Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Juni 2022

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Aktualisiert 15.8.2022

Juni 2022: Vonovia wird Mieten erhöhen. Der größte deutsche Wohnungskonzern Vonovia mit insgesamt über 565.000 Wohnungen wird wegen der Inflation von derzeit fast acht Prozent die Mieten deutlich erhöhen. Dazu sorgen Energiesparmaßnahmen für Zusatzkosten. Bei von Vonovia im Jahr 2021 beantragten Wärmepumpen haben etwa 50 Prozent der Netzbetreiber noch nicht geantwortet; nur für zehn Prozent gab es bisher eine Genehmigung. [1]
Hierzu schrieb Michael Kröger in spiegel.de: Vonovia-Chef Rolf Buch hat mit seinem Interview im Handelsblatt Aufmerksamkeit erregt mit seiner Forderung, die Mieten künftig parallel zur Inflationsrate anzuheben. Der Präsident des Deutschen Mieterbundes, Lukas Siebenkötten, kritisierte, „dass die Geschäftsmodelle börsennotierter Wohnungskonzerne unsozial und spekulativ sind“. Der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild, sah darin einen glatten Rechtsbruch. Vonovia hatte 2021 die Mieten um 3,1 Prozent angehoben (vor der großen Preissteigerungswelle), in Berlin sogar über die Tochterfirma Deutsche Wohnen um über acht Prozent. (Private Vermieter: 1,7 Prozent). In Wahrheit ginge es Vonovia und den anderen börsennotierten Immobiliengesellschaften um etwas anderes: Deren Aktienkurse fallen, da Anleger anscheinend diese Konzerne wenig gerüstet gegenüber den kommenden Herausforderungen sähen. Und Buch hat auf der letzten Hauptversammlung seinen Aktionären pro Aktie 1,66 Euro Dividende vorgeschlagen – ein Plus von acht Cent gegenüber dem Vorjahr – „und ein historisches Hoch“. [2]

Juni 2022: Die Crux mit den Index-Mieten. Index-Mietverträge sind an die Inflationsrate gekoppelt. Sie waren bisher sehr beliebt, da diese Rate extrem niedrig war. Nun galoppiert die Inflationsrate: Sie betrug im Mai 2022 fast acht Prozent). Und bei Indexmieten kann die Miete ohne Begrenzung erhöht werden, sofern dies nicht im Mietvertrag anders geregelt ist. Das könnte den Verlust der eigenen Wohnung für unzählige Mieter bedeuten. [3]

Juni 2022: Abschiedsvorstellung. Ein Flyer von Botanikum-Künstlern verkündet die Offenen Ateliertage von 29 Ateliers vom 24.6. bis 26.6.2022: Es werden die „vermutlich die letzten sein vor dem geplanten Abriss unserer Gewächshausateliers.“ Es findet ein Performanceprogramm mit insgesamt 18 Künstler*innen und Musiker*innen statt.

Juni 2022: Nächster Infostand von HochhausSTOP: Fürstenried W, bei U-Bahn-Endstation, Schweizer Platz, Sa, 11. Jun. 2022, 9:00 – 13:00. Nähere Infos: hier

Juni 2022: Neue Ausgabe vom Münchner Forum Standpunkte: Paketpost-Areal: Kippen die Hochhäuser? München, 4.6.2022
Vgl.: Paketposthalle

Juni 2022: Kein Artenschutz für Gorillas in der Angerererstraße. Nach dem Ärger in der Gabelsbergerstraße 28 (vgl. April 2022) und der Lothstraße 3 (vgl. Mai 2022) wollte der Lieferdienst Gorillas in der ehemaligen Postfiliale in der Angererstraße 7d ein Auslieferungslager aufmachen. Die LBK lehnte dies wegen zu langer Betriebszeiten ab, um Anwohner zu schützen, außerdem sprächen Bestimmungen des Brandschutzes und der Verkehrssicherheit dagegen. Gorillas hatte bereits einen Mietvertrag bekommen und wollte bis 23 Uhr ausliefern lassen, am Wochenende bis 23.45. [4]
Verwunderlich: Der Spiegel meldete kurz darauf, dass Gorillas mit Geldproblemen zu kämpfen hat. In der Berliner Zentrale wurden 300 von 600 Mitarbeitern gekündigt; zwischendurch machte Gorillas über 50 Millionen Euro Verlust. [5]
Nachtrag August 2022: Die Stadt hat dem Lieferdienst Gorillas keine Genehmigung für das Auslieferungslager an der Lothstraße 3 erteilt und eine Nutzungsunterlassung ausgesprochen.
[6]

Juni 2022: Kleiner Gruß aus Grünwald und Umgebung. Im Kritischen Immobilienlexikon gibt es eine sicher immer noch unvollständige Auflistung der Steuerparadies-Nutzer unter: Grünwald.

