Moloch München Eine Stadt wird verkauft

Oktober 2020

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Titelbild: © Oswald Baumeister / Gesellschaft für ökologische Forschung e.V. []

Oktober 2020: Der Wachstumskrebs wuchert nach außen. Ein Analysehaus hat die vier größten deutsche Großstädte Berlin, Hamburg, Köln und München in Bezug auf gut erreichbare Vororte und günstige Wohnungspreise untersucht. Für München sind dies sich z. B. Althegnenberg (Fahrtstrecke ca. 48 Kilometer), Rohrbach bei Pfaffenhofen (ca. 52 km), Warngau (ca. 85 km), Bernried (ca. 52 km). ((1.10.2020; https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/deutschland-diese-vororte-sind-gut-erreichbar-und-besonders-guenstig-a-c55f7525-962d-4d33-8fba-dda0d7a76492))
Und mit jeder neuen überregionalen Straßenverbindung, mit jeder Verlängerung der U- und S-Bahn, wuchert der Krebs weiter ins Umland. Auch dort steigen dann in kurzer Zeit Quadratmeterpreise und Mieten, werden dadurch die dortig Ansässigen vertrieben.

Oktober 2020: SIQ: S-Bahn-Initiative Qualität. Die S-Bahn soll besser, pünktlicher, zuverlässiger werden. An der SIQ nehmen u. a. teil: Aktion Münchner Fahrgäste, der BN Kreisgruppe München, Green City, das Münchner Forum, der VCD. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) wurde 1995 gegründet und ist komplett im Besitz des Freistaats. Sie koordiniert den Schienenpersonennahverkehr und hat auch Verbesserungspläne: mehr Regionalzüge zur Entlastung der S-Bahnen, Züge mit höheren Kapazitäten, einen Halbstundentakt. [1]
Das fatale System: Wachstum = Zuzug = hohe Münchner Mieten = S-Bahn-Ausbau = hohe Mieten außerhalb
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Oktober 2020: Nach wie vor: hohe Immobilienpreise. Die HVB gibt regelmäßig einen Immobilien-Marktbericht heraus. Am 5.10.2020 wurde der neueste Bericht vorgestellt. Fazit. Im obersten Segment ist eine deutliche Zurückhaltung spürbar. (Vermutlich auch durch eine gewisse Einschränkung der Reisetätigkeit; WZ.) Auch durch die Pandemie gibt es kaum Anzeichen für eine Entspannung: Die Nachfrage ist nach wie vor hoch und liegt weit über dem Angebot. Als Grund wird auch die Kaufkraft der Münchner Bevölkerung genannt, die 35 Prozent über dem deutschen Durchschnitt liegt. Dazu kommt die Liquidität der „Erbengeneration“. Preistreiber bei den Eigentumswohnungen sind die niedrigen Zinsen, der gute Arbeitsmarkt, der auch für Zuzug sorgt, der hohe Anteil an Single-Haushalten und das zu geringe Angebot. Teuerste Wohnung im HVB-Bericht: eine Wohnung im Lehel mit 300 qm für fast 8 Millionen Euro = rund 26.600 Euro pro qm. [2]

Oktober 2020: Bund Naturschutz gegen Südring. Der Vorsitzende der BN-Kreisgruppe München, Christian Hierneis (MdL Die Grünen), hatte sich in einer Pressemitteilung bereits im März 2020 gegen die im Wahlkampf durch die CSU-Kandidatin Kristina Frank (CSU) wieder aufgetauchte Variante Autobahn-Südring gewandt und nannte dies „eine verkehrspolitische Nebelkerze“. Frank blende die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zur A99 Süd aus. Hierneis: „Eine A99 Süd ist verkehrspolitischer Unsinn, verhindert zukunftsfähige Mobilitätsformen und würde das letzte großräumig intakte Erholungsgebiet im Münchner Süden zerstören.“ [3] Hierneis brachte das Beispiel der A99 Nord und der Eschenrieder Spange, mit denen die Verdistraße entlastet werden sollte: Sie sei heute genauso wie vorher belastet. Dazu komme die Belastung des Allacher Tunnels, der 22 Jahre nach seiner Eröffnung bereits generalsanierungsbedürftig sei. Nun will die Staatsregierung einen zweiten Tunnel im Allacher Forst graben, der als Fauna-Flora-Habitat- Gebiet (FFH) geschützt ist. [4] SPD und CSU im BA kritisierten daraufhin Hierneis: Sie würden konstruktive Vorschläge vermissen, wie die Verkehrssituation zu lösen sei. [5]

