Moloch München Eine Stadt wird verkauft

2008

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 4.7.2022

Januar 2008: Neubauten in Neuperlach. Auf zehn Hektar bisheriger Brachfläche an der Carl-Wery-Straße am U- und S-Bahnhof Neuperlach-Süd sind Bürogebäude mit etwa 25.000 Quadratmetern geplant. Die Moll Areal GmbH & Co. KG hatte im September 2007 ein Gutachterverfahren ausgeschrieben. In einem ersten Wohnabschnitt werden dort auch 140 Wohneinheiten mit Kindergarten gebaut (mit 50 Prozent freifinanzierten Wohnungen, 30 Prozent als geförderte Mietwohnungen und 20 Prozent Anteil des „München Modells“. (Zur aktuellen Fassung 2021: ) Im zweiten Bauabschnitt kommen 220 Wohnungen hinzu, weitere Büroflächen und ein Gartenfachmarkt. [1]

Januar 2008: Hohe Gewerbeimmobilien-Mieten im Zentrum. Im Jahr 2007 gab es in München einen Boom für Gewerbeimmobilien. Verkauft wurden die großen Objekte Telekom-Center, die Maximilianshöfe, das Agfa-Areal und die Konzernzentrale des Süddeutschen Verlages. Durch die US-Bankenkrise 2008 schwächte sich die Situation ab. Der IVD Süd gab für Büroräume in der Innenstadt aktuell eine Miete von 26 bis 30 Euro pro qm an. Die Ladenmieten konnten zentral 50 Euro pro qm und mehr betragen. Die Mieten sanken im Abstand zum Zentrum. Es werden angesichts gestiegener Mieten weitere Investitionen von Anlegern in den Bau von neuen Wohnungen erwartet. [2]

März 2008: MGS sieht Erfolgsbilanz. Die städtische GWG besitzt 94 Prozent an der Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung. Deren Ziel ist u. a. die Modernisierung von Altbauten. Die GWG hat im Westend 720 Wohnungen renoviert oder neu gebaut, 150 Kleinbetriebe zogen in Gewerbehöfe um, Grün- und Spielflächen wurden angelegt und 660 neue Tiefgaragenplätze geschaffen. Weitere Sanierungsobjekte sind aktuell die Landsberger Straße 45/47 und 55, die Westendstraße 68/70 und 74, Schießstattstraße 20/22. [3]

März 2008: Kasernen- zu Wohnflächen. Die Panzerwiese/Nordhaide, die Bayern-Kaserne an der Heidemannstraße, die Prinz-Eugen-Kaserne an der Cosimastraße, die Funkkaserne an der Domagkstraße, die Stetten-Kaserne und die Waldmann-Kaserne in Schwabing: Geschichte. Auf den ehemaligen Militärflächen entstanden und entstehen künftige Wohnquartiere unter der Direktive der LH München. [4]

April 2008: Es wird eng. Alexander Hofmann, Geschäftsführer der Baywobau, äußerte auf der Messe Eigentum & Wohnen: „Es wird sehr eng zugehen in München, wir können nicht mehr günstiger bauen.“ [5]

April 2008: Bericht des Gutachterausschusses. Im Jahresbericht vom „Gutachterausschuss für Grundstückswerte im Bereich der Landeshauptstadt München“ für 2007 wird ein Gesamtumsatz von rund acht Milliarden Euro angegeben. Bei Neubau-Eigentumswohnungen lag der Durchschnittspreis für 80 Quadratmeter bei 2550 Euro pro Quadratmeter. Die Kommunalreferentin Gabriele Friedrich (Grüne) sieht weiterhin einen Spitzenplatz für den Immobilienmarkt Münchens, „der zentralen Wunschstadt in Deutschland“. [6]

Mai 2008: Mehrjähriger Münchner Investitionsplan. Im Rahmen des Mehrjahresinvestitionsplans (MIP) 2008 bis 2012 will München bei anhaltender Konjunktur die Schulden von 2,9 auf 1,6 Milliarden Euro reduzieren. Die Gewerbesteuer belief sich 2007 auf 1,83 Milliarden Euro. Drei Milliarden Euro sollen in die Infrastruktur investiert werden: vor allem in Schulen, 5000 Plätze in Kindertagesstätten, 2000 Hortplätze und 2000 Krippenplätze (781 Millionen Euro). In den sozialen Wohnungsbau sollen 462 Millionen Euro fließen.
[7]
Da hilft eine sprudelnde Gewerbesteuer auch nicht, wenn durch den Zuzug von immer mehr Unternehmen, Gewerbebetrieben und Menschen die Kosten für die Infrastruktur immer höher steigen. Dieser Prozess läuft bis heute so. Eine immer weitere Ansiedlung von Arbeitsplätzen erhöht die Nachfrage nach Wohnraum, Kitas, Schulen, Mobilität und Verkehrsmitteln, sozialer und technischer Infrastruktur – bis hin zu Friedhöfen!

