kündigte deswegen rechtliche Schritte gegen Jagel an. [12]
Der Streitfall mit Baumgärtner: 2022 findet das Winter-Tollwood zum 22. Mal auf der Theresienwiese statt: Die Verträge mit den Künstlern sind abgeschlossen, und der Vorverkauf läuft. Nun ist die Silvestergala mit Zirkustheaterproduktion und Tanz mit Swing-Musik neben dem Rammstein-Großevent nicht möglich, so die Tollwood-Festivalleitung. Der Verband der Münchner Kulturveranstalter (VdMK) beschwerte sich in einem Brief an die Stadt über Baumgärtner, der dem Grazer Leutgeb tatkräftige Unterstützung zukommen lasse: „Baumgärtner ist nicht der Wirtschaftsreferent von Graz, sondern immer noch von München.“ Der VdMK wollte ebenfalls Großkonzerte auf dem Gelände der Messe Riem, aber auch auf der Theresienwiese organisieren, sei aber von Baumgärtner an die Olympiapark München als „erste Wahl“ vermittelt worden. Es seien auch bis zu vier Konzerte mit Rammstein im Olympiapark im Juni 2023 fast vor dem Abschluss gestanden, als das Wirtschaftsreferat dieses unfixierte Konzert von Rammstein an Sylvester 2022 ankündigte. Baumgärtner habe Leutgeb im Gegensatz zu den Münchner Organisatoren bei den Projekten Messegelände und Theresienwiese unterstützt. Baumgärtner versicherte, er sei trotz der Vorwürfe „völlig entspannt“. [13]
Warum haben eigentlich die Lärm-geplagten Anwohner der Ludwigsvorstadt – Isarvorstadt und der Schwanthalerhöhe keine Fürsprecher im Stadtrat?
Veranstalter Leutgeb will nun ein Gespräch mit der Stadt, der Polizei und dem KVR führen. Dieses lehnte aber im Vorfeld eine gemeinsame Erarbeitung eines Sicherheitskonzeptes ab, da es schließlich die Genehmigungsbehörde sei. Polizei und KVR hatten in einer Stellungnahme dem Konzept für die drei Messe-Konzerte mit „erheblichen Defiziten“ beurteilt, und hierfür waren elf Monate Vorlauf möglich gewesen. [14]
Nachtrag 16.8.2022: Abgesagt. Die Pressemitteilung von der Leutgeb Entertainment Group war zwei Sätze lang: „Der Veranstalter und die Behörden haben sich einvernehmlich darauf verständigt, dass die verbleibende Zeit bis zum 31.12.2022 nicht ausreicht, um ein Konzert in dieser Größenordnung sicher durchführen zu können. Eine Veranstaltung muss für alle Beteiligten funktionieren, weshalb ich als Veranstalter aus Gründen der VERNUNFT entschieden habe, das geplante Vorhaben zu beenden.“ (Hervorhebungen im Original) [15]
Ein Alternativstandort für das Rammstein-Sylvesterkonzert 2022 soll mit dem Zollverein Essen im Gespräch sein: Sollte dort die Zeit ausreichender sein?
Im Münchner Rathaus zerstritten sich gerade diverse Fraktionen. Die grüne Kommunalreferentin Hanna Sammüller-Gradl wurde vom CSU-Fraktionsvorsitzenden Manuel Pretzl angegriffen, da sie keine Hilfe bei der Ausarbeitung des Sicherheitskonzepts angeboten habe („ein Stilbruch“). Die Grünen warfen der CSU eine „Instrumentalisierung“ des Konzepts vor. Die SPD war enttäuscht über die Absage, wollte aber keinen Schwarzen Peter verteilen [16]  
Nachtrag 19.8.2022:
Ein Sprecher von Rammstein erklärte am 18.8.202, dass es für das Sylvesterkonzert weder eine Zusage der Band noch einen Veranstaltungsvertrag gab. Der Fraktionschef der Grünen, Dominik Krause, bezweifelte am 18.8.2022 die Eignung von Clemens Baumgärtner für den Referenten-Posten und unterstellte ihm wiederholte „halbgare Informationen“. Der Fraktionschef von Die Linke, Stefan Jagel, äußerte, Baumgärtner habe den Stadtrat „veräppelt“. [17]
Nachtrag 20.8.2022:
Grüne und Linke im Münchner Stadtrat haben einen Katalog mit 20 Einzelfragen zur Vergabepraxis des Referats für Arbeit und Wirtschaft und der Rolle seines Referenten Clemens Baumgärtner (CSU) gestellt, u. a., nach welchen Kriterien dem Stadtrat die Theresienwiese als Konzertort vorgeschlagen wurde, obwohl bisher dort keine Großkonzerte stattfanden. Grünen-Fraktionsvorsitzender Dominik Krause fragte, ob Baumgärtner im Interesse der Stadt oder des Veranstalters Leutgeb agiert habe. [18]