Juni 2022: Neues von M-Concept. 2020 hat der Bauträger M-Concept an der Ecke Alram- und Aberlestraße ein Grundstück mit 4810 Quadratmeter zwölf Meter tief abgraben lassen für „130 herrliche Eigentumswohnungen“, einem Supermarkt, einer Kita und einer mehrgeschossigen Tiefgarage mit 150 Stellplätzen. Die LBK hat den 2021 eingereichten Plan im Mai 2022 genehmigt. Der örtliche BA Sendling störte sich aber am „Concierge-Service“ und befürchteten eine weitere Gentrifizierung ihres Viertels. [7]
Vgl. auch: Agnesstraße 48

Juni 2022: Immobilienexperte kritisiert Politik der bayerischen Staatsregierung. Stephan Kippes leitet das Marktforschungsinstitut des IVD-Süd. Seine Kritik richtet sich u. a. auch gegen den Freistaat, der viele bayerische Regionen veröden lässt und damit den Zuzug nach München und in andere Metropolregionen noch verschärft. München hat einen auf den ersten Blick kleinen jährlichen Zuzug: nämlich 0,71 Prozent pro Jahr. Das sind aber bei derzeit 1,56 Millionen Einwohnern über 11.000 pro Jahr. Gründe für die Münchner Wohnungsnot sind u. a. eine rückläufige Wohnungsproduktion, dem Zuzug und der stetig steigenden Zahl von Singlehaushalten (aktuell 53,8 Prozent). Laut Kippes kämpfen Bürgermeister in Teilen der Oberpfalz, Oberfrankens und Niederbayerns um jeden Einwohner: „Es kann doch nicht sein, dass wir so schlechte Strukturpolitik machen, dass an der einen Stelle Leerstand generiert wird, und München nicht hinterherkommt, Wohnungen ranzuschaffen.“ Falls die Strukturpolitik nicht verbesset wird, kommt es entweder zu starker Nachverdichtung oder zu Zersiedelung. Laut Kippes liegt eine Alternative für bezahlbaren Wohnraum im genossenschaftlichen Wohnungsbau. Zum anderen haben große Münchner Dax-Konzerne ihre Werkswohnungen billig verkauft, um dem Shareholder Value zu genügen: Und eben diese Konzerne bejammern nun den Mangel an bezahlbaren Wohnraum für ihre Mitarbeiter und wollen Hilfe von der Stadt und vom Freistaat, [8]
Die „rückläufige Wohnungsproduktion“ liegt auch und vor allem an den knapper werdenden Baugrundstücken. Wohnungen sind keine Autos, deren Produktion man beliebig hochfahren kann. Und der Baugrund in der Stadt erschöpft sich seit langem.

Juni 2022: Baukredit-Zinsen steigen. Stephan Kippes vom IVD stellte am 27.6.2022 den neuen Marktbericht seines Marktforschungsinstituts vor. Angesichts der steigenden Zinsen für Baukredite äußerte er: „Die Zeiten steil steigender Kaufpreise könnten bald für eine gewisse Zeit vorüber sein.“ Der Erdinger Makler Florian Brandhuber äußerte sich ähnlich: „Wer sich bei 0,8 Prozent Zinsen für einen Baukredit das Haus noch leisten konnte, kann jetzt nicht mehr kaufen.“ [9] Dennoch wird es bei einem Nachfrage-Überhang bleiben: Da bis 2040 laut IVD-Prognose die Einwohnerzahl in München um 8,2 Prozent und im Umland um 7,2 Prozent steigen wird. [10]

Juni 2022: Baumaterial-Preise steigen. Am meisten gestiegen sind nach einer Tabelle des IVD die Kosten für Holz: im Vergleich zum Vorjahr um 77,3 Prozent (Dachlatten + 65,1 Prozent, Bauholz + 61,4 Prozent). Betonstahl: + 53,2 Prozent, Betonstahlmatten + 52,8 Prozent. Erdöl-Bitumen: + 36,1 Prozent. Epoxidharze: + 28,9 Prozent. Kupferlegierungen: + 26,9 Prozent. Spanplatten und Dämmplatten: + 20 – 23 Prozent. [10]

Juni 2022: Statistisches Bundesamt berechnet plus 12,0 Prozent. Um so viel erhöhte sich im 1. Quartal 2022 Wohnimmobilien im Vergleich zu 2021. Gleichzeitig brach durch die höheren Kreditzinsen laut Immoscout24 die Nachfrage um 17 Prozent ein. Die LBBW hält Preisrückgänge von 20 bis 25 Prozent für möglich. [11]

Juni 2022: Gutachterausschuss konstatiert sprunghafte Steigerung. Dessen Jahresbericht 2021 wertete alle Münchner Immobilien-Kaufverträge für das Jahr 2021 aus. Damit fehlen die Entwicklungen im ersten Halbjahr 2022 wie Steigerungen bei Baukredit-Zinsen und Baumaterialien; allerdings lässt sich auch für Januar bis Mai 2022 ein Anstieg der Kaufpreise feststellen. Ende 2021 liegt der Quadratmeter bei Neubauwohnungen in guter Wohnlage bei etwa 11.000 Euro, in durchschnittlicher Wohnlage bei knapp 10.000 Euro. Bestandswohnungen liegen zwischen 7900 und 12.750 Euro. [12]