Mai 2008: Höhere Gehälter für Stadtwerke-Manager. SWM-Chef Kurt Mühlhäuser bekam2007 an Grundgehalt plus erfolgsabhängiger Zulage 314.000 Euro, 2008 werden es rund 400.000 Euro. Florian Bieberbach (Kaufmännischer Direktor), Herbert König (Verkehr), Stephan Schwarz (Versorgung) und Reinhard Büttner (Personal und Soziales) werden 2008 ein Fixgehalt von 215.000 Euro und eine erfolgsabhängige Zulage (2006: 80.000 Euro) erhalten. [8]

Mai 2008: Messe noch größer. Laut Geschäftsführer der Neuen Messe Riem, Manfred Wutzlhofer, seien die Kapazitätsgrenzen der vor zehn Jahren eröffneten Messe Riem bald erreicht. Der Ausbau von 140.000 auf 180.000 Quadratmeter Hallenfläche war erfolgt; man könne maximal auf 200.000 Quadratmeter ausbauen; das Freigelände hat 255.000 Quadratmeter. Der Messeplatz München sei gefragt: „München ist eine Wachstumsregion.“ Die Messe München betreibt zusammen mit Düsseldorf und Hannover ein Joint Venture mit Shanghai und hat dort ein Messegelände mit 200.000 Quadratmeter Hallen- und 100.000 Quadratmeter Freifläche organisiert. [9]

Juni 2008: Nordrhein-Westfalen verkauft 93.000 Wohnungen. Die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) verkauft ihre 93.000 Wohnungen (mit etwa 280.000 Mietern) an den US-Immobilienfonds Whitehall, ein Unternehmen von Goldman Sachs, für 3,4 Milliarden Euro (36.560 Euro pro Wohnung). NRW-Finanzminister Helmut Linssen (CDU) lobte den hohen Kaufpreis und die Sozialcharta. Whitehall hatte 2004 auch 65.000 Wohnungen vom Land Berlin gekauft. Ein Aktionsbündnis „Zukunft der LEG“ hatte über 60.000 Unterschriften gegen den Verkauf gesammelt. Der Vorsitzende des Düsseldorfer Mietvereins, Hans-Joachim Witzke, nannte Berlin als Beispiel, wie Whitehall mit Immobilien verfahre: möglichst hohe Einnahmen behalten, kaum Investitionen. Whitehall wolle pro Jahr und Quadratmeter 12,50 Euro investieren, nötig seien aber um die 20 Euro. Der Präsident des Deutschen Mieterbundes, Franz-Georg Rips, nannte Whitehall „eine rein renditeorientierte Heuschrecke“. Außerdem habe die NRW-Regierung die wirtschaftliche Situation der LEG bewusst ungünstig dargestellt: Die LEG-Bilanz für 2007 sei längst fertig und falle gut aus. [10]
Die größten Wohnungsverkäufe in Deutschland:
(1)Verkäufer: Viterra (Eon), Käufer: Deutsche Annington (jetzt: Vonovia)/Terra Firma, Anzahl: 138.000. (2) LEG (NRW), Whitehall, 93.000. (3) GAGFAH (BfA), Fortress (Deutsche Annington/Vonovia), 82.000. (4) GSW (Berlin), Cerberus/Whitehall, 66.000. (5) Thyssen-Krupp, Corpus/Morgan Stanley, 48.000. (6) WoBa (Stadt Dresden), Fortress, 48.000. (7)  WCM Immobilien, Blackstone, 31.000. (8) Nileg (NordLB), Fortress, 29.000. (9) Baubecon (BGAG), Cerberus, 23.000. [10]

Juli 2008: Mieten steigen weiter. Der neue Marktbericht des IVD nennt als Quadratmeterpreis für Altbauten 12,50 Euro, für Neubauten 12,70 Euro. Ein Grund war auch das knappe Angebot. 2007 kamen nur etwa 4200 Wohnungen auf den Markt, 42 Prozent weniger als 2006. Prognose des IVD: „Die Mieten werden weiter steigen.“ [11]