August 2022: Hauptsache Masse (4): Oktoberfest 2022. Pressekonferenz von Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) am 4.8.2022: Beginn 11.07; Ende 11.29 (22 Minuten). Original-Ton Baumgärtner: „Allen voran: Als Wiesn-Chef ist man dafür zuständig, die Wiesn zu machen, nicht sie abzusagen. Deshalb ein ganz klares. Die Wiesn wird stattfinden!. (…) Wir haben uns viel mit der Frage beschäftigt, ob es die Möglichkeit gibt, zu kontrollieren (2G, 3G). Der Aufwand ist jedoch weder personell, noch finanziell noch technisch nicht möglich… Mir persönlich fehlt die Fantasie, welcher Zustand eintreten sollte, dass wir die Wiesn nicht feiern können.“ [19] Für Baumgärtner ist die Pandemie null Problem. Das wirtschaftliche Risiko würden Wirte und Schausteller tragen, nicht die Stadt. Der Stromerbrauch mache nur 0,6 Promille des Münchner Verbrauchs aus, der Gasverbrauch nur 0,1 Promille. [20]
Schau mer mal. Vielleicht wird das größte Volksfest der Welt (bis zu sieben Millionen Besucher) ja auch ein Super-Spreader, gegen den Ischgl 2020 ein harmloser Event war.

August 2022: Investor Kirche. In einem ausführlichen Artikel in der SZ werden deutschlandweite Immobilienanlagen der Katholischen Kirche bzw. ihrer hundertprozentigen kirchlichen Fondsgesellschaft Aachener Grundvermögen aus Köln aufgeführt. Das Annast-Haus am Odeonsplatz hatte die Aachener Grund   1987 für 13,5 Millionen DM gekauft und 2012 für 14,5 Millionen Euro an die Inka Service GmbH (Inselkammer-Gruppe) verkauft. Die Erzdiözese München und Freising ist Anteileigner der Aachener Grund und hält an zwei von 15 Fonds Anteile. In München betrifft dies aktuell u. a. die Immobilien Neuhauser Straße 45 und Schützenstraße 9. [21] In der Klarastraße 10 in Neuhausen investierte die katholische St.-Antonius-Stiftung 22,5 Millionen Euro in einen Neubau mit 50 Mietwohnungen. Die durchschnittlich geforderte Kaltmiete beträgt hier 23,40 Euro. Der BA Neuhausen-Nymphenburg hatte an die Stiftung appelliert, bezahlbaren Wohnraum anzubieten.[22] Der Stiftungsrat lehnte dies mit Verweis auf seine Stiftungszwecke ab: Nun werden neun der 50 Wohnungen für drei Jahre ukrainischen Flüchtlingen angeboten. [21]

August 2022: Modernisierungsstau. Eine Umfrage von YouGov im Auftrag der BHW bei 1023 Hausbesitzern, ergab, dass 31 Prozent Modernisierungen verschieben und neun Prozent gar nicht durchführen wollen. Dabei halten 36 Prozent es als dringend notwendig an, die Energieeffizienz ihrer Immobilie zu verbessern. Gründe sind u. a. auch der Mangel an Handwerkern. Befragt wurden Hausbesitzer, die ihre Immobilie selbst bewohnen. [23]

August 2022: 62 Bäume gefährdet. Die ehemalige Sportanlage der SWM an der Lauensteinstraße in Ramersdorf mit großen, alten Bäumen soll mit einem Betriebshof für Trambahnen überbaut werden. Bis zu 62 große alte Bäume müssten „aus Platzgründen“ gefällt werden, so ein Sprecher der SWM: Die Baumschutzverordnung greife auf dem betroffenen Teil des Grundstücks nicht. [24]

August 2022: Noch mehr Wachstum geplant. In der Allianz für München haben sich etwa 100 Unternehmen vereint, um entgegen dem negativen Trend eine positive Position zu markieren, Einer der Sprecher, Daniel Schreyer von der Immobilien-Lobbyfirma Hendricks & Schwartz, äußerte: „“Fortschritts- und Wachstumskritik prägen die Diskussion über die Entwicklung Münchens“: Deshalb träte die Allianz  für München dafür ein, dass sich weiterhin in München gerne Unternehmen ansiedeln, gründen und erweitern“. Dies sei ohne Ausweisung neuer Gewerbeflächen nicht möglich. Weitere Mitgliedsfirmen sind u. a. Ludwig Beck AG, Käfer AG, BHB Bauunternehmung, die Bank Donner und Reuschel. [25] Zur Webseite hier
Merkwürdigerweise ist auf der Webseite kein Hinweis auf die mitwirkenden Unternehmen zu finden.