Juni 2022: 40 Jahre „Nordallianz“. Ende der Siebziger Jahre sollten weitere prekäre Einrichtungen der Stadt München an den Nordrand verlegt werden: Zum Heizkraftwerk in Unterföhring wären noch eine Müll- und Klärschlammverbrennung und eine Großkläranlage gekommen. In der südlichen Fröttmaninger Heide war der Truppenübungsplatz der Bundeswehr. Der spätere Bürgermeister von Ismaning, Michael Sedlmaier (Freie Wähler, 1990 bis 2014), äußerte dazu: „Der Norden war damals die Abladestation für die Stadt München.“ Deshalb gründeten die Bürgermeister von Garching, Eching, Oberschleißheim, Unterschleißheim, Ismaning, Neufahrn und Unterföhring 1982 den Interessensverbund „Nordallianz“. Im Mai 1983 forderte diese eine „Positivplanung“ für den Münchner Norden ohne weitere Negativeinrichtungen. Im Entwicklungskonzept von 1988 wurden Ausgleichs- und Entlastungsmaßnahmen, ein Grünflächensystem und der Erhalt der Heideflächen vorgeschlagen. Letzteres führt zur Gründung vom „Heideflächenverein Münchner Norden„. 2007 konnte die Fröttmaninger Heide im Süden der A 99 vom Bund gekauft werden: Aus dem Militärübungsgelände wurde ein Naturschutzgebiet. Nicht erfolgreich war die Nordallianz mit der Ablehnung des Flughafens im Erdinger Moos, während sich der Transrapid vom Hauptbahnhof zum neuen Flughafen selbst erledigte. Aktuell beschäftigt man sich mit klimafreundlicher Mobilität und Digitalisierung. [13]

Juni 2022: Tiefgarage Johannisplatz vor 40 Jahren verhindert. Die Münchner Stadtverwaltung wollte unter dem Johannisplatz in Haidhausen eine Tiefgarage mit 150 Stellplätzen für etwa sieben Millionen DM bauen. 1979 wurde von Anwohnern die Kampagne „Rettet den Johannisplatz“ gegründet. Man befürchtete mehr Verkehr; viele Bäume hätten gefällt werden müssen, und um rund 1000 Quadratmeter wäre die Grünanlage kleiner geworden. Bei einer Protestaktion im Mai 1981 machten viele Künstler mit, u. a. Alexej Sagerer, Hans-Jürgen Buchner (Haindling) und der Schauspieler (und genialer Imitator von Franz Josef Strauß), Jörg Hube, der eine „Ballade aus dem alten Haidhausen“ gesungen hat: „Beim Sterb’n helfen die Spekulanten / Indem sie sich fleißig sanier’n / Die Mieter, die müssen ausziehen/ Und wenn sie nicht wollen: krepier’n!“ Schließlich verhinderte der Widerstand den Bau dieser Tiefgarage. [14]

Fußnoten und Quellen

  1. Deutschlands größter Wohnungskonzern kündigt deutliche Mieterhöhungen an, in spiegel.de 1.6.2022
  2. Kröger, Michael,Vonovia-Chef Rolf Buch verkehrt Ursache und Wirkung, in spiegel.de 4.6.2022
  3. Radomsky, Stephan, Schutzlos ausgeliefert, in SZ 4.6.2022
  4. Draxel, Ellen, Stadt bremst Gorillas in Schwabing aus, in SZ 9.6.2022
  5. Bartz, Tim, Demling, Alexander, Hesse, Martin, Rainer, Anton, Ende der Illusionen, in Der Spiegel 24/11.6.2022
  6. Draxel, Ellen, Stadt stoppt Gorillas, in SZ 12.8.2022
  7. Raff, Julian, Nur die Pumpe tut ihr Werk, in SZ 14.6.2022
  8. Kastner Bernd, „Wir sind nicht gut!“, in SZ 15.6.2022
  9. Kampwerth, Karin, „Nicht mehr jedes Haus zu jedem Preis“, in SZ 28.6.2022
  10. Ince, Hüseyin, Kostenanstieg bis zu 77 Prozent, in Abendzeitung 28.6.2022
  11. Preise für Wohnimmobilien steigen um 12,0 Prozent, in spiegel.de 24.8.2022
  12. Krass, Sebastian, Wo es einem schwindlig wird, in SZ 29.6.2022
  13. Gnau, Irmengard, Nicht länger Münchens Hinterhof, in SZ 29.6.2022
  14. Stäbler, Patrick, Einst Protest, heute ein Fest, in SZ 30.6.2022
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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