August 2008: Halbjahresbericht vom Gutachterausschuss. Der Flächenumsatz bei Bürogrundstücken ging im 1. Halbjahr um ein Viertel zurück der Geldumsatz um 85 Prozent. Der Verkauf von Büro- und Geschäftshäusern war stark rückläufig. 82 Mietshäuser wurde verkauft (2007: 96). Sechs Prozent weniger Eigentumswohnungen als im ersten Halbjahr 2007 wurden verkuft. [12]

August 2008: Wohnraum fehlt. Das bayerische Innenministerium prognostiziert, dass bis 2025 etwa 265.000 Wohnungen im Großraum München fehlen werden. In München selbst wurden 2007 rund 4500 Wohnungen fertig: Ziel waren 7000 Wohnungen. Der Wohnungsbau lohnt sich laut IVD nicht mehr: Es herrscht ein Mangel an Baugrundstücken nicht nur in München, sondern auch im Umland. Dazu kamen der Wegfall der Eigenheimzulage, gestrichene Abschreibungsmöglichkeiten für Investoren und eine mieterfreundliche Rechtsprechung. Die Wohnbevölkerung Münchens stieg von 1,25 Millionen im Jahr 2000 auf 1,35 Millionen im Jahr 2007, die Zahl der Wohnungen im gleichen Zeitraum von 701.553 auf 738.917. [13]

August 2008: Prognose aus Berlin. Das Empirica-Institut berechnete für München einen Bedarf von 265.000 Wohnungen bis 2025. Die bisherige (selten erreichte) Marke von 7000 Neubauwohnungen pro Jahr müsste auf 15.000 steigen. Dagegen rechnet das Planungsreferat mit einem Zuwachs von 67.000 Bewohnern bis 2025 – und mit freien Flächen für den Bau von insgesamt noch rund 60.000 Wohnungen. Hinzu kommen erschwerend die hohen Grundstückspreise. Um den Bedarf an raren Sozialwohnungen zu decken, wird die LH München zunehmend Belegrechte ankaufen: 2008 wurden die Rechte für 80 Wohnungen gekauft. [14]

August 2008: Erste Warnung vor GBW-AG-Verkauf. MdL Heinz Kaiser (SPD) informierte, dass die durch den Kauf der Hypo Alpe Adria Group u. a. in finanziellen Schwierigkeiten steckende Bayerische Landesbank (BayernLB) seit 2007 einen Käufer für ihre Wohnungsbau-Tochter GBW AG sucht. Im August 2007 wurde das Vorhaben wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage erst einmal gestoppt. Die BayernLB hält 92 Prozent an der GBW AG. Diese hatte 2008 einen Börsenwert von rund 800 Millionen Euro und besaß etwa 32.000 Wohnungen. Der BayernLB-Vorstand Rudolf Harnisch äußerte gegenüber Kaiser, dass ein Verkauf „jetzt und auf absehbare Zeit“ nicht mehr geplant sei. Ein Verkauf könne aber nicht restlos ausgeschlossen werden. Kaiser erinnerte die BayernLB an die wichtige Aufgabe der GBW AG, preiswerten Wohnraum zur Verfügung zu stellen und forderte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf, einem Verkauf nicht zuzustimmen. Herrmann erwiderte daraufhin, er unterstütze die Position von BayernLB-Vorstand Harnisch. [15]
Vgl. GBW AG, Patrizia AG

September 2008: „Isargärten Thalkirchen“. Der unter Denkmalschutz stehende Thalkirchner Bahnhof an der Schäftlarnstraße 9 in Sendling wurde 1964 stillgelegt. Nun wird das 45.000 Quadratmeter große Gelände am Bahnhof vom Investor Vivico Real Estate bebaut: mit elf Wohngebäuden und einem Wohn- und Geschäftshaus. 25 Sozialwohnungen sind geplant und neun geförderte Wohnungen nach dem München Modell. 82 Eigentumswohnungen sollen mit Bezug 2010 angeboten werden: Der Quadratmeter kostet zwischen 3500 und 7000 Euro. [16]