August 2022: Geprellte Immobilienkäufer. An der Kornwegerstraße 34 in Hadern waren zehn Mietwohnungen von der Juki Immobilien GmbH, Königsbrunn (vorher Tri-SignaLiving 1 GmbH, Grünwald) geplant. Die Geschäftsführer Jürgen Kiefer und sein Sohn Julian Kiefer planten außerdem u. a. eine Eigentumswohnanlage mit zehn Einheiten an der Südlichen Auffahrtsallee 29 in Nymphenburg. Thomas Delamotte und seine Frau unterschrieben einen Kaufvertrag für eine 90 qm-Wohnung mit TG-Stellplatz für 890.000 Euro in der Kornwegerstraße 34; inzwischen hat er über 600.000 Euro überwiesen. (Unterlagen zum Bauprojekt Kornwegerstraße 34: hier) Die Wohnung sollte im April 2020 fertiggestellt sein. Da für die Wohnung keine Aussicht auf Fertigstellung bestand, hat Familie Delamotte 2021 den Bauträger verklagt. Geschäftsführer Kiefer verpflichtete sich im August 2021 in einem Vergleich, rund 30.000 Euro als Nutzungsentschädigung und Zinskosten zu überweisen, die spätestens am 31.12.2021 zu zahlen waren. Im Februar 2022 warteten die Delamottes immer noch und bemühten erneut ihren Anwalt. Nun lag die vereinbarte Summe bei 52.000 Euro: Auch dieses Geld wurde nicht überwiesen. Laut einem Gutachten vom TÜV Süd vom Juni 2022 ist das Bauprojekt und die Wohnung der Delamottes „nicht annähernd in einem abnahmefähigen Zustand“. [26]

August 2022: Nachverdichtung in Solln befürchtet. An der Muttenthalerstraße 31 im Hinteren Eichfeld befindet sich seit über 50 Jahren der Reitverein Corona. Eine Erbengemeinschaft will das Gelände verkaufen; ein Preis von 3,5 Millionen Euro steht im Raum. Die Stadt möchte hier ein „Außenbereichsvorkaufsrecht“ ausüben und auch benachbarte Grundstücke mit einbeziehen: Von 2000 Wohneinheiten ist die Rede. Der BA 19 hat sich gegen diese massive Nachverdichtung ausgesprochen. Auch eine Verlängerung der Drygalski-Allee bis zur Muttenthalerstraße lehnte er ab. [27]

August 2022: Verdrängung in der Sendlinger Straße. Man kommt gar nicht mehr hinterher beim Auflisten, welche alteingesessenen Unternehmen in den letzten fünf Jahren die Sendlinger Straße verlassen haben – und welche Ladenketten kamen. Nun hat es Ringlers Grill auf Nr. 45 nach zehn Jahren erwischt: Ende August 2022 läuft sein Mietvertrag auss. Für die 55 qm musste er eine fünfstellige Monatsmiete an die Meag, eine Tochter der Munich Re, überweisen. Auch die Nachbarn Jeans Kaltenbach, Kadoh und Mucom mussten gehen. In der Nr. 45 stehen nun Erdgeschoss und erster Stock zum Großteil leer. Von der Meag gab es keinen Kommentar, aber eine bezeichnende Aussage: „Die Situation im Erdgeschoß dieser Adresse gibt uns die Gelegenheit, über die Flächen ganzheitlich neu nachzudenken.“ [28]