Oktober 2020: Becken mauert persönlich. Grundsteinlegung für „Hoch der Isar“ mit 13 Gebäuden und 185 teuren und teuersten Wohnungen am 8.10.2020: Der gelernte Maurer Dieter Becken, Geschäftsführer der Becken Holding GmbH aus Hamburg, schwang persönlich in Anzug und Krawatte die Kelle mit Mörtel. Er soll in den letzten sechs Wochen vier solcher Grundsteinlegungen absolviert haben. Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) lobte die neuen Wohnungen in München, dem „Zentrum der Lebensfreude“ und „wirtschaftlichem Motor Deutschlands“. [6]
Aus der Becken-Webseite: GESCHAFFEN FÜR SAMMLER AUS LEIDENSCHAFT. Connaisseurs, die Passion für das Schöne und Edle mit einem hohen Anspruch verbinden, bietet sich jetzt die unwiederbringliche Gelegenheit, ein außergewöhnliches Sammlerstück zu erwerben – eine Eigentumswohnung HOCH DER ISAR. (www.hochderisar.net, abgerufen 16.1.2021)
Becken-Objekte aus der „München Preisliste“: City Studio: 1 Zimmer, 30,76 qm,420.000 € (13.654 €/qm). Culture Apartment: 2 Zimmer, 43,52 qm, 690.000 € (15.854 €/qm). Town Residence: 4 Zimmer, 120,86 qm, 1.820.000 € (15.058 €/qm). Becken-Anzeige in SZ 9.5.2020. – Hochkultur zum Wohnen: Hoch der Isar. Garden Residence: 4 Zimmer, ca. 195 qm, 1.975.000 € (10.128 €/qm). Penthouses: 3 Zimmer, 112 qm, 7. OG, 2.990.000 € (26.696 €/qm). Townhouse: 6 Zimmer, 295 qm, 4.990.000 € (16.915 €/qm). Becken-Anzeige in SZ 6.6.2020.

Oktober 2020: Saturn Schwanthalerhöhe schließt. 1986 eröffnete der erste Saturn-Laden für Elektro- und Elektronikartikel in der Schwanthalerstraße 15: Am 16.1.2021 ist Ladenschluss. Der Vermieter, die Bayerische Hausbau, hat andere Pläne: Aus der Schwanthalerhöhe soll ein noch attraktiverer Stadtteil werden. Dazu gehört wohl auch Devanto, der neue Firmensitz der Schörghuber-Gruppe an der Gollierstraße. [7]

Oktober 2020: Mietspiegel-Klage abgewiesen. Der Haus- und Grundbesitzerverein hat gegen den Mietspiegel 2017 der Stadt München geklagt. Das Verwaltungsgericht hat am 9.10.2020 die Klage als unzulässig erklärt. Der Mietspiegel 2017 ist nicht mehr in Kraft, und keine Rechtsstreitigkeiten aus dieser Zeit sind am Laufen. Der Mietspiegel 2019 kann nicht vor dem Verwaltungsgericht angegriffen werden, sondern nur in einem konkreten Streitfall vor einem Zivilgericht. [8]

Oktober 2020: 130 Millionen Euro für einen Kilometer U-Bahn. Die Verlängerung der U6 von Großhadern zum Campus Martinsried sollte zunächst 70, jetzt 130 Millionen Euro kosten. Der Spatenstich soll am 1.11.2020 erfolgen, die Fertigstellung ist für 2025/2026 geplant. [9]