September 2008: Heimliche Luxuswohnungen der Gewofag. Das von der städtischen Münchenstift Altenheim Haus Heilig Geist am Dom-Pedro-Platz in Gern (im Besitz der Heiliggeistspital-Stiftung) aus dem Jahr 1907 musste saniert werden, laut dessen damaligen Geschäftsführer Gerd Peter für 28,4 Millionen Euro. Die sollen durch den Immobiliendeals mit der städtischen Wohnbaugesellschaft Gewofag hereinkommen: Zur Finanzierung wurden Gebäude und Grund verkauft. Vor der Sanierung lebten 320 Senioren und Seniorinnen im Altenheim. Nach dem Umbau sind es nur noch 235.
Laut Bautafeln an der Taxis- und der Hanebergstraße hat die Bauwerk Capital GmbH & Co. KG aus München mit dem Projekt Gern 64 eine luxuriöse Eigentumswohnanlage mit insgesamt 196 Wohnungen geplant. Bauherrin der gesamten Wohnanlage war aber die städtische Gewofag, die sich mit dem Vertriebspartner Bauwerk Capital mehr Image für die Luxus-Immobilie verspricht. „Gern 64“ hat vom Heiliggeist-Spital einen Teil des großen Grundstücks und Gebäude für Neubauten und Sanierung von Gebäuden erworben. Für Grundstück und Baukosten müssen 75 bis 80 Millionen Euro aufgebracht werden. Es sind von der Gewofag drei Bauabschnitte geplant: Der denkmalgeschützte Nordflügel des Altenheims („Freiraum“) wird bis Ende 2009 für 17 Eigentumswohnungen mit 174 bis 427 Quadratmeter (insgesamt 3664 Quadratmeter) umgebaut. Der Werbetext: „Hochherrschaftliches Wohnen im Denkmal“. An der Taxis-/Hanebergstraße im Nordwesten werden auf dem freien Grundstück im zweiten Bauabschnitt bis Frühjahr 2010 neue mehrgeschossige Häuser mit 125 Wohnungen gebaut mit 48 bis 205 Quadratmetern. Der dritte Bauabschnitt an der Braganzastraße und im Innenhof im Osten sieht u. a. den Neubau von 54 Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen vor. „Lebensraum“: 125 Wohnungen mit 9736 m; „Individualraum“ mit 3664 qm; „Freiraum“ mit 3664 qm [17][18]
Die Preise pro Quadratmeter lagen 2010 (!) zwischen 3774 und 6423 Euro. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit 53 Quadratmeter wurde für rund 200.000 Euro angeboten, eine mit 210 Quadratmeter kostete fast 1,4 Millionen Euro.
Der BA 9 Neuhausen-Nymphenburg wurde völlig überrascht: Dort dachte man, die Gewofag errichte Sozialwohnungen. Wie die BA-Vorsitzende Ingeborg Staudenmeyer (SPD) berichtete, waren nur zehn Prozent für untere Einkommensschichten eingeplant. Beim Wohnungsschlüssel der 196 neuen Wohngebäude wurde getrickst: Eigentlich waren 30 Prozent Sozialwohnungen vorgeschrieben: Es waren aber nur zehn Prozent – die fehlenden 20 Prozent wurden mit den Betten im Spital verrechnet. Begründung der damaligen Gewofag-Chefin Gordona Sommer für das Grundstückgeschäft: „Es entstehen Wohnungen für alle Käuferschichten.“ Und schließlich der Bau der Luxuswohnungen zur Querfinanzierung der gemeinnützigen Zwecke der Gewofag. [19]
Aus einem Brief von Sozialreferentin Dorothee Schiwy vom 14.2.2021 zur Heiliggeistspital-Stiftung: „Das Vermögen der Stiftung und das der Landeshauptstadt sind aufgrund der gesetzlichen Vorgaben streng getrennt.“ [20]

Vgl.: Haus Heiliggeist

Oktober 2008: Münchens höchster Hebesatz. Die höchste deutsche Gewerbesteuer Deutschlands hat München: mit einem Hebesatz von 490. OB Christian Ude verwies bei der Vorstellung des Haushaltes 2009 auf das Beispiel Frankfurts: Dort wurde der Hebesatz von 490 auf 460 abgesenkt, um die Deutsche Börse in der Stadt zu halten. Die ging dann doch nach Eschweiler: mit dem Hebesatz von 280. Die Konzerne würden laut Ude nach München drängen: sein Beispiel ist die Linde AG, deren Verwaltung nunmehr am Oberanger residieren wird. Und so wird es beim hohen Hebesatz bleiben: Eine Senkung, so der Stadtkämmerer, wäre „derzeit absolut unverantwortlich“. [21]
Und so drängen die Konzerne noch heute nach München, vor allem die IT- und Hightech-Konzerne. Oder soll man besser sagen: Sie werden von der Stadtverwaltung nach München gedrängt?