August 2022: Der nächste Wohnblock in Gefahr. Der Bauprojektentwickler Herecon hat Anfang 2022 die Schwabinger Wohngebäude Farinellistraße 10 und 12 sowie Friedrich-Loy-Straße 1 gekauft und bei der LBK einen Vorbescheid beantragt. Dazu hat er den Bezirksausschuss Schwabing – West über die Baupläne informiert. Die  Gebäude sollen aufgestockt und acht neue Wohneinheiten geschaffen werden. Ein niedriges Gebäude und Garagen im Innenhof sollen abgerissen werden für einen Neubau mit vier oder fünf Wohnungen. Dort soll auch eine Tiefgarage gebaut werden. Der BA Schwabing – West war einstimmig für das Projekt. [29] – Die Wohngebäude waren im Eigentum einer Familie, die auch dort wohnte. Diese verkaufte Anfang 2022 die Immobilien an die Herecon-Unternehmensgruppe aus Bernau am Chiemsee und zog gegen einen sechsstelligen Betrag dort aus. Die Häuser liegen gerade außerhalb des Erhaltungssatzungsgebiets am Hohenzollernplatz. Die Tiefgarage im begrünten Innenhof würde die Fällung zahlreicher großer Bäume bedeuten. Mietern zufolge solle durch Baustellenlärm und dem damit einhergehenden Schmutz eine systematische Entmietung erfolgen. (Vgl.: Karree Schleißheimer Straße) Vorausgesetzt, die LBK stimmt zu, soll das Bauprojekt bis 2025 fertiggestellt sein. Herecon zufolge müssen 750.000 Euro für dringende Sanierungsmaßnahmen in die Haustechnik investiert werden, die nicht auf die Mieter umgelegt werden sollen. (Die Erneuerung der Haustechnik kann im Allgemeinen nicht auf Mieter umgelegt werden; WZ) Drei Mietparteien hat Herecon je 10.000 Euro für den Auszug gezahlt und den Umzug übernommen. Bereits Anfang 2022, also kurz nach dem Erwerb, hatte Herecon der Stadtsparkasse einen Vertriebsauftrag erteilt. Noch vermietete Wohnungen tauchten auf der Verkaufswebseite der Sparkasse auf – und verschwanden alsbald wieder. Neu hinzu kam eine sanierte Drei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock mit rund 82 qm für fast 1,2 Millionen Euro (in etwa 15.000 Euro pro qm): Auch diese Annonce verschwand wieder. Laut Herecon-Geschäftsführerin Dr. Lea Finckh sollte damit nur der Markt ausgetestet werden. Finckh sprach im Übrigen von einer unverständlichen „Hetzkampagne“: „Wir sind keine Heuschrecke, wir sind aus der Region Bernau am Chiemsee.“ [30]
Und schon hat die LBK genehmigt: Die drei Wohngebäude dürfen aufgestockt werden, da dies planungsrechtlich zulässig sei. Der Bau der Tiefgarage wurde dagegen aus Gründen des Baumschutzes und der höheren Versiegelung abgelehnt. [31]

August 2022: Zeitenwende bei den Preisen? Immoscout24 hat 312 deutsche Städte und Landkreise über 100.000 Einwohnern ausgewertet, die am 18.8.2022 veröffentlicht wurde. In München sanken die Preise seit Anfang 2022 um sieben Prozent bei Eigentumswohnungen (bundesweit: minus 6,2 Prozent) und 3,1 Prozent bei Einfamilienhäusern (bundesweit: minus 4,8 Prozent). [32]

August 2022: München zweitteuerste Stadt in Europa. Die Unternehmensberatung Deloitte hat Daten von 68 europäischen Großstädten in 23 europäischen Ländern ausgewertet. Wohnimmobilien sind am teuersten in Paris (mit 13.462 Euro/qm), dann folgen München (10.500 Euro/qm), dann folgen London, Oslo und Frankfurt (mit rund 8400 Euro/qm). In Hamburg waren es 6900 Euro/q, in Berlin 6500 Euro/qm. Bei den Mieten führte ebenfalls Paris (29,10 Euro/qm), dann folgten Oslo, London und Amsterdam. München lag hier auf Platz 10 mit 18,90 Euro, Frankfurt bei 15,90, Berlin bei 14,30 und Hamburg bei 13,60. [33]Stephan Kippes vom IVD wies darauf hin, dass Zürich in der Deloitte-Studie nicht vorkommt (mit 14.674 Euro pro qm Kaufpreis bzw. rund 35 Euro Miete pro qm). [34]
Dazu gleich ein kleiner Ausflug nach Paris: Ein algerischer Kellner muss für ein 4,7 qm großes „Apartment“ 550 Euro Miete bezahlen. Seine Vermieterin hatte in den Mietvertrag der feuchten Kleinstbehausung die Summe von 24 KUBIKMETER geschrieben, das Doppelte der tatsächlichen Größe. In Paris gibt es rund 58.000 frühere Dienstbotenzimmer mit unter acht Quadratmetern, die vermietet werden. Dies beweise die Pariser Wohnungsnot, äußerte der Verein Recht auf Wohnen (DAL, Droit au logement). [35]