Oktober 2020: Biotop als Baugrund. Die 8300 qm große Grünfläche an der Allacher- und Pfarrer-Grimm-Straße ist seit 1998 als Biotop ausgewiesen. Die Stadtverwaltung hat diese Einstufung aber nie vollzogen: Gleichzeitig erklärte sie Anwohnern, dass die Grünfläche kein Baugrund sei. 2013 hat die Johann Friedl und Eugen Haaf GmbH & Co. KG das Areal als Baugrundstück von der Deutschen Bahn gekauft und im Dezember 2019 an die Münchenbau Bauträger GmbH weiterverkauft. Diese will darauf 27 Reihenhäuser mit 2900 qm Wohnfläche, 34 Tiefgaragen-Stellplätze und eine Kita bauen. Zehn Anwohner klagen gegen diese Pläne wegen Unzumutbarkeit und der Baudichte. Dazu wurden auf dem Gelände streng geschützte Insekten und Reptilien gefunden. [10]
Nachtrag März 2021: Die Fraktion von Grünen/Rosa Liste hatte im Juli 2019 beim Planungsreferat nachgefragt, warum auf dem als Biotop kartierten Areal an der Untermenzinger Pfarrer-Grimm- und Allacher Straße 27 Reihenhäuser in acht Baukörpern mit einer Kita plus Tiefgarage genehmigt wurden. Stadtbaurätin Elisabeth Merk entschuldigte sich für die auch durch ein Gerichtsverfahren verzögerte Antwort. Die Biotopkartierung ist nur dann gesetzlich geschützt, wenn das Gebiet nach Kriterien von § 30 Bundesnaturschutzgesetz oder Artikel 33 Bayerisches Naturschutzgesetz aufgeführt ist. Eine Biotopkartierung kann eine Umwandlung in Bauland nicht verhindern; dies gilt selbst bei gesetzlich geschützten Biotopen, wenn der Eingriff ausgeglichen werde oder ein öffentliches Interesse vorliegt. Die rechtliche Grundlage für den bewilligten Bauplan von 2019 war die Einstufung als reines Wohngebiet im Flächennutzungsplan. Die klagenden Anwohner hätten indes einen Bebauungsplan gebraucht, um gegen die Bebauung klagen zu können. Die Bebauung ist inzwischen genehmigt, nun könne man nur noch gegen Details Einwände erheben. [11]

Oktober 2020: Hines folgt auf Allianz. An der Fritz-Schäffer-Straße 9 hatte der Versicherungskonzern Allianz zwei Bürokomplexe. Anfang 2020 hat der Immobilienkonzern Hines beide gekauft. Die Allianz-Mitarbeiter werden bis Ende 2020 umziehen. Hines wird beide Gebäude mit etwa 87.000 Quadratmetern Bürofläche unter dem Begriff „Fritz9“ vermarkten. [12] Das westliche Gebäude soll in 18 Monaten umgebaut werden. [13]
Das östliche Gelände wird komplett neu überplant, vulgo, die Gebäude werden abgerissen. Aus der Webseite der Architekten: „Das hochrepräsentative Gebäude – entworfen von lauber + wöhr architekten in den 1990er-Jahren –, erfüllt nicht mehr die heutigen Anforderungen an Wirtschaftlichkeit und Anpassungsfähigkeit. Das Gebäude wurde als repräsentativer Firmensitz für einen einzelnen Nutzer geplant. Oliv schlägt eine komplette Neuorganisation des Gebäudes vor, mit dem Ziel einer besseren Nutzbarkeit und einer signifikanten Flächenmehrung.“ (www.oliv-architekten.com)
Die östlichen Neubauten erscheinen auf den Plänen im Internet sehr hoch und zeugen von einer hohen Verdichtung. Außerdem ist ein Abriss dieses Gebäudes nach nicht einmal 30 Jahren sowohl unverständlich als auch vom ökologischen Standpunkt die größte Verletzung von Nachhaltigkeit, Material- und Energieverschwendung.
Vgl. Daniel Fuhrhop, Verbietet das Bauen, 2. Auflage 2020

Oktober 2020: Ausfall der Immobilien-Messe. Die für 30.10. bis 1.11.2020 geplante Münchner Immobilien Messe (MIM) in der Kleinen Olympia-Halle fiel corona-bedingt aus.