November 2008: Praterinsel ohne Künstler. Die Praterinsel war seit 1869 der ursprüngliche Standort der Anton Riemerschmid Weinbrennerei und Likörfabrik GmbH & Co. KG, die seit 1984 nahe Erding produziert. Die LH München hat den Ankauf der Praterinsel damals aus schwer verständlichen Gründen abgelehnt, sodass der Investor Dieter Bock 1984 das Areal kaufte und dort ein Hotel bauen wollte; dies lehnte der Stadtrat ab, der einen Teil der Insel kulturell genutzt sehen wollte. Einige Künstler und Galerien ließen sich dann auf der Praterinsel nieder, wurden aber 2006 wegen bevorstehender Renovierungsarbeiten gekündigt. Bis zum Tod von Bock im Jahr 2010 standen die Räume leer, es fanden keine Renovierungsarbeiten statt. (Aus Wikipedia) Der einzige verbliebene Künstler war Wolfgang Flatz, der 2006 drei Kündigungen für sein Atelier erhalten hat und die Praterinsel inzwischen als Geldmaschine tituliert. Bock verkaufte die Gebäude an dänische und niederländische Pensionskassen weiter. Die Patrizia AG übernahm die Verwaltung und kaufte 2007 die Immobilie. Die BA-Vorsitzende Angela Wilson (Grüne) sah die Praterinsel als „klammheimlich entstandene Partymeile“ mit „Event- und Trinkkultur“. [22]
2015 erwarb die Terrena Dr. Brunner AG die Praterinsel. Mit Brunner liegt Flatz seit Jahren im Streit. 2021 ließ der Investor Brunner Strom, Wasser und Heizung bei Flatz abdrehen, wogegen dieser mit einer Einstweiligen Verfügung vorging und mit der Parole „So nicht, Herr Brunner“ gegen diesen agierte. [23]
Nachtrag Juni 2022: Das Landgericht München I entschied, dass Flatz die Praterinsel 3 verlassen muss. Sein Ausbau der Garage zu Wohnzwecken lasse keinen Wohnraum-Kündigungsschutz zu; damit sei die Kündigung des Gewerbemietvertrags zum 31.12.2021 in Kraft.
[24]
Inzwischen sind hier Anwaltskanzleien ansässig. Auf der Praterinsel befinden sich auch eine Außenstelle des Wasserwirtschaftsamtes München und das Alpine Museum des Deutschen Alpenvereins.
Über die jüngere Geschichte der Praterinsel gäbe es viel anzumerken: Das ist hier aber nicht das Thema.

November 2008: Der Papa wird’s schon richten. Rupert Hackl, Chef der Münchner Niederlassung des Baufinanzierers EuroHypo, einer Commerzbank-Tochter, setzt auf den frei finanzierten Wohnungsbau mit teuren Mieten: Dies sei in München ein sehr stabiler Markt. „Hohe Mieten können sich die jungen Gutverdiener in München noch leisten. Aber wer etwas kaufen will, muss schon zum Papa laufen und sagen: Bitte gib mir was aus deinem Depot.“ [25]

November 2008: Preis für Genossenschaft FrauenWohnen. Die LH München hat den Bauherren-Preis 2008 (hier wohl besser: Baufrauen-Preis; WZ) an die 1998 gegründete Genossenschaft FrauenWohnen eG für ein Wohnprojekt mit 50 Wohnungen an der Ingeborg-Bachmann-Straße in der Messestadt Riem verliehen. Geplant hatte dieses das Münchner Büro Zwischenräume. Die FrauenWohnen eG bekam weitere Preise für andere Projekte, u. a. den Anita-Augsburg-Preis (2007), den Deutschen Bauherren-Preis (2008), den Ehrenpreis der Stadt München für guten Wohnungsbau, Wohnen im Alter und vorbildliche Sanierung (2010), eine Würdigung im Rahmen des deutschen Landschaftsarchitekturpreises (2011). [26]