August 2022: Die Energiepreise steigen und steigen. Eine Megawattstunde Erdgas hatte Anfang 2021 um die 19 Euro gekostet; Anfang 2022 lag sie bei 80 Euro. Nun kostet sie um die 300 Euro. Der Ausfall der russischen Gaslieferungen zwingt die Versorger, teuren Ersatz anderswo einzukaufen. Jürgen Rastätter vom Mieterverein München warnt deshalb die Mieter, dass sich bei der neuen Nebenkostenabrechnung „die Kosten für Heizung und Warmwasser im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um rund 50 Prozent erhöht haben“ – und dies sei erst der Anfang. Deutschlands größter Vermieter Vonovia hat in München über 5500 Wohnungen und rät seinen Mietern, die Vorauszahlungen für die Nebenkosten „eigenverantwortlich“ anzupassen“. Vonovia ist wie der Mieterverein dafür, dass ein befristeter Kündigungsschutz für Mieter gilt, die ihre Warmmiete nicht mehr bezahlen können. Auch die Münchner GWG rechnet mit „einer signifikanten Erhöhung der Energiekosten“. Der GdW sagt Preissteigerungen für Energieträger zwischen 70 und 200 Prozent voraus: Das würde für einen Single-Haushalt zwischen 1000 und 2700 Euro Mehrbelastung bedeuten, für einen Zwei-Personenhaushalt 1400 bis 3800 Euro. [36]

August 2022: Kustermannpark wieder bedroht. Rückblick vom Juli 2017: Klammheimlich hatte sich die Bayerische Hausbau angeschlichen und das Areal des Kustermannparks vermessen und Bäume markieren lassen. Eine Anwohnerin hatte OB Dieter Reiter bei einer Bürgersprechstunde am 27.4.2017 darauf angesprochen. Dann kam heraus, dass die Bayerische Hausbau (vermutlich mit dem Totschlagargument Wohnungsbau) einen Teil des Parks für Neubauten an der Rosenheimer Straße als „Nachverdichtung“ ausersehen hatte und in einer Vorstudie den Bau von 250 Wohnungen für machbar hielt. Auf einer Sondersitzung der WEG wollte die Bayerische Hausbau hierfür die Zustimmung der WEG erhalten und im Gegenzug die Eigentumsrechte am verbliebenen Rest-Park abtreten. Von den bisherigen 27000 Quadratmetern wären so 10.000 an die Bayerische Hausbau übergegangen. Das konnte die Stadt verhindern. [37]
Inzwischen wurde der kleine Park als „Biotop M-188“ in der Münchner Biotopkartierung eingetragen. Aber nun ist der Kustermannpark erneut bedroht, diesmal durch ein Straßenbauprojekt des Mobilitätsreferats. Eine neue Trambahnlinie soll vom Deutschen Museum an der Rosenheimer Straße nach Ramersdorf und Neuperlach fahren. Für die drei Kilometer an der Rosenheimerstraße ist keine Voruntersuchung geplant, da laut Mobilitätsreferat „die Linienführung eindeutig ist“. Die Rosenheimer Straße müsste verbreitet werden. Auf der nördlichen Seite stehen Bürogebäude, somit wäre die südliche Seite mit dem Kustermannpark betroffen. Mitte 2023 sollen die Pläne fertig sein. [38]

August 2022: Abriss in der Perusastraße. Anwesen Nr. 7 wurde in den 1970-er Jahren gebaut und ist völlig intakt; nun wird es abgerissen. Zum 31.7.2022 mussten die Mieter ausziehen, u. a. das Schuhhaus Thomas, nach 43 Jahren. Das Immobilienimperium von Finck hat weiträumige Pläne von der Residenzstraße bis zur Perusastraße. [39]