Oktober 2020: Giesinger Gespräche. Der frühere Vorsitzende des BA Obergiesing-Fasangarten, Horst Walter (SPD), hatte es früher so formuliert: „Giesing wird jünger, moderner, attraktiver – und teurer.“ [14] Am 20.10.2020 hat die VHS München Ost die 7. Giesinger Gespräche mit dem Motto „Giesing sozial – die Schattenseiten einer strahlenden Stadtteilentwicklung“ organisiert. Derzeit gibt es in München 9000 Wohnungslose, rund 13.000 bräuchten geförderten Wohnraum. 25.000 Neubürger ziehen jährlich nach München. Hierfür müssten im Jahr 10.000 Wohnungen gebaut werden, es sind derzeit 8000. [14]
Wieder verwunderlich: Es fordert niemand einen Stopp bei der Ansiedlung von Arbeitsplätzen, die wiederum den unendlichen Wohnbedarf erzeugen.

Oktober 2020: Letzte Postbank-Filiale der Schwanthalerhöhe könnte schließen. Der Postbau der Architekten Robert-Vorhoelzer, Franz Holzhammer und Walter Schmidt an der Bergmannstraße 47 – 49 wird seit den 1920er-Jahren genutzt. Die Bonner Postbank-Zentrale, welche die Filiale seit 2010 unterhält, hat signalisiert, dass der Standort aufgegeben werden soll. Damit entfallen auch die Postdienstleistungen wie Paketzustellungen über DHL an den Standort. Die nächsten Filialen sind in der Arnulfstraße oder am Goetheplatz. Der BA Schwanthalerhöhe hat die Deutsche Post aufgefordert, die Filiale mit vollem Service weiterzubetreiben. [15]

Oktober 2020: Verschwindende Bäume. Etwa 2000 Bäume pro Jahr werden nach Angaben des BN in München jährlich gefällt. Mit zunehmender Bebauung der letzten freien Flächen in der Stadt verschärft sich dieses Problem (siehe Eggarten!). Der BA Obergiesing-Fasangarten möchte deshalb grundsätzlich Ersatzpflanzungen bei Baumfällungen fordern. Monika Reim (SPD) vom BA Forstenried-Fürstenried-Maxhof äußerte zu ihrem Bezirk: „Der Baumschwund muss uns erschrecken, wo ist denn unser Stadtviertel überhaupt noch grün?“ [16] – Bei Fällungen muss meist nachgepflanzt werden. Der BA 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt hat die Untere Naturschutzbehörde aufgefordert, den BA über erfolgte bzw. nicht erfolgte Nachpflanzungen und über die Höhe der Kautionsgelder bei nicht vorgenommenen Ersatzpflanzungen zu informieren. Dem BA ist bislang nicht bekannt, an welchem Ort welche Ersatzpflanzungen erfolgten. [17]

Fußnoten und Quellen

  1. Schubert, Andreas, Eine Frage des Taktes, in SZ 2.10.2020
  2. Krass, Sebastian, Fast acht Millionen Euro für eine Wohnung, in SZ 6.10.2020
  3. Bund Naturschutz Kreisgruppe München, PM: Nebelkerzen im OB-Wahlkampf , München 25.3.2020
  4. Mit Vollgas in den Verkehrskollaps, in SZ 5.10.2020
  5. Südring-Debatte lebt wieder auf, in SZ 8.10.2020
  6. Korsche, Johannes, Mörteln ist Chefsache, in SZ 9.10.2020
  7. Schauer, Lukas, Nach 34 Jahren: Saturn an der Theresienhöhe muss schließen, in abendzeitung-muenchen.de 8.10.2020; Schmidt, Sarah, Saturn macht dicht nach mehr als 30 Jahren, in SZ 9.10.2020
  8. Klage gescheitert gegen Mietspiegel, in SZ 10.10.2020
  9. Rutz, Rainer, Kosten für U6-Ausbau explodieren, in SZ 14.10.2020
  10. Naujokat, Anita, Zunächst geht es um die Eidechsen, in SZ 15.10.2020
  11. Biotop bewahrt nicht vor Bebauung, in SZ 10.3.2021
  12. ttps://www.hines.com/properties/fritz9-munich
  13. Grundner, Hubert, Umbau in zwei Schritten, in SZ 16.10.2020
  14. Grundner, Hubert, Am Bedarf vorbei, in SZ 22.10.2020
  15. Schlaier, Andrea, „Das geht überhaupt nicht“, in SZ 28.10.2020
  16. Wolfram, Jürgen, Schwindendes Grün, in SZ 27.10.2020
  17. Baumersatz offenlegen, in SZ 2.11.2020
Moloch München Eine Stadt wird verkauft

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