November 2008: Streit um den Mietspiegel. Im März 2009 soll der neue, alle vier Jahre neu berechnete Mietspiegel für München veröffentlicht werden: Der Anstieg beträgt 6,25 Prozent. Rudolf Stürzer von Haus + Grund gab dagegen eine Steigerung von 16 Prozent an. Nach Zahlen des IVD sei der Quadratmeterpreis einer Mietwohnung im Bestand von 10,30 auf 12 Euro gestiegen, bei Neubauwohnungen von 11,30 auf 13 Euro. Stürzer kritisierte einen politischen Missbrauch des städtischen Rechenwerks, um die Mieten niedriger zu halten Eine andere Kritik kommt vom Mieterverein München: Der Mietspiegel wirke preistreibend, da die Mieterhöhungen beim Mieterwechsel in die Rechnung eingingen, aber der Anteil der (zum Großteil unveränderten) Bestandsmieten zu niedrig sei. [27]

Dezember 2008: Immobilien auf Rekordniveau. Auch 2008 war die Nachfrage nach Wohnungen größer als das Angebot: Deshalb zogen in diesem Jahr sowohl die Mieten, aber auch die Preise für Eigentumswohnungen weiter an. Stadtbaurätin Elisabeth Merk stellte ein erhöhtes Interesse der Investoren am Münchner Wohnungsmarkt fest: Das Engagement liefere „einen stabilen Ertrag bei geringem Risiko“. [28]

Fußnoten und Quellen

  1. Biereder, Frauke, Ein attraktives Stadttor gen Süden, in SZ 10.1.2008
  2. Tibudd, Michael, Auf die Lage kommt es an, in SZ 31.1.2008
  3. Schmidt, Wally, Sanierer ziehe eine Erfolgsbilanz, in SZ 13.3.2008
  4. Riehl, Katharina, Rückzug aus der Großstadt, in SZ 29.3.2008
  5. Hepp, Sebastian, „Kleineres Angebot, höhere Preise“, in SZ 16.4.2008
  6. Dürr, Alfred, Eine Dachwohnung für 5,5 Millionen Euro, in SZ 23.4.2008
  7. Neff, Berthold, Milliarde für Krippen, Wohnen und Verkehr, in SZ 6.5.2008
  8. Neff, Berthold, Stadtwerke-Bosse: Kräftiger Schluck aus der Pulle, in SZ 9.5.2008
  9. Liebrich, Silvia, Chef der Messe München denkt über Ausbau nach, in SZ 27.5.2008
  10. Nitschmann, Johannes, Nohn, Corinna, Der große Ausverkauf, in SZ 12.6.2008
  11. Fritscher, Otto, Wohnraum wird zur Mangelware, in SZ 29.7.2008
  12. Eigentumswohnungen teurer, in SZ 12.8.2008
  13. Rost, Christian, Wohnraum wird knapper und teurer, in SZ 20.8.2008
  14. Neff, Berthold, Stadt bezweifelt Prognosen zum Wohnungsmarkt, in SZ 21.8.2008
  15. SPD: Landesbank will Wohnungen verkaufen, in SZ 28.8.2008
  16. Dürr, Alfred, Aus dem alten Bahnhof werden „Isargärten“, in SZ 8.9.2008
  17. https://www.bauwerk.de/projekte/gern64.html. Vermutlich ist die zweimal angegebene Zahl von 3664 qm einmal falsch; Schmidt, Wally, Irritierendes Vertriebsmodell, in SZ 12.9.2008
  18. https://www.bauwerk.de/projekte/gern64.html; Schmidt, Wally, Irritierendes Vertriebsmodell, in SZ 12.9.2008
  19. Aus Altenheim werden Luxus-Wohnungen, in tz.de 14.2.2010
  20. http://rettet-den-wuermtaler-wald.de/wp-content/uploads/2020/02/Antwort_Stiftung_StadtMue_kein-Flaechentausch_ForstKasten-1.pdf
  21. Käppner, Joachim, Schönheit hat ihren Preis, in SZ 9.10.2008
  22. Fischer, Jonathan, Das Ende des Künstlerbiotops, in SZ 3.11.2008
  23. Krass, Sebastian, Wie Flatz um seine Bleibe auf der Praterinsel kämpft, in SZ 18.3.2022
  24. Krass, Sebastian, Flatz muss raus, in SZ 23.6.2022
  25. Fritscher, Otto, Magere Zeiten, in SZ 4.11.2008
  26. Dürr, Alfred, Kommunikativ und ökologisch, in SZ 15.11.2008
  27. Kastner, Bernd, Miete steigen – Hausbesitzer klagen trotzdem, in SZ 26.11.2008
  28. Remien, Andreas, Auf der sicheren Seite, in SZ 27.12.2008
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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