Fußnoten und Quellen

  1. Krass, Sebastian, Der Freistaat will Kasse machen, in SZ 2.8.2022
  2. Mölter, Joachim, Gut bedacht, in SZ 10.8.2022
  3. Effern, Heiner, Wettkampf um die besten Plätze, in SZ 13.8.2022
  4. Zirnstein, Michael, „Wir haben den Drachen aus  dem Käfig gelassen“, in sueddeutsche.de 1.8.2022
  5. Zirnstein, Michael, Selbstberauscht, in SZ 8.8.2022
  6. Wagner, Dirk, „… und die würden es nicht einmal sehen“, in SZ 29.8.2022
  7. Veranstalter entschuldigt sich bei „tz“ und „Münchner Merkur“  für entzogene Akkreditierungen, in spiegel.de 29.8.2022
  8. Hoben, Anna, Wagner, Dirk, Misstöne nach Mega-Konzerten, in SZ 30.8.2022
  9. Hoben, Anna, Jetzt geht es um die Wurst, in SZ 1.9.2022
  10. Schubert, Andreas, Mega-Konzerte bremsen Umbau des U-Bahnhofs Sendlinger Tor aus, in SZ 3.9.2022) – Es kommen aber gleich mehrere dieser „Überraschungseier“ auf die MVG zu. Veranstalter Klaus Leutgeb informierte über weitere Großveranstaltungen auf dem Messegelände in den nächsten Jahren; er habe sich das Recht gesichert, dort Konzerte und Festivals zu veranstalten. Die Messe Riem hatte bisher nur erklärt, dass dort 2023 weitere Konzerte stattfinden würden. ((Leutgeb plant weitere Großkonzerte, in SZ 3.9.2022
  11. Effern, Heiner, Rathaus-Mehrheit für Rammstein-Konzert, in SZ 9.8.2022
  12. Effern, Heiner, Bühne frei für Rammstein, in SZ 11.8.2022
  13. Effern, Heiner, Zirnstein, Michael, Feuer unterm Dach, in SZ 10.8.2022
  14. Prüfen, nicht beraten, in SZ 13.8.2022
  15. Silvesterkonzert von Rammstein auf der Münchner Theresienwiese abgesagt, in spiegel.de 16.8.2022
  16. Effern, Heiner, Rammstein-Konzert auf der Theresienwiese abgesagt, in SZ 17.8.2022
  17. Rammstein hatte nie zugesagt, in SZ 19.8.2022
  18. Hoben, Anna, Rumoren um Rammstein, in SZ 20.8.2022
  19. Sauter-Orengo, Lucas, Oktoberfest 2022: Corona, Energiekrise und Co.? Wiesn-Chef sorgt auf PK für Klarheit, in tz.de 5.8.2022
  20. Kotteder, Franz, „Die Wiesn wird stattfinden“, in SZ 5.8.2022
  21. Steinbacher, Ulrike, Stabile Grundwerte, in SZ 3.8.2022
  22. Löschau, Ursula, „Schlag ins Gesicht“ – Neuhauser BA stellt hohe Mieten von kirchlicher Stiftung an den Pranger, in tz.de 9.2.2022
  23. Hausbesitzer knausern mit Modernisierungen, in spiegel.de 5.8.2022
  24. Limmer, Julian, Der Grün-Gau, in tz.de 8.8.2022
  25. Hoffmann, Catherine, Allianz für Wachstum, in SZ 9.8.2022
  26. Krass, Sebastian, Wenn der Hausbau zum Albtraum wird, in SZ 10.8.2022
  27. Wolfram, Jürgen, Bestandsschutz für Reiterhof gefordert, in SZ 12.8.2022
  28. Hoffmann, Catherine, Und raus bist du, in SZ 13.8.2022
  29. Fischer, Kassandra, Dachaufstockung an der Farinelli-/Friedrich-Loy-straße – auch Tiefgarage und Rückgebäude geplant, in tz.de 16.6.2022
  30. Draxel, Ellen, Kaum gekauft, schon wieder angeboten, in SZ 17.8.2022
  31. Wohnanlage wird aufgestockt, in SZ 29.8.2022
  32. Krass, Sebastian, Signale für eine Trendwende, in SZ 19.8.2022
  33. Immobilienpreise: München ist jetzt teurer als London, in spiegel.de 26.8.2022
  34. Schubert, Andreas, München schlägt London, in SZ 27.8.2022
  35. 550 Euro Miete für 4,7 Quadratmeter – Paris geht gegen Vermieterin vor, in spiegel.de 24.8.2022
  36. Hoffmann, Catherine, So teuer wird das Heizen, in SZ 26.8.2022
  37. Neff, Berthold, Machtwort, in SZ 16.6.2017
  38. Steinbacher, Ulrike, Einmal gerettet – und schon wieder gefährdet, in SZ 29.8.2022
  39. Kramer, Lea, Monopoly an der Perusastraße, in SZ 31.8